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In der Stadt der Riesen: Ath

Am Square St-Julien erhebt sich nicht nur ein imposanter Kirchenbau mit Glockenspiel, sondern hier steht auch das Haus der Riesen, das sich mit dem Thema der folkloristischen Riesen von Ath und deren Ursprung beschäftigt. Und für diese Riesen ist die Stadt überaus bekannt.

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rachtvolle Hausfassade in Ath © fdp

Erbaut wurde die dem heiligen Julian geweihte Kirche Ende des 14.Jahrhunderts. Ein halbes Jahrhundert nach der Kirchweihe im Jahr 1415 erhielt der Sakralbau einen Turm, der eine Höhe von 100 Metern gehabt haben soll – kaum vorstellbar. Aufgrund eines Blitzeinschlags wurde die Kirche im 19.Jahrhundert schwer beschädigt und nachfolgend im neoklassizistischen Stil wieder aufgebaut. Im Inneren stößt der Besucher auf Gemälde und Grisaille-Malereien, die unter anderem das Leben des hl. Julian nachzeichnen. Das Glockenspiel, das regelmäßig im Sommer zu Konzerten angestimmt wird, stammt aus dem Jahr 1953 und verfügt über 49 Glocken.

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Ein wenig unproportioniert erscheint St-Julien © fdp

Das Haus der Riesen

Wer glaubt, im Haus der Riesen die Riesen von Ath zu Gesicht zu bekommen, der wird enttäuscht sein, denn das ist nicht der Fall. Nur einige kolorierte Zeichnungen und Miniaturen zeigen in einem Teil des Museums die unterschiedlichen Riesen von Ath. Zu verdanken sind diese René Sansen, einem Bildhauer und Schreiner, der sich besondere Verdienste um die Errichtung des Hauses der Riesen erworben hat.

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inn für Klassik bewies der Bauherr des
heutigen Hauses der Riesen © fdp

Eine audiovisuelle Präsentation geleitet den Besucher durch das ehemalige Wohnhaus eines ortsansässigen reichen Unternehmers, der sich nicht nur eine klassizistische Villa erbauen ließ, sondern auch deren Erweiterung mit einem Wintergarten und einem Anbau im Stil der Art nouveau. Bereits das mit Marmor verkleidete Vestibül mit seinen Säulen, korinthischen Kapitellen, Kassettendecke und den lebensgroßen Nischenfiguren verrät, dass der Hausherr Sinn für das Schöne hatte.


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Im Haus der Riesen: Lydéric, der Riese von Lille © fdp

Ganz auf die Anwesenheit von Riesen müssen die Besucher nicht verzichten, denn im Haus trifft man nicht nur auf Riesen aus Sizilien, Mistrettas genannt, sondern auch auf Lydéric, den Riesen von Lille, der seit 1821 bei Umzügen mit seinem Gegenspieler Phinaert auftaucht. Gezeigt wird, aus welchen Materialien die Riesenfiguren gebaut werden, sieht den Schleier von Frau Goliath, die diesen anlässlich der Hochzeit mit Goliath trägt, und erfährt von Samson, einem biblischen Krieger, der eine Säule des Salomonischen Tempels trägt und seit dem 19.Jahrhundert wie ein französischer Soldat kostümiert ist. Warum es im Riesenumzug von Ath eine Mademoiselle Victoire gibt – sie wurde anlässlich des Sieges der Österreicher über die Franzosen 1793 geschaffen und trägt seit 1860 Aths Stadtfarben – Mauve und Gelb – bleibt beim Besuch des Museums kein Buch mit sieben Siegel mehr. Seit wann erstmals der Riese Goliath in einem Umzug auftauchte, wird beim Rundgang ebenso erläutert, wie die Geschichte des Rosses Bayard, dessen Anwesenheit im Umzug dem oben erwähnten René Sansen zu verdanken ist. Übrigens sind 16 starke Männer erforderlich, um das Riesenross mit den Vier Haimonskindern auf dem Rücken durch die Straßen von Ath tanzen zu lassen. Wer einmal selbst ausprobieren möchte, wie schwer das Tragegestell eines Riesen ist, der kann das wärend seines Besuches auch ausprobieren.

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Eine Burg mitten in Ath © fdp

Die mittelalterliche Burg Burbant, das barocke Rathaus und ...

Ath hat aber noch mehr zu bieten, wie der Besucher auf einem Rundgang durch die Stadt feststellen wird. Ins Mittelalter zurück reicht die Baugeschichte des im normannischen Stil erbauten quadratischen Turms am Rande des Stadtzentrums. Er ist das Überbleibel einer Burganlage, die Balduin IV., Graf des Hennegaus, im 12.Jahrhundert errichten ließ. Neben dem mächtigen Turm sind noch einige Burggebäude erhalten, die allerdings aus dem 16. und 18.Jahrhundert stammen. Sie wurden auf den Burgmauern der ursprünglichen Festung erbaut. Unterdessen dienen Teile der ehemaligen Burganlage als Kulturzentrum der Stadt. Direkt im Zentrum steht das im 17.Jahrhundert erbaute Rathaus.

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Der Große Platz von Ath © fdp

Im Rathaus befindet sich das Musée national des Jeux de Paume, das sich museal mit einem in Teilen Flanderns und Walloniens recht populären Ballspiel beschäftigt, das auf öffentlichen Plätzen gespielt wird und weder mit Prellball, Softball noch Baseball ein wenig zu vergleichen ist. Nur Schritte entfernt spazieren wir an dem im eklektizistischen Stil erbauten Le Palace vorbei. Gleich um die Ecke von diesem Veranstaltungssaal erhebt sich die gotische Kirche Saint-Martin.

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Ein wenig Jugendstil, ein wenig
Fin de Siècle – Le Palace © fdp

Besonders sehenswert ist im Inneren der Kirche des hl Martin die steinerne, polychrome Grablegung Christi. An dessen Grab haben sich Joseph und Nikodemus sowie Salome, Maria Magdalena und weitere Heilige eingefunden. Vor der Kirche befindet sich die aus Holz gestaltete Kreuzigungsgruppe aus dem 16.Jahrhundert, die einen Teil des Kreuzwegs bildet. Neben dem mehr als sechs Meter großen Holzkreuz mit den Medaillons der vier Evangelisten sieht der Betrachter den Gekreuzigten, Maria und den heiligen Johannes.

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Sakralkunst vom Feinsten in der Kirche des hl.Martin © fdp

Gallorömisches und Stadtgeschichtliches

Zu den modernen Bauten der Stadt zählt das 1996 eingeweihte Hôtel des Finances. Wer mehr über die gallorömische Geschichte erfahren will besucht das Gallorömische Zentrum, das in einem 1825 erbauten neoklassizistischen Stadthaus untergebracht ist. In einem Herrenhaus aus dem 18.Jahrhundert öffnet das Museum für Geschichte und Volkskunst in der Rue de Bouchain für Besucher seine Türen. Regionalgeschichte von der Steinzeit bis ins 15.Jahrhundert, aber auch Exponate bis in die Neuzeit und alte Spiele laden zu einer Zeitreise ein. Zu den Sammlungshighlights zählt eine steinerne, aus dem beginnenden 15.Jahrhundert stammende Grablege vom Mont de Mainvault. In den Mauern von Ath befindet sich außerdem das Refugium der Abtei Ghislenghien, ein aus Back- und Kalkstein errichtetes Haus, dessen Fassade mit Sandsteinkartuschen verziert ist.

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Ambiorix ist in Ath beim Riesenumzug unterwegs © fdp

Die Riesen kommen

Das Ereignis schlechthin ist in Ath der Umzug der Riesen, der einst als mittelalterlicher religiöser Festumzug aus Anlass einer Kirchweihe im 15.Jahrhundert begann, nun aber längst ein folkloristisches Ereignis ist, zu dem Besucher aus nah und fern erwartet werden. Seit mehr als fünf Jahrhunderten begeht man den Umzug der Riesen in Ath. Dabei müssen Riesenfiguren von kräftigen Schultern getragen werden, die zwischen 110 und 130 Kilogramm wiegen. Doch einige wie das Ross Bayard sind noch gewichtiger. Den revolutionären Jakobinern, die 1794 die politischen Geschicke Aths bestimmten, waren die Riesen als Symbole des „Ancien Regime“ ein Dorn im Auge. Sie sorgten dafür, dass die Riesen verbrannt wurden und es einige Zeit keinen Umzug in Ath gab. Erst 1805/07 nahm man die Tradition des Riesenumzugs wieder auf. Im Laufe der Zeit kamen lebendige Historienbilder zu den Riesen hinzu. Für diese Historienbilder wurden prächtige Prunkwagen gebaut. Anlässlich des 500.Geburtstags des Riesen Goliath im Jahr 1981 flammte die Begeisterung für die Riesen wieder auf, nachdem Jahrzehnte zuvor bei den Bewohnern der Stadt kaum mehr Interesse an der Tradition des Umzugs vorhanden war. Neben anderen Riesen und Riesenumzügen in Belgien ist der von Ath seit 2005 Teil des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO.

Victoria, Goliath und das Ross Bayard

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Diese Torten gibt es nur zum Riesenumzug © fdp

Die Fassaden der Häuser entlang der Strecke des Umzugs der Riesen sind mit den Stadtfarben Mauve und Zitronengelb geschmückt. Auch in den Auslagen der Geschäfte hat man sich auf die Riesen eingestellt. Am Rande der Route sind Zelte aufgebaut, wo für das leibliche Wohl gesorgt wird. Bereits zu früher Stunde haben sich die Fanfarenzüge eingefunden, stimmen die Blechbläser ihre Instrumente, trommeln sich einige Trommler warm. Am Bahnhof erklingt, sobald ein Zug einfährt, fetzige Blasmusik, die die Ankommenden willkommen heißt: „Bonne Ducasse“ wünscht man sich in Ath, wenn Ende August jeden Jahres die Riesen durch die Straßen und Gassen ziehen.

Ducassis“ – mit 3% vol.alc. ein leichtes süffiges Johannisbeerbier – wird ausgeschenkt, und auch anderer Gerstensaft rinnt durch die Kehlen vieler Schaulustiger. Die beim Bäcker bestellte Mastelle-Torte wird am Tag des Umzugs der Riesen nach Hause gebracht. Mit dem Läuten der Glocken von St-Julien beginnt dann das Spektakel, angeführt von dem doppelköpfigen Adler, auf dem ein kleiner Knirps hockt. Immer wieder dreht sich diese Riesenfigur um die eigene Achse.

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Das Ross Bayard und die Haimonskinder bei der „Pirouette“ © fdp

Doch nicht nur dieser Riese ist beim Umzug präsent, sondern auch Samson in einer blau-roten Uniform und mit einer Tempelsäule im Arm, der 3,75 Meter große, gallische Krieger Ambiorix in glänzender Rüstung, das Pferd Bayard mit den vier Haimonskindern im Sattel und das Fräulein Victoire in Gestalt einer „Nike“. Doch die Hauptpersonen des Umzugs sind der 3,95 Meter große Goliath und seine fast ebenso große Gemahlin.

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Hier kommt das schwergewichtige
Fräulein Victoire © fdp

Wenn auch religiösen Ursprungs – Goliath und Samson sind schließlich biblische Figuren –, so hat sich der heutige Umzug längst zu einem volkstümlichen Spektakel gewandelt, in dem in „lebenden Bildern“ und mit einigen Prunkwagen an die Zeit der habsburgischen Niederlande ebenso erinnert wird wie an die belgische Revolution, die in der Nationaloper in Brüssel begann. Unter den Prunkwagen ist besonders der Wagen der neapolitanischen Fischer recht auffallend. An Bord befindet sich neben den Fischern auch ein angeketteter wilder „Schwarzer“, der immer wieder versucht, sich seiner Ketten zu erledigen. Es gelingt ihm, ein Glas Bier in die Hände zu bekommen. Ein tiefer Schluck, die Backen werden aufgebläht und der Gerstensaft wird dem Nächststehenden ins Gesicht gespuckt.

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Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann
ist die Frage in Ath © fdp

Leicht sind die Riesen nicht, sodass schon eine Schar von starken und wohlbeleibten Männern gebraucht wird, um beispielsweise das mehr als 632 Kilo schwere Pferd Bayard zum Tanzen zu bringen. Sattelfest müssen die vier Jungen sein, die auf dem tanzenden und sich auf die Hinterläufe stellenden Ross in luftiger Höhe sitzen. Gleiches gilt auch für den Knaben, der auf dem doppelköpfigen Adler Platz genommen hat, der den Umzug der Riesen eröffnet. Wenn sich dieser gefiederte Riese um die eigene Achse dreht, ist Schwindelfreiheit das A und O – für die Träger ebenso wie für den kleinen Knirps auf dem Rücken des Vogels.

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Der Riese Samson gekleidet wie ein Soldat
der napoleonische Armee © fdp

In prächtiger Rüstung und mit wallenden Haaren sowie einem imposanten Schnauzbart zieht der legendäre keltische Kriegerfürst Ambiorix an den am Straßenrand Ausharrenden vorbei. Gewichtig ist das mehr als vier Meter große Fräulein Victoria, das 124 Kilo Lebendgewicht nicht davon abhält, beschwingt durch die Gassen der Stadt zu tanzen.

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err und Frau Goliath am Ende des Umzugs der Riesen © fdp

Mit viel Ohs und Ahs werden Herr und Frau Goliath begleitet, die sich zur Freude der Umstehenden unterwegs mehrfach küssen. Mit dieser „Liebelei“ endet dann auch der zweimal durch die Stadt geleitete Umzug, der seinen Ausgang an der Kirche St-Julian nimmt. Also dann „Bonne Ducasse“ bis zum nächsten Mal. (fdp)

Weitere Informationen

Office du Tourisme Ath
Maison des Geants
www.ath.be

Haus der Riesen (Maison des Geants)
Rue de Pintamond 18
http://www.maisondesgenats.be

Museum für Geschichte und Volkskunst (Le Musée d’Histoire et Folklore)
Rue de Bouchain 16
http://www.ath.be/default.asp?V_DOC_ID=1400

Musée national des Jeux de Paume
Grand-Place 45
http://www.museenationaldesjeuxdepaume.be

Espace gallo-romain
Rue de Nazareth 2
http://www.ath.be/default.asp?V_DOC_ID=921



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