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Antoing – einst wurde hier Kalk gebrannt

Vor den Toren von Tournai liegt an den Ufern der Schelde das Städtchen Antoing, auch die Hauptstadt des „Weißen Landes“ genannt. Der Name rührt daher, dass in und um das Städtchen herum Kalk gewonnen und verarbeitet wurde. Zahlreiche Kalköfen aus dem späten 19. und frühen 20.Jahrhundert, schon längst nicht mehr in Betrieb, geben Hinweise auf die Zeit, als die Dächer von Antoing unter weißem Staub versanken. Noch heute existieren Les Carrières d'Antoing und C.B.R., die mit moderner Maschinerie Kalkstein brechen und weiterverarbeiten.

Belgien - Wallonien - Antoing
Trutzig wirkt der Stammsitz der Prinzen von Ligne © fdp

Dass auf dem Grundgebiet der Stadt einst eine der blutigen Schlachten der Neuzeit stattfand, ist wohl eher weniger bekannt. Es handelt sich um die Schlacht von Fontenoy. Damals trafen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekriegs französische Einheiten mit 90000 Mann auf österreichische, englische, niederländische und hannoversche Verbände, die insgesamt eine Stärke von 60000 Mann aufwiesen. Überliefert ist ein zum Nachdenken anregender Dialog im Kontext dieser Schlacht: „Franzosen schießt zuerst!“ - „Wir schießen niemals zuerst.“ Doch geschossen wurde: 5000 Tote, 9000 Verwundete und 2000 tote Pferde bleiben auf dem Schlachtfeld zurück.

Hier residieren die Prinzen von Ligne

Weithin sichtbar ist das Schloss der Prinzen von Ligne, das von einer mächtigen Mauer umgeben ist. Dieses trutzig wirkende Schloss geht im Kern auf das 12.Jahrhundert zurück. Ältester Teil der Anlage ist der mittelalterliche Hauptturm. Die auf der Schlossburg residierenden Herren waren zunächst die von Antoing und nachfolgend aufgrund geschickter Vermählungspolitik die von Melun, die in enger Beziehung mit dem französischen Königshaus standen. Unter Jean de Melun wurde der Petersturm errichtet und das Bollwerk unweit der Place Bara verstärkt.

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Weithin sichtbar: die Burg von Antoing © fdp

Jeans Nachfolger, Charles de Melun, ließ die örtliche Tuchhalle erbauen, die später als Rathaus diente. In Zeiten der Habsburger wurde Antoing mitsamt der Burg von Truppen Alexandre Farnèses überrannt. Anschließend gelangte die Burg in den Besitz der Prinzen von Ligne, die nach langen prozessualen Auseinandersetzungen mit der Familie de Melun 1725 als rechtmäßige Besitzer der Burg von Antoing anerkannt wurden. Die Prinzen von Ligne gaben allerdings erst spät Beloeil als alleinigen Stammsitz auf und ließen sich auch in Antoing nieder. Neben dem Wohn- und Turmgang sind Teile der früheren Stiftskirche aus dem 13.Jahrhundert auf dem Burgareal erhalten. Nicht zu übersehen ist die Burgwarte, die die gesamte Anlage überragt.

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Wenn auch nicht so filigran wie das Leuvener Rathaus, so ist das
von Antoing doch ein Schmuckstück im Herzen der Stadt © fdp

Auf den Spuren des Kalksteins

Lassen wir die Kirche von Antoing in unserem Rücken, so gelangen wir zur Avenue du Stade. Wo heute ein Stadion vorhanden ist, bestand einst ein Steinbruch, Carrière Ratiau genannt, sowie eine Schule für Steinmetze. Doch mit dem Aufkommen neuer Materialien für die Konstruktion von Gebäuden, Beton und Gusseisen beispielweise, verlor das Brechen von Kalkstein und das Handwerk des Steinmetzes an Bedeutung, sodass die Grube 1930 schließen musste und die Schule aufgegeben wurde. Bis heute übriggeblieben sind die Kalkbrennöfen am Rande der heutigen Sportanlage.

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Hier wurde einst Kalk gebrannt © fdp

An die Steinmetzlehrlinge erinnert das Standbild eines jungen Steinmetzes. Dass in dem aufgelassenen Steinbruch ein Stadion errichtet wurde, war die Idee des Bürgermeisters Jean Huart, der während des letzten Kriegs dank dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme verhinderte, dass die an dem Projekt Beteiligten als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht wurden.

Nächste Station auf dem elf Kilometer langen, mit einem gelben Balken gekennzeichneten Circuit du Pays Blanc ist die Schlossburg der Prinzen von Ligne und die Schelde, die wir überqueren, um dann am Ufer entlang in Richtung Tournai zu gehen. Zuvor sind wir an einem Gedenkstein für den Widerstandskämpfer Edouard Marlière vorbeigekommen, der am 2.September 1944 im Freiheitskampf ums Leben kam. Jenseits der Scheldebrücke erinnert eine moderne Skulptur an den Frankenfürsten Chlodwig.

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Modernes Denkmal für einen Frankenfürsten © fdp

Entlang der Schelde nutzen einen Treidelpfad. Auf der gegenüberliegenden Seite stand bis in die 1980er Jahre die letzte Zementfabrik des Ortes. Heute produziert hier CBR als Grundlage für den Zement sogenannten Klinker. Das sogenannte Goldene Zeitalter des Kalks im 19.Jahrhundert ist jedoch längst Geschichte. Geblieben sind allerdings auch längs der Schelde zahlreiche aufgelassene konische Kalkbrennöfen.

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Am Ufer der Schelde © fdp

Flussaufwärts stoßen wir zum Beispiel auf die Reste der Kalköfen von Almanach, wo bis Mitte der 1930er Jahre Zement hergestellt wurde. Um den Rundkurs zurück nach Antoing zurückzulegen, müssen wir anschließend die Schelde verlassen und uns in das „Naherholungsgebiet der fünf Felsen“ begeben, einem hügeligen Grünzug, der auch als „Balkon des Weißen Landes“ bekannt ist, aber eigentlich Les Cinq Rocs heißt.

Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Steinbrüche und Anlagen, in denen aus Kalkstein verarbeitet wurde und teilweise noch wird. Bis zu vier Millionen Tonnen Gestein wurden jährlich gebrochen, um die Nachfrage nach Zement zu befriedigen. Woher der Name des Grünzuges bei Calonne stammt, ist schnell erzählt. Dieser bezieht sich auf fünf Steinbrücke der Gegend, aus denen man Stein für das Herstellen von Grabsteinen gewann.

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Eine Installation von Edmond Dubrunfaut © fdp

Etwas überraschend ist es schon auf dem weiteren Weg auf Kunst im öffentlichen Raum zu stoßen. Edmond Dubrunfaut, einer der Väter der sogenannten Forces Murales und künstlerischer Gestalter des Bahnhofs von Tournai, verdanken wir die künstlerische Installation am Kreuzungspunkt der Straße nach Tournai, der Schelde und der Eisenbahntrasse des TGV. Mit seiner künstlerischen Intervention verwandelte er eine Verkehrsinsel in eine Landmarke. In den aus Fliesen zusammengesetzten Porträts spiegelt sich das Schicksal unterschiedlicher Menschen an einem Wendepunkt wider. Auf dem Weg zurück nach Antoing nutzen wir erneut den Treidelpfad an der Schelde. Auch hier treffen wir auf verschiedene Kalköfen, so auch auf die von Crèvecœur. Diese entstanden in der Zeit zwischen 1841 und 1851 und wurden nach der heiligen Barbe und dem heiligen Laurentius benannt.

Als die Römer hier lebten

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass sich vor den Toren der Stadt ein Archäologischer Park mit mehreren Grabhügeln befindet. Darunter ist ein Grabhügel in Trommelform, der aus der Zeit des ausgehenden 1.Jahrhunderts bzw. Beginn des zweiten Jahrhunderts stammt und wohl die letzte Ruhestätte eines hochrangigen römischen Bürgers war. Zudem gibt es einen römischen Grabkomplex mit mehreren Grabkammern, die aus lokalen Kalksteinblöcken geschaffen wurden. (fdp)

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Einer der historischen Kalkbrennöfen
am Ufer der Schelde © fdp

Weitere Information

L'Office du Tourisme
Place Bara 18
http://www.antoing.net/

Radwegenetz in Wallonien
www.randovelo.org



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