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Reiseführer Rom


Caravaggio

Sein kurzes, unruhiges Leben gerät zu einer Gratwanderung zwischen schöpferischer Hochstimmung und rabiater Streitlust eines unbändigen Außenseiters mit Vorlieben für verruchte Milieus und schnelle Fluchten. Er genießt die Gunst so mancher Adelssippe am Tiber, während Roms Ordnungshüter schon nach ihm suchen lassen. Um ihnen nicht in die Hände zu fallen, verschlägt es den nach einer Bluttat für vogelfrei Erklärten ins damals spanische Neapel, nach Malta und Sizilien. Vier Jahre wandert er so umher. Unfassbar seine Fähigkeit, in dieser kurzen Zeit unter widrigsten Umständen zwei Dutzend Meisterwerke zustande zu bringen – gewiss immer auch getragen von der Hoffnung auf Begnadigung. Er will nach Rom zurück, der Weg scheint frei, der Papst zur Vergebung bereit, doch die Malaria zwingt ihn in ärztliche Obhut, wo er einsam und verzweifelt, gerade einmal 38 Jahre alt, stirbt und in einem Massengrab beigesetzt wird.

Caravaggio-Portrait auf einer Hunderttausend-Lire-Banknote. Im Hintergrund sein Gemälde "Die handlesende Zigeunerin" von 1594 (Paris, Musée du Louvre)
Foto: cenz07, Fotolia.com

Caravaggio wird 1571 in Mailand geboren und auf den Namen Michelangelo Merisi getauft. Seine Eltern stammen aus dem Städtchen Caravaggio in der lombardischen Provinz Bergamo. 1584, er ist jetzt 13 Jahre alt, tritt er eine vierjährige Lehrzeit in der Werkstatt des Mailänder spätmanieristischen Malers Simone Peterzano an, der den hochtalentierten Eleven mit der venezianischen und lombardischen Maltradition vertraut macht.

Michelangelo Merisis Eltern waren mit den Sforza befreundet, den Markgrafen von Caravaggio, die wiederum mit dem römischen Haus Colonna liiert waren, was für den jungen Maler – er nannte sich jetzt nach dem Herkunftsort seiner Eltern Caravaggio – Jahre später in einer äußerst heiklen Lebenssituation sehr hilfreich sein sollte. Wahrscheinlich im Spätsommer 1592 ging Caravaggio nach Rom, wie vor und nach ihm unzählige ehrgeizige junge Maler aus der italienischen Provinz.

Die Zeit in Rom

Dreizehn Jahre verbrachte er am Tiber, war in zahlreiche Schlägereien und Duelle verwickelt, stand mindestens fünfmal vor Gericht, saß im Herbst 1604 eine Gefängnisstrafe ab, floh 1606 nach einer blutigen Auseinandersetzung, die mit dem Tod eines Kontrahenten endete, aus der Stadt – und schuf gleichwohl in seiner römischen Zeit Kunstwerke von Weltrang.

Seine ersten Jahre in Rom waren hart und entbehrungsreich. Er lebte mehr schlecht als recht von Gelegenheitsarbeiten, wurde manchmal nur mit Naturalien entlohnt. Und er litt an Malaria. Das Blatt wendete sich, als er 1595 Kardinal Francesco Maria del Monte kennenlernte, der als Protegé junger Künstler bekannt war. Der Kardinal öffnete ihm die Wege in die römische Gesellschaft und entriss seine Werke der Anonymität wie etwa den „Bacchino malato“, den kleinen kranken Bacchus (heute in Rom, Galleria Borghese), ein Selbstbildnis, das Zeugnis ablegt von der Not der ersten Jahre in Rom oder den etwas später entstandenen „Bacchus“ (Florenz, Uffizien) und der großformatigen „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ von 1595/96 (Rom, Galleria Doria Pamphili), ein in warme Farben getauchtes Werk, das Frieden und Ruhe ausstrahlt.

Seit 1595 gehörte Caravaggio zum Haushalt des Kardinals, hatte mithin Kost und Logis frei. Es war der Kardinal, der ihm zu Großaufträgen verhalf. Sie machten ihn schlagartig einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Ort: die Nationalkirche der Franzosen, San Luigi dei Francesi, nahe der Piazza Navona. Der Auftrag: die von Kardinal Matteo Contarelli (d. i. Matthieu Cointerel) verfügte Ausgestaltung der Familienkapelle. Fast drei Jahre arbeitete Caravaggio an dem Bilderzyklus zum Leben des Evangelisten Matthäus. „Berufung des Matthäus“, „Martyrium des Matthäus“ und „Matthäus und der Engel“ schmücken seitdem die drei Kapellenwände.

Seine Vorstellungen, die er hier mit Ölfarben auf Leinwand festhielt, leiteten nicht weniger als eine neue Ära der Malerei ein.

Neu war, dass er Gleichgewicht und Harmonie der Renaissance hinter sich ließ, an die Stelle des Raffaelschen Schönheitsideals eine in ihrer realistischen Darstellung oft verstörende Lebensnähe und Sinnlichkeit setzte. Man wurde nicht mehr in einen Bildraum hineingezogen, sondern das Gegenteil spielte sich ab: Die dargestellten Figuren springen den Betrachter förmlich an, am vorderen Bildrand entwickelt sich das dramatische Geschehen. Und die von den Gemälden der Renaissance gewohnte Distanz zwischen dem Heiligen, dem Sakralen und dem Alltäglichen und Profanen löst sich auf: Caravaggios „gnadenloser Realismus“ zeigt Märtyrer und Madonnen, die aussehen wie du und ich oder dargestellt werden mit den Gesichtszügen einer stadtbekannten Kurtisane oder einer Geliebten. Verdreckte, schwielige Füße, Krampfadern, Verletzungen, zerrissene Kleidung bekommt der Betrachter zu sehen, panischen Schrecken in Gesichtern, Schadenfreude, Lüsternheit, Gier. Er bringt Bewegungen und Emotionen ins Bild, zeigt Mut bei der Darstellung brutaler Szenen. Und Caravaggio wagt es, die Lichtführung zu revolutionieren, das „Chiaroscuro“ (Helldunkel) in der Malerei zu etablieren, das wie ein Spotlight aus dem Schatten oder dem dunklen Hintergrund Figuren geradezu plastisch hervorhebt und den gezeigten Augenblick dramatisch auflädt.

San Luigi dei Francesi

Einen weiteren Großauftrag erledigte er 1601. Tiberio Cerasi, der Generalschatzmeister von Papst Clemens VIII., in dessen Pontifikat die grausamen Hinrichtungen von Beatrice Cenci und Giordano Bruno fielen, hatte gerade eine Familienkapelle in der Kirche Santa Maria dell Popolo erworben und konnte Caravaggio dafür gewinnen, die beiden seitlichen Tafeln des Hauptaltars mit den Gemälden „Bekehrung des hl. Paulus“ und „Kreuzigung Petri“ auszustatten.

Gleichzeitig war Caravaggio mit seinen Mitarbeitern damit beschäftigt, die zahlreichen Wünsche aus römischen Adelskreisen abzuarbeiten. So hatte Maffeo Barberini, der spätere Papst Urban VIII., bei ihm „Judith und Holofernes“ (Rom, Palazzo Barberini) bestellt, der begeisterter Kunstsammler und Förderer Caravaggios, Marchese Vincenzo Giustiniani, ergötzte sich an dem frivolen Gemälde „Siegender Amor“ (Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie) und Scipione Borghese erwarb die „Madonna dei Palafrenieri“ (Rom, Galleria Borghese), wohl das letzte Werk des Malers in Rom. Wenig später brach das Unheil über ihn herein.

 

Auf der Flucht

Ende Mai 1606 berichtete ein römisches Nachrichtenblatt über ein blutiges Handgemenge, in das mehr als zwanzig Personen verwickelt waren, von denen eine noch vor Ort ihren schweren Verletzungen erlag. Es war Ranuccio Tomassoni, Sohn des Kommandanten der Engelsburg, die damals als Staatsgefängnis genutzt wurde. Den tödlichen Schwertstreich hatte Caravaggio geführt. Angeblich ging es um zehn Scudi, die Caravaggio nach einer verlorenen Runde beim jeu de paume (einem Vorläufer des Tennis) Tomassoni schuldete. Die eigentliche Ursache aber, so meinen manche Historiker zu wissen, sei die schöne Kurtisane Fillide Melandroni gewesen, die Caravaggio dreimal Modell stand (sie war die Judith, die Holofernes enthauptete) und Tomassoni sei ihr Zuhälter gewesen.  

Caravaggio ergriff die Flucht, wie es heißt, in einer Kutsche, die ihm seine Gönner, die führenden Köpfe der Colonna-Familie, zur Verfügung stellten. Auf ihren Besitzungen in Latium konnte er sich sicher fühlen, lagen doch seinerzeit die Colonna mit der päpstlichen Autorität über Kreuz. Richter des Kirchenstaats hatten ihn unterdessen zum Tode verurteilt und für vogelfrei erklärt. Ungeachtet der angespannten Lage entstanden in rascher Folge neue Gemälde wie „Das Emmausmahl“ (Mailand, Pinacoteca di Brera) oder „Meditierender hl. Franziskus“ (Cremona, Museo Civico „Ala Ponzone“). Die Colonna waren ihm auch dabei behilflich, im damals spanisch beherrschten Neapel Fuß zu fassen, wo die Kunstfreunde schon auf ihn zu warten schienen und ihn mit Aufträgen überhäuften. Er hinterließ untilgbare Spuren im kulturellen Leben Neapels, wurde zum gefeierten Vorbild der Malergenerationen, die den neapolitanischen Barock repräsentieren wie Artemisia Gentileschi, Giovanni Battista Caracciolo, Jusepe de Ribera oder später Francesco Solimena. Bekannteste Werke seiner Zeit in Neapel, wo er sich, protegiert von einem Seitenzweig des Colonna-Clans, der Familie Carafa-Colonna, „felice e prolifico“ (glücklich und schaffensfreudig) in die Arbeit stürzte, waren „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ (Neapel, in der Kirche Pio Monte della Misericordia), „Die Geißelung Christi“ (Neapel, Museo Nazionale di Capodimonte) und „Kreuzigung des hl. Andreas“ (Cleveland, Museum of Art).

 

Nach Malta 

Im Juli 1607 ging Caravaggio an Bord eines Flottenverbandes, der von Fabrizio Colonna befehligt wurde. Das Ziel war Malta, wo sich Caravagggio die Möglichkeit bot, endlich den lange ersehnten Aufstieg in den Adel durch Aufnahme in den Malteserorden zu vollziehen. Aber zunächst wurden Forderungen an ihn herangetragen. Der Großmeister des Ordens, Alof de Wignacourt, wollte sich in prächtiger Rüstung dargestellt sehen (Paris, Musée du Louvre) und auch das Mitglied des Regierungsrates des Ordens, Antonio Martelli, drängte auf ein Portrait des Meisters (Florenz, Palazzo Pitti).

Dann ging alles ganz schnell. Er erhielt einen Aufnahmetermin, ohne die eigentlich obligatorische Vorbereitungszeit, das Noviziat, ableisten zu müssen – vermutlich dank seiner unermüdlichen Gemäldeproduktion für das winzige maltesische Universum. Im Juli 1608 war es soweit: er wurde Mitglied des Ordens und stieg in den Adelsstand auf, doch schon im Monat darauf gab es einen blutigen Zwischenfall, in den Caravaggio verwickelt war. Er wurde festgenommen, konnte sich aber aus dem Gefängnis abseilen und schaffte es auch, die Insel unerkannt zu verlassen. Er erreichte Syrakus auf Sizilien. Wer ihm dabei half, ist ungeklärt. Im Dezember des gleichen Jahres wurde Caravaggio aus dem Orden ausgeschlossen, „ausschließlich wegen statuswidrigen Verlassens der Insel“.

Zu seinen bekanntesten maltesischen Werken zählen „Der hl. Hieronymus“ und das größte Bild, das er je malte „Die Enthauptung Johannes` des Täufers“ (beide Valetta/Malta, St. John`s Cathedral).

 

Sizilien, Neapel und das Ende

„Das Begräbnis der hl. Lucia“ (Syrakus, Galleria Regionale di Arte Medioevale e Moderna im Palazzo Bellomo) war vermutlich sein erstes Werk in Syrakus. In Messina, wohin er weiterzog, offenbar attraktiven Aufträgen nachkommend, entstanden u. a. „Die Anbetung der Hirten“ (Messina, Museo Regionale) und „Geburt Christi mit den hll. Franziskus und Lorenz“ (ursprünglich Palermo, seit 1969 verschollen).

Die Hoffnung auf Begnadigung gab Caravaggio nie auf, zumal immer wieder Gerüchte aus Rom davon sprachen, Papst Paul V. beschäftige sich mit dem Fall. Er sehnte sich zurück nach Rom, die Stadt am Tiber beherrschte seine Gedanken und so zog es ihn nach Norden, zunächst nach Neapel, wo die Marchesa Constanza Colonna ihn bei sich einquartierte. Und wieder entstanden Meisterwerke wie „David mit dem Kopf des Goliath“ (Rom, Galleria Borghese) – ein schauriges Gemälde, das den abgetrennten Kopf des Goliath mit den Gesichtszügen Caravaggios zeigt, geprägt von den zurückliegenden Strapazen, aufkommender Krankheit und tiefer Verzweiflung. Er nähert sich Rom, steuert mit einem Fährboot Porto Ercole an, um von dort auf dem Landweg nach Palo zu reisen, wo er auf dem Landsitz der befreundeten Orsini-Familie auf die Begnadigung warten wollte.

Ein Malariaanfall macht die Pläne zunichte. Er wird ins Krankenhaus von Porto Ercole eingeliefert und stirbt dort am 18. Juli 1610. Drei Tage nach seinem Tod wurde die Begnadigung verkündet. Seinen Leichnam übergab man einem Massengrab auf dem Friedhof San Sebastiano. 1956 wurden die sterblichen Überreste der Toten dieses Friedhofs exhumiert und in der Krypta der Pfarrkirche Sant`Erasmo beigesetzt. 2010 meinte man, Caravaggios Gebeine identifiziert zu haben. In einem kleinen Grabmausoleum wurden sie zur letzten Ruhe gebettet.

 

 

 



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