Reisemagazin schwarzaufweiss

Schweiz: Der„Schoko-Express“

Ein Bahnerlebnis für alle Sinne

 Text: Dagmar Krappe
Fotos: Dagmar Krappe bzw. wie ausgewiesen

Die Schweizer lieben Eisenbahnen und ihre „Schoggi“. Sogar so sehr, dass sie einen „Schokoladenzug“ auf die Schiene gebracht haben. Vom mondänen Montreux am Genfer See zuckelt er entlang blühender Almwiesen und weiß bepuderter Gipfel nach Broc ins Voralpenland.

Schweiz - Heidi Decurey - Foto: Nikolaus Mani, GoldenPass

Heidi Décurey - Foto: Nikolaus Mani, GoldenPass

Da steht sie in ihrem azurblauen Dirndl mit der blaugrau gestreiften Schürze. Ihre schlohweißen Haare zerzaust vom Sommerwind. Heidi Décurey hebt den linken Arm und winkt den Fahrgästen zu. Seit über 35 Jahren ist es ein fast tägliches Ritual für die inzwischen 87-Jährige, wenn die Schnell- und Vorort-Züge auf der Golden-Pass-Linie durchs Berner Oberland rauschen. 200 Kilometer misst die gesamte Golden-Pass-Strecke. Sie verbindet die Städte Luzern, Interlaken, Zweisimmen und Montreux.

Die Bahnen passieren dabei zwei Sprachräume, drei Pässe und acht Seen. Heidi wohnt in Sonzier. Wenige Stationen bergwärts hinter dem mediterranen Montreux in der französischsprachigen Schweiz. Als sie nach ihrem Einzug ins kleine Häuschen mit den grünen Fensterläden diese zum ersten Mal öffnete, fuhr gerade ein Zug vorbei. Der Lokführer winkte und hupte. Er freute sich ganz offensichtlich darüber, dass wieder Leben in das länger leer gestandene Haus einzog. Im Laufe der Jahre kam noch ein üppig blühender Garten hinzu. Heidis duftendes Paradies mit Stockrosen und Sonnenblumen liegt jenseits der Gleise, den die Züge in einer weiten Kurve umfahren.

Schweiz - Blick auf die Altstadt von Montreux am Genfer See

Blick auf die Altstadt von Montreux am Genfer See

Heute grüßt die agile Dame die Passagiere einer ganz besonderen Bahn. Es ist der „Train du Chocolat“ – gezogen von einer goldenen Elektro-Lok. Da den Schweizern Uhren, Kühe, Käse und Schokolade heilig sind, brachten sie vor einigen Jahren sogar einen „Schokoladenzug“ auf die Schiene. Von Mai bis Oktober startet er mehrmals pro Woche vom Genfer See nach Broc ins Voralpenland. Nicht wie bei Schokolade üblich in Silber-, sondern in Goldpapier gewickelt, so wirkt die Lokomotive, die am frühen Morgen auf Gleis 6 im Bahnhof Montreux (1) einrollt.

Schweiz - „Train du Chocolat“ – gezogen von einer goldenen Elektro-Lok in Montreux

„Train du Chocolat“ – gezogen von einer goldenen Elektro-Lok

Im Schlepptau hat sie holzvertäfelte Waggons aus der Zeit der Belle Époque und einen modernen Panoramawagen. Typisch Schweizer Motive wie Kühe, Alphornbläser, Tannen und Chalets zieren die „vergoldete“ Lok als schwarze Scherenschnitte. Die alten beige-blauen Wagen sind mit grünen oder roten Stoffsitzen, die fast wie Ohrensessel wirken, Holzklapptischen und messingfarbenen Gepäckablagen ausgestattet.

Schweiz - Waggon des „Train du Chocolat“

Im Waggon des „Train du Chocolat“

Gleich nachdem der Zug die noch zart belaubten Weinreben oberhalb des Sees hinter sich gelassen hat, wird aufgetischt. Die Service-Crew verteilt Kaffee, Kakao und Croissants - wie es sich südlich des „Röstigrabens“, der Sprachgrenze zwischen der deutschen und der französischen Schweiz, gehört. Im „Train du Chocolat“ sind es natürlich stilechte Schoko-Croissants. „Dort ist Heidi“, ruft plötzlich ein älterer Herr im beigefarbenen Sommeranzug und verschüttet fast den heißen, kalorienreichen Schokotrunk, als er der lachenden Frau neben dem Bahngleis zurück winkt. „Beruflich verschlug es mich vor Jahrzehnten nach Zürich“, erzählt er: „Mindestens einmal im Jahr besuche ich aber meine alte Heimat. Deshalb bin ich Heidi oft begegnet, wenn ich auf der Strecke unterwegs war.“ Die mächtige Felskette des Grammont und die Zacken des Rochers-de-Naye sind längst im Dunst des gleißenden Sonnenlichts verschwunden.

Schweiz - Schokoladenzug

Abwechselnd durch langgezogene und enge Kurven schraubt sich die Bahn gemächlich 400 Meter bergauf. In Montbovon zweigt die Trasse ins Saanetal ab. Saftige grüne Wiesen, braunweiß gefleckte Kühe, verträumte Orte wie Albeuve, Grandvillard oder Enney prägen die „heile Schoggi-Welt“ entlang des Flüsschens Saane. „Der Kanton Fribourg ist die kuhreichste Region der Schweiz“, informiert der Zürcher seine Sitznachbarn. Bauernhäuser mit üppig bepflanzten Balkonkästen ziehen an den Fenstern vorbei. Die aufgeschichteten Heustapel wirken wie gelbbraune Iglus. Hin und wieder dringt ein leises Läuten von Kuhglocken ins Abteil.

Schweiz - Gruyeres - Käselaibe in der Schaukäserei

Käselaibe in der Schaukäserei

Auch die Kühe aus dem Greyerzer Land liefern ihre Milch nicht nur für die Schokoladen-, sondern auch für die Käseproduktion. Direkt gegenüber dem Bahnhof im mittelalterlichen Städtchen Greyerz (2) gibt es die Schaukäserei „La Maison du Gruyère“. In den Hochregalen im Reifungsraum stapeln sich 7.000 runde Käselaibe. In vier riesigen Chromagan-Kesseln stellt der Käsemeister täglich bis zu 50 Stück her. Ein mächtiges Schloss dominiert den Ort. Im 11. Jahrhundert errichteten die Grafen von Greyerz die erste Burg. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte entwickelte sich die heutige Anlage. Entlang der kopfsteingepflasterten Burgstraße wirkt Greyerz ein bisschen wie die Miniaturausgabe von Rothenburg ob der Tauber. Restaurants und Souvenirshops reihen sich aneinander. Fast jedes Lokal wirbt für Käsefondue. Ein andermal. Der „Schoko-Express“ wartet nicht.

Schweiz - mittelalterliches Städtchen Greyerz

Mittelalterliches Städtchen Greyerz

Nach eineinhalb Stunden Fahrtzeit ab Montreux stoppt er fast direkt vor der Fabrik Cailler in Broc (3). Am Eingang erhält jeder Besucher einen mehrsprachigen Audioguide, um sich damit alleine ins Reich der Schokolade zu begeben. Seit 1898 ist das Unternehmen im Ort ansässig. Schon 1929 fusionierte es mit der Nestlé-Gruppe. Bis heute ist Cailler der einzige Schweizer Chocolatier, der statt Milchpulver Kondensmilch verwendet, um der Milchschokolade einen cremigeren Geschmack zu verleihen.

Im interaktiven Museum erfährt man per Knopfdruck von Bauer Kouassi in Westafrika, dass ein Kakaobaum 100.000 Blüten direkt am Stamm trägt, aber sich pro Baum nur 20 bis 50 Kakaofrüchte entwickeln. Die Landwirte Beat und Vincent berichten Wissenswertes über Milchtierhaltung im Greyerzer Tal. Selbst Kuh Gwendoline hat dazu etwas zu sagen.

Schweiz - im interaktiven Museum von Chocolatier Cailler in Broc

Im interaktiven Museum der Fabrik Cailler in Broc

Schokolade gibt es in drei Ausprägungen: Zartbitter- enthält nur Kakaopulver und Zucker, Vollmilchschokolade einen Zusatz von Milchpulver oder wie im Fall Cailler von Kondensmilch und weiße Schokolade statt Kakaopulver nur Kakaobutter. Der Melangeur vermischt die Zutaten wie gerösteten Rohkakao, Zucker und Kondensmilch. In der Conchiermaschine („Conche“) findet die braune Masse ihre Vollendung. Hier wird sie gerührt, gelüftet, gedreht und gewendet. Es verflüchtigen sich unerwünschte Geschmacksstoffe. Wichtige Aromen bilden sich. Der zarte Schmelz entsteht. In der vollautomatischen Schauproduktionsstraße werden kleine Schokoriegel geschnitten, mit Kuvertüre überzogen und in rot, blau und grün bedrucktes Silberpapier gewickelt. Schließlich fallen sie in einen Auffangkorb, aus dem sich Schokoliebhaber bedienen können. Eine sinnlichere Wegzehrung kann es für die Rückfahrt im „Train du Chocolat“ nach Montreux doch nicht geben – odr?

Schweiz - Schokolade

 

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