Reisemagazin schwarzaufweiss

W-Lan statt Hagebuttentee

Jugendherbergen in der Schweiz

Text und Fotos: Beate Schümann

In der Straßenbahn Nr. 7 nach Wollishofen sitzen mehrere Rucksacktouristen. Ihre Haltestelle heißt „Morgental". Es klingt irgendwie passend, wenn man in eine Jugendherberge reist, und erinnert an die grauen Wolldecken, den Hagebuttentee, den Standarddrink am Abend, und die gemeinsamen Waschräume von früher. Noch „300 Meter“ steht auf dem Wegweiser am Fahrplanhalter.

Wegweiser zur Jugendherberge Zürich, Haltstelle "Morgental", Straßenbahn Nr. 7

Kurz darauf taucht der festungsähnliche Betonbau im poppigen Brombeerrosa, der zu den modernsten Jugendherbergen der Schweiz gehört, auch schon auf. Beim Eintreten merkt man gleich, dass diese nichts mehr mit dem verstaubten Image gemein hat. Der großzügige Eingang ist barrierefrei, die Glastüren öffnen sich automatisch. Das Einchecken erledigt man am Tresen im schicken Holzdesign. Daneben ist die Bar, an der man einen Drink nehmen kann, solange das Zimmer nicht bezugsfertig ist. Das Etagenbettquartier ist in der Gegenwart angekommen.

Schweiz - Jugendherberge Zürich

Design-Jugendherberge Zürich, Schweiz

Vor gut dreißig Jahren war die preisgünstige Übernachtungsalternative in Vergessenheit geraten. Schulklassen blieben weg, kaum ein Wanderer besaß noch einen Jugendherbergsausweis. Die Ansprüche waren gestiegen, niemand vermisste die Stockbettstuben, gemeinsame Waschräume und auch nicht den Hagebuttentee, den Standarddrink am Abend. Doch die Anhänger der alten Idee, die dem deutschen Lehrer Richard Schirrmann 1909 auf einer Schülerwanderfahrt gekommen war und sich unter dem Motto "Gemeinschaft erleben" weltweit verbreitete, besaßen einen starken Erneuerungswillen. In der Eidgenossenschaft, wo sich der Verbund 1924 gründete, reagierten sie mit einer tiefenwirksamen Sanierungsoffensive. Unrentable Häuser wurden geschlossen, andere gründlich aufgepeppt. In den letzten zehn Jahren investierte der Verein Schweizer Jugendherbergen 80 Millionen Franken in Um- und Neubauten. Für die jüngsten Planungen in Saas-Fee und Gstaad Saanenland, beide aufregend gestylt, auf dem neuesten Stand der Technik und Saas-Fee erstmals mit einem Spa, gab er 24 Millionen Franken aus.

An der Rezeption der Design-Jugendherberge Zürich, Schweiz

An der Rezeption der Design-Jugendherberge

Heute sind 53 Betriebe nach Angebot, Ausstattung und Lage in die Kategorien Top, Classic und Simple eingestuft. Raffiniertes Design, ein höherer Standard und das Preis-Leistungsverhältnis spricht neue Zielgruppen an, vor allem Familien, Paare, Individualreisende und Seminarteilnehmer. Schulklassen machen in der Schweiz nur fünfzehn Prozent aus, in Deutschland vierzig Prozent. Ein Drittel der Gäste gehört der Gruppe "45 plus" an, die auf die lockere Atmosphäre Wert legen. Dies und die Barrierefreiheit schätzen auch die Familien mit behinderten Kindern.
Anders als in Deutschland muss die helvetische Organisation ohne staatliche Zuschüsse auskommen. Sie finanziert sich aus dem Betrieb der Herbergen sowie den Beiträgen von rund 100 000 Mitgliedern, wobei die Mitgliedschaft nicht mehr zwingend ist. "Jeder kann bei uns übernachten", sagt Oliver Kerstholt von den Schweizer Jugendherbergen. Man muss aber eine Tagesmitgliedschaft von 6 SFR berappen.

Maskottchen der Schweizer Jugendherbergen

Maskottchen der Schweizer Jugendherbergen

Tatsächlich ist es im teuren Zürich schwer, ein Bett für 40 SFR inklusive Frühstück zu finden. So viel zahlt man in der TOP-Herberge für ein Stockbett in einem modernen, aber nach wie vor spartanischen Sechserzimmer ohne Bad/WC. Wie früher muss man das Bett selbst be- und abziehen. Jedes hat eine Leselampe sowie eine Steckdose zum Aufladen von Handy, Notebooks oder Tablets. W-Lan funktioniert allerdings nur in den Gemeinschaftsräumen im Erdgeschoss.
Unter den 290 Schlafplätzen sind sechzehn Doppelzimmer mit Ehebetten, früher undenkbar. Ein Luxus, für den der Gast tiefer in die Tasche greifen muss; er kostet 69 Franken pro Person. "Unser Kernangebot sind Mehrbettzimmer", betont Kerstholt und vergleicht das Konzept mit dem Ikea-Prinzip: niedrige Preise bei reduziertem Service. Den Unterschied zum Hotel sieht er im "Feeling", das in Zürich mit 24-Stunden-Rezeption, Showküche und - auf Wunsch – Vollpension garniert wird. Nach dem abendlichen Drei-Gänge-Menü stehen in der Teebox alle möglichen Sorten zur Auswahl - nur kein Hagebuttentee.

Die am häufigsten geäußerte Kritik ist das fehlende Netz auf den Zimmern. Doch der Verein zögert, dem Wunsch nachzugeben. Die Befürchtung, dass dies das Ende des Herbergsgedankens und der Begegnungstätte bedeuten könnte, scheint berechtigt. Schon jetzt ist im Wifi-fähigen Bereich kaum ein Globetrotter ohne seinen elektronischen Gefährten anzutreffen. Der Schritt zum Low-Budget-Hotel scheint ohnehin nicht weit. Bei 70 000 Übernachtungen im Jahr ist Zürich ein Hochleistungsbetrieb.

Design-Jugendherberge Zermatt, Wallis, Schweiz

Design-Jugendherberge Zermatt, Wallis

In Zermatt liegt die Herberge vis-à-vis vom Matterhorn, eine Traumlage, mit der viele Hotels im Ort nicht mithalten können. Das exklusive Bergdorf am berühmtesten Gipfel des Alpenlandes verfügt über 114 Hotels. „Wir sind für sie Konkurrenten", sagt Ilja Ronsdorf, die stellvertretende Betriebsleiterin. Eine Extrawurst bekommt die sozialverträgliche Einrichtung nicht, zumal auch sie der Kategorie TOP angehört, sowohl über einen beheizten Skikeller wie auch eine erstklassige Kantinenküche verfügt. Weil es für Hotels keine Ausschilderung gibt, findet man einen Wegweiser zum Youth Hostel erst 200 Meter vor seiner Haustür.

Mehrbettzimmer in der Jugendherberge Zermatt

Mehrbettzimmer in der Jugendherberge Zermatt

Obendrein bezaubert sein charmantes Design. Das zentrale Gebäude aus den 50er Jahren blieb im traditionellen Chaletstil erhalten, wurde aber durch zwei Betonquader ergänzt. Von Komplex zu Komplex wechseln in den Fluren die Farben Zitronengelb, Orange oder Magenta, in den Zimmern pastelliges Muschelrosa, Lehmgrau, Schiefergrün oder Schwefelgelb. Mit 174 Betten gibt es heute in drei Gebäuden so viele Schlafplätze wie früher in einem.

Eine andere Top-Lage ist die Herberge in Leissigen, wenngleich sie der einfacheren Classic-Kategorie angehört. Von der einstigen Sommerresidenz des Industriellen Albert Wander bis zum Ufer des Thunersees sind es nur zehn Meter, ehe der Strandkies unter den Zehen knirscht. Ein Ruderboot und Surfbretter sind im Verleih, auch Fahrräder. Da das Chalet unter Denkmalschutz steht, befindet es sich, von einigen Modernisierungen abgesehen, im Originalzustand von 1904. Wander, der 1863 den Schokodrink "Ovomaltine" erfand, vermachte das Anwesen den Mitarbeitern zu Ferienzwecken. In Zimmer 2, dem Schlafgemach der Wanders, steht sogar noch das alte Ehebett. Der nostalgische Charakter blieb so weit erhalten, dass kein Zimmer Bad/WC hat, weder Zentralheizung noch Trittschallschutz oder Isolierfenster. Ist das Haus voll, drängeln sich morgens alle um Klos und Duschen auf dem Flur, ganz wie früher. Betriebsleiter Osvaldo de Armas und seine Frau sorgen für familiäre Atmosphäre, was bei 44 Betten eine schon recht große Familie ist. Zum Frühstück gibt es neun Sorten Müsli, und natürlich Ovomaltine.

Jugenherberge Albert-Wander-Haus in Leissigen am Thunersee, Berner Oberland, Schweiz

Jugenherberge Albert-Wander-Haus in Leissigen am Thunersee

Abends serviert der gebürtige Kubaner den Hauptgang persönlich auf der lauschigen Veranda, wo man der hinter den Voralpen der untergehenden Sonne zusehen kann. Nach dem Dinner nimmt man einen Kaffee oder Tee. Und es gibt ihn doch noch, den Hagebuttentee – nur nicht mehr pur, sondern als schicken Mix mit Apfel und Hibiskus.

Reiseinformationen

Anreise
Mit Swiss ab Berlin nach Zürich. Reservierungen: www.swiss.com.

Schweizer Jugendherbergen
contact@youthhostel.ch, www.youthhostel.ch.

Buchungsportale für Jugendherbergen weltweit
www.booking.com, www.hostelworld.com, www.hostelbookers.com, www.highhostel.com

Auskünfte
Schweiz Tourismus, www.MySwitzerland.com.

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

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