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Schmunzelgarantie mit Bodensee-Blick

Entspannte Pointenhatz auf dem Appenzeller Witzweg

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

Schweiz - Appenzeller Witzweg - Biedermeierdorf Heiden

Das Ziel ist der Witz. Und es gibt viele Witze zwischen dem schweizerischen Biedermeierdorf Heiden (1) und dem rund achteinhalb Kilometer entfernten Walzenhausen (2). Genauer gesagt etwa alle 106,5 Meter einen. Denn hier im wunderschönen Appenzeller Land verläuft hoch über dem Bodensee und dem Rheintal der 1993 eröffnete, erste und älteste Witzweg der Welt. Obschon das Gros der Witztafeln den meisten Naturliebhabern mit Humor kaum mehr als ein Lächeln abringt, stimmen die Witzjünger eindrucksvoll mit den Füßen ab. Mehr als 40.000 Wanderer begeben sich im Schnitt Jahr ein, Jahr aus auf den Witzweg, was alles andere als lächerlich ist.

Schweiz - Appenzeller Witzweg - Biedermeierdorf Heiden

Obschon einige Passagen sehr steil, dafür viele Witze relativ flach sind, ist der Witzweg ein großer Spaß - garniert mit herrlichen Ausblicken. Von Rorschach (3), oft als Hafenvorort von St. Gallen tituliert, ist der Startpunkt für den Witzweg bequem mit der historischen Zahnrad-Bergbahn (Rorschach-Heiden-Bergbahn) binnen 30 Minuten zu erreichen. Mühsam zuckelt die Bahn – an warmen Tagen mit offenen, nostalgischen Waggons – den steilen Berg in das auf knapp 800 Metern über dem Meeresspiegel liegende Heiden hinauf.

Schweiz - Appenzeller Witzweg - historische Zahnrad-Bergbahn (Rorschach-Heiden-Bergbahn)

Das blitzblanke 4.000-Seelen-Nest mit seinen prachtvollen klassizistischen Gebäuden erlangte ab den 1850er Jahren Weltruf als Molke-Kurort. Die Schönen und Reichen, die Geadelten und Gefönten wie der österreichische Kaiser Karl I. oder der deutsche Kaiser Friedrich III. kamen in jenen Tagen nach Heiden, um sich der einst so populären Form der Trinkkur mit warmer Milch oder Molke zu unterziehen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfiel Heiden in einen Dornröschenschlaf, ehe es ab den 1960er Jahren eine kleine Renaissance als Kur- und Ferienort erfuhr. Heute sind es mehr die Naturheilkunde und Alternativmedizin, die Heiden auf die Landkarte der Gesundheitsapostel zurückbefördert haben. Und weil Lachen ja bekanntlich die beste Medizin ist, hat auch der Witzweg seinen Anteil an der Rückkehr von Heiden auf die touristische Landkarte.

Schweiz - Appenzeller Witzweg - Biedermeierdorf Heiden

Dabei kann sich die einstige Wahlheimat von Henry Dunant (1828–1910), dem Gründer des Roten Kreuzes, durchaus rühmen, so etwas wie eine kleine Humorhochburg der Eidgenossen zu sein. Carl Böckli, langjähriger Chefredakteur der Schweizer Satire-Zeitschrift „Nebelspalter“, war hier zuhause ebenso wie Dr. Alfred Tobler, der den Appenzeller Witz als Erster wissenschaftlich untersuchte. Und das Örtchen Lachen ist auch nur einen Steinwurf entfernt – liegt allerdings komischerweise nicht direkt am Witzweg.

Schweiz - Appenzeller Witzweg - Wegwieser

Letzterer führt vom charmanten Dorfplatz in Heiden und der Brunnhaldenstraße zu einem Trampelpfad, wo das Auf und Ab beginnt – und dies im doppelten Sinne. Zu einen sind rund 730 Höhenmeter auf den achteinhalb Kilometern zu bewältigen, zum anderen sorgen die ausgehängten Witze auf der nach oben offenen Humorskala nur selten dafür, dass sich der Wanderer vor Lachen krümmt. Beispiel gefällig? „Du, ich hab heute deine Frau getroffen und war sehr froh." - "Warum?" - "Weil sie nicht meine ist."

Schweiz - Appenzeller Witzweg - Panoramablick

Und so ist der Weg bequem in zweieinhalb bis drei Stunden zu schaffen. Zumal die Gefahr, dass sich jemand unterwegs totlacht, überaus gering ist. Dafür wird das Auge immer wieder mit phantastischen Panoramablicken erfreut. Inmitten der geschwungenen Hügel und saftig grünen Wiesen finden sich herrliche Biedermeierhäuser und malerische Gehöfte im Appenzeller Stil, die so wirken, als wären sie gekonnt mit einem Würfel als Blickfänge in die Landschaft geworfen worden. Zahllose Brunnen, Wasserstellen und Tränken garantieren unterwegs auch an heißen Tagen ein wenig Erfrischung, während in der Ferne der Bodensee an diesigen Tagen mit dem Himmel in ein graublaues Ganzes zu verschwimmen scheint.

Schweiz - Appenzeller Witzweg - Wolfhalden

So groß die Pfunde sind, mit denen dieser reizvolle Landstrich wuchern kann, so groß ist die Versuchung selbst für diejenigen, die den angeschlagenen Witzen wenig abverlangen können, immer wieder stehen zu bleiben und die Texte auf den 80 Witztafeln zu studieren. Geleitet vom Geläut zahlloser Kuhglocken geht es via Wolfhalden über den Chiste-Pass nach Walzenhausen. Von hier können sich die matten Wanderbeine mit der Bergbahn durch die die Hexenkirchli-Schlucht hindurch talwärts nach Rheineck transportieren lassen. Von hier geht es dann wahlweise mit dem Zug oder dem Schiff zurück nach Rorschach. Wer vorher schlapp macht oder falls Petrus die Himmelspforten weit öffnet, besteht in Wolfhalden und Hueb die Möglichkeit, bequem ins Postauto umzusteigen.

 

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