Wo der Mönch die Kutte ablegt

Mit den Jungfraubahnen von Interlaken auf den höchstgelegenen Bahnhof Europas

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Der Berg ruft. Besser gesagt gleich drei: Eiger, Mönch und Jungfrau. Und alle kommen: Aus über 70 Nationen stammen die Gipfelstürmer, die sich mit rotlackierten Zügen auf den „Top of Europe“ chauffieren lassen. Zum höchstgelegenen Bahnhof Europas auf 3.454 Metern über dem Meeresspiegel.

Schweiz - Blick auf das Jungfraujoch

Blick Richtung Jungfraujoch

Auf dem Bahnsteig am Gleis 2 in Interlaken Ost (1) verteilt Brigitte Gosteli morgens um kurz vor halb sieben rote Pässe. Darin steht: Name – Jungfraubahn; Nationalität – Schweiz; Geburtsdatum – 1. August 1912; Länge – 9,3 Kilometer; zu überwindende Höhenmeter – 1.393; Bauzeit – 16 Jahre, von 1896 bis 1912. „Oben am Bahnhof Jungfraujoch kann sich jeder Fahrgast einen Erinnerungsstempel in das Dokument drucken“, informiert Brigitte Gosteli. Viele Jahre war die 74-Jährige im Tourismus tätig. Vor sieben Jahren bewarb sie sich als Reiseleiterin bei den Jungfraubahnen und bekam den Job.

Schweiz - Waggon der Berner Oberland-Bahn

Waggon der Berner Oberland-Bahn

Um von Interlaken auf den „Top of Europe“ zu gelangen, ist man nacheinander mit drei unterschiedlichen Zügen unterwegs. Die Berner Oberland-Bahn (BOB) gibt es bereits seit 1890. Seit 1914 ist sie elektrifiziert. Alle halbe Stunde gehen moderne blau-gelbe Panoramawagen auf die Ein-Meter-Spur mit Zahnradantrieb. Durch saftiggrüne Schweizer Bilderbuchlandschaft windet sich die Bahn rund 100 Meter hinauf bis Zweilütschinen. Dort wird der Zug geteilt - zur Weiterfahrt nach Lauterbrunnen oder Grindelwald. Egal, welche Richtung man wählt, beide Wege führen zum höchsten Bahnhof. Der stolze Fahrpreis von rund 200 Euro erlaubt eine Rundtour. Im Lauterbrunnental war 1779 bereits Johann Wolfgang von Goethe zu Gast. Über 70 Wasserfälle stürzen sich hier die Felswände hinab. Sie inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“.

Schweiz - Lauterbrunnental

Lauterbrunnental

In Lauterbrunnen (2) heißt es Umsteigen in die gelb-grüne Wengeralpbahn (WAB). „Sie ist mit 19 Kilometern die längste durchgehende Zahnradbahn der Welt“, erklärt Brigitte Gosteli: „Diese Linie wurde bereits 1893 eingeweiht. Sie verbindet die Orte Lauterbrunnen und Grindelwald über die Kleine Scheidegg auf 2.061 Metern.“ Und der Zug versorgt den immer noch autofreien Ort Wengen entlang der 800-Milimeter-Trasse mit Gästen, Lebensmitteln und sonstigen Gütern. Besonders für den jährlich im Januar stattfindenden Ski-Weltcup, das Lauberhornrennen, ist Organisationstalent gefragt. Von Wengen schraubt sich die Bahn über die Wengeralp mit Blick aufs Lauberhorn vorbei zur Station Kleine Scheidegg. Wetterhorn, Schreckhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau sind die ganzjährig schneebedeckten Drei- und Viertausender-Gipfel, die die Bergkulisse prägen, die nach jeder Biegung näher kommt. Die Fahrgäste, von denen die meisten aus Indien, Japan, Korea und China stammen, kleben an den Fensterscheiben und lassen die Chipkarten glühen.

Schweiz - Monument Adolf Guyer-Zeller am Top of Europe

Monument Adolf Guyer-Zeller am Top of Europe

„1893 kam dem Schweizer Industriellen Adolf Guyer-Zeller auf einer Wanderung von Schilthorn nach Mürren eine kühne Idee“, berichtet Brigitte Gosteli: „Er wollte einen Tunnel durch Eiger und Mönch sprengen und eine Zahnradbahn auf die 4.158 Meter hohe Jungfrau bauen. Noch in der Nacht skizzierte er die Linienführung auf einem Blatt Papier. Die einheimische Bevölkerung erkannte das touristische Potenzial und unterstützte das Vorhaben.“ Die Trasse sollte vom Bahnhof Kleine Scheidegg aus gebaut werden, so dass man von Interlaken bequem auf dem bestehenden Schienennetz anreisen konnte. „Sieben Jahre hatte Adolf Guyer-Zeller bis zur Fertigstellung kalkuliert. Der waghalsige Plan auf die Jungfrau wurde jedoch nie vollendet. Schon drei Jahre nach Baubeginn starb Guyer-Zeller an einer Lungenentzündung. 1905 erfolgte aufgrund finanzieller Probleme ein zweijähriger Baustopp.“ Nach 16 Jahren fuhr schließlich die erste Jungfraubahn bis zur heutigen Station Jungfraujoch. Mit 16 Millionen Franken wurde das damalige Unterfangen doppelt so teuer als geplant – genauso wie auch heute viele Großprojekte.

Schweiz - Panoramablick von der Tunnelstation Eigerwand

Panoramablick von der Tunnelstation Eigerwand

Mehrere rote Jungfraubahngarnituren stehen am Bahnhof Kleine Scheidegg (3) am Fuß der Eiger-Nordwand bereit. „Sieben der neun Kilometer auf eingleisiger Ein-Meter-Spur bis zum „Top of Europe“ verlaufen durch einen Tunnel, weshalb man die Trasse gleich elektrifizierte“, erzählt Lokführer Mario Bachmann: „52 Minuten dauert die neun Kilometer lange Fahrt bei maximal 28 Kilometern pro Stunde. Dabei überwinden wir knapp 1.400 Höhenmeter.“ Der Gesamthöhenunterschied von fast 3.000 Metern von Interlaken bis zum Jungfraujoch ist nicht zu unterschätzen, auch wenn es über zweieinhalb Stunden in Etappen aufwärts geht. „Viele Fahrgäste bewegen sich nach dem Aussteigen viel zu schnell in der dünnen Luft und bekommen massive Kreislauf- und Atemprobleme“, so der Lokführer: „Nach einem längeren Urlaub muss auch ich mich immer erst wieder akklimatisieren.“ Schon taucht die Bahn durch die berüchtigte Nordwand hinein in den Eiger. Auf 2.865 Metern gibt es an der Tunnelstation Eigerwand den ersten zehnminütigen Fotostopp. Durch dicke Panoramascheiben schweift der Blick über den Abgrund hinunter bis Grindelwald.

Schweiz - Ausblick vom Haltepunkt Eismeer

Ausblick vom Haltepunkt Eismeer

300 Meter später im Mönch folgt der Haltepunkt Eismeer, der bis 1905 die Endstation war und einen Ausblick auf die bizarre Eis- und Gletscherwelt des Berggiganten gewährt. Doch das alles ist nur ein Vorspiel für den eigentlichen Höhepunkt: Pünktlich nach 52 Minuten fährt Mario Bachmann in den höchsten Bahnhof Europas (4) ein. Dort beginnt der Rundgang zunächst mit einem kurzen 360-Grad-Bergwelt-Kinoerlebnis. Die „Alpine Sensation“ präsentiert mit Licht- und Musikeffekten die Geschichte der Jungfraubahn mit der Idee Adolf Guyer-Zellers und einer Hommage an die hauptsächlich italienischen Bauarbeiter, von denen einige durch Sprengunfälle und schwierige Arbeitsbedingungen ihr Leben verloren. Schon seit den 1930er Jahren gibt es den „Eispalast“, eine 1.000 Quadratmeter große, spiegelglatte Halle mit vielen Gängen und Nischen, in denen Künstler Eisskulpturen geschaffen haben. Überwiegend Tierfiguren wie Pinguine, Bären, Wölfe. Manche wirken durchsichtig wie Glas, andere milchig oder bläulich. „Wegen der Wärmeabstrahlung der vielen Besucher muss die Grotte ständig bearbeitet und auf minus drei Grad gekühlt werden“, weiß Brigitte Gosteli. Schließlich ist es so weit, in 27 Sekunden bringt ein Fahrstuhl die „Bergpilger“ noch einmal 117 Meter höher auf die Sphinx-Aussichtsterrasse. Endlich Schnee zum Anfassen! Einige junge Asiaten vergessen alle Warnungen, sich nicht so schnell zu bewegen. Immer und immer wieder springt Takeo aus Osaka in die Luft und lässt sich von seiner Freundin Mei fotografieren und filmen. Vor der Schweizer Flagge schnellen Selfie-Stangen in die Höhe, um zu Hause zu beweisen: „Ich war da – auf dem „Top of Europe“. Auch an diesem Frühsommertag weht ein schneidender Wind, doch dem Mönch scheint es im grellen Sonnenlicht zu warm zu werden. Ganz langsam streift er seine Nebelkutte ab. Die Jungfrau hingegen zeigt sich tief verschleiert. Wintersport kann man bei ausreichender Kondition mit Skiern, Schlitten oder Snowboards auch im Sommer auf dem Aletschgletscher betreiben.

Schweiz - WAB_Fahrt von Kleine Scheidegg nach Grindelwald

Fahrt von Kleine Scheidegg nach Grindelwald

Am frühen Nachmittag wird es Zeit für die Rückfahrt. Immer noch rollen Züge mit Gästen aus aller Welt im halbstündigen Rhythmus auf dem „Top of Europe“ ein. Am Bahnhof Kleine Scheidegg bietet es sich an, die Tour über Grindelwald (5) fortzusetzen. Die Eiger-Nordwand wirkt immer noch bedrohlich nah. Im Juli 1936 fanden hier vor den Augen mehrerer Bergführer zwei deutsche und zwei österreichische Bergsteiger den Tod. Zu dieser Tragödie gibt es im Grindelwald-Museum eine kleine Ausstellung. Fast 70 Menschen haben seitdem beim Versuch, die Nordwand zu bezwingen, ihr Leben gelassen.

Für den letzten Teil der Strecke nimmt die blau-gelbe Berner Oberland-Bahn wieder Fahrt auf. Sie zuckelt entlang des Flüsschens Schwarze Lütschine. „Ein eigenes Kraftwerk in Lütschental versorgt die Jungfraubahnen mit elektrischer Energie“, sagt Brigitte Gosteli: „Im Frühjahr und Sommer gibt Schmelzwasser zusätzlich Kraft, um die Züge auf die Berge fahren zu lassen.“ Die Almwiesen sind mit rosa, weißen und gelben Blumen übersäht. Durch zahlreiche Kurven windet sich die Bahn weiter bergab Richtung Interlaken. Kaum vorstellbar, dass man vor zwei Stunden noch im tiefen Schnee am höchsten Bahnhof Europas gefroren hat.

Schweiz - das Flüsschen Schwarze Lütschine

Das Flüsschen Schwarze Lütschine

 

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Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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