|
Schweiz |
|
Kurzportrait Die Schweiz? Kennt doch jeder, oder? Wilhelm Tell, Banken, Schokolade, Löcherkäse. Wer so denkt, ist aber höchstens mal durchgefahren, auf dem Weg nach Italien oder Frankreich. Man braucht schon etwas Zeit, um sich über das Klischee hinwegzusetzen. Dann trifft man so Unbekanntes und Ungewöhnliches wie hochalpine Gletscherflöhe, einen Tannen-Urwald, eine Fastnachtstradition namens Roitschäggätä, den höchsten Weinberg Europas, einen aufregenden Klettersteig für Familien, die längste Rodelstrecke der Alpen, den Bunjy Jump aus einer Gondelbahn, die mit 28 Grad Steigung steilste Postbusstrecke Europas, eine Filmkulisse von James Bond, ein schwebendes Restaurant in der Bergbahnkabine, einen Eispalast im Gletscher, eine Bergwiese mit 500 typischen Alpenpflanzen und unblutige Kämpfe zwischen wilden Kühen.
Anzeige!
Zürich gilt als Bankenstadt, und in der Bahnhofstraße stehen tatsächlich die unerschütterlichen Festungen des soliden Reichtums. Vielleicht versperrt der hektische Gang der Geschäfte aber zu oft den Blick auf eine der schönsten und lebendigsten Städte Europas. Die engen Gassen der Altstadt stecken nämlich voller Geschichte und sprudeln vor studentischem Leben und kulturellen Angeboten. An der Limmat und am Zürichsee liegen liebenswert altmodische Badeanstalten, und im Hintergrund veredeln die verschneiten Berge das Stadtbild. Und neuerdings rollt eine junge Welle trendiger Kultur durch die Vororte. In der Zentralschweiz steht der Ur-Berg des Schweizer Tourismus: die Rigi. Leicht erklimmbar, standen von Goethe bis Bismarck alle Prominenten des 19. Jahrhunderts auf dem Gipfel, um den sagenhaften Sonnenaufgang zu genießen. Dort erhebt man sich auch heute noch leichten Herzens über den Vierwaldstättersee und Luzern und kann versuchen, die Alpengipfel zu zählen, die das Panorama umrahmen. Nicht weit entfernt hat der Tunnel durch den St. Gotthard zwar den Transitverkehr enorm beschleunigt, doch vermittelt eine Fahrt über die Höhen der historischen Paßstraße ein weitaus tiefgründigeres Erlebnis. Die Ostschweiz lebt vom Rhein und vom Bodensee und gibt sich touristisch bescheiden. Das anfangs umstrittene Etikett vom „Heidiland“ kommt beim Publikum immer besser an und hat zu einer Renaissance des Heidi-Kults geführt. Auch wer nicht ans unschuldige Almleben glaubt, findet eine ziemlich heile Bergwelt auf den ursprünglichen Skipisten am Pizol, in den warmen Quellen von Bad Ragaz und auf der autofreien Sonnenterrasse von Braunwald. Man darf sich nicht einmal wundern, daß sogar der internationale Finanzplatz im Kleinstaat Liechtenstein geprägt ist von Hobby-Winzern, begeisterten Skifahrern und einem Fürstenhaus, das von der aristokratischen Schickeria gebührenden Abstand hält. Eine Berglandschaft der Superlative: Graubünden allein besitzt 462 Dreitausender. Und mittendrin die Nobeladressen St. Moritz, Davos, Arosa sowie die heimeligen Dörfer des Engadin. Der schönste Blick ist leicht zugänglich - mit der Bergbahn zum Muottas Muragl bei Pontresina. Die heißeste Fahrt geht durch den Eiskanal der Bobschlitten in Celerina, und die wirksamste Entspannung verschafft das römisch-irische Bad in Scuol. Nur über die aufregendste Skipiste wird es wohl nie eine Einigung geben. Wer eine Villa im Tessin besitzt, gilt schon seit jeher als Inbegriff des Privilegierten. Doch der italienische Teil der Schweiz ist auch für den gewöhnlichen Touristen zugänglich: Das milde Klima von Lugano ist sprichwörtlich; Locarno, Bellinzona, Ascona und Chiasso sind die Vorboten Italiens. Ein Hauch von Mittelmeer am Alpenrand. Wer immer noch zweifelt, sollte einmal Hermann Hesse lesen, in dessen Büchern die Tessiner Landschaft oft genug zum Hauptdarsteller avanciert. Basel, Rhein, Dreiländereck. Kein Wunder, daß die Industriestadt inzwischen zu einem europäischen Brennpunkt geworden ist. Die Kunst- und Theater-Szene genießt höchste Aufmerksamkeit und Anerkennung, die Fastnacht ist geradezu legendär. Insider schwärmen von Kaffeehäusern, die noch das klassische Ambiente solcher Etablissements bereithalten. Deren Adressen werden aber hier nicht verraten. Soll man doch selbst mal auf die Suche gehen, statt immer wieder an diesem Eingangstor zur Schweiz vorbeizufahren. Die Mittelgebirgslandschaft des Jura kommt beinahe unschweizerisch daher. Eine willkommene Erholung vom Monumentalen der Alpengipfel. Und doch ist auch hier die klassische Schweiz präsent, denn der Jura ist die Heimat der Uhrmacherkunst. Vor Jahrhunderten entwickelte sie sich in den entlegenen Tälern zur vollen Blüte, und auch heute sind viele renommierte Firmen ansässig. Der Besuch von traditionellen Manufakturen und hochmodernen Uhrenmuseen gewährt einmalige Einblicke in Geschichte und Gegenwart der Zeitmessung. Die Altstadt von Bern ist UNESCO-Weltkulturerbe. Sechs Kilometer lang sind insgesamt die Arkadengänge innerhalb der harmonischen mittelalterlichen Architektur. Drumherum fließt in malerischer Schleife die Aare, und mit deren rasender Strömung kann man sich im Marzili-Bad treiben lassen - die aufregendste Abkühlung seit der Erfindung des Schwimmbads. Schade nur, daß das Wankdorf-Stadion abgerissen wurde, wo Fritz Walter, Helmut Rahn & Co. den Ungarn 1954 den Weltmeistertitel entführten.
Das Expogelände in Neuenburg Im Berner Oberland stehen die Paradeberge der Schweiz: Eiger, Mönch und Jungfrau. Wer sich nicht mit Steigeisen in die Eiger-Nordwand traut, nimmt die Bahn - eine Fahrt zum Jungfraujoch gilt sogar Japanern und Chinesen als Höhepunkt ihrer Europareisen. Nicht ganz zu Unrecht, denn von der Bergstation aus hat man nicht nur einen gewaltigen Blick übers Gebirge, sondern auch direkten Kontakt zum größten Gletscher der Alpen: dem Aletsch, der inzwischen von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Wengen, Mürren und Grindelwald präparieren Skipisten der Sonderklasse; die Abfahrt am Lauberhorn ist ein Weltcup-Klassiker und doch von normal Sterblichen zu bewältigen. mehr zu: Welt(kultur)erbestätten in der Schweiz Das Wallis ist ein landschaftliches Wunder. Aus den steilen Weingärten zwischen Rhône und Gletschern kommen die besten Schweizer Weine - oft von raren Rebsorten wie Amigne oder Arvine. Das Matterhorn gilt in der ganzen Welt als der perfekt geformte Alpengipfel überhaupt, und wer einmal in Zermatt war, der versteht warum. Die Deutschen wissen auch mit Namen wie Bettmeralp und Riederalp etwas anzufangen, doch nur selten verirren sie sich ins französisch geprägte Crans-Montana. Wissen sie nicht, daß dort auf der Piste Nationale einer der besten Skihänge des Landes lockt und sich auf einem Hochplateau der Golfplatz mit dem schönsten Alpenpanorama befindet?
Lausanne im Abendlicht Das Waadtland ist eine Art Schweiz im Kleinen: Seen, Berge, Weingärten und noble Städte am Ufer des Genfer Sees. Montreux und Vevey sind seit Jahrhunderten klassische Kur- und Badeorte, und daß sich das Internationale Olympische Komitee in Lausanne niedergelassen hat, ist auch kein Zufall. Wenn eine derart verwöhnte Region im Sommer auch noch mit einer nicht enden wollenden Festival-Serie aufwartet, dann scheint das fast des Guten zuviel. Wann soll man denn da noch Zeit finden für die reizvollen Wanderungen oberhalb des Genfer Sees? Gehört Genf überhaupt
zur Schweiz? Die ehrenwerte calvinistische Gesellschaft, die ihren
Reichtum bis heute hinter den herrschaftlichen Mauern der Altstadt
verbirgt, scheint jedenfalls auf einer sozialen Insel zu existieren.
In den Villenvierteln am Genfer See versteckt sich eine internationale
Schickeria aus Ölscheichs, Filmstars und abgedankten Diktatoren.
In den noblen Geschäften verkehren die Mitarbeiter von Unterorganisationen
der UNO, die hier ihren europäischen Sitz hat. Genève,
kein Zweifel, ist eine abgetrennte Welt für sich, man schaue
nur mal auf die Landkarte. Volker
Mehnert |
Reiseinfos Reisezeit
Statistik Einwohner:
7,1 Millionen, das sind 172 pro Quadratkilometer. Weil große
Teile des Landes unbewohnbare oder geschützte Bergwildnis sind,
konzentrieren sich die Menschen im Unterland. Trotzdem ist selbst Zürich
mit seinen 350.000 Einwohnern nicht gerade eine wuchernde Metropole. |