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Marokko im Überblick

Von dem 1999 verstorbenen König Hassan II. stammt der Ausspruch "Marokko ist wie ein Baum, dessen Wurzeln in Afrika verankert sind und dessen Blätterkrone bis nach Europa reicht". Tatsächlich ist das Schicksal Marokkos, des "äußersten Westens" (Maghreb al Aksa), aufs engste mit der nur 13 km breiten Straße von Gibraltar verknüpft, die Afrika und Europa einander nahe bringt.

Politische, soziale und kulturelle Impulse wechselten über diese Meerenge hinüber und herüber - von den Völkerwanderungen und "Kulturtransfers" früherer Jahrhunderte bis zu den Arbeitsmigranten und sozialen Herausforderungen unserer Zeit. Auch aus naturgeographischer Sicht bestehen zwischen beiden Kontinenten Wechselbeziehungen, sind doch die Atlas-Gebirge Marokkos ein Teil des europäischen Faltengebirges der Alpen und Andalusiens Sierra Nevada die geologisch-tektonische Fortsetzung der nordmarokkanischen Bergketten des Rif.

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Restaurant in einem traditionellen Rijad (Innenhof)

Nach den Vorstellungen der antiken Mittelmeervölker markierten die "Säulen des Herkules" --das europäische Gibraltar und sein afrikanisches Gegenstück, der Djebel Mousa- das Ende der Welt, umtost vom "Meer der Finsternis". Die Küsten am "Meer der Finsternis" der Alten verloren schon lange vor den großen Entdeckungsreisen ihre Schrecken. Hier lebt heute die Mehrzahl der Marokkaner und auch das Gros der Touristen hat auf seiner unermüdlichen Suche nach Sonnenstränden die schönsten Partien an Marokkos Atlantikküste für sich entdeckt. So entstand um das landesweit größte Zentrum für Strandurlauber, das keinen Wunsch offen läßt. Sein Kapital sind der breite, lange Sandstrand und sicheres Sonnenwetter, vorzügliche Hotels und guter Service und für manchen Urlauber gewiß auch seine günstige Lage zu den verlockenden Ausflugszielen im Süden des Landes. Die marokkanische Mittelmeerküste zu Füßen des Rif-Gebirges wird von europäischen Sommergästen dagegen nur selten besucht, da sich alle großen Reiseveranstalter auf die Atlantikküste beschränken. Doch auch hier gibt es gut ausgestattete Urlaubsorte wie Martil, Cabo Negro, Mdiq und Smir-Restinga in der Nähe von Tetouan, weiter östlich Al-Hoceima und nahe der algerischen Grenze Saidia mit seinem herrlichen Sandstrand.

Wo sich Europas Strandurlauber rundum wohl fühlen, an der Atlantikküste, liegt das wirtschaftliche Kerngebiet Marokkos. Fruchtbare Ebenen und wellige Hochflächen begleiten den Küstensaum. Schon zu Zeiten der Römer galt das Hinterland als Kornkammer des Maghreb. Olivenhaine und Korkeichenwälder gedeihen hier, künstliche Bewässerung verwandelt ausgedörrte Böden in fruchtbare Kulturflächen. Weitläufige Fruchthaine und Gemüsekulturen produzieren reichlich für den Export und versorgen zugleich die wohlbekannten Küstenmetropolen Tanger, Rabat und Casablanca, die Industriestadt Safi, die sehenswerte Provinzhauptstadt Essaouira und die Touristenhochburg Agadir.

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Wegen seiner strategisch vorteilhaften Lage jahrzehntelang Zankapfel zwischen Europas Kolonialmächten, erlebte Tanger an der Straße von Gibraltar seine große Zeit zwischen 1923 und 1956. Damals war die Stadt einer internationalen Verwaltung unterstellt, was einen Bauboom auslöste und weltläufiges Flair einziehen ließ. Die Attraktivität jener Jahre wirkt nur noch als melancholische Erinnerung nach. Heute ist Tanger eine geschäftige Hafen- und Industriestadt, dabei keineswegs gesichtslos, spiegeln doch Architektur und Straßenleben arabisch-berberische Lebensart wieder - besonders ausgeprägt in der ummauerten Médina (Altstadt) gegenüber dem Hafen. In , südwestlich von Tanger, liegt das Zentrum der Macht. Hier residiert der König, arbeitet das gewählte Parlament des Landes. Auch Marokkos Hauptstadt hat ihre umwallte Médina, ein altes Quartier nahe der Atlantikküste, wo unverfälschte orientalische Atmosphäre herrscht und selbst Europäer sich angesichts der verlockenden Angebote in der Kunst des Feilschens versuchen.

Wer in Casablanca nach den Spuren eines Filmklassikers sucht, wird nicht fündig werden. Die Millionenstadt ist für nostalgische Gemüter nicht der richtige Ort. In Marokkos Wirtschaftsmetropole ist Hektik angesagt. Hier haben sich Produktionsbetriebe und Dienstleistungsunternehmen in großer Zahl angesiedelt, der Hafen ist bedeutendster Warenumschlagplatz Nordafrikas. Casablancas Großraum platzt aus allen Nähten, kein anderer Distrikt Marokkos ist dichter besiedelt. Das moderne, westliche Straßenbild der "weißen Stadt" wird von einem monumentalen Kultbau beherrscht, den manche Betrachter als "achtes Weltwunder" preisen. Es ist die "Grande Mosquée Hassan II.", ein 1993 vom Vater des heutigen Königs eingeweihter und nach ihm benannter gigantischer Gebäudekomplex, ein von architektonischen und technischen Superlativen strotzendes neues spirituelles Zentrum der Stadt.

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Schlangenbeschwörer auf dem El Hedim-Platz in der Königsstadt Meknès

Schon landeinwärts, umringt von Abertausenden Dattelpalmen einer riesigen Oase, liegt Marrakesch, die alte Königsresidenz und Tor zum Süden, Stadt prachtvoller Bürgerpaläste und verschwiegener Innenhöfe, quirliger "Souks" (Basare) und märchenhafter Plätze. Ein roter Lehmmauergürtel von 12 km Länge, den nahezu 200 Bastionen verstärken und zehn Tore durchstoßen, zieht sich um die Altstadt mit ihren bedeutenden Kulturdenkmälern, Zeugen einer bis in das 11. Jahrhundert zurückreichenden Geschichte. Die grandiose Vielfaltigkeit des marokkanischen Binnenlandes hat schon seit langem eine treue Gemeinde von Bewunderern und ihre Zahl nimmt deutlich zu. Ein Grund dafür sind die gut ausgearbeiteten, anspruchsvollen Gruppenreisen, die spezialisierte, kleinere Reiseunternehmen auf dem Markt anbieten. Wandern, Klettern, selbst Kanufahrten, Führungen mit kulturhistorischem oder naturkundlichem Schwerpunkt, Kamel-Trekking und manch` andere Attraktionen stehen zur Auswahl. Auch die Besichtigung der faszinierenden Städte Meknès und Fès zählt dazu. Diese früheren Sultansresidenzen liegen im fruchtbaren Atlasvorland, der "Zentralen Meseta". Meknés erlebte unter dem mächtigsten Herrscher des Alaouiten-Geschlechts, Moulay Ismail (1672-1727) , seinen Höhepunkt. Aus jener Zeit stammen die fast 20 km lange Stadtmauer und Repräsentationsbauten von gigantischen Ausmaßen, Getreidespeicher, Zisternen und prächtige Stadttore. Der Schöpfer dieser aufwendigen Bauten erhielt hier eine der prachtvollsten Grabmoscheen des Landes. Meknès galt in seiner großen Zeit als gewaltigste Festungsstadt Nordafrikas.

Nicht weit von Meknès liegt der malerische Wallfahrtsort Moulay-Idriss mit einem sehenswerten Mausoleum, Ziel muslimischer Pilger, die des hier beigesetzten Gründers des ersten islamisch-arabischen Staats (8. Jahrh.) auf marokkanischem Boden gedenken. Ein anderer lohnender Ausflug führt zu der Ausgrabungsstätte Volubilis, einst neben Tingis (Tanger) einer der Hauptorte der römischen Provinz Mauretania Tingitana (Nordmarokko). Rund 50 km östlich von Meknès wartet , das traditionsreiche geistige Zentrum Marokkos, mit beeindruckenden Beispielen maurischer Baukunst auf, die sich in der ältesten und schönsten Médina (Altstadt) Nordafrikas mit den Düften der Marktstraßen und den Lauten der Handwerkerzünfte zu einem hinreißenden Fest für die Sinne vereint, wie es nur der Orient hervorbringt.

Bergwanderungen und Klettertouren, Besuche einsamer Berberdörfer, Skifreuden, pures Naturerlebnis - dafür stehen die Täler, Gipfel und Hochebenen der drei Atlasgebirgszüge: der Mittlere Atlas, das wichtigste Wasserreservoir Marokkos, steigt bis auf 3.340 m empor, übertroffen noch von den zahllosen Viertausendern des Hohen Atlas, dessen 750 km lange Ketten bis an den Atlantik reichen, die große marokkanische Klimascheide darstellend, an deren Südhängen schon der Einfluß der Wüste beginnt. Schließlich der Anti-Atlas im Südwesten, obwohl noch 2.531 m erreichend, eigentlich mehr Bergrücken und Hochfläche, die im Süden gegen die Wüste abfallen.

Grandiose Landschaftsbilder versprechen Exkursionen durch die Täler von Dadès, Drâa, Ziz und Todra. In tiefen Schluchten durchziehen diese Flüsse die südlichen Atlas-Vorberge und die angrenzende "Hammada" (Steinwüste), um in den Niederungen zu zerfasern und schließlich zu versickern. Dattelpalmenhaine und winzige Felder begleiten wie ein grünes Band die Flußläufe auf ihrem an Windungen reichen Weg zwischen oft senkrecht abfallenden Felswänden. Berühmten Filmen dienten sie als malerische Kulisse: die "Ksour", aus Stampflehm errichtete Wehrdörfer am Rande der Talsohle, überragt von der "Kasbah", dem burgartigen Wehrbau des örtlichen Stammesfürsten. Von den Oasendörfern der Stein- und Sandwüsten im Atlas-Vorland zogen früher die großen Karawanen durch die Sahara nach Schwarzafrika, so von Zagora in 52 Tagen nach dem legendären Timbuktu, wie ein verblichenes Schild am Ortsausgang bezeugt. Auch heute brechen von hier wieder Kamel-Karawanen auf - allerdings mit zahlenden Gästen - um nach erlebnisreichen neun Tagen 150 km weiter im Westen nahe dem Oasenort Foum-Zguid seine Teilnehmer in Taxen zu verfrachten und der lang ersehnten Dusche und Hotelbar entgegenzufahren.

Eckart Fiene

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