Reisemagazin schwarzaufweiss

Farben sagen mehr als Zahlen

Agadir und Umgebung

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Alle Fremdenführer langweilen ihre Zuhörer mit Zahlen. Doch Abid Carbi treibt es auf die Spitze: „Es gibt auf der Welt ungefähr 30.000 Buchten. An einer davon liegt Agadir.“ Hellhörig wurde unser Autor Winfried Dulisch erst wieder, als der Guide über die südmarokkanische Tourismus-Metropole am Atlantik sagte: „Agadir hat die modernste Altstadt der Welt.“

Marokko - Agadir

Das klingt zunächst unlogisch. Deshalb untermauert Abid Carbi die Entstehungsgeschichte dieser supermodernen Altstadt mit weiteren Zahlen: „1958, die Nacht vom 29. Februar auf den 1. März, genau um 23 Uhr 47. Ich selbst war damals acht Jahre alt und habe es miterlebt. Keine 15 Sekunden lang bebte die Erde. Mehr als 15.000 Menschen kamen ums Leben. Zwei Jahre später begann der Wiederaufbau von Agadir.“

Vor einer größeren Touristen-Gruppe würde er natürlich niemals so reden, aber im kleinen Journalisten-Kreis äußert Abid Carbi seine Meinung: „Wir können Allah für dieses Unglück in gewisser Hinsicht dankbar sein.“ Denn die Planer des heutigen Agadir konzipierten eine gelungene Mischung aus verkehrstechnisch nützlicher Straßenführung wie auch von verwinkelt lauschigen Gässchen.

Und während ihre Architekten-Kollegen beim Aufbau von anderen Tourismus-Hochburgen („hoch“ im doppelten Sinne des Wortes) oft einer Plattenbau-Ästhetik huldigten, orientierten sich die Agadir-Neuschöpfer an den Bedürfnissen der Bürger und Feriengäste - und natürlich an der Erdbeben-Sicherheit. Deshalb sind hier die Neubauten allenfalls nur zwei Stockwerke hoch oder sehr widerstandsfähig gebaut.

Marokko - Die Medina d'Agadir lädt zum Bummeln und Verweilen ein

Die Medina d'Agadir lädt zum Bummeln und Verweilen ein

An die alte Medina (arabisch für: Stadt) erinnert in Agadir nur noch jener Platz, auf dem eine Ruine als Mahnmal erhalten blieb. Eine Medina, die den Charakter des Originals eindrucksvoll widerspiegelt, liegt vor den Toren der Stadt. 1992 legte der Italiener Coco Polizzi auf einem 4,5 Hektar großen Stück Land den Grundstein für diese Medina d'Agadir.

Erbaut wurde die Neo-Medina mit Steinen, Erdmaterial und Holz aus der näheren Umgebung. Diese Öko-Bauweise sorgt hier für ein überaus angenehmes Klima. Der Ort eignet sich also auch an heißen Tagen für einen längeren Tagesaufenthalt. Für Freunde von orientalischem Kunsthandwerk ist die Medina d'Agadir ohnehin ein Pflichtbesuch-Adresse.

Marokko - Agadir - Der Gewürzhändler Manni Abdallah

Der Gewürzhändler Manni Abdallah

Hier lässt sich der ausländische Besucher gerne mal ein auf den Plausch mit einem der angenehm unaufdringlichen Händler – zum Beispiel mit Manni Mohammad. Der Gewürzhändler lässt seinen Stand auch mal für eine halbe Stunde unbeaufsichtigt, um dem Fremden die Gassen und Winkel dieser kleinen Stadt außerhalb der Stadt zu zeigen.

Bei diesem Altstadt-Spaziergang korrigiert Manni Mohammad einige falsche Vorstellungen über seine Heimat: „Marokko ist kein arabisches Land. 80 Prozent der Bevölkerung sind Berber.“ Sich selbst bezeichnet der Gewürzverkäufer als einen „frei denkenden Berber, der Schweinefleisch isst und für den FC Bayern München schwärmt.“ Und er liebt sein Land, „weil Muslime, Juden, Christen und Atheisten hier friedlich zusammen leben.“

Marokko - Fischkutter im Hafen von Agadir

Fischkutter im Hafen von Agadir

Das aufregend quirlige Kontrastprogramm zur beschaulichen Medina-Atmosphäre liefert der Hafen von Agadir. Beim Anblick der dort ankernden Fischkutter fragt sich der auf Sicherheit bedachte Europäer: Wagen sich diese Rostlauben wirklich hinaus aufs offene Meer?

Die Antwort findet der Tourist auf seinem üppig mit frischer Ernte aus dem Atlantik gefüllten Teller – und zwar nur ein paar Schritte entfernt im besten Fischrestaurant von Agadir. Neben seinen Fisch- und Meeresfrüchte-Spezialitäten bietet das Restaurant du Port als würzende Beigabe einen Blick auf die an- und abfahrenden Schiffe und Boote.

Marokko - Agadir - Im Restaurant du Port

Im Restaurant du Port

Die meisten Agadir-Feriengäste landen heute auf dem Flughafen Elmassira. Und sie sind fasziniert von den Mosaik-Außenverzierungen am Empfangsgebäude. Das muss unbedingt fotografiert werden. Höflich – aber gleichzeitig sehr bestimmt - lächelnd hebt ein Uniformierter mit Maschinenpistole einen Zeigefinger in die Höhe, schwenkt ihn von links nach rechts und gibt zu verstehen: Fotografieren verboten.

Aber keine Panik, drinnen in der Empfangshalle des Airports sind die Wände mit noch größeren Mosaik-Ornamenten verziert. Und das Fotografier-Verbot des Wachhabenden da draußen bezieht sich nicht auf die verschwenderisch gestalteten Wandbilder, sondern nur auf sein eigenes Gesicht.

Marokko - Ankunftshalle im Flughafen Elmassira

Ankunftshalle im Flughafen Elmassira

Touristen erlegen jede Beute, die ihnen vor die Kamera kommt. In einem islamisch geprägten Land wie Marokko sollte der Photo-Shooter allerdings erst einmal nachfragen, ob sein Model ein streng gläubiger Muslim ist, der sich nicht das Gesicht – und damit auch nicht seine Seele – rauben lassen mag.

Zum Beispiel bei einem Besuch im Souk, der Markthalle von Agadir. Die Hälfte aller Händler signalisieren dem Kamera-behangenen Besucher, dass sie auf keinen Fall ihren Kopf für ein Photo-Shooting herhalten mögen. Aber gleichzeitig geben sie mit freundlichem Handzeichen zu verstehen, dass der Tourist  ihr üppiges Früchte - Angebot gerne als Foto-Konserve gratis mit nach Hause nehmen darf.

Marokko - Agadir - In der Markthalle (Souk) von Agadir

In der Markthalle (Souk) von Agadir

Jener Schäfer, der seine Ziegen neben der Straße von Agadir nach Taroudannt hütet, fühlt sich als Berber nicht an diese islamischen Regeln gebunden. Er ist sich seiner Attraktivität – und damit auch seines kommerziellen Wertes - bewusst. Für eine Portrait-Sitzung verlangt er umgerechnet 50 Cent. Ein schlampiges Honorar, wenn man bedenkt, dass nichts sagende Topmodel-Gesichter erst ab einer fünfstellige Summe in die Kamera grinsen.

Seine Ziegen werden kaum satt von dem verbrannten Gras, auf dem sie hier weiden. Deshalb klettern sie auf die verkrüppelten Argan-Bäume, fressen deren Früchte und spucken die Kerne anschließend aus. Diese Kerne werden zu Öl zermahlen – und zwar von Frauen, die sich zu Kooperativen zusammengetan haben. Drei Tage braucht eine Arbeiterin, um einen Liter Öl zu produzieren.

Marokko - Agadir - Schäfer im Arganbaum-Hain

Schäfer im Arganbaum-Hain

Verwendet wird Arganöl in der Slowfood-Küche und im Kosmetik-Salon. Aber noch wichtiger als für den Gourmet-Gaumen und für die jugendlich straffe Haut ist der Argan-Baum für die Schönheit der kargen Landschaft Südmarokkos. Mit ihren 30 Meter langen Wurzeln und der Schatten spendenden Krone kann diese Pflanze das Vordringen der Sahara aufhalten.

Apropos: Arganöl-Kosmetika. Vorsicht ist geboten beim Kauf in jenen Verkaufsstellen, die sich auf weibliche Touristen spezialisiert haben! Denn die blumigen Schmeicheleien des Verkäufers wollen oft nur kaschieren, dass er seine Produkte ohne Preisauszeichnung und ohne korrekte Inhaltsangabe anbietet.

Deshalb sollten Kosmetik- und andere Souvenir-Schnäppchenjäger lieber in solchen Läden einkaufen, deren Reklameschilder „Fixe Preise“ garantieren. Diese Preise sind meistens in Euro angegeben. Der US-Dollar hat für marokkanische Souvenir-Verkäufer als Leitwährung ausgedient, dafür kommt der Rubel in Marokko mit zunehmender Geschwindigkeit ins Rollen. 

Marokko - Agadir - Frauen zermahlen Argankerne

Frauen zermahlen Argankerne

Wenn im Eingangsbereich eines Beauty-Shops mehrere Frauen in traditionellen Gewändern auf dem harten Steinboden hocken und mit ihren Handmühlen die Argankerne mühsam zerkleinern, ist die Frage erlaubt: Werden diese armen Arbeiterinnen wirklich am Verkaufserlös beteiligt? Spätestens dann, wenn eine der Handmühlen-Dreherinnen ihre Arbeit unterbricht und vom Fotografen ein – absolut berechtigtes! - Honorar verlangt, hat sich diese Frage von selbst beantwortet.

Neben dem Arganöl gehören Leder-Produkte zu den beliebtesten Souvenirs der  Marokko - Besucher. Kurz vor der Ortseinfahrt nach Taroudant geht es links ab zu einer Gerberei, wo alle Stufen der Lederwaren-Produktion direkt beieinander zu erleben sind. Nebenan ist der Schlachthof. Überall auf dem Gerberei-Gelände liegen Felle zum Trocknen in der Sonne. Farben werden angemischt.

Marokko - Agadir - In der Gerberei von Taroudant

In der Gerberei von Taroudant

Der Besucher kann hier beim Zuschneiden und Anfertigen von Koffern, Taschen und Leder-Textilien zuschauen. Auch bei dieser Betriebsbesichtigung sollte der Besucher nicht vergessen: Fotografieren ist nur dann erlaubt, wenn der jeweilige Gerberei-Mitarbeiter mit Worten oder Gesten seine Zustimmung gegeben hat.

Zur Gerberei gehört ein Verkaufsladen. Wie überall in orientalischen Ländern ist hier das Feilschen ein wesentlicher Teil des Handels. Europäische Besucher sollten sich hier durchaus mal auf dieses Spiel einlassen, denn schließlich kann auch ein Laie den Wert von Lederwaren beurteilen und entsprechend kalkulieren.

Marokko - Agadir - bunte Kutsche

Der bunte Fiaker (diese Typen-Bezeichnung für ein Pferde-Taxi wird auch von marokkanischen Droschken-Kutschern verwendet) empfiehlt sich anschließend für den Weg von der Gerberei zur Medina von Taroudant. Dieses Stadtzentrum wurde um 1800 herum erbaut. Es ist also eine wirklich alte Altstadt.

Noch älter ist die Stadtmauer. Nach ein paar Zahlen („… im elften Jahrhundert die Residenz  eines Berberfürsten… . ihre Blüte erlebte die Stadt als Karawanen-Umschlagplatz  im 17. Jahrhundert …“) gerät der Guide ins Schwärmen: „Taroudant gilt als die kleinere Schwester von Marrakesch,  ist aber mindestens ebenso schön.“ Kein Besucher widerspricht.

Mehr als nur Beherbergungsbetrieb, eher schon eine Sehenswürdigkeit,  ist gleich hinter der Stadtmauer das Palais Salam. Es wäre eine Sünde, dieses Ensemble von aufwändig möblierten Gebäuden einfach nur ein Hotel zu nennen und ohne Gefühlsregung aufzuzählen: 142 Zimmer, ein marokkanisches und zwei internationale Restaurants, Dampfbad (Hammām), zwei Swimmingpools und so weiter.

Weitaus überzeugender sprechen die Blumen im hauseigenen subtropischen Garten und all die übrigen liebevoll gesetzten Farb-Akzente für einen Besuch im Palais Salam. Und das maurisch-arabische Dekor wertet hier sogar jede einzelne Zimmertür zu einem individuell gestalteten Kunstwerk auf.

Marokko - Agadir - rotes Haus

 

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