Reisemagazin schwarzaufweiss

Mitten ins Märchen des Maghreb

Marokkos Königsstädte

Text und Fotos: Beate Schümann 

Zauber des Maghreb. Das klingt märchenhaft, verheißungsvoll, sinnlich. So, als wären alle Wege in Marokko mit Abenteuern, fantasiereichen Verführungen und zarten Überraschungen gepflastert. Zauber des Maghreb heißen Studienreisen zu den vier Königsstädten. Der Name weckt Bilder von märchenhaftem Reichtum, genüsslichem Palastleben der Paschas, wo man die Beine hochlegt, sich von Palmwedlern, Mundschenken und verschleierten Schönheiten verwöhnen lässt und Langeweile nie unerträglich wird. Wo man nur an der Kupferlampe reiben muss und alle Wünsche sogleich in Erfüllung gehen.

Als Urlaubsreifer träumt man ja davon. Weil man so viele Geschichten gelesen hat von Aladin und Alibaba, dem persischen Kalifen Harun al Raschid und Scheherezade. Auch wenn dieser Zauber des Maghreb eigentlich ein Klischee ist. Denn die Märchen aus Tausendundeiner Nacht stammen nicht von hier, sondern aus dem Orient. Der Maghreb umfasst die afrikanischen Nordstaaten am Mittelmeer, besonders Marokko. Traditionell von Berbern bewohnt, geriet die Gegend mit der Ausbreitung des Islam ab dem 7. Jahrhundert unter arabischen und osmanischen Einfluss, den später die europäische Kolonisation im 19. und 20. Jahrhundert aber zurückdrängte.

Souvenirverkäufer im Souk von Fès, Marokko

Souvenirverkäufer im Souk von Fès

Und der Zauber? Hinter den hohen, kalten Stampflehmmauern der Berber verzücken Paläste, Moscheen, plätschernde Brunnenanlagen und Gärten aus einer anderen Zeit. Den Reiz des Exotischen findet der Besucher heute allerdings in den belebten Gassen der Souks und Medinas, auf den Plätzen, wo man Menschen trifft.

Die erste Station ist Rabat (1), Marokkos Hauptstadt seit 1912. Der Bus drängelt sich gewandt durch die Häuserschluchten und Automassen der modernen Großstadt – verkehrsreich, laut und kompliziert. Der Weg zum Palast über die breite Avenue an Nasr führt Besucher zum doppelten Hufeisentor in der Wehrmauer. Hat man die scharf kontrollierenden Wachposten passiert, öffnet sich der vierzig Hektar große Palastbezirk. Ein beeindruckend monströses Areal, auf dem die akkurat in Kastenform beschnittenen Birkenfeigen, Tulpenbäume und Fahnenmasten mit der knallroten Staatsflagge wie verloren herumstehen. Neben der prächtigen Hauptwohnung des marokkanischen Königs Mohammed VI. versammeln sich hier die wichtigsten Institutionen der konstitutionellen Monarchie, wie der Amtssitz des Premiers, die Moschee el Faeh, das Religionsministerium sowie die Eliteschule. Den Palast des 18. Herrschers aus der Alaouiten-Dynastie darf man nur in gebührendem Abstand bestaunen.

Eine kilometerlange, ockerfarbene Stampflehmmauer schützt Rabats Altstadt wie ein Schleier vor den Blicken Fremder. An ihrem Ende erhebt sich die Oudaia-Festung aus der Almohadenzeit, die sich trutzig über dem Fluss Bou Regreg verschanzt. Unterhalb der Kasbah stapeln sich hügelabwärts die Häuserquader – ein Bild, als hätte August Macke sie gemalt. Die Farben brennen, das Kalkweiß der Häuser, das Kobaltblau an Türen und Fenstern. Man begreift sofort, warum dieser Ort Künstler, ambulante Händler und Touristen magisch anzieht. Männer in traditionellen Jelabas, grauen Gewändern mit Kapuze, eilen treppauf, treppab. Es duftet nach frisch gebackenem Fladenbrot. Frauen schleppen pralle Einkaufstaschen nach Hause. Eine Katze huscht durch einen Spalt im Portal. Hier wird gelebt.

Marokko - Lautenspieler in der Kasbah der Königsstadt Rabat

Lautenspieler in der Kasbah der Königsstadt Rabat

In den Gassen heben sich leise die Klänge eines fremden Instrumentes vom Widerhall des eigenen Schrittes ab, denen man willig folgt. Hinter der nächsten Ecke sitzt er endlich, der Straßenmusikant, der die blaue Quaste seiner roten Filzmütze im Takt zur rechteckigen Laute um seinen Schädel kreisen lässt. Da ist er, der Zauber des Maghreb, und sogleich will man das Flüchtige fotografisch festhalten. Der junge Gembri-Spieler lächelt, zupft die Saiten und lässt sich ablichten. Dann hält mit ausgestrecktem Arm seine Mütze hin. „Zehn Dirham von jedem“, fordert er und sein Lächeln versiegt. Ein Euro, doch anlegen will sich keiner mit ihm. So klingelt die Münze, er lacht und spielt wieder. Die Töne sind noch im Café in der Rue Bazzo zu hören. Scheinbar kostet hier alles zehn Dirham. Auch der heiße Tee, der aus frischer Minze serviert wird, oder die süßen Teilchen des fliegenden Händlers.

Marokko - Meknès, Stadt der Mauern, mit Storch

Meknès, Stadt der Mauern, mit Storch

Die Landschaft außerhalb von Rabat zeigt sich karg und hügelig. Kakteen wechseln sich mit Zypressen und Wiesen ab, über die Schafherden ziehen. Nach Meknès (2) sind es gut zwei Autostunden. Eine weite Ebene mit Olivenhainen kündigt die Königsstadt an, die einzige, die diesen Ruf nur einmal und nur für 55 Jahre genoss. Im 17. Jahrhundert verwandelte der bauwütige Alaouitenherrscher Moulay Ismail den umkämpften Handelsplatz am Fuße des Atlasgebirges in einen wehrhaften Sultanssitz. Meknès, die „Stadt der Mauern“. Mauern und Tore scheinen gar kein Ende zu nehmen. Von den vielen Palästen und Minaretten gar nicht zu reden.

Marokko - Schlangenbeschwörer auf dem El Hedim-Platz in der Königsstadt Meknès

Schlangenbeschwörer auf dem El Hedim-Platz in der Königsstadt Meknès

Die Sonne bringt tausende kleine Keramiken im Tor Bab Mansour zum Glitzern, dem wohl aufregendsten Bauwerk hier. Vor ihm liegt der El Hedim, der „Platz der Zerstörung“, auf dem Händler und Gaukler geschäftig ihrem Broterwerb nachgehen. Auch Hassan und Mohammed, ein gut eingespieltes Team. Während der Schlangenbeschwörer mit dicken Backen auf der Tröte bläst, versucht Mohammed Touristen zu beschwören, die Prachtexemplare zu streicheln oder sich um den Hals zu legen. „Zehn Dirham pro Foto“, flötet er. Doch allen Bemühungen Hassans Spiel zum Trotz bleiben die Reptilien auf der faulen Haut liegen, weshalb der Preis schnell auf zwei Dirham sinkt. Fotos gibt es dafür genug.

Nach Fès (3) sind es sechzig Autokilometer. Die älteste Königs- und Universitätsstadt Marokkos entstand in einem fruchtbaren Tal, in dem der Ort schnell aufblühte. Die Altstadt ist wie das Innere eines Granatapfels, schrieb der Dichter Hugo von Hofmannsthal. Hohe Stampflehmmauern umschließen die in zahlreiche Kammern und Gassen aufgegliederte Paradiesfrucht, deren Schale im Abendlicht leicht rötlich schimmert. Steinhart, kahl, ein fast biblisches Alter. Die Gesichter der Menschen wirken hier verschlossen wie die schweigsamen Mauern, hinter denen so viele Geschichten lauern.

Das Bronze-Tor des Königspalastes Dar el Makhzen in Fès, Marokko

Das Bronze-Tor des Königspalastes Dar el Makhzen in Fès

„Balak, balak!“ ruft ein Mulitreiber. „Achtung!“ schiebt er gleich hinterher. Er drängt seine Maultiere, auf denen meterhohe Stapel von frisch gegerbten Lederstücken lasten, durch die stinkenden Gerber- und Färbergassen. Sprachfetzen der Verkäufer mit polyglottem Wortschatz wabern umher. Ein Schmuckhändler im seriösen weißen Hemd preist seine Armbänder an. „Silver“ sagt er, und: „democratic price“. Gleicher Preis für alle, meint er wohl.

Mulitreiber im Souk von Fès, Marokko

Mulitreiber im Souk von Fès

Nach den Souks, den Palästen und Moscheen wünscht man sich eine Ruheoase, eine mit dicken Plüschkissen wie bei Hamid. Tee-Zeremonie ist in Marokko traditionell Männersache und Hamid, eigentlich Tischler von Beruf, hat sich darauf spezialisiert. Er platziert die Gäste im Gesellschaftszimmer seines Hauses. In hohem Bogen gießt er grünen Tee treffsicher in mit frischer Minze gefüllte Gläser. Nur mit dem Schwung bilde sich der nötige Schaum, erklärt der Meister. Ordentlich süß, ein Keks dazu, das ist Bedingung.

Tee-Zeremonie bei Hamid, Fès, Marokko

Tee-Zeremonie bei Hamid

Die vierte Königsstadt ist Marrakesch (4). Im 11. Jahrhundert in der Wüste gegründet, ist sie nach langer Fahrt durch den Atlas erreicht. Nach dem Besuch der Koutobia-Moschee, der Saadiergräber und der Medersa Ben Youssef lässt man sich einfach im Strom der Menschen mit in das Labyrinth der Basare treiben. Hufe von Mulis klappern, Motorräder knattern, Kofferradios dröhnen. „Welcome“ ruft ein junger Marokkaner und winkt. Seit das Schlepperunwesen eingedämmt ist und kein Teppichhändler mehr an einem zerrt, schlendert man jetzt völlig entspannt.

Im Souk Attarine kündigt das Donnern der Tamborine und piepsigen Töne der Ghaida-Flöten der Schlangenbeschwörer schon den Marktplatz Djemaa el Fna an. Er ist das Herz der Altstadt, das seine Größe einem gescheiterten Sultansplan verdankt, hier eine Moschee zu errichten. Garküchen duften, Gaukler tanzen, Wasserverkäufer, Hennakünstlerinnen stehen herum. Wie Fátima, die Hände und Füße mit Färberstrauchfarbe bemalt. „Schöne Frau“, säuselt sie auf Englisch, während sie ihren plastifizierten Musterkatalog für die rotbraunen Tattoos vor der Deutschen aufblättert. „Du wirst die Schönste sein“, flüstert sie. Die Frau ziert sich. „Nur ein kleines Ornament“, lockt Fátima. Kaum sind sie übereingekommen, malt Fátima mit flinkem Strich zierliche Arabesken auf die Haut, die nach zwei Wochen schon wieder verblasst sind.

Handbemalung mit Henna auf dem Gauklerplatz Jemaa el Fna in Marrakesch, Marokko

Handbemalung mit Henna auf dem Gauklerplatz Jemaa el Fna in Marrakesch

Langsam senkt sich die rotglühende Sonne hinter dem Minarett der Koutobia-Moschee. Wie vor Stunden sitzt Märchenerzählerin Saida noch immer an derselben Stelle, von Zuhörern umringt und erzählt ihre Geschichten. „Eine noch, nur eine noch“, ruft eine verschleierte Frau. Und Saida beginnt: „Es war einmal ein mächtiger Sultan ...“

Reiseinformationen

Studienrundreise zu den vier Königsstädten: z.B. Dertour, www.dertour.de. Außerdem bei Studiosus, Neckermann Reisen, u.a.

Beste Reisezeit: März bis Mai, Okt. + Nov.

Auskunft: Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 0211-370551, www.visitmorocco.com.

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

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