Majestätische Burgmauern, filmreife Zisternen und mystische Innenstädte

Portugiesische Spuren an Marokkos Atlantikküste

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

Marokko - Al Jadida

Als Aboulkacem Chebri vor knapp dreißig Jahren mit seinem Archäologiestudium in der marokkanischen Königsstadt Rabat fertig war, suchte er nach Arbeit – und fand eine Stelle in einer verfallenen Kleinstadt am Atlantik, etwa 100 Kilometer südlich von Casablanca. Diese Stadt, sie hieß während des französischen Protektorats Mazagan, nach der Unabhängigkeit wurde sie in Al Jadida umbenannt, war lange in Vergessenheit geraten. Gerade deshalb bot sie zahlreiche archäologische Schätze. Darunter alte gotische Zisternengewölbe, ein von den Portugiesen errichtetes Fort, das über dem Atlantik thront, und gleich mehrere katholische Kirchen. Im Jahr 2004, etwa 500 Jahre nach der Ankunft der Portugiesen, die ihre Außenposten an der marokkanischen Atlantikküste als Stützpunkte für den Seeweg nach Brasilien nutzten, war El Jadida bereits deutlich besser im Schuss - und wurde von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Marokko - Al Jadida - Fort

„Die Portugiesen kamen 1502 nach Mazagan und blieben hier bis 1769, nirgendwo sonst in Marokko waren sie länger“, berichtet Chebri, als er uns durch die Medina, das heißt die Altstadt, von El Jadida führt. Als die Portugiesen nach einer zweimonatigen Belagerung durch marokkanische Truppen im Jahr 1769 abziehen mussten, brachten sie etwa 2000 Bewohner der Stadt in den Lissaboner Stadtteil Belem und steckten sie dort in Quarantäne, bevor viele von ihnen nach Brasilien umgesiedelt wurden. Die neugegründete Stadt Novo Mazagão befindet sich direkt am Amazonasufer im Bundesstaat Amapá. Bis heute erinnern sich die Menschen dort an ihre marokkanisch-portugiesischen Wurzeln.

Marokko - Al Jadida

Das alte Mazagão jedoch verfiel, bis es im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Heute finden sich hier stilvolle Restaurants und Hotels, die zum Teil in früheren Kirchen untergebracht sind, kleine Souvenirgeschäfte und Sehenswürdigkeiten wie das ehemalige Weizen- und Waffenlager der Portugiesen, das 1514 gebaut und 1541 zur Zisterne umfunktioniert wurde. Die „Citerne Portugaise“ mit ihrem faszinierenden Kreuzrippengewölbe, das von 25 Steinsäulen getragen wird, die in fünf Reihen nebeneinander stehen, diente häufig als Filmkulisse, unter anderem für Orson Welles, und kann gegen einen kleinen Obolus besichtigt werden. Doch Vorsicht: auch wenn sich das meiste Wasser in dem Gewölbekeller unter einer Deckenöffnung mit dreieinhalb Meter Durchmesser versammelt, bilden sich auch auf dem rotbraun gepflasterten Fußboden zuweilen größere Pfützen. Die Kanäle, über welche die Zisterne in der portugiesischen Zeit mit Wasser versorgt wurde, haben Aboulkacem Chebri und seine Kollegen übrigens bis heute nicht entdeckt.

Marokko - Al Jadida - Zisterne

Derzeit kümmern sie sich nicht um dieses Rätsel, denn momentan treibt den Archäologen eine ganz andere Frage viel mehr um: Lässt sich der Erfolg von El Jadida im Ort Azzemour, dessen Medina relativ verfallen ist, in den nächsten Jahren wiederholen. Azzemour war ebenfalls portugiesisch besetzt, allerdings nicht, wie das sechzehn Kilometer entfernte El Jadida, mehr als 250 Jahre, sondern nur 28 Jahre, von 1513 bis 1541. Auch in der Medina von Azzemour haben Restaurierungsarbeiten begonnen, diese gehen jedoch nur langsam voran. Dennoch hat sich Abolkacem Chebri in seine neue Aufgabe regelrecht vernarrt. Im Jahr 2017 wurde die alte Stadtmauer, eine 70 Zentimeter dicke Befestigung aus Erde und Kalk, wieder aufgebaut, ihr Vorgänger war zusammengefallen. Die Häuser der Altstadt hingegen sind zum Großteil noch unrestauriert. „Für mich ist diese Stadt eine mystische Stadt“, versichert Chebri.

Marokko - Azzemour

Azzemour, so seine Hoffnung, soll wieder aufleben, so wie die nördlich von Agadir gelegene Stadt Essaouira, die ebenfalls lange portugiesisch war und die bereits seit dem Jahr 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Dort, so berichtet Chebri, habe man zuerst restauriert, danach kamen dann die Investments. „Unser Ziel ist aber kein zweites Essaouira, sondern ein neues Azzemour“, versichert Chebri, der uns auch in das Atelier eines Künstlers führt, der hier Azzemour seinen Zweitwohnsitz hat. Und er zeigt uns ein Wandgemälde, das einen jungen Einheimischen darstellt, der weltberühmt wurde. Mustafa Azemmouri war ein dunkelhäutiger Berber, der 1522 während einer Trockenheit von den Portugiesen an einen spanischen Herren als Sklave verkauft wurde und der nach 1527 bei einer Expedition zur Kolonisierung der neuen Welt mit dabei war. Dabei landeten die Entdecker unter anderem im heutigen Florida, strandeten aber anschließend, so dass Mustafa, der inzwischen getauft war und Esteban hieß, mehrere Jahre lang mit drei Spaniern zusammen unter den Einheimischen lebte. Zuerst in Gefangenschaft, anschließend, nachdem sie geflohen waren, als geachtete Medizinmänner. Jahre später machte der spanische Vizekönig Esteban sogar zum Anführer einer Expedition nach New Mexiko, um dort Gold zu finden.

Marokko - Azzemour

Azzemour, das macht der Rundgang mit Aboulkacem Chebri deutlich, verfügt nicht nur architektonische Perlen, die darauf warten, neu entdeckt zu werden, mindestens ebenso faszinierend ist die Geschichte der Stadt und der Region. So verehren die Einheimischen gleich zwei frommer Männer, die hier in Heiligengräbern ruhen: einen gläubigen Juden, den Rabbiner Abraham Mull Niss, und einen gläubigen Muslim, den Sufi Moulay Bouchaib Erredad. Etwa zwei Kilometer entfernt, an der Mündung des Oum er-Rbia-Flusses, findet sich die Qubba einer weiblichen Heiligen: Sie trägt den Namen Lalla Aicha Bahriand und ein Besuch bei ihr soll Frauen helfen, ihren Kinderwunsch verwirklichen zu können. Über Jahrhunderte war Azzemour ein religiöser und kultureller Schmelztiegel: Im Kunsthandwerkszentrum der Stadt konzentriert man sich unter anderem auf Drachenmotive, meist weiß auf rotem Hintergrund, die womöglich von den Portugiesen aus Fernost hierher transferiert worden waren.

Marokko - Azzemour

Bislang lockt der Charme Azzemours vor allem Einheimische, die nicht nur die Medina und die Künstlerhäuser besichtigen, sondern häufig auch mit einem Boot auf dem Oum er-Rbia unterwegs sind. Der längste und wasserreichste Fluss Marokkos mündet nicht weit von Azzemour entfernt in den Atlantik. Vermutlich wird diesen Strom noch viel Wasser hinabfließen, eher Azzemour renoviert und herausgeputzt ist, doch auch eine orientalisch-märchenhafte Erfahrung bietet ein Besuch der Stadt mit ihren kleinen gekalkten Häusern auch jetzt schon. Nicht nur der Archäologe Aboulkacem Chebri , der sich nach der Renovierung von El Jadida nun vor allem um Azzemour kümmert, spürt beim Gang durch die verwinkelten Gassen, dass die ehedem portugiesische Stadt etwas Magisches und Mystisches hat.

Marokko - Azzemour

 

Informationen

Übernachten

Am sechzehn Kilometer langen Sandstrand zwischen El Jadida und Azzemour finden sich mehrere komfortable Strandresorts, unter anderem das Pullman Magazan Royal Golf & Spa (E-Mail H2960@accor.com) und das Magazin Beach & Golf Resort (www.mazaganbeachresort.com). Beide Häuser sind u. a. bei FTI buchbar.

Direkt in der Altstadt von El Jadida empfiehlt sich das Design-Hotel L’Iglesia (www.iglesia.com), mit seinen 14 individuell eingerichteten Zimmern.

Infos

Marokkanisches Fremdenverkehrsamt
Graf Adolf Strasse 59
40210 Düsseldorf
Tel. 0211/370551
www.visitmorocco.com/de

Marokko - Azzemour

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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