Reisemagazin schwarzaufweiss

Die "grüne" Insel Korfu

Von der sehenswerten Hauptstadt Kerkyra auf den Corfu-Trail

Text und Fotos: Stephan Eigendorf

„Wir landen gleich im Wasser“, meint eine junge Frau scherzhaft nach einem Blick aus dem Fenster. Ihre Sitznachbarin bricht das ansonsten herrschende etwas angespannte Schweigen in der Kabine des Airbus nicht, aber ein Lächeln huscht für einen kurzen Moment über ihr Gesicht. Diesmal fällt die Wasserung allerdings aus, im Tiefflug donnert der Jet über die von der österreichischen Kaiserin Sisi geliebte winzige Mäuseinsel (Pontikonissi) und die gegenüber gelegene fotogene Klosterinsel Vlacherna, dann quietschen die Räder beim Aufsetzen auf dem Asphalt der Landebahn, die tatsächlich bis an das Wasser reicht. Das ist auch anders als vielerorts in Griechenland, wie angeblich vieles auf Korfu anders ist. Ist das so? Dem gehen wir mal nach.

Griechenland - Korfu - venezianisches Ambiente in Kerkyra

Venezianisches Ambiente in Kerkyra?

Und das kann man wohl am Besten in der benachbarten Hauptstadt der, nach Kefalos, zweitgrößten der Ionischen Inseln. Kerkyra nennen die Griechen nicht nur die Stadt, sondern auch die Insel selbst. Der Legende nach ist sie nach der Nymphe Gorgyra (oder auch Kerkyra) benannt, die von dem Meeresgott Poseidon auf die Insel gebracht worden war. Eine Legende eben. Tatsächlich taucht der Name in der abgewandelter Form „Korkyra“ bereits um 1200 v. Chr. auf einem schriftlichen Fundstück auf. Der heutige Name Korfu stammt dagegen aus byzantinischer Zeit. War die ehemals eigenständige Insel, später erste römische Provinz des heutigen Griechenlands, wurde sie nach dem Untergang des Römischen Reichs im Jahre 395 Teil des nachfolgenden Oströmischen Reichs, dessen Hauptstadt Byzanz war, das heutige Istanbul. Auf einer felsigen ins Meer ragenden Landzunge errichteten die Byzantiner bereits im frühen 6. Jh. eine Festung und nannten die aus dieser Keimzelle entstehende Stadt „Koryfo“.

Griechenland - Korfu - die Alte Festung in Kerkyra vom Wasser aus

Die Alte Festung in Kerkyra vom Wasser aus

In den Jahrhunderten danach wurde die Festung immer weiter ausgebaut und beherbergte im Mittelalter nahezu die gesamte Stadt mit rund 3000 Menschen. Bis Mitte des 14. Jh. sahen die Bewohner der Insel viele Herren kommen und auch wieder gehen - Sarazenen, Normannen, Franken, doch wohl keine beeinflussten die Architektur und Kultur der Insel so nachhaltig wie die Venezianer, deren feudale Herrschaft bis 1797 andauerte. Und sie wussten ihre Macht zu verteidigen, sie bauten die Festung massiv aus und trennten sie durch den Bau eines Burggrabens, der Kontrafossa, von der Insel. Die größte Bedrohung ging von den Osmanen aus, die mehrmals versuchten Korfu einzunehmen. Doch nach einer längeren Belagerung der Stadt durch die Muslime, setzte 1716 die venezianische Armee unter dem Deutschen Johann Matthias von der Schulenburg dem Spuk endgültig ein Ende. Für seine Verdienste hat man ihm vor der Alten Festung ein barockes Denkmal gesetzt.

Griechenland - Korfu - Denkmal Johann Matthias von der Schulenburg in Kerkyra

Johann Matthias von der Schulenburg

1815 gelangte Korfu als Teil der Republik der Ionischen Inseln unter britisches Protektorat. In der Zeit bis 1864, bis die Insel schließlich Griechenland angegliedert wurde, schufen die Briten das Gros der modernen Infrastruktur, darunter das für griechische Verhältnisse dichte Straßennetz.

Heute ist die Alte Festung (Palaió Froúrio) die wohl wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt und das investierte Eintrittsgeld gut angelegt, denn von der Anlage hat man einen fantastischen Blick über die Stadt, die städtischen Hafenanlagen mit den Kreuzfahrerkais und die Festlandküste auf der anderen Seite.

Griechenland - Korfu - Wassergraben vor der Alten Festung in Kerkyra

Blick auf den Wassergraben vor der Alten Festung

Nachdem man die Brücke über den Wassergraben passiert hat, in dem heute Freizeitboote liegen und an dessen Ufer kleine Hütten und Schuppen stehen, zeigt eine Ausstellung in einem Seitenraum des Torbaus aus venezianischer Zeit Mosaike und Wandmalereien aus frühchristlicher Zeit. Die meisten der heute erhaltenen Bauten hinter den mächtigen Festungsmauern sind Überbleibsel aus britischer Zeit, wie die ehemaligen Baracken der Soldaten, das alte Hospital und die von außen fast wie ein dorischer Tempel anmutende Kirche Agios Georgios. Kanonen aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dem weitläufigen Gelände vermitteln einen Eindruck mit welchem Kaliber zu damaliger Zeit im Ernstfall geschossen wurde.

Griechenland - Korfu - Alte Festung in Kerkyra

In der Alten Festung

Das höchste Bauwerk der Festungsanlage und Ziel der meisten Besucher ist der Land Tower. Durch Gänge mit abgenutzter Pflasterung und über Treppen gelangt man auf die Plattform, von der man nicht nur den bereits erwähnten Panoramablick über die Stadt hat, sondern auch die ganzen Ausmaße der alten venezianischen Anlage erkennen kann. Der Blick darauf zeigt ebenso, wie klein die Stadt Kerkyra hinter diesen Mauern im Mittelalter im Vergleich zu heute gewesen ist.

Griechenland - Korfu - Blick von der Alten Festung auf die Esplanade und die Altstadt mit der Neuen Festung

Blick von der Alten Festung auf die Esplanade und die Altstadt mit der Neuen Festung

Schweift der Blick über die Dächer der Häuser der Innenstadt, stellt man fest, dass die Alte Festung nicht das einzige Bollwerk zur Verteidigung Kerkyras war, denn in rund 450 Metern Luftlinie erhebt sich bedrohlich die Neue Festung (Neo Froúrio). Nach der Belagerung durch der Osmanen im Jahre 1576 sahen sich die Venezianer genötigt, weitere Maßnahmen zum Schutz der Stadt sowie natürlich zur Sicherung ihrer Macht zu ergreifen und ließen die abweisend wirkende Festung direkt am Wasser am heutigen Hafen bis 1645 errichten.

Griechenland - Korfu - Neue Festung in Kerkyra

Auf der Neuen Festung

Einst waren die Festen durch eine Mauer verbunden, das letzte erhaltene Stadttor befindet sich recht unscheinbar als Durchgang in einem Haus am Rand der Fußgängerzone. Die gut erhaltene Verteidigungsanlage, die an mancher Stelle noch den in Stein gehauenen geflügelten Löwen, als herrschaftliches Zeichen der Republik Venedig, trägt, ist heute frei zugänglich, allerdings wenig spektakulär. Die Gebäude sind zumeist verschlossen, so dass man nur auf den Freiflächen herumlaufen kann, aber auch von der obersten Ebene einen phantastischen Blick über den Ort, die Umgebung und auf die Alte Festung hat.

Griechenland - Korfu - Das letzte der alten Stadttore in Kerkyra

Das letzte der alten Stadttore

Durch die Altstadt von Kerkyra

Und vor letzterer dehnt sich ein breiter von Straßen und Wegen durchzogener Grünstreifen aus, die Esplanade (griech. Spianáda). Eine Art Park, der mit seinen zahlreichen Bänken zum Verweilen einlädt war die Esplanade nicht immer, vielmehr ist seine Entstehung der Entwicklung der Kriegswaffentechnik geschuldet. Genauer gesagt, der massenhaften Einführung und Nutzung von Kanonen mit dem 15. Jahrhundert. Um ein freieres Schussfeld zu schaffen, ließen die Venezianer nach einem osmanischen Angriff 1537 einfach die hier befindlichen Häuser abreißen und nutzten den Platz als Exerzierplatz.

Griechenland - Korfu - Rotunde zu Ehren des ersten Lordhochkommissars der Ionischen Inseln, Sir Thomas Maitland, in Kerkyra auf der Esplanade

Rotunde auf der Esplanade

In eine Parkanlage mit Springbrunnen, Blumenrabatten, Bäumen und Hecken verwandelten erst die Franzosen und Briten das Areal in der ersten Hälfte des 19. Jh. während ihrer jeweiligen Herrschaftszeit. Zentral steht auf der Anlage das Ênosis-Denkmal, das an den Anschluss der sieben Ionischen Inseln an Griechenland im Jahre 1864 erinnert. Gut besucht sind oft die schattigen Plätze auf den Bänken rund um den frei stehenden Musikpavillon im Stil der Belle Epoche. Die nahe gelegene Rotunde zu Ehren des ersten Lordhochkommissars der Ionischen Inseln, Sir Thomas Maitland, ist wegen Baufälligkeit durch einen eisernen Zaun geschützt, nur von außen anzusehen und nicht zu betreten. Einige Meter weiter haben die Korfioten einem der ihren und dem ersten griechischen Präsidenten nach dem Unabhängigkeitskrieg 1829, Ioannis Kapodistrias, vor dem alten Gebäude der 1824 von Frederick North, Earl of Guilford, gegründeten Ionischen Universität auf Korfu ein Denkmal gesetzt.

Griechenland - Korfu - Gebäude der Ionischen Universität in Kerkyra mit dem venezianischen Löwen am Treppenaufgang

Gebäude der Ionischen Universität, am Treppenaufgang sieht man ein Relief mit dem venezianischen Löwen

Weitaus imposanter ist der Bau, der die Esplanade zur entgegengesetzten Seite begrenzt, der Palast der Heiligen Georgios und Michael. Die Briten ließen den Palast 1816 von maltesischen Bauhandwerkern und unter Verwendung von von dort importiertem Baumaterial im neoklassizistischen Stil mit 20 dorischen Säulen, einem Fries des korfiotischen Bildhauers Pávlos Prosaléntis und mit je einem Triumphbogen zur Rechten und zur Linken als Gouverneurspalast errichten. Der hier ehemals residierende Lordhochkommisar ist allerdings längst genauso ausgezogen, wie die später hier zeitweise wohnende griechische Königsfamilie. Heute ist hier das Asiatische Museum untergebracht mit der mit 10.000 Objekten größten Sammlung seiner Art in Griechenland.

Griechenland - Korfu - Palast der Heiligen Georgios und Michael in Kerkyra an der Esplanade

Palast der Heiligen Georgios und Michael

Richtig ruhig ist es rund um die Esplanade nicht wirklich, was auch daran liegt, dass die Küstenstraße längs des Platzes an der Alten Festung vorbeiführt. Doch das schreckt keinen der Gäste der Cafés und Restaurants deren Geschäfte auf der gegenüber liegenden Seite direkt an die Esplanade grenzen. Wer die Wahl hat, hat die Qual, welche Sitzplätze sind wohl die besten unter den Schatten spendenden zahlreichen Schirmen oder sitzt man unter den Arkaden des Anfang des 19. Jh. von den Franzosen im klassizistischem Empirestil erbauten Listón, einem Ensemble mehrerer Gebäude, doch besser? Da hilft wohl nur eine Sitzprobe.

Griechenland - Korfu - der Liston in Kerkyra

Listón

 

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