Auf wackeligen Gleisen

 

Unterwegs ein Halt in Entrevaux. Man betritt das Dorf über eine Zugbrücke durch das Tor „Porte Royale“. Unter Ludwig XIV. ließ General und Festungsbaumeister Marquis de Vauban im 17. Jahrhundert hoch über dem Ort eine Zitadelle errichten, die man über einen steilen Zickzack-Pfad erreicht. Grandios ist die Aussicht vom alten Gemäuer auf Entrevaux und ins Var-Tal.

Frankreich - Blick von der Zitadelle in Entrevaux

Blick von der Zitadelle in Entrevaux

Etwas neuzeitlicher sind die Ausstellungsstücke im „Musée de la moto“ mitten im Dorf. In einem Gewölbe haben Michel und Franck Lucani auf zwei Etagen mehr als 75 Motorräder, Vespas und Fahrräder mit Hilfsmotor aus den Jahren 1905 bis 1968 geparkt. Eine amerikanische Harley-Davidson von 1917 glänzt neben einer italienischen Moto Morini von 1954. Auf Regalen stapeln sich Motoren. An den Wänden prangen alte Reklameschilder. „Die Zweiräder stammen aus verschiedenen europäischen Ländern und den USA. Leider können wir nur einen Teil unserer Sammlung ausstellen. Wir benötigen dringend mehr Platz“, sagt Michel Lucani: „Während der Sommermonate haben wir täglich geöffnet. Eintritt und Staunen sind kostenlos.“ Gegen eine Spende in die Blechdose am Ausgang haben die Lucanis aber nichts einzuwenden.

Frankreich - Entrevaux - Michel Lucani vom Musée de la moto

Michel Lucani im „Musée de la moto“

Wie in vielen Bahnhöfen entlang der Trasse ist auch in Entrevaux die Bahnhofsuhr längst stehen geblieben. Ein warmer Sommerwind fegt über die teils von Unkraut überwucherten Gleise. Ein Pfiff des Dampfrosses mahnt zum Aufbruch zur letzten Etappe. Wie ein bewohntes Freilichtmuseum mit Bauten aus Mittelalter und Renaissance wirkt Annot, das der Zug über einen hohen Viadukt erreicht. Das Städtchen wird nicht von einer Festung, sondern von bizarren Kalksandsteinformationen überragt, an denen sich zahlreiche Kletterer versuchen. Die ersten Menschen, die sich in der Gegend niederließen, bauten ihre Behausungen in die Felsen hinein. Wahre „Pufferküsser“ verbringen den dreistündigen Aufenthalt lieber mit gezückten Kameras am Bahnhof statt durch die „Grès d’Annot“ zu wandern. Denn schließlich muss die Lokomotive für die Rückfahrt auf einer Drehscheibe in die richtige Richtung gebracht werden. Dazu benötigen sieben Männer ordentlich Muckis. Lokführer Stéphane genießt die Ehrenrunde entspannt im Führerstand.

Frankreich - Dampfzug in Annot

In Annot wird die Lok gedreht

Wer nicht mit dem Dampfzug nach Puget-Théniers zurückfahren möchte, der kann in den regulären Zug weiter Richtung Digne-les Bains einsteigen. Das ist heute ein alter blauweißer Triebwagen. Hier sitzt Lokführer Jean nicht abgetrennt in einer geschlossenen Kabine wie bei den neuen organgefarbenen Fahrzeugen, sondern direkt im Fahrgastraum. Ganz lässig mit übergeschlagenem Bein und einem „Café au lait“ in der Hand. Seit zehn Jahren sei er im „Train des Pignes“ unterwegs, erwähnt er, mal im neuen Zug, mal in einem alten Wagen wie diesem. Während der Fahrt lässt er sich über die Schulter schauen und beantwortet auch neugierige Fragen: Wie kam der Zug zu seinem Namen? „Dazu gibt es unterschiedliche Legenden“, meint Jean: „Eine besagt, dass die Bahn einst so langsam fuhr, dass die Passagiere unterwegs ausstiegen und Pinienzapfen sammelten – für den heimischen Herd und um der Lok zusätzlich einzuheizen. Heute rauschen wir je nach Gegend mit 40 bis 80 Kilometern pro Stunde durch die Landschaft.“ Die Strecke gewinnt an Höhe. Pinien- und Lärchenwälder werden dichter. Schroff ragen Kalksandsteinfelsen empor. Bei La Colle-Saint-Michel durchfährt der Zug den längsten von 25 Tunneln mit fast dreieinhalb Kilometern Länge. Kurz darauf ist der Scheitelpunkt erreicht. Von 1.000 Metern quietscht der „Train des Pignes“ durch viele Kurven und balanciert über schmale Brücken wieder einige hundert Meter hinab bis zur Lavendelhauptstadt Digne-les-Bains. Jean hüpft auf seinem Sessel hoch und runter wie ein Flummi. „Man nennt den „Pinienzapfenzug“ auch TGV“, erklärt er: „Nicht „Train à Grande Vitesse“, sondern „Train à Grande Vibration.“ Schwindelerregend ist der Blick aus dem Zugfenster entlang des wilden Gebirgsflusses Verdon. Immer wieder lässt Jean die Hupe ertönen, denn der Schienenstrang ist von Sträuchern und Bäumen fast dschungelartig zugewachsen und uneinsichtig.

Frankreich - alter Pinienzapfenzug auf Viadukt bei Annot

Alter blauweißer Zug auf einem Viadukt bei Annot

Mit nur zehn Minuten Verspätung fährt der Triebwagen in die Endstation ein. Digne-les-Bains verdankt seine Glanzzeit während der Belle Époque vor über 100 Jahren heißen Quellen. In der 17.000-Einwohner-Kurstadt gibt es mehrere Museen: das städtische Museum Gassendi, das sich der lokalen Geschichte, der Wissenschaft, zeitgenössischer und traditioneller Kunst widmet, das Musée de la Lavande, das Anbau, Ernte und Verarbeitung des Lavendels von 1900 bis heute demonstriert, sowie das Musée Promenade, ein Naturmuseum mit Parkanlage, in dem die frühe Erdgeschichte veranschaulicht wird. Bei Straßenbauarbeiten entdeckte man per Zufall fossile Spuren. Auf einer freiliegenden Ammonitenplatte unterhalb des Geländes wurden 1.550 versteinerte Weichtiere gezählt, die über 200 Millionen Jahre alt sind. Das größte hat eine Länge von 70 Zentimetern.

Frankreich - versteinerte Weichtiere in Digne-les-Bains

Versteinerte Tiere in Digne-les-Bains

Morgens um viertel nach sieben verlässt der erste Zug Digne-les-Bains Richtung Nizza. Kurz darauf am Bahnhof Saint-Jurson steigt Max Julien ein. „Hin und wieder muss auch ich mal Großstadtluft statt Lavendelduft schnuppern“, meint er und schmunzelt: „Der „Train des Pignes“ ist meine Verbindung zur Außenwelt.“

Frankreich - neuer Pinienzapfenzug im Bahnhof von Nizza

Neuer Pinienzapfenzug im Bahnhof von Nizza

 

Informationen

„Pinienzapfenzug“

Der Train des Pignes befährt die 151 Kilometer lange Strecke zwischen Nizza und Digne-les-Bains ganzjährig. Täglich vier Abfahrten je Richtung. Ein- und Ausstieg an über 50 Zwischenstationen möglich: www.trainprovence.com - Informationen – auch zu Dampfzugfahrten -, Fahrpläne, Preise (in französischer und englischer Sprache).

Tipp: Auf der Fahrt von Nizza nach Digne-les-Bains sitzt man für die beste Aussicht in Fahrtrichtung links.

Von Mai bis Oktober ist jeden Sonntag zwischen Puget-Théniers, Entrevaux und Annot ein nostalgischer Dampfzug (le „Train à vapeur“) im Einsatz. Fahrtdauer eine Stunde mit dreistündigem Aufenthalt in Annot. Reservierung erforderlich: www.gecp.asso.fr

Mit der Côte d’Azur Card (www.cotedazur-card.com) sind viele Aktivitäten, Museen sowie eine Fahrt mit dem Dampfzug ermäßigt oder kostenlos.

Übernachtungsmöglichkeiten entlang der Strecke

Hotel Villa Saint-Hubert
26, Rue Michel-Ange, Nizza
Tel. +33 4 93 84 66 51
www.villasainthubert.com
Familiengeführte Hotel-Pension Garni mit kleinem Garten in ruhiger Seitenstraße. Individuell gestaltete Zimmer. Acht Minuten Fußweg zum Schmalspurbahnhof „Les Chemins de Fer de Provence“. Straßenbahn-Haltestelle „Borriglione“ Richtung Altstadt/Meer 50 Meter entfernt.

Hotel & Restaurant de l’Avenue
Avenue de la Gare, Annot
Tel. +33 4 92 83 22 07
www.hotel-avenue.com
Familiengeführtes Hotel und Restaurant im mittelalterlichen Ort Annot. Ruhige Lage Nähe Bahnhof und Zentrum. Gemütliche, modern gestaltete Zimmer.

Hotel Tonic
36, Avenue des Thermes, Digne-les-Bains
Tel. +33 4 92 32 2031
www.hotel-tonic-digne.com
Ruhig gelegenes Hotel am Ortsrand. Zimmer mit Balkon. Außenswimmingpool. Restaurant mit einheimischer und internationaler Küche.

Allgemeine Informationen

Nizza: www.nicetourisme.com

Region Côte d’Azur: www.cotedazur-tourisme.com

Region Provence-Alpes-Côte d’Azur: www.tourismepaca.fr

Region Alpes de Haute-Provence: www.alpes-haute-provence.com

Annot: www.annot-tourisme.com

Entrevaux: www.entrevaux.info

Digne-les-Bains: www.ot-dignelesbains.fr

Lavendelmuseum in Digne-les-Bains: www.musee-lavande-digne.fr

die Lavendel-Route: www.routes-lavande.com

Musée Promenade in Digne-les-Bains: www.museepromenade.com

Informationen Frankreich allgemein

ATOUT FRANCE – Französische Zentrale für Tourismus
Postfach 100128
60001 Frankfurt am Main
E-Mail: info.de@rendezvousenfrance.com
www.rendezvousenfrance.com

 

Die Reise wurde unterstützt von: Côte d’Azur Tourisme/Nizza (www.cotedazur-tourisme.com), Provence-Alpes-Côte d’Azur Tourisme/Marseille (www.tourismepaca.fr) und ADT Alpes de Haute-Provence/Digne-les-Bains (www.alpes-haute-provence.com)

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Suchen bei schwarzaufweiss


Das könnte Sie auch interessieren


Reiseveranstalter Frankreich bei schwarzaufweiss

 

Reiseführer Paris

„Paris ist alles, was Du willst“, schwärmte Fréderic Chopin, und bis heute ist die Seine-Metropole ein Schmelztiegel der Strömungen und Trends, der Kulturen und kreativen Impulse. Paris bestimmt, was Frankreich denkt, wie Europa tickt, was die Welt trägt. Kosmopolitisch und kleinstädtisch zugleich, schillernd bunt und doch urfranzösisch, hektisch und doch voller ruhiger Oasen zieht sie Bürger und Besucher in den Bann, die ihrem Mythos verfallen und ihn seit der Gründung zur Römerzeiten in immer neuen Facetten fortschreiben.

Reiseführer Paris

Mehr lesen ...

Kurzportrait Frankreich

"Ein Leben wie Gott in Frankreich", "Savoir vivre" - Sätze, die bei einem Urlaub in Frankreich keine leeren Worte bleiben müssen, vorausgesetzt, man übernimmt ein wenig die Lebensart der Franzosen, besucht Cafés, beobachtet die Menschen beim Boules-Spiel und nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen beim Einkauf. Auf einer Reise durch Frankreich können Sie sich auch von den Raffinessen der weltberühmten Küche überzeugen und dazu noch die lokalen Spezialitäten testen.

Kurzportrait Frankreich

Mehr lesen ...

 

Die Gärten von Salagon und Thomassin. Die blühende Hochprovence

Das Frühjahr ist genau die richtige Zeit, um die Flora der Hochprovence zu genießen: gelb und blau blühenden Lein, weiß und rosa blühende Orchideen, gelb blühenden Ginster, roter Klatschmohn und gelber Rainfarn, rosaviolettes Ziströschen oder sonnengelb blühendes Etruskisches Geißblatt. Gärten wie der der Priorat von Salagon sind nicht nur ein Königreich der Düfte und Farben, sondern zugleich ein „Juwel der Botanik“, bewahren sie doch Schätze der Gartenkultur vergangener Zeiten. Vergessene Pflanzen zu erhalten ist Aufgabe des Hauses der Biodiversität am Rande von Manosque, in dessen Garten einige hundert verschiedene Obstsorten für die Nachwelt erhalten werden.

Provence

Mehr lesen ...

Via Domitia: Per Rad auf der Römerstraße durchs Geschichtsbuch

Fünf Radwege folgen dem Hinterland der französischen Mittelmeerküste und bieten römische Hinterlassenschaften satt. Auf grünen Wegen, kleinen Nebenstraßen oder Feld- und Waldwegen führen die Rundkurse um die älteste Römerstraße Via Domitia durch Languedoc-Rousillon. Im 2. Jh. v. Chr. wurde mit ihrem Bau begonnen. Einst verband sie Rom mit seinen Provinzen in Spanien und führte so auch durch Gallien, die Provinz Gallia Narbonensis. Auf den geschichtsträchtigen Routen fanden Handelsgüter, Nachrichten aber auch Truppen mit römischen Streitwagen schnell ihren Weg. Auch heute noch, über 2.100 Jahre danach, lassen sich ihre Hinterlassenschaften besichtigen, und zwar per Rad.

Frankreich - Via Domitia

Mehr lesen ...