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Chalkidiki

Mount Athos: Vorgarten zum Paradies

Text und Fotos: Axel Pinck

Die Mönchsrepublik Athos in Nordgriechenland (Chalkidiki) erlebt eine Renaissance. Pilger und orthodoxe Mönche aus osteuropäischen Ländern entdecken die traditionellen Klöster neu. In der restaurierten Anlage einer tausendjährigen Klosterruine gleich vor der Grenze zum Klostergebiet können auch Frauen einen Blick in die heilige Männerwelt werfen.

Chalkidiki - Griechenland - Ausgrabung Kloster Zygou
Ausgrabungen im Kloster Zygou

“Das Kloster Zygou war fast 800 Jahre von Geröll und Gestrüpp verborgen. Jetzt legen wir seine Fundamente frei und versuchen die historischen Fresken und Mosaiken zu restaurieren“, erklärt Konstantína, die junge Archäologin aus Thessaloniki stolz. Ähnlich wie andere Klöster weiter im Süden ist die von einer Mauer mit 10 Türmen gesicherte Anlage bereits im 10. Jh. entstanden. Konstantína kann Besucher ohne Einschränkungen in der Klosterruine herumführen. Denn die mit Zaun und Schildern gesicherte Grenze zur halbautonomen Mönchsrepublik Athos liegt noch 40 m von Zygou entfernt. Und erst jenseits dieser Demarkationslinie ist ihr der Zugang gänzlich verwehrt. Dort beginnt eine Männerwelt, in der keine Frauen, nicht einmal weibliche Haustiere erlaubt sind. Als Begründung erfährt der männliche Besucher, dass die paradiesische Halbinsel im Norden Griechenlands der Jungfrau Maria geweiht sei, die allein die unbefleckte reine Weiblichkeit auf Athos repräsentiere.

Chalkidiki - Griechenland - Kloster Panteleimonos
Das Kloster Panteleimonos mit seinen grünen Zwiebeltürmen

Die Mönchsrepublik nimmt den 50 km langen und bis zu 8 km breiten östlichen Ausläufer von Chalkidiki in das Ägäische Meer Nordgriechenlands ein. Die Halbinsel Athos zählt mit ihrer nahezu unberührten bewaldeten Berglandschaft und dem 2033 m hohen Marmorgipfel Mount Athos, mit seinen bis zu 1000 Jahre alten orthodoxen Großklöstern und Mönchsgemeinschaften zum Weltkulturerbe der UNESCO. Eine viel besuchte Attraktion ist die Klosterwelt dennoch nicht. Nur 50 griechische sowie 10 ausländische Pilger erhalten täglich vom Heiligen Rat der Mönchsrepublik eine auf 4 Tage befristete Einreisegenehmigung. Hinzu kommen Gäste, die von einzelnen der insgesamt 20 Klöster direkt eingeladen werden. Wer die bürokratischen Hürden genommen und dabei glaubhaft gemacht hat, dass sein Besuch keine schnöden touristischen Ziele verfolgt, fährt mit dem Boot vom Pier des weltlichen Hafenstädtchens Ouranoupolis zum Klosterhafen Daphni wie auf einer Zeitreise ins Mittelalter. Schon der Anblick der vorbeiziehenden Küste mit langen, menschenleeren Stränden, das Bild dichter Pinien- und Eichenwälder ganz ohne die sonst allgegenwärtigen Hotels, Tavernen, Siedlungen und Ackerflächen erscheint wie ein Blick in die Vergangenheit. Und dann tauchen die ersten byzantinischen Klöster auf, Dochiarou, Xenofontos und das russisch orthodoxe Panteleimonos mit seinen grünen Zwiebeltürmen. Von hohen steinernen Mauern geschützt und verschachtelt an die Berghänge gebaut, ähneln sie Märchenschlössern aus einer Fantasiewelt.
„Erwirb den Geist des Friedens, und tausend Seelen um Euch herum werden Rettung finden,“ steht über einem der vielen Fresken im Kloster Xenofontos. Auch für gestresste Manager kein schlechtes Motto, wenn sie für ein paar Tage allem entfliehen wollen, um wieder zu sich selbst zu kommen. Griechische Top-Executives findet man regelmäßig unter den Pilgern, und auch internationaler Prominenz, wie dem britischen Prinz Charles, können Besucher unvermittelt im Klosterhof gegenüberstehen.

Chalkidiki - Griechenland - Kloster Dochiarou
Blick auf das Kloster Dochiarou

Wer das Kloster betritt, überschreitet eine Schwelle, von der äußerlichen in die innere Welt, von der Hektik in die Ruhe, von der Suche nach neuen Lösungen zur Besinnung auf traditionelle Rituale. Das Klosterleben der athonitischen Mönche folgt uralten, bereits im 4. Jahrhundert begründeten Regeln. Auch Besucher sind eingeladen, daran teilzunehmen. Um 16 Uhr versammeln sich alle Mönche im Klosterhof bei der „Phiale“, dem Brunnen mit dem geweihten Wasser. In der Hauptkapelle, der mit Fresken, kostbaren Leuchtern, Ikonen und Reliquien geschmückten „Catholico“ beginnt der Vespergottesdienst. Danach geht es zum Abendessen, das meist aus Bohnen, Brot, Gemüse, Oliven und Früchten, dazu Wasser und Wein besteht. An einem Stehpult in der Mitte des Raumes rezitiert ein Mönch aus der Bibel. Die Abendstunden sind frei, die Zeit miteinander zu diskutieren, zu lesen oder sich schlafen zu legen. Denn bereits um 4 Uhr beginnt die Morgenliturgie, sie wird um 8 Uhr vom Frühstück abgelöst. Dann gehen die Mönche ihrer individuellen Arbeit im Kloster nach. Viele Pilger verlassen nun die einfachen Gästezimmer und die kostenlose Gastfreundschaft des Klosters, um weiter zu reisen, zur nächsten Abtei oder zurück in die heutige, hier sehr ferne Welt.
Gut 2000 Mönche leben in den Klöstern und Einsiedeleien auf Athos, die Tendenz ist steigend. In der Blütezeit des Byzantinischen Reiches waren es einmal 30.000, unter der ottomanischen Herrschaft im 19. Jh. war ihre Zahl auf wenige Hundert geschrumpft.

Chalkidiki - Griechenland - Kloster Xenofontos
Im Kloster Xenofontos

Seit Kurzem nun kann der Mythos der heiligen Berge auch exportiert werden. Die griechische Weinkellerei Tsantali aus Thessaloniki hat nach einem Abkommen mit den regierenden Äbten die lange verwilderten Weinberge rund um das verlassene Kloster Chromitsa, nicht weit von der Nordgrenze der Mönchsrepublik, wieder auf Vordermann gebracht. Der „Mount Athos Vineyards“ eine Cuvée aus je einem Drittel der altgriechischen Rebsorte Limnio, von Cabernet Sauvignon und Merlot aus biologischem Anbau, reift neun Monate in neuen Eichenfässern. Der purpurrote, aromareiche und samtweiche Wein konnte bereits Auszeichnungen in Bordeaux, London, Verona und Deutschland ernten. Wichtiger noch: sein Genuss ist nicht allein Männern vorbehalten, er darf auch von Frauen und sogar von beiden gemeinsam genossen werden!

Chalikiki - Griechenland - Kloster Metochi
Weinbau am Mount Athos beim Kloster Metochi

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