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Spanien

Schrille Nächte in Madrid

Text und Fotos: Reiner Wandler

Vor über zehn Jahren begann der Aufstieg des Madrider Stadtteils Chueca. Das einst heruntergekommene Viertel ist heute d e r Szenetreffpunkt der spanischen Hauptstadt. Diskos, Cafés und schrille Insider-Clubs ziehen jedes Wochenende Scharen von Vergnügungssüchtigen an. Unser Autor entführt auch Sie zu heißen Diskonächten, zu einem Gläschen Wein in angesagte Kneipen und zum hippen Shopping in das regenbogenfarbige Viertel Marids, wo sich vor allem auch die Schwulen der spanischen Hauptstadt zuhause fühlen.

Madrid - Metrostation Chueca

Wer bei Julian in der Kneipe sitzt, der kommt fast zwangsläufig auf die jüngste spanische Geschichte zu sprechen. »Libertad 8«, Freiheit 8, heißt das Café. »Straßenname und Hausnummer, aber auch Programm«, sagt Julian nicht ohne Stolz. 1976, nur wenige Monate nach dem Tod von Diktator Francisco Franco, öffnete das Lokal. Alles, was aus der Kabarettistenszene, unter den Liedermachern oder in der Linken Rang und Namen hatte, ist hier aufgetreten oder hat hier das eine oder andere Bier geschlürft. »Ein Platz für Querdenker bis heute«, so charakterisiert Julian »Freiheit 8«.

Madrid - Bar in Chueca

An der Wand hängen Plakate, die die nächsten Auftritte und Lesungen ankündigen, daneben ein Poster, das einfach »Eine bessere Welt ist möglich« feststellt. Den Thekenraum schmückt das Porträt von Konstantino Kavafis, dem Lieblingsdichter der spanischen Boheme der 1970er und 1980er Jahre. Mit seinen Gedichten über innerer und äußerer Reisen machte er vielen Lust auf die Welt außerhalb der »Enge« Spaniens: »Verloren in den Tavernen und Bordellen von Beirut lebe ich das schlechte Leben.« Das sind die Zeilen, die unter dem Gemälde stehen. Und es scheint, als seien damit zugleich die Nächte Madrids umrissen.

Madrid - Friseursalon in Chueca

Hier begann der Aufbruch

»Hier im Stadtteil Chueca begann das, was die Movida genannt wurde.«, erzählt mir Julian. Kneipen, die die ganze Nacht offen hatten, schräge Gestalten und Paradiesvögel beim Rauchen eines Joints und beim Biertrinken und im Hintergrund ertönte die spanische Neuer Welle: Libertad, Freiheit eben. Alle waren sie Künstler, alle hatten sie den Traum vom großen Projekt. Einige wie der Filmemacher Pedro Almodóvar oder die Musikerin Alaska verwirklichten ihn, andere verglühten. Und mit ihnen der Stadtteil. In den späten 1980er Jahren ging es bergab. Das Heroin bemächtigte sich eines Teiles der Jugend auf den Straßen und Plätze von Chueca. »Viele Lokale schlossen, wir hielten aus.«, bemerkt Julian mit einem Grinsen im Gesicht. Es hat sich gelohnt. Heute ist Chueca wieder in und hip. Keine Kneipe, kein Geschäft, keine Wohnung steht mehr leer. »Den Wandel haben wir der Schwulenszene zu verdanken«, meint Julian, dessen »Libertad 8« fast schon eine Heteroinsel im neuen, regenbogenfarbenen Straßenbild ist.

Madris - Buchladen in Chueca

Alles ist auf das neue Publikum ausgerichtet, das seit Anfang der 1990er Jahre das heruntergekommene Quartier wieder aufrichtete. Das Coming-out eines ganzes Viertels ist eng verbunden mit der Demokratisierung Spaniens und den damit einhergehenden liberalen Moralvorstellungen. Die Schwulen gab es auch schon im verruchten Chueca der Movida und im dunklen Chueca der Drogen; versteckt in schmuddeligen Clubs mit dunklen Hinterzimmern, in denen der schnelle, anonyme Sex vor allem die Ausbreitung von Aids begünstigte.

Madrid - Club in Chueca

Da nun sich auch im Machoparadies Spanien immer mehr Gays offen zu ihrer Sexualität bekennen, blüht das neue Chueca. Große Schaufenster, helle Cafés, keiner versteckt sich mehr, wenn er seinen Lover küsst oder verliebt anschaut. Und wer den besonderen Kick sucht, der geht in Clubs wie das »Into The
Tank« in der Calle Calatrava, wo für Insider »thematische Sexfeste« geboten werden. Achtung, es besteht eine Kleiderordnung! Die Tür öffnet sich nur dem, der in sportlichem Outfit, im Militäry-Look oder in Gummiklamotten auftaucht.

Madrid - Plakat in Chueca

Schwul und bunt ist Chuenca nicht nur nachts

»Vorsicht, Sie verlassen den heterosexuellen Sektor« steht an viele Eingängen des Viertels gesprüht, das jedes Jahr den rauschendsten Christopher Street Day Spaniens bietet. Nicht zur Abschreckung, sondern zur eigenen Bestätigung. Doch auch Heteros sind hier gern gesehen. An Wochenenden kommen sie in Scharen. Nirgends in Madrid vermischt sich das Traditionelle mit dem Gestylten so sehr wie in Chueca. Wer die Calle Libertad hinunterschlendert, hat auf wenigen Metern die Auswahl zwischen neuer spanischer Küche, einem Spiel der Geschmäcker für Leute mit kleinem Hunger, traditioneller Hausmannskost verschiedener spanischer Regionen und lateinamerikanischer Küche.

Madrid - Bodega in Chueca

Auf der Plaza Chueca, gleich am U-Bahn-Ausgang, laden Terrassen zum Verweilen ein. Wer es gerne typisch madrilenisch mag, der geht auf der Stirnseite in »La Antiqua Casa Angel Sierra«, eine klassische Bodega, zum genüsslichen Schlürfen eines Weins oder Wermuts. Hier wird der wohl populärste Aperitif der spanischen Hauptstadt vom Fass gezapft. Außer dem Namen hat das Getränk mit dem, was sonst in Europa Wermut heißt, jedoch wenig gemein.Wer das Ausgefallene bevorzugt, wird sich sicher im »Mama Ines« in der Calle Hortaleza 22 mit seinen schrillen Comedyprogrammen »aus der Unterwelt Chuecas« recht wohl fühlen.

Madrd - Modegeschäft in Chueca

Schrille Mode, neustes Design und eine »Wohnidylle« mit Rissen

Wer die schicke Mode oder das neuste Design sucht, kommt nach Chueca. Boutiquen für Schuhe und Klamotten, aber auch Dutzende von kleinen Läden mit einem Warenangebot für den, der schon alles hat, aber trotzdem immer auf der Suche ist, ziehen auch tagsüber das Publikum an. Viele derer, die einst in Chueca nur das Nachtleben genossen, haben sich heute hier niedergelassen. Buchläden für Schwules und Schönes, Videotheken, Kraftstudios, der etwas andere Friseur, das nette Pärchen mit seinem Gemüseladen – sie alle versorgen die neue Bewohner des Quartiers: ein ganz normales Stadtteilleben, nur eben homosexuell.

Madrid - Cafe in Chueca

Die »Wohnidylle« wäre perfekt, wäre da nicht ein kleines Problem. Das Nachtleben, das sie hervorgebracht hat, ist auch weiterhin laut und schrill; der Schlaf vor allem am Wochenende gefährdet. Viele derer, die vor Jahren unten in der Disko oder Kneipe ihren Lover und späteren Mann fürs Lebens fanden, protestieren jetzt. »Durch Lärm kontaminierte Zone« steht auf den Plakaten, mit denen sie die Einschränkung ihrer eigenen Subkultur fordern.

 

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