Reisemagazin schwarzaufweiss

Algarve statt altes Eisen

Portugal mit Mama

Text und Fotos: Hilla Finckeldei

„Mama, willst du dir das in deinem Alter wirklich antun?“ Wie ein oft wiederholtes Mantra dringt der besorgte, aber eben auch etwas bevormundende Ton ihrer beiden Söhne an ihr Ohr. Natürlich macht man sich Sorgen, wenn die 79-jährige und nicht mehr ganz so mobile Mutter eine Reise nach Portugal plant.

Es kann losgehen. Meine beiden Brüder winken uns skeptisch nach, als ich meine Mutter am Arm nehme und mit ihr zum Auto gehe, auf dem Weg zum Flughafen und von dort nach Faro (1) an der Algarve.

Portugal - Algarve - typische Klippenlandschaft

Typische Klippenlandschaft

Kurze Zeit später befinden wir uns im Landeanflug auf Faro. Die Sonne strahlt uns entgegen, der Pilot verliest einen nahezu perfekten Wetterbericht und das Mietauto wartet ebenfalls um die Ecke. Wir haben auf den Transferservice zum Hotel verzichtet, weil wir uns gern in Eigenregie mit dem Auto bewegen wollen. Natürlich gibt es auch spezielle Anbieter für ältere Reisende, die in großer Zahl als jahreszeitliche „Flüchtlinge“ vor Eis und Schnee die Strände Spaniens und Portugals anvisieren. Längst sind Apartmenthäuser entstanden, die den Langzeitreisenden günstige Selbstversorgerwohnungen anbieten, oft mit Wellnessanwendungen, Pools und Nordic Walking als Serviceleistung. Auch Ausflüge und Tagesprogramme werden mehr und mehr auf ältere Reisende abgestimmt – der Generationswandel unserer Gesellschaft lässt sich am Tourismusgeschäft immer deutlicher ablesen.

Portugal - Algarve - Aldeamento Alfagar Poollandschaft

Aldeamento Alfagar, Poollandschaft

Bis zur Avisfiliale ist dies noch nicht ganz durchgesickert, denn während ich die Formulare ausfülle, steht nicht einmal ein Bänkchen für die wartende Begleitung zur Verfügung – ein klarer Minuspunkt für eine der führenden Vermietagenturen. Immerhin ist der Service recht schnell und so machen wir uns auf den Weg von Faro zum nahegelegenen Albufeira (2). Genauer gesagt nach Santa Eulalia.

Im Abendrot erreichen wir unsere Unterkunft und beziehen ein makelloses Apartment mit Blick auf das Meer und die schroffen Klippen, die in Ocker und Terrakotta nur darauf warten, von einer warmen Sonne förmlich entzündet zu werden. Das Meer rauscht, ein paar Möwen nehmen ihren Job als Vorboten eines Urlaubs an der See ernst und sausen majestätisch und laut kreischend über uns hinweg. Ein Pflanzenteppich aus fuchsia- und gelbfarbenen Kriechranken schließt nach und nach ihre Kelche zum abendlichen Schönheitsschlaf. An den Klippen entlang ist ein mühelos begehbarer kleiner Weg liebevoll mit Bänken ausgestattet, so dass eine strahlende, wenn auch etwas müde Mama die ersten Eindrücke des Landes in vollen Zügen genießen kann. Und das alles, während ich die gefühlten zweihundert Stufen zum Strand hinunterlaufe, um Beweisfotos eines spektakulären Sonnenuntergangs zu schießen und diese dann später mit ihr zu teilen.

Portugal - Algarve

Armação de Pêra

Sicherlich ist die Algarve in dieser Hinsicht nicht das rollatorfreundlichste Revier, doch an vielen bekannten Stränden stehen auch Rampen für den einfacheren Zugang zur Verfügung. Auf den kilometerlangen breiten Boulevards von Armação de Pêra (3) lässt es sich ebenso mühelos flanieren wie auf den akkurat gepflasterten Mosaikwegen des mittelalterlichen Albufeira oder der großzügigen Hafenstadt Portimao. Und schließlich haben wir ja unser Auto. In der Vorsaison findet sich an den Steilküsten und Zugängen zu den beliebten kleinen Buchten noch immer ein Plätzchen für unseren Flitzer. So können wir zumeist nahe an die Attraktionen heranfahren, um dann die letzten machbaren 200 oder 300 Meter kleine Spaziergänge einzulegen, untergehakt wie beste Freundinnen und immer mit dem Blick auf die netten Fischrestaurants. Schließlich sind Gaumenfreuden wichtig, aber noch wichtiger ist es, in Zeiten der Not eine Toilette nahe bei zu haben. Und so hangeln wir uns gemütlich und voller Staunen an einem spektakulären Küstenstreifen entlang, von dem Mama sagt, dass der ihrer Vorstellung vom Paradies schon sehr nahe kommt.

Portugal - Algarve - Restaurant Galé am Strand

Restaurant Galé am Strand

Apropos Paradies: Portugal als sehr katholisches Land hat natürlich auch eine Reihe von Kirchen aufzuweisen, die es sich zu besuchen lohnt. Wir fahren nach São Lourenço (4), in einen kleinen Ort nahe Almancil an der Küstenstraße 125, der die wohl berühmteste Kirche beherbergt, die die Algarve zu bieten hat. Wohl schon im 15. Jahrhundert erbaut, ist sie ein wahres Schmuckstück aus blauen Kacheln. Diese so genannten „Azulejos“ wurden von Antonio Oliveira Bernardes um 1730 gestaltet. Zu einem riesigen Wandgemälde zusammengefügt, füllen sie den Innenraum, die Decke und Kuppel der kleinen Kirche aus und machen sie zu einem „Wunder Portugals“ und einer der zehn meistbesuchten Sehenswürdigkeiten dieses Landstriches. Das gesamte Leben des heiligen Lorenz wird hier bildlich festgehalten und das Abschreiten kommt dem Nachlesen einer faszinierenden Geschichte gleich. Der Altar imponiert mit seinem reichhaltigen Goldprunk, bei dessen Anblick dem Besucher die koloniale Verflechtung Portugals mit Brasilien in funkelnder Weise vor Augen geführt wird.

Portugal - Algarve - in der Kirche von São Lourenço

In der Kirche von São Lourenço

Nach einer demütigen Pause geht es weiter ins Landesinnere. Schmunzelnd frage ich „Alte?“, und muss, bevor mich der strafende Blick meiner Mutter trifft, klarstellen, dass wir uns in ein wahres Vorzeigedorf dieses Namens begeben werden. Alte (5) ist mit seinen verwinkelten Gässchen und schmalen Pfaden, gepflasterten Wegen und blumengeschmückten Anhöhen ein wahrer Touristenmagnet geworden. Schon vor dem Ortseingang signalisieren große Busparkflächen, dass der Sommer hier wohl eher einem Rummelplatz als einem dörflichen Idyll gleicht – erneut freuen wir uns, in der noch kühlen und weniger überlaufenen Frühlingszeit hierher gekommen zu sein.

So begrüßt uns der Pastor des Örtchens beim Eintreten in die heimelige Kapelle sogar persönlich und spricht von seinen Studienfreunden, die er in Rom hatte und die zufällig auch Deutsche waren wie wir. In drei Sprachen und mit vielen Gesten versichern wir uns der gegenseitigen Sympathie. Er entlässt uns winkend ins Innere der Kirche, die ebenfalls reich mit Gold verziert ist und deren Seitenaltäre noch eine Art Reliquienschreine vorweisen. Was aus diesem Ort der Stille in der Hauptsaison wohl wird, frage ich mich melancholisch, und genieße das einvernehmliche Schweigen, das uns hier als bisher einzige Gäste noch umhüllt. Mama möchte ein paar Kerzen für all die entzünden, die nicht mit uns hier sein können, und kurz danach flackern die seltsam unpassend wirkenden elektrischen Lichtquellen auf, die nach dem Einwurf einiger Münzen für eine Stunde frei geschaltet werden. Ja, Kerzenruß schädigt die Kunstgegenstände, elektrisch ist moderner und unschädlicher, aber ich weiß doch nicht…Manchmal sollte „Alte“ doch zu seinem Namen stehen, oder?

In Olhão (6) im kleinen Restaurant „Casa das Tostas“ gegenüber den Markthallen empfiehlt uns ein spitzbübisch grinsender Chef seinen Favoriten: Schwertfisch mit Muscheln in Soße!

Portugal - Algarve - Schwertfisch in einem Restaurant

Schwertfisch mit Muscheln

Er geht von Tisch zu Tisch, erkundigt sich bei seinen Gästen nach ihren Vorlieben und huscht hin und her mit Bergen exquisiter Köstlichkeiten, die allesamt so gut aussehen, dass wir seinem Urteil blind vertrauen, obwohl Mama ja nicht so für Muscheln ist. Und dann… mir läuft noch immer das Wasser im Mund zusammen, wenn ich daran denke, wie das frisch gebackene Steinofenbrot in dicken Scheiben sich langsam mit diesem einmaligen Sud vollsaugt, der den Schwertfisch bedeckt. Zarte kleine Muscheln zergehen auf der Zunge, dazu serviert der Chef handgeschnittene frittierte Kartoffelscheiben, die knusprig zwischen den Zähnen zerspringen. Ein Gedicht auf einem Teller! Und dazu der köstliche Hauswein, weiß, rosé oder rot, je nach Gusto. Als Autofahrer hat man’s da schwer, denn natürlich muss man einfach ein Gläschen zum Essen trinken – auf unseren Nachbartischen stehen jeweils ganze Flaschen in rustikalen Sektkühlern. Doch wenn das schlechte Gewissen schon fast so groß ist wie die Hose eng, dann kommt der Chef noch ein weiteres Mal, diesmal mit einer Flasche der besonderen Art. Für die Männer gibt’s einen Portwein, für die Frauen ein Augenzwinkern und einen „Muscatel for the ladies“. Ich sehe Mama erröten (und das liegt bestimmt nicht nur am Wein!). Sie schwelgt im neuen Urlaubs-Lebensgefühl und grinst mich keck an: „Denk mal, wir sind in Olhao und das Essen ist einfach „wow“.“ „Jao!“ nicke ich vehement, „und morgen geht’s nach Portimão! (7)“ – Wir gackern wie die Hühner und Mama wirkt wie 8 und keineswegs wie 80! Wir lassen die Sorgen bei meinen skeptischen Brüdern in guter deutscher Obhut (die kennen sich damit ja aus!) und kichern uns wie die Teenager entlang der Hafenpromenade durch einen kleinen Regenschauer. Mamas Dauerwelle ist hin, aber was soll’s, dann trägt sie ab morgen einfach Minipli, wenn sich die Locken gnadenlos kringeln. Schließlich geht’s auf’s Schiff, da wird man eh durchgepustet!

 

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