Reisemagazin schwarzaufweiss

Früher war mehr Strand

Radfahren im südlichen Portugal

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Rund um Martinhal nahe der Südwestspitze Portugals bieten sich auch in den Wintermonaten bei milden Temperaturen Mountainbike-, Rennrad- und Trekkingradtouren für Radfahrer jeglicher Couleur an.

Portugal - am Ende der Ecovia litoral auf dem Kap

Am Ende der Ecovia litoral auf dem Kap

Dies ist das Ende. Das Ende des südwestlichen Zipfels Europas, das Ende der Ecovia litoral, des ökologischen Küstenwegs an der Algarve, und das Ende der fränkischen Bratwurst: „Letzte Bratwurst vor Amerika“ steht in großen Lettern an einem Kiosk zu lesen, und das scheint auch zu stimmen. Von hier aus, wo die Klippen jäh abbrechen, wo Europa ins Meer abfällt und der endlos scheinende Ozean beginnt, muss man schwimmen oder ein Boot nehmen. Voraus ist nur die große Wasserwüste des Atlantiks. Tanker kreuzen und der amerikanische Kontinent lässt sich nur erahnen.

Portugal - am Leuchtturm am Cabo de Sao Vicente, Reichweite des Leuchtfeuers 90 Kilometer und damit angeblich der lichtstärkste Europas

Auf dem Felsen zu unserer Rechten thront der lichtstärkste Leuchtturm Europas mit einer Leuchtkraft von bis zu 90 Kilometern. Gischt sprüht bis über die 80 Meter hohen, steil abfallenden Klippen, gegen die die Wogen donnernd anrennen. In dramatischen Szenerien wird vom unaufhörlichen Wind der Sprühnebel der Brandung über die Küste geblasen. Wir Radfahrer stemmen uns gegen den Wind und sehen den Klippenanglern am Kap zu. Sie kauern auf schmalen Vorsprüngen und warten auf einen Biss.

Portugal - Klippenangler an der Spitze der Algarve

Das Ende der Welt

Diese Radtour führte uns zum Cabo de São Vicente. Mit seinen über 5.000 Jahre alten Hünensteinen galt das Kap einst als heiliger Ort. Der Leuchtturm, 1846 erbaut, stand an der so genannten „Finisterra“, am Ende der Welt, und so fühlt man sich dort noch heute. Auch die Ponta de Sagres, nur wenige Kilometer weiter, wurde von Heinrich dem Seefahrer im 15. Jahrhundert als magischer Ort geschätzt. Außer ihm, so sagt man, wollte keiner an diesen unwirtlichen, von Wind und Wellen umtosten Ort. Doch der heilige Heinrich ließ auf dem „Promontorium Sacrum“, dem heiligen Vorgebirge, wie es die Römer nannten, ein Kloster und ein Krankenhaus bauen. Ob er dort auch bis 1460 eine Seefahrtschule betrieben hat, ist bis heute zumindest fraglich. Auf einem Rundgang rund ums Kap und die Festung Fortaleza de Sagres kommt man auch an einer historischen Windrose und einer Weltkugel vorbei, bei der man mittels Knopfdruck die einstigen Routen portugiesischer Entdecker aufleuchten lassen kann. Heinrichs Lehre aber existierte, Navigation aufgrund von Astronomie, und zog viele Gelehrte an.

Unser Navi ist Christian von der Staller Bike Station im Martinhal Resort. Ihm und seiner knallgelben Fahrradjacke, die man schon von weitem sieht, radeln wir einfach hinterher über eine Hochebene mit Macchia und Steinen. Auf von Opuntien und Agaven gesäumten Feldwegen geht es über rötlichbraune Erde und teils auf Straßen oder auf der Ecovia litoral voran. Die Ecovia litoral, der ökologische Küstenweg für Wanderer und Radfahrer, führt 217 Kilometer lang von Vila Real de Santo António am Fluss Guadiana, der die Grenze zu Spanien bildet, bis zum legendären Cabo de São Vicente im Westen der Algarve. Al Gharb – der Westen – wurde die einstige maurische Provinz Algarve von den Arabern genannt.

Portugal - Algarve - Surfer

Christian zeigt uns eine Bucht mit donnernden Wogen, wo Surfer auf die nächste große Welle warten. Im kleinen Hafen Baleeira dümpeln die bunt angestrichenen Boote im sanften Sonnenlicht. Noch ein paar Minuten radeln wir durchs Hinterland und schon sind wir wieder in Martinhal. Das Martinhal Resort scheint das Zentrum der südwestportugiesischen Radwelt zu sein. Von hier aus gibt es sternförmig Touren in alle Richtungen und mit allen Schwierigkeitsgraden. Ambitionierte Radfahrer buchen eine der Bikewochen mit Ex-Tour-de-France-Rennradfahrer André Greipel. Mit einem der erfolgreichsten Radrennfahrer, der zahlreiche Siege bei der Tour de France, Vuelta a Espana, Giro d’Italia eingeheimst hat kann man so trainieren und lernen, wie man noch schneller wird. Per Mountainbike oder Rennrad geht es dann um die 300 Kilometer und zig Höhenmeter pro Woche durch die Westalgarve mit dem Rostocker Radprofi. Familien oder Genussradler buchen eher die geführten Radtouren mit Christian oder Juliane von der Staller Bike Station. Die beschriebene Tour ans Kap verläuft gänzlich flach.

Portugals - Algarve - Hafen Baleeira in Sagres

Hafen Baleeira in Sagres

Doch auch da sind Touren für Biker im Programm: Mountainbiker beispielsweise werden auf der Route nach Ingrina glücklich. Über Stock und Stein und holprige Wege, über schmale Pfade und breite Feldwege geht es die rötlichen Felsen und das blaue Wasser entlang. Teils folgen wir der Via Algarviana, einem 300 Kilometer langen Fernwanderweg über die Hügel und durch das Hinterland der Algarve, der auch per Fahrrad befahrbar ist. Der Lohn: Eine kleine, aber feine Traumbucht. Die überfüllten Badeorte und Bettenburgen der Algarve sind weit weg von hier. Direkt oberhalb des Strandes ist das kleine, aber feine „Restaurante do Sebastião“, bekannt für fangfrischen Fisch und Meeresfrüchte und selbst gemachte Pommes frites, das alles bietet für die Radpause. Die Gegend ringsum scheint trocken. „Ja, in dieser Gegend fällt der wenigste Regen ganz Portugals“, erklärt der Guide. „Außerdem gibt es hier viel Wind, deshalb wachsen nur niedrige Büsche wie Ginster und Wacholder und kleine Palmen.“ Für Vogelbeobachter sei das hier außerdem ein Paradies, denn in der Gegend nisten um die 300 Vogelarten, und natürlich für Surfer, Wanderer und Radfahrer.

Portugal - „Restaurante do Sebastião“

Die reine Einsamkeit

Zur Ponta de Ruivo geht es anderntags mit Mountainbike Guide Juliane vorbei an einsamen Gehöften mit gackernden Hühnern, schläfrigen Katzen und einem Hund, der die Radfahrer verbellt. Eine Schlange huscht über den Weg. Juliane zeigt mir wilden Fenchel, der gut als Tee schmecke, wilden Knoblauch und empfiehlt ein Restaurant am Wegesrand für die Radpause, das „Eira do Mel“ in Vila do Bispo. Es ist unter anderem berühmt für seine Perceves, seltsam anmutende Felsmuscheln, die auf Deutsch aufgrund ihrer Form auch Entenmuscheln genannt werden.

Portugal - Algarve - Perceves, seltsam anmutende Felsmuscheln, die auf Deutsch aufgrund ihrer Form auch Entenmuscheln genannt werden

Im Ort ist gerade Markt und es herrscht reges Treiben. Ältere Herren mit Schiebermützen und Pullunder sitzen vor der Markthalle und beobachten die Radfahrer bei einem Glas Galão, Milchkaffe im Limoglas, oder einer Bica, dem portugiesischen Pendant des Espresso.

Portugal - Algarve - In der Markthalle von Vila do Bispo

In der Markthalle von Vila do Bispo

Wir biegen ab auf einen Trail hinauf auf die Klippen. Die Ausblicke Richtung Norden und die Westküste entlang sind fantastisch. Hier entlang führt auch die Rota Vicentina, ein Wander- und MTB-Radweg, der auf zwei Pfaden insgesamt 350 Kilometer weit vom Cabo de São Vicente im Süden bis nach Santiago do Cacém im Norden die portugiesische Westküste entlang führt. Vor uns liegt das pure Nichts: kein Haus, kein Auto, die reine Einsamkeit. Das Grollen des Meeres und die vielen Farbschattierungen der Felsen in der Sonne, einsame Buchten und Strände. Hier möchte man eine Ewigkeit bleiben und die wilde Schönheit in sich aufsaugen.

Portugal - Algarve - Küste

Das Kalifornien Europas

Chitra Stern beschreibt das anders: „Hier ist das Kalifornien Europas!“ Chitra ist die Eigentümerin des 25 Hektar großen Martinhal Resorts mit Blick auf Bucht und Strand, umgeben vom Costa Vicentina Naturpark. Einst hatte sie sich in dieses Fleckchen Erde verliebt, und es dauerte lange, bis das Martinhal Resort daraus wurde. Nachhaltigkeit wird im Resort groß geschrieben. Deshalb sollten auch gerne mehr Radfahrer hierher kommen, meint Chitra: „Einfach Leute, die die Natur lieben und gerne ökologisch leben, wir sind ja hier am Ende der Welt!“

Vor allem ist Martinhal auch perfekt für Familien. Mama will Rennradfahren? Papa lieber Mountainbiken oder in den Spa? Die Kleinen in den Kids Club? Alles kein Problem. Als bestes Familienresort hat das Martinhal auch schon Preise eingeheimst.

Die 2012 eröffnete Staller Bike Station bietet dazu optimalen Service für Radfahrer, gute Guides und Fahrräder: Rennräder, Mountainbikes und Trekkingräder und seit 2013 gibt es auch die erwähnten Bike Wochen mit André Greipel. Nach der Tour lasse ich meine müden Radlermuskeln im hauseigenen „Finisterra Spa“ durch Massagen wieder lockern und gehe in die Sauna. Im Pool schwimmen oder im Meer an der weit geschwungenen Martinhal-Bucht ist natürlich auch eine Option. In die andere Richtung als beim Radfahren werden die Muskeln im Yogakurs gebogen. Autsch. Der Heldensitz mit untergeschlagenen Beinen tut ganz schön weh. Doch mancher Radfahrer legt sich einfach gerne noch für eine Weile in die Sonne oder baumelt in der Hängematte. So wie ich.

Portugal - Algarve - Strand

„Früher war mehr Strand!“, bemerkt ein Mit-Radler lapidar und weckt mich aus meinen Tagträumen. Der Südwestzipfel Europas sei auch nicht mehr das, was er einmal war. Denn früher kamen Sonnenhungrige im Sommer an die Strände, heutzutage kommen Urlauber sogar im so genannten Winter bei Temperaturen von 15 bis 20 °C Grad – zum Radfahren.

 

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