Reisemagazin schwarzaufweiss

Am nächsten Tag finden wir uns am Kai Vasco da Gama ein. Für uns wird’s nicht in die neue Welt oder gleich um die ganze gehen, aber der Reiz dieser liebevoll aus einem abgehalfterten Fischkutter aufgebauten Karavelle besteht dennoch gerade im Anklang an die alten und erfolgreichen Zeiten der portugiesischen Entdecker des 15. und 16. Jahrhunderts. Auch hier ist die Vorsaison spürbar, wir sind nur neun Passagiere und die Wetteraussichten sind noch sehr gemischt. Bei den Spritpreisen sind das sicherlich auch die Gefühle des Besitzers Kapitän Bernardo, der nach 5-jähriger aufwändiger Umbauzeit mit dem Stapellauf im Jahre 2000 einen Traum verwirklichte, der allerdings wohl auch traumhaft teuer gewesen sein dürfte. Zwar ist die Santa Bernarda ein echtes Vorzeigeprojekt und wurde deshalb auch von Vox-Reisen und anderen Fernsehsendern auf seine Fahrten zu den Grotten um Cavoeiro begleitet, doch wie bei manch einem Superstar ist der Medienrummel auch hier schnell verebbt. Dabei gibt es dafür gar keinen Grund, denn für die Sicherheit und den Komfort selbst älterer Gäste wird hier mit Hingabe gesorgt. Es gibt eine kleine Bar (und günstige Getränkepreise), eine herzliche Crew und neben Schwimmwesten für die zögerlichen Gäste auch dicke Jacken gegen die steife Brise. Sobald möglich, werden die Segel gesetzt, so dass die Kinderaugen beim Anblick eines echten Piratenschiffs unter Flagge ganz rund werden. Und die Einschiffung in die kleinen Boote ist ein Highlight für sich. Mama verzichtet (die Knie und überhaupt…), aber sie zückt ihre Kamera, um meinen Abstieg in das Dingi zu verfolgen, das einer Nussschale gleich zu den unzähligen Schmugglergrotten um Alfanzina (8) und das Kap von Carvoeiro dümpelt.

Portugal - Algarve - Grotten

Der versierte ältere Seebär Leandro umschifft sicher jedes Hindernis und schon umgibt uns die Dunkelheit der imposanten Felsnischen, in denen er den Motor noch einmal aufjaulen lässt, um seine rasanten Wendemanöver noch etwas abenteuerlicher zu gestalten.

Portugal - Algarve - Santa Bernada vor einem Fels

Die Santa Bernada vor einem Fels

Die Kameras klicken, hier kann man gar nicht schlecht fotografieren, denn die Motive sind dermaßen atemberaubend, dass jeder Schnappschuss einem Postkartenmotiv gleicht. Und wieder umschiffen wir eine Felsnase, nur um im nächsten Augenblick in eine weitere dunkle Höhle einzutauchen. Kein Wunder, wenn hier besonders die Herzen der Kinder höher schlagen, denn dies ist ein echtes Piratennest! Auch die Karavelle selbst gibt ein strahlendes Fotomotiv ab, wenn sich die Segel blähen, während sie uns langsam entlang der Küste verfolgt und sich dabei die Sonne im glitzernden Meer um das Schiff herum bricht. Wir sind begeistert !

Portugal - Algarve - Steinkreis

Steinkreis

Von den Piratengrotten zum eigentlichen Zentrum der Seefahrerzeit führt uns der Weg am nächsten Tag nach Sagres. Hier, am „Ende der Welt“, wie es die Menschen des Mittelalters bezeichneten, baute der Legende nach der berühmte Infant Henrique, der Seefahrer, eine regelrechte Kaderschmiede für die hellsten Köpfe der Seefahrt auf. Am Cabo de São Vicente (9), dem südwestlichsten Zipfel des europäischen Festlandes, schien der geeignete Ort für die Entdeckung der Welt. Die Forschung zeigt zwar, dass der Sitz der Wissenschaftler und Handwerker eher Lissabon oder Lagos gewesen sein muss, doch klingt die Geschichte mehr als überzeugend, wenn man das „Fortaleza de Sagres“ (10) umrundet und sich den ruppigen Wind um die Nase wehen lässt. Der in der Festung befindliche Steinkreis mit 42 Feldern und einem Durchmesser von 43 m, gilt als nationales Monument und wird als Windrose oder Sonnenuhr gedeutet. Seine Entstehungszeit ist nicht genau datiert, wird aber ebenfalls in die Aera von Henrique dem Seefahrer eingeordnet. Das nahegelegene kleinere „Fortaleza de Belixe“ (11) wurde darüber hinaus dadurch berühmt, dass der englische Sir Francis Drake es 1587 nahezu gänzlich zerstörte. Und klingt nicht schon dieser Name wie Musik in den Ohren derer, die Abenteuer, Säbelrasseln und Piratengeschichten zu schätzen wissen?

Portugal - Algarve - Festung mit Kanone

Mama lehnt sich an eine der alten Kanonen und genießt den Anblick des Leuchtturms, der mit seinen 90 m Nenntragweite als einer der stärksten Europas gilt. „Am Ende meiner Tage am Ende der Welt zu stehen, das hätte mir mal einer sagen sollen!“, sinniert sie vor sich hin und ein leiser Triumph schleicht sich in ihren Blick. Ich denke an meine unkenden Brüder zuhause und schmunzle. Fernweh ist also doch keine Krankheit, wie sie mich immer zu überzeugen versuchen…

Portugal - Algarve - Lagos

Henrique, der sehr geschätzte Infant, der die Seefahrt durch den Bau einer neuartigen Schiffsform bereicherte und dadurch die Entdeckungsfahrten der Portugiesen maßgeblich mitgestaltete, starb 1460. Zu seinem 500. Todestag wurde das Fort aufwändig saniert und ihm selbst in der nahegelegenen Stadt Lagos ein Denkmal errichtet. Lagos selbst hat mit seinem ehemaligen Sklavenmarkt und den verwinkelten Gassen den Ruf, ein schlimmeres Höllenloch gewesen zu sein als das Piratennest des Captain Sparrow. Heute laden Wasserspiele, eine ansehnliche Kirche, urige Festungsanlagen und die vielfältige Gastronomie auf den hügeligen Wegen um die Altstadt zu einem ausgiebigen Bummel ein.

Auf dem Rückweg von Lagos machen wir in der Nähe von Portimao Halt, um uns das Fischerörtchen Alvor (12) anzusehen. Wie vielfältig die Algarve auf den wenigen hundert Kilometern Küste wirklich ist, kann man im Dünenpark entlang dem endlosen Strand des Örtchens ermessen. Hier gibt es keine Klippen mehr, hier herrschen die freien Winde und verhelfen den unermüdlichen Kitesurfern zu einem besonderen Kick. Wer’s gemächlicher mag, der kann die zickzackförmig durch das Dünenvorland geführten Holzwege beschreiten und einfach einen Tag am Meer genießen, der sich schon fast wie an der Nordsee anfühlt (nur eben milder und wärmer!).

Portugal - Algarve - Kiter am Strand

Kiter

Im Restaurant Restinga direkt am Strand fragen wir nach dem Tagesfang und statt einer Antwort flitzt der Kellner in die Küche. Sssst, knallt er uns freudestrahlend eine riesige Wanne mit frischem Fisch auf den Tisch und lässt Mama mit dem Finger wählen, was sie auf ihren Teller haben möchte. Das Gütesiegel „Garantiert frisch“ bekommt hier eine völlig neue Bedeutung. Als ich beim obligatorischen Abschlussportwein auf meine Autoschlüssel zeige, bringt mir der Kellner ein winziges Gläschen, schaut dann bedauernd und lässt mit einem gemurmelten „ist doch viel zu wenig“, gleich die Flasche auf dem Tisch stehen. Heute hätte ich gern einen Chauffeur!

Frisch gestärkt begeben wir uns erneut ins Landesinnere, um die ehemalige Hauptstadt der Algarve, Silves (13), zu besuchen. Schon an der ersten Kreuzung sticht einem die oberhalb der Stadt prangende enorme Festung ins Auge. Kleine Sträßchen winden sich den Ort hinauf und wir finden glücklicherweise einen nahegelegenen Parkplatz, wenn der auch nahezu vertikal ins Tal zeigt und ich froh und dankbar bin, dass die Handbremse dieses neuen Mietwagens ganz offensichtlich verlässlich ist. Hier ist wirklich Feierabend für Asthmatiker, Hüftoperierte oder sonstige untrainierte Mitbürger. Ich winke Mama von der Festung aus zu, während sie sich mit einem frisch gepressten Orangensaft stärkt. Schließlich ist dies wirklich das Land, wo die Zitronen blüh’n. Und nicht nur die, Mandarinen- und Orangenhaine säumen die Wege und sind ganz offensichtlich der Verkaufsschlager jedes zweiten Privathauses, denn die Netze mit prallen und saftigen Früchten baumeln von den Zäunen und locken von kleinen Campingtischen aus die Touristen auf ihrer Durchfahrt.

Portugal - Algarve - Sancho I

Nach Silves wollte scheinbar jeder einmal, denn sogar die Phönizier und Karthager hinterließen hier deutliche Spuren ihrer Besiedlung. Und wenn man schon einmal mit eindrucksvollen Namen und Zahlen jongliert, dann ist eine Entstehungsdatierung auf 1000 vor Christus doch wirklich ein Wert, mit dem man punkten kann. Römer und Westgoten fühlten sich ebenfalls wohl in Silves, obwohl die Stadt nur an einem Fluss, nicht aber am Meer gelegen ist. Und weil man es hier international liebt, haben auch die Mauren ihren Anteil an der Geschichte, in der Silves als Hauptstadt eines Taifa-Emirats ab 1040 eine wichtige Rolle spielte. König Sanchos I plünderte im Jahre 1189, ebenfalls mit internationaler Unterstützung deutscher, englischer und flämischer Kreuzfahrer, die Stadt. Zwar hielt sich die Besatzung nicht länger als bis 1191, aber eine Statue wurde Sancho am Eingang der Festung dennoch errichtet. Dort steht er nun und bewacht die Überreste einer Siedlung, die damals schöner als Lissabon gewesen sein soll.

In der Anlage sind die Ausgrabungen der Zisterne und diverser Räume zu besichtigen, regelmäßige Führungen erläutern die wechselhafte Geschichte. Diese sind empfehlenswert, denn die Beschriftungen innerhalb der Burganlage sind leider alle nur auf portugiesisch gehalten und daher für den weniger multilingualen Besucher eine zu große Herausforderung.

Am nächsten Tag hat sich der nie zutreffende Wetterbericht mal wieder verhauen und statt des angekündigten Sturmtiefs strahlt die Sonne von einem überaus harmlos wirkenden Himmel auf uns herab. Heute ist der ideale Tag für die strahlenden türkisfarbenen Strände von Quarteira bis Carvoeiro. Was wir vom Boot aus erlebt haben, das lässt sich vom Land aus sicherlich auch bestaunen, also kurven wir gut gelaunt die 125 entlang und nehmen jede zweite Stichstraße zu den ausgewiesenen „praias“, den Stränden. Manchmal ist das gar nicht so einfach, denn die touristische Sehnsucht nach einem eigenen Zugang zum Meer treibt hier manch merkwürdige Blüte. So kann man diverse Strandabschnitte überhaupt nicht mehr erreichen, wenn man nicht Bewohner der kategorisch abgeschotteten Anlagen ist, die ihren privaten Zugang zu den schönen Buchten mit Mauern, Zäunen und zum Teil sogar mit Wachpersonal absichern. Auch die eleganten Viertel der hier ansässig gewordenen Eigentümer aus dem kühleren Teil Europas halten sich bedeckt und nutzen die private Hintertür, um zum hauseigenen Strändchen zu gelangen. Mamas Eindruck von Mauern und Abgeschlossenheit war mehr als berechtigt!

Portugal - Algarve - Carvoeiro

Carvoeiro

Doch nun, wo die Sonne sich so zeigt, wie sie sich hier ca. 320 Tage im Jahr zeigt, nämlich gnädig, folgen wir einfach den plötzlich auftauchenden Touristenströmen mit Gummikrokodilen und Badetaschen unter dem Arm. Die Plastikeimerchen, die lustig an Kinderarmen geschwenkt werden, weisen den Weg deutlich klarer als jedes Schild vor einem Kreisverkehr das könnte. Hier entlang geht’s zum Wasser. Und zwar meilenweit. Vorbei an unzähligen schachtelförmigen Selbstversorger-Wohnungen, durch das Zentrum mit seinen Bars und Restaurants, am Ortsende rechts einen steilen Küstenweg hinunter, bis endlich das blaue Meer vor den Augen der nunmehr erschöpften Urlaubshorden liegt.

Der Bau weiterer inländischer Hotel- und Apartmentkomplexe ist schon eingeleitet, überall scheinen VENDE SE-Verkaufsschilder zu prangen und Schuhschachteln auf ihren Innenausbau zu warten und wir fragen uns, wie all diese Massen die wenigen Strände aus dieser zunehmenden Entfernung erreichen wollen? Riesige Resorts und häuserzeilenlange Neubauten entstehen in Orten, die bis zu 5, ja sogar 10 km vom Meer entfernt liegen. Gibt es hier einen zweiten Jakobsweg, eine Pilgerroute zum allerheiligsten Sankt Sandstrand?

Portugal - Algarve - Marina Albufeira

Marina Albufeira

Mama winkt ab: „Gut, dass ich das nicht sehen muss! Wär mir eh zu heiß und zu voll.“ Die Algarve im Frühling ist nicht nur wegen der noch nicht einsetzenden Hitze ein empfehlenswertes Ziel. Wir erkunden noch weitere Schönheiten rund um Galé und können nur staunen über die faszinierende Schönheit dieser Landschaft, die sich uns jetzt, vor der unvermeidlichen Hochsaison des Sommers, noch ganz entspannt und geruhsam darbietet. Meinen Brüdern schreiben wir Postkarten und bedanken uns für’s Blumengießen. Muss ja schließlich auch einer machen. Danke also. „Obrigada“, wie der Portugiese sagt!

 

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