Reisemagazin schwarzaufweiss

Unbekannte Algarve

Unterwegs auf der Via Algarviana

Text und Fotos: Beate Schümann

Denkt man an die Algarve, sieht man bizarre Sandsteinfelsen, Badebuchten und viele Sonnenschirme. Auf der Via Algarviana entdeckt der Wanderer eine ganz andere Algarve - eine wilde, unbekannte und gastfreundliche. Jenseits der Küste, führt der Wanderweg durch das Gebirge und reizvolle mediterrane Landschaften.  

Portugal - Algarve - Cabo de São Vicente

Wie unten das Meer schäumt. Am schroffen Kliff vom Cabo de São Vicente (1) stürzt sich das Land wagemutig in den Ozean. Anfang oder Ende? Der rot-weiße Leuchtturm markiert den südwestlichsten Zipfel Portugals, ja ganz Kontinentaleuropas. Ab hier segelten die portugiesischen Karavellen im 15. Jahrhundert ins Ungewisse – nach Afrika, Brasilien und Indien. Hinter dieser Steilküste fing für die Seefahrernation das Abenteuer auf See an.

Heutzutage beginnt hier das Abenteuer zu Land. Das markante Kap bei Sagres ist auch für den Wanderweg Via Algarviana Anfang oder Ende. Dazwischen liegen 300 Kilometer, die man ganz oder in Etappen gehen kann. Auch der Wanderer begeht Neuland. Wer jetzt an die Strände zwischen Faro und Lagos denkt, wo Sonnenhungrige im Atlantik baden, liegt falsch. Die Algarve kann anders: Die neue Route führt durch das gebirgige Hinterland, Barrocal genannt, eine wilde unentdeckte Gegend, in der man sich ganz als Entdecker fühlen kann.

„Genügend Wasser dabei?“ erkundigt sich Wanderführer Nicolau da Costa in perfektem Englisch. Wo die Via Algarviana hinführt, gebe es viel Natur, aber eben keine Kühlschränke. Die Luft ist noch frisch, die Morgenröte legt ein zartes Rouge auf die Sandsteinfelsen und das Kap wirkt verlassen. Nicolau legt ein forsches Tempo vor. Bald wird die Sonne zur Hochform auflaufen, dass die Wege durch die dünenartige Landschaft nur so stauben. Das Meer ist schnell aus dem Blick. So weit man sieht, duckt sich die karge Vegetation unter dem rauen Seewind.

Portugal - Via Algaviana - Barrocal

Nach den ersten rot-weißen Holzschildern der Via Algarviana scheinen die Wegweiser versiegt zu sein wie die Bäche, die im Winter durchaus Wasser führen. Doch Nicolau kennt die Gegend genau. Er ist an der Costa Vicentina geboren, jenem Naturpark, der von Sagres bis kurz vor Lissabon die schroffen Felsen, sandigen Buchten, Riffe, Lagunen und Dünen der Westküste schützt. Bei Telheiro zeigt er geologische Strukturen, bei Vila do Bispo (2) das große keltische Menhir-Feld oder unterwegs besondere Pflanzen. Er kennt sie alle, die blühenden Lackzistrosen, die duftenden wilden Lavendelarten, Thymian und Rosmarin, die seltenen Hasenglöckchen und Blausterne, seltsame Diestelfelder und die Steineichen, Vogelbeer-, Wacholder- oder wilden Olivenbäume, die sich andernorts zu Prachtexemplaren aufbäumen, im Sand es aber nur zu mickrigen Büschen schaffen.

Portugal, Algarve, Parque Natural da Costa Vicentina, Via Algarviana, Wanderführer Nicolau da Costa mit Eseln

Eine raue verletzliche Landschaft. Vereinzelt stehen niedrige Steinhäuser, verlassen und mit eingestürzten Dächern. Ein paar Ziegen grasen und Hunde dösen im Schatten, wo es noch Leben gibt. „Früher wuchsen hier einmal Weizen und Gerste“, erinnert sich Nicolau wehmütig, während er ein paar Esel tätschelt. Auch sie sind im Barrocal eine selten gewordene Spezies, wie die Menschen. Nach Portugals EU-Beitritt im Jahr 1986 flohen sie vor dem harten Landleben in Touristenstädte wie Lagos und Albufeira oder gleich nach Lissabon.

Der nächste Tag führt ins Gebirge. Lúcio Feio, der Wanderführer dieser Etappe, wartet im ersten Café nach Ortseingang des Bergdorfes Monchique (3). „Die Via Algarviana ist ohne Kultur nicht denkbar“, erklärt der Kenner bei einer bica, wie der portugiesische Espresso heißt. Vor dem Wandern stehe die Altstadt und die Pfarrkirche mit dem skurrilen manuelinischen Portal. Über dem Eingang winden sich in Stein gemeißelte Schiffstaue zusammen, ein Relikt aus der Seefahrerzeit Vasco da Gamas, das in den Bergen eigenartig deplatziert wirkt.

Portugal - Algarve - Serra de Monchique, Straßenszene im Bergdorf Monchique

Straßenszene im Bergdorf Monchique

Die Serra de Monchique ist wie Szenenwechsel im Theater. Die Natur schaltet von steppe-gelb auf baum-grün. Den weiß-roten Wegzeichen folgend, fegt Lúcio durch die Wälder, breitet sein profundes Wissen über Lorbeer, Pinien, Schirm- und Seekiefern, Stiel- und Korkeichen, Eukalyptus, Flora und Fauna aus. „Ist es nicht paradiesisch?“ schwärmt Lúcio. Die Vielfalt führt er auf vierzehn Mikroklimata zurück und behauptet vollen Herzens, dass die Serra die wohl größte Biodiversität in Europa aufweise. Darunter der Erdbeerbaum, aus dessen rötlichen Früchten die Bauern Medronho-Schnaps brennen.

Portugal - Algarve - Serra de Monchique: Wanderführer Lúcio Feio an einem Wegweiser der Via Algarviana

Serra de Monchique: Lúcio Feio an einem Wegweiser der Via Algarviana

Das vulkanische Bergmassiv misst bei Fóia 902 Meter (4). Für Alpinisten ein Klacks, aber es ist die höchste Erhebung der Algarve. Oben erwartet den Naturfreund die Vorhölle. Der gelobte Gipfel entpuppt sich als niedergewalzte Fläche mit einem extraterrestrischen Antennenwald, den Nato, Luftwaffe und ein Radiosender errichteten, und einem Monsterparkplatz für Touristenbusse. Sonst kann man wirklich weit sehen - zur Küste, zum Meer, sogar bis Afrika. „Ein Adler!“ schreit Lúcio plötzlich und greift nervös zum Fernrohr. „Ein Schlangenadler!“ Er rastet an der Algarve auf dem Zug nach Afrika. Der mächtige Greif mit der weißen Brust trotzt dem starken Wind minutenlang, fast bewegungslos. Lúcio steht der Mund offen und schnauft zufrieden: „Was für ein Privileg, hier zu leben!“.

Caldas de Monchique (5), ein winziger Kurort am Fuß der Serra, ist ein idealer Etappenstopp. Heiße Schwefelquellen entspringen aus dem Vulkangestein. Schon ein paar Tropfen, versichert die Dame an der Hotelrezeption, verlängere das Leben um Jahre. Die Römer badeten hier und João II., jener König, der den Seeweg nach Indien entdecken ließ. Das will was heißen, und so bucht der Wanderer auch eine Muskelmassage.

Portugal - Typischer Schornstein an der Algarve

Typischer Schornstein an der Algarve

Von Alte nach Salir, sechzehn Kilometer, Abschnitt 7. Alte (6) mit seinen knapp 400 Einwohnern ist dank der pittoresken Altstadt zu einer Art Touristenhochburg geworden. In der prächtigen Kirche aus dem 13. Jahrhundert wird sogar Eintritt verlangt. Wieder wandert man, wieder ist alles anders. Die Landschaft gibt sich typisch mediterran mit Mandel-, Quitten-, Mispel- und Granatapfelbäumen, Oliven- und Johannisbrotbäumen von fast biblischem Alter. Die Ackerflächen werden größer, die Dörfer belebter. Die Via Algarviana verläuft auf alten Arbeitswegen, oft nicht breiter als ein Ochsenkarren. Trockensteinmauern begrenzen Felder und Wege, die Bäume spenden Schatten. Hier und dort verrostet ein „Mauren-Brunnen“ mit Schaufeltechnik. Jedes größere Dorf besitzt eine öffentliche Waschstelle, jedes Haus einen schön verzierten Schornstein und einen kläffenden Hund, manchmal auch zwei oder drei. Alles kleine Wichtigtuer, die Hühner, schwarze Schweine und Herrchen beschützen, je schmächtiger, desto lauter sind sie. Die Alten sitzen am Straßenrand in der Hoffnung auf Ablenkung, schauen Wanderer erwartungsvoll an, grüßen freundlich und wünschen einen guten Weg. Wie viele im Dorf noch leben, lässt sich an den Sammelbriefkästen ablesen. Cerra das Casas zählt fünfzehn Häuser und neun Briefkästen.

Portugal - Algarve - Dorfbewohner im Hinterland

Hat man das Kalksteingebirge Serra do Caldeirão passiert, ist Salir (7) bald erreicht. Das verschlafene Bergdorf erlebte zur Maurenzeit große Tage, wovon das kleine Museum Pólo Museológico erzählt. Über den sorgfältig gepflegten Mauerstümpfen der maurischen Burg hat man ein supermodernes Archäologisches Museum erbaut. Ein arabischer Grabstein belegt die einstige Bedeutung von Salir.

Portugal - Algarve - Barrocal

Sonia Manso auf Sandweg mit Trockensteinmauer und geschälter Korkeiche

Auf der Route von Barranco do Velho (8) nach Cachopo (9) gelangt man ins Zentrum der Korkindustrie. Portugal ist weltgrößter Korkproduzent, weltbester Kork stammt von hier, aus São Brás de Alportel. An den Straßenrändern türmen sich gestapelte Korkplatten. Ganze Wälder bestehen aus den mächtigen, knorrigen Korkeichen, die bis zum Geäst geschält sind. Nur alle neun Jahre darf Kork geerntet werden. Die weiße Ziffer gibt die letzte Schälung an. „Früher war Kork ein Synonym für Reichtum“, erklärt Sonia Manso, die Wanderführerin für die letzten Etappen. Neuerdings werden viele Weinflaschen mit Plastik verkorkt, was das Geschäft verdirbt. Statt der unter Naturschutz stehenden Korkeiche werden jetzt nur noch Schirmpinien gepflanzt. Das werde den Charakter der Gegend radikal verändern, befürchtet die studierte Biologin.

Portugal - Bewohner beim Schälen von Mandeln, Furnazinhas, Algarve

Bewohner beim Schälen von Mandeln

Rast in Furnazinhas. Ein Dorf mit rund sechzig Einwohnern, der Jüngste ist 53 Jahre alt. Ein Dorf vor seinem Ende? Und doch ist es liebevoll gepflegt, die Fassaden farbenfroh gemalt. Hühner laufen gackernd in den Gassen, Ziegen meckern. Am Abend sitzen die Bewohner vor den Türen, reden und schälen Mandeln. „Wollt ihr welche?“ fragt die 81-Jährige Filomena. Aber gern, und schon gehört man irgendwie dazu.

Portugal - Algarve - Furnazinhas - alte Frau

Filomena

Bei Sonnenaufgang steht Senhora Filomena wieder im Gemüsegarten. Ihr Mann ist auf den Eseln ausgeritten. Ob man zum Mittagessen kommen wollen? Leider nein, die letzte Etappe nach Alcoutim steht noch an. „Kommen und gehen, so ist das Leben“, lächelt sie und pflückt für die Wanderinnen eine Handvoll Weintrauben für den Weg.

Protugal - Algarve - Via Algaraviana - alter Mann mit Eseln

Senhor António im Dorf Furnazinhas

Vertrocknete Erde, offene Herzen. Begegnungen mit Algarvios gehören auf der Via Algarviana zu den schönsten Abenteuern. Wieder steinige Sandwege, Feldsteinmauern, Feigenbäume und halb verlassene Dörfer. Wenn das Flussbett der Ribeira Foupana nicht versiegt wäre, könnte man schön die Füße baden. Der Wegweiser zeigt über den Fluss. Jetzt kann man über Kiesel und rund geschliffene Wackersteine zur anderen Seite jonglieren. Aber was ist, wenn der Foupana Wasser führt? Und wie geht es drüben weiter? Sonia blickt ratlos. Die Wasserflasche ist leer, das Handy ohne Netz. Erst mal weiter und suchen. Endlich, da ist wieder das rot-weiße Zeichen.

Endlich Corte Velha, aber das einzige Café ist geschlossen. Der „chefe“ der „Taberna do Ti“ sieht die Wanderer und öffnet. „Wasser oder Café?“ fragt er auf Deutsch und „Schwein, Schinken, Lamm“. Senhor Emídio genießt das Staunen und geht hinter den Tresen, den er mit Schirmmützen und alten europäischen Noten dekoriert hat. Auch ein deutscher 20-Mark-Schein ist darunter. Emídios Café ist ein Zentrum für Soziales und Erste Hilfe. Erst neulich hat er eine verletzte Wanderin zum Arzt gefahren, jetzt rettet er vor dem Verdursten.

Alcoutim (10), das Ziel der Via Algarviana ist erreicht. Ein melancholischer Ort. Träge zieht der Guadiana-Fluss an einem vorüber, der Portugal nur fünfhundert Meter von Spanien trennt. Die Burgen auf beiden Seiten erzählen von alten Feindseligkeiten. Heute kostet die Fähre nur einen Euro. Nach 300 Kilometern steht der Wanderer wieder am Wasser. Im Osten der Fluss, im Westen das Meer. Ende oder doch Anfang?

 

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