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Weihnachtsferien in Norwegen

Text und Fotos: Angelika Wilke

Am Weihnachtsmorgen mit dem Schlitten raus ins glitzernde Weiß? Was sich Kinder im norddeutschen Schmuddelwinter inzwischen so ziemlich abschminken können, ist in Norwegen noch an der Tagesordnung – zum Beispiel im südnorwegischen Rauland, gelegen zwischen Telemark und Hardangervidda. Drei Wintersportzentren sorgen hier für alpinen Kurzweil, Langläufer können über 140 Kilometer Loipen ziehen - aber für Kinder ist es oft das Größte, mit oder ohne Skier auf Entdeckertour in Wald und Fjell unterwegs zu sein.

Norwegen - Rauland - Holzhütte
Schneebedeckte Holzhütte

Gerumpel am Eingang der Holzhütte – unsere Söhne kehren von ihrem derzeitigen Lieblingsaufenthaltsort, einer winzigen Insel am Ufer des M¢svatn, zurück. „Wir essen nur schnell etwas, dann gehen wir wieder!“ Die beiden (11 und 13) haben dampfende Gesichter und kaum Zeit, die Schneehosen auszuziehen. Schinken, Mandarinen und Brot mit Spiegeleiern sind ebenso schnell in den Mägen verschwunden, wie sie auf den Tisch gestellt wurden. Dann erneutes Getöse, offenbar zieht man sich gegenseitig die Mützen übers Gesicht, draußen fliegen noch ein paar Schneebälle, kurz darauf verschluckt die tiefe Stille des skandinavischen Winters Lachen und Geschrei.

Norwegen - Rauland - Mösvatn
Sandbank zur M¢svatn-Insel

Der Weg über verschneite Felsbrocken und eine Sandbank zur Insel entschädigt die Jungen dafür, dass der knapp 950 Meter hoch gelegene See noch nicht stabil zugefroren ist. Weihnachten ohne festes Eis auf dem M¢svatn – das habe es noch nicht gegeben, seit er auf der Welt sei, meint der 80-jährige Vater unseres Hüttenvermieters. Eine Laune des Wettergottes oder doch Klimawandel? Auf jeden Fall darf das trügerische Eis keinesfalls betreten werden – das versprechen die Kinder hoch und heilig, denn erstens nötigt der riesige See Respekt ab und zweitens: Wann hat man schon eine ganze Insel für sich allein! Keine Straße, kein Ort ist von ihrem höchsten Punkt aus zu erkennen, nur eine urzeitlich anmutende Welt, in der sich der geheimnisvoll starre See hinter einer schneeweißen Bergkette dem Auge entzieht. Ideales Terrain für junge Fans von Fantasy-Literatur – niemand stört die zwei dabei, wenn sie vor dieser Kulisse die Abenteuer ihrer Helden aus „Herr der Ringe“ nachspielen.

Norwegen - Rauland - Mösvatn mit Bergen
M¢svatn vor einer schneeweißen Bergkette

Skizirkus, wie in den Alpen üblich, liegt den Norwegern eher fern. Hier liebt man es „hyggelig“ (gemütlich), und auch wir haben uns für eine Hütte entschieden, die zusammen mit sechs anderen in tiefster Ruhe zwischen See, Wald und Fjell eingebettet ist. Weihnachten im Schnee mit Elchen und Trollen - nach langen Schulwochen, Adventsfeiern und ersten Erkältungen tut dieses „Programm“ gut. Nicht einmal eine Einkaufsliste muss abgearbeitet werden. Da das Preisniveau in Norwegen deutlich höher ist als in Deutschland, hatten wir nämlich zuhause das Auto mit sämtlichen Lebensmitteln für zwei Wochen, von Milchreis bis zum Aufbackbrötchen, randvoll gepackt. Und für ein Weihnachtsbäumchen haben die Vermieter gesorgt.

Jetzt geht es zu Skitouren auf der Loipe hinter den Hütten, auf und ab durch dick verschneiten Wald. Ein Seitental liegt wie unberührt vor uns, und wir ziehen, über verborgene Tümpel, unsere eigene Spur durch den Pulverschnee. Die Kinder entdecken eine alte Hütte, offenbar ein ehemaliger Unterstand für Ziegen oder Schafe.

Norwegen - Rauland - Ziegenhütte
Alte Hütte, offenbar ein ehemaliger Unterstand für Ziegen oder Schafe

Unsere Tochter (8) hat sich mit dem Mädchen aus der Nachbarhütte zum Iglubauen verabredet. Einen großen Berg Schnee haben die beiden bereits aufgehäuft. Nun soll alles festgeklopft und eine Höhle gegraben werden. Inuits würden wohl den Kopf schütteln über diese Methode, aber wie auch immer – schließlich sitzen die Mädchen stolz bei Kerzenschein in ihrem Iglu und schmelzen die Wände an.

Wenn es gegen vier Uhr dämmert, trudeln alle zum Kaffee in der Hütte ein. Während der Schnee vorm Fenster allmählich in schwarzer Finsternis versinkt und die Sauna knackend aufheizt, spielen wir Karten oder „Elfenland“. Der winzige Fernseher mit zwei, drei norwegischen Programmen auf seiner Halterung über unseren Köpfen, wo er mit einem Skiträgergurt festgezurrt ist, interessiert niemanden wirklich. Stattdessen ist an einigen Tagen der Boden im Wohnraum unserer 72 m²-Hütte mit Bildern und Listen der Kinder bedeckt. Ihr Computer-Ersatz – sozusagen in manueller Ausführung. Stundenlang werden Dörfer gegründet, Waren verkauft, Zahlen geschrieben und ausgestrichen.

Norwegen - Rauland - Vierli Skisenter
Vierli Skisenter

Beim Frühstück geht die Sonne hinter den Bergen auf, der Schnee beginnt verheißungsvoll zu funkeln. Heute machen wir wirklich Programm – nämlich einen Ausflug über die verschneiten Straßen zum Vierli Skisenter. Der Kinderhang dort, unterhalb der Alpinpiste gelegen, bietet kleine Sprungschanzen, Slalom und eine Durchfahrt zwischen bunten Säcken – den extra langsamen Schlepplift kann man sogar mit Langlaufskiern benutzen.

Zu rasanten Rodelabfahrten, die bis zu 1000 Metern lang sein können, zieht einen der Schlitten-Lift, angeblich Europas größte Anlage dieser Art, den Berg hoch. Helme sowie Spezialschlitten, die sich am Schleppseil einhaken lassen, muss man ausleihen; für unsere Holzschlitten ist dieser Rodelspaß eine Nummer zu groß.

An Heiligabend zünden wir Fackeln an, um auf unserem traditionellen Weihnachtsspaziergang vor der Bescherung überhaupt etwas zu sehen. Die Fackeln beleuchten eben unseren nächsten Schritt, Schnee knirscht unter den Füßen, und wir gehen dicht beisammen, in dem Gefühl, dass die Natur um uns sehr groß, und wir sehr klein sind.

Norwegen - Rauland - Weihnachten

Erst eine Woche später sind Eis- und Schneeschicht auf dem M¢svatn soweit, dass der Vermieter grünes Licht gibt und mit seinem Schneeskooter eine Zwei-Kilometer-Loipe schräg hinüber zum anderen Ufer spurt. Das bedeutet freie Fahrt auf Skiern, vorbei an der Insel der Helden, bis zur Cafeteria von Vierli, wo man sich für die Rücktour mit einem Kakao stärken kann. Das Auto schneit nun endgültig zu.

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