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Ich bin dann mal in Norwegen

Unterwegs auf dem Pilgerweg zwischen Oslo und Trondheim

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Pilgern ist in. Pilgern ist eine Reise zu sich selbst. Der berühmteste aller Pilgerwege ist der Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien. Er hat Konkurrenz bekommen. Am anderen Ende Europas. 1997 wurde in Norwegen der fast tausend Jahre alte Olavsweg zu neuem Leben erweckt. Seit seiner Ernennung zum europäischen Kulturweg steht er nun im selben Rang wie der Jakobsweg.

Norwegen - Landschaft mit Pilgern bei Gudbrandsdal
Landschaft mit Pilgern bei Gudbrandsdal

Der eben noch kräftige Regenschauer geht in leichten Nieselregen über. Erste Sonnenstrahlen quälen sich durch die Wolkendecke. Hinter den lila blühenden Sträuchern neben der Holzhütte, die als Pilgerunterkunft dient, lassen sie einen Regenbogen entstehen. Schnell ändert der Himmel seine Farbe wieder von grau auf blau. Der sanfte Wind weht den Duft von Flieder herüber. Michael Schildmann legt Stift und Tagebuch zur Seite. Für heute ist alles notiert. Eine weitere 15 Kilometer lange Etappe auf dem Pilgerweg zwischen Oslo (1) und Trondheim (2) liegt hinter ihm. 643 Kilometer schlängelt sich der „Pilegrimsleden“ zwischen der norwegischen Hauptstadt und Trondheim in Mittelnorwegen entlang von Wiesen, Flüssen und Seen, durch stille Wälder und karge, baumlose Berglandschaften. Michael Schildmann hat sich mit 20 Kilogramm Gepäck und Zelt auf den Weg gemacht. Hin und wieder übernachtet er auch in einer Pilgerherberge. So wie heute nach dem heftigen Regenguss. Da hat er in der bäuerlichen Oase Borkerud von Alv und Gjertrud Lillelien Quartier bezogen. Mittlerweile gibt es ein Netz von einfachen bis gehobenen Übernachtungsstätten entlang der Strecke.

Norwegen - Pilgerweg Olso Trondheim - Michael Schildmann
Michael Schildmann

Der Verlauf des heutigen „Pilegrimsleden“ entspricht in weiten Teilen den Pfaden, die zwischen Mittelalter und Reformation von Pilgern genutzt wurden, die zum Grab des Heiligen Olav im Nidaros-Dom zu Trondheim wanderten. „König Olav wurde um 995 geboren“, berichtet Ida Kristine Teien vom Pilgerzentrum Hamar: „Nach einem heidnischen Leben als Wikinger ließ er sich in Rouen in Frankreich taufen und brachte das Christentum nach Norwegen. 1030 fiel er während der Schlacht von Stiklestad.“ An seinem Grab ereigneten sich mehrere Wunder, so dass er schon bald zum Märtyrer und Heiligen erklärt wurde. Zunächst errichtete man eine kleine Holzkapelle über seinem Grab. Später den mächtigen Nidaros-Dom.

Der Olavsweg ist durchgängig mit einem rot-gelben Kreuzzeichen markiert. Wobei das gelbe Zeichen allgemein für Sehenswürdigkeiten in Norwegen steht. Das rote Kreuz symbolisiert den von Süd nach Nord verlaufenden Weg und Abzweigungen nach Osten und Westen. Michael Schildmann gehört zu den wenigen hundert Pilgern, die den Olavsweg pro Jahr laufen. „Vor zwei Wochen bin ich in Oslo gestartet und habe jetzt ein Drittel der Wegstrecke hinter mir“, erzählt der 60-Jährige aus Oldenburg in Niedersachsen: “Ganze fünf Pilger sind mir bisher begegnet.“

Norwegen - Pilgerzeichen
Pilgerzeichen

„Menschen pilgern nicht, um Neues zu entdecken, sondern um neu zu werden“, lautet ein alter Pilgerspruch. Aber Pilgern in Norwegen ist nicht nur eine spirituelle Erfahrung, sondern auch ein Zusammenspiel von Natur und Geist. „Es ist die Konzentration auf das Wenige“, meint Schildmann: „Ich kann wunderbar nachdenken und zur Ruhe kommen, während ich durch die blühende Berglandschaft wandere.“

Norwegen - Schwesterkirchen St. Nicholas und St. Maria in Granavollen
Schwesterkirchen St. Nicholas und St. Maria in Granavollen

Nach der Reformation im Jahre 1537 geriet der Weg über 450 Jahre in Vergessenheit. Heute geben sich viele Kirchen ökumenisch. So hängt in der fast tausend Jahre alten Bønsnes-Kirche bei Ringerike ein Bild von Martin Luther neben einer Madonna. In dieser Gegend soll König Olav seine Kindheit verbracht haben. Aber nicht nur Kirchen liegen am Wegesrand, sondern auch Museen, wie das Kistefos-Kunstmuseum in Jevnaker oder das Freilichtmuseum Maihaugen bei Lillehammer mit 200 Bauernhäusern, Handwerksbetrieben und Geschäften aus alter Zeit. Zunächst führt der Weg über sanftes Gelände zu den Schwesterkirchen St. Nicholas und St. Maria in Granavollen. Direkt daneben befindet sich eines von fünf Pilgerbüros. Weitere Pilgerzentren gibt es in Oslo, Hamar, Dale-Gudbrands Gard und Dovrefjell. Hier bekommen Pilger Informationen zur Wegstrecke und Stempel für den Pilgerpass. Wer nicht sechs Wochen lang Zeit zum Abschalten hat wie Michael Schildmann, für den sind auch kürzere Touren mit Gepäckstransfer im Angebot.

Norwegen - Skibladner, der älteste Schaufelraddampfer der Welt von 1856
Skibladner, der älteste Schaufelraddampfer der Welt auf dem Mjøsa

Mit dem Skibladner, dem ältesten Schaufelraddampfer der Welt von 1856, schipperten schon im 19. Jahrhundert Pilger über den Mjøsa, den größten See Norwegens. Direkt am Seeufer liegt die alte Bischofsstadt Hamar. Um die Ruinen der Domkirche aus dem 12. Jahrhundert vor dem Verfall zu schützen, wurde sie mit einer Glaskonstruktion überspannt: „So entstand ungeplant eine neue Kathedrale mit einem Konzertsaal und einer wunderbaren Akustik“, erzählt Sopranistin Kristine Lundsbakken und gibt eine Kostprobe religiöser und norwegischer Volkslieder. Noch 488 Kilometer bis Nidaros steht auf dem Meilenstein neben dem Gotteshaus.

Norwegen - Ruinen der Domkirche in Hamar
Ruinen der Domkirche in Hamar

Der Pilgerpfad verläuft von Oslo bis kurz hinter Lillehammer beidseitig des Mjøsa-Sees. Nicht immer ist er gut ausgebaut. Manch ein Weidezaun muss über Zauntreppen erklommen, manch einer Kuhflade auf einer Weide ausgewichen werden. Oberhalb des Sees beginnt das Gudbrandsdal, durch das der Fluss Lågen führt. Hoch über dem Fluss verläuft die Route über mit Löwenzahn und Butterblumen übersäte Wiesen und durch schattigen Tannenwald auf dem alten Königsweg zur Stabkirche Ringebu. 1220 wurde sie nur aus Holz und mit hölzernen Dübeln gezimmert. Fast 30 dieser Kirchen sind heute noch in Norwegen erhalten.

Norwegen - Stabkirche Ringebu
Stabkirche Ringebu

Im Gudbrandsdal liegt die älteste Pilgerherberge. Ein bäuerliches Anwesen wie es höchstens noch im Freilichtmuseum Maihaugen stehen könnte. Seit 700 Jahren im Familienbesitz. Hilde und Stig Grytting bieten einfache Lager mit Fellen im Stall oder bequeme Betten in geschmackvoll eingerichteten Zimmern im Haupthaus. Der Weckruf von bimmelnden Schafglocken ist für alle inklusive.

Norwegen - Pilgerzentrum Dale Gudbrands Gard
Sygrad Grytting Pilgerstall

Von hier sind es noch 270 Kilometer bis zum Grab des Heiligen Olav in Trondheim. Die Überquerung des 1.400 Meter hohen Dovrefjells ist die größte Herausforderung. Glitschige Felsen, feuchte Moorflächen und Wildwasser sind zu überwinden. Nasse Füße sind garantiert. Am Ende des langen Wegs mag manch einem Pilger das Erreichen des Nidaros-Doms immer noch wie ein Wunder erscheinen.

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