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Busse, Boote, Bienen

Unterwegs auf Malta

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Eine Arbeitsbiene sammelt unter günstigen Bedingungen bis zu drei Wochen lang Honig. Schon geringe Störungen in ihrer Umwelt verkürzen diese Lebensarbeitszeit. Winfried Dulisch wollte herausfinden: „Was können Touristen von den Bienen lernen?“ – Der Bienenzüchter Arnold Grech gab ihm den Rat: „Komm zu uns nach Malta!“

Malta - Imker vor Silhouette

Der griechische Sagenheld Odysseus und der Apostel Paulus waren an dieser Küste gestrandet. Phönizier, Römer und Mauren hatten Malta beherrscht. Seit dem 16. Jahrhundert prägte der Malteser-Ritterorden die Architektur und den Lifestyle auf diesem Archipel, das nicht ganz doppelt so groß ist wie Liechtenstein und 50 Seemeilen südlich von Sizilien liegt.

Die Herkunft des Wortes „Malta“ ist nicht mehr genau zu ergründen. Für den Bienenzüchter Arnold Grech steht fest: „Unsere Insel wurde benannt nach ‚Melitta’, dem griechischen Wort für ‚Biene’. Antike Aufzeichnungen erwähnen bereits, dass Malta bekannt war für seinen Honig.“ – Einige Sprachforscher führen den Namen jedoch zurück auf „malat“, das semitische Wort für „Zuflucht“. Solch ein Zufluchtsort war immer schon der Hafen von Marsaxlokk.

Malta - Im Hafen von Marsaxxlok: Der englische Maler David Paskett und ...
Im Hafen von Marsaxxlok: Der englische Maler David Paskett und ...

Malta - der ungarische Fotograf Szilárd Jánosi
... der ungarische Fotograf Szilárd Jánosi

Marsaxxlok liegt in einer Bucht an der Südostküste von Malta. Auf halbem Weg zwischen Bosporus und Gibraltar frischten hier bereits im Altertum die Schiffsbesatzungen ihre Vorräte auf. Arnold Grech nennt drei gute Gründe, weswegen die Piraten und auch die friedfertigen Handelsfahrer so gerne auf Malta vor Anker gingen: „Honig, Milch und Mädchen.“

Heute erfreuen sich Individual-Touristen im Fischereihafen von Marsaxxlok am Gewimmel der kleinen bunten Boote. Doch die Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt müssen den Hafen der maltesischen Hauptstadt Valletta ansteuern. Die Passagiere bewundern bei ihrem Landgang die zahlreichen UNESCO-Welterbe-Attraktionen der Insel oder genießen die Hafenrundfahrt in einer Gondel.

Malta - AIDA

Napoleon und später die britischen Besatzer haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen auf Malta. Wegen seiner strategisch günstigen Lage weckte es als Brückenkopf zwischen Europa und Afrika immer schon die Begehrlichkeiten von Eroberern. Der Diktator Mussolini wollte diesen „unversenkbaren Flugzeugträger“ unbedingt seinem faschistischen Italien einverleiben, er hatte aber nicht mit dem Widerstand der Malteser gerechnet.

Malta blieb also britische Kronkolonie. Die Queen regierte vom Buckingham Palace aus bis 1974 die ungefähr 400.000 Malteser. Ihr Portrait hängt in der Galerie aller bisherigen Staatsoberhäupter im Präsidenten-Palast von Valletta und trägt die Bildunterschrift: „Elisbath, Regina fa Malta“ – so ihr offizieller Titel auf Maltesisch, das neben Englisch hier als gleichberechtigte Amtssprache gilt.

Malta - Spezialität von der Insel Gozo: Gewürzter Ziegenkäse im Glas
Spezialität von der Insel Gozo: Gewürzter Ziegenkäse im Glas

Britische Küchenbullen haben zum Glück keinen nachhaltig schädigenden Einfluss auf die maltesische Esskultur ausgeübt. Die hierher beorderten Kolonial-Beamten genossen lieber das mediterran üppige Speise-Angebot. Zum Beispiel: Bigilla – eine Paste aus bräunlichen Bohnen, die nur auf Malta zu bekommen sind; wer diesen köstlich gewürzten Brotaufstrich nach dem Urlaub selbst einmal zubereiten möchte, kann dafür auch weiße Bohnen verwenden. Ebenfalls nachahmenswert: Aljotta-Fischsuppe mit viel frischem Knoblauch.

Achtung – Suchtgefahr!

Wer bei Kapern bislang immer nur an Königsberger Klopse dachte, der kann auf Malta schon zum Frühstück seinen Frischkäse damit verfeiern. Ein gegrillter oder gebratener Fisch mit „Caper Sauce“ – Kapern in einer herzhaft feinen Tomatensauce – birgt ebenfalls jede Menge Suchtpotential. Die eingelegten Blütenknospen vom Kapernstrauch entpuppen sich tatsächlich als köstliche Appetit-Anreger, die nördlich der Alpen leider nicht mehr in dieser Qualität beim Feinkosthändler an der Ecke zu bekommen sind.

Regelmäßige Malta-Urlauber sind im Flieger nach Valletta schnell zu entlarven, denn sie bestellen ein Glas „Kinnie“. Die seit 1952 als Coca-Cola-Alternative produzierte Limonade verdankt ihren herbsüß aromatischen Geschmack den Bitterorangen und Wermutkräutern. In einem Land, dessen Fußballspieler bislang keine nennenswerten Erfolge vorweisen können, bestärkt diese eigenwillige wie gleichzeitig auch lieblich sich einschmeichelnde Aroma-Mixtur das nationale Selbstbewußtsein.

Malta

Kaum noch als eine Demonstration von Macht und Nationalstolz, sondern viel mehr wie eine vergnügte Touristen-Attraktion präsentiert sich jene Garde, die jeden zweiten Freitag durch die Shopping-Meile von Valletta zur Wachablösung am Präsidenten-Palast marschiert. Es drängt sich der Verdacht auf, als wollten diese Gardisten den einst von den Briten erlernten Drill mit jedem ihrer Marsch-Schritte abschütteln – ungefähr so wie jene rheinischen Karnevalisten, die mit ihren Uniformen doch nur eine Karikatur des preußische Militärs darstellen möchten.

Auch auf anderen Gebieten hat Malta das britische Erbe abgelegt und die einstige Kolonialmacht teilweise sogar überholt. Die Malteser sind zwar erst seit 2004 EU-Mitglied, aber im Gegensatz zum United Kingdom gehören sie seit 2008 der Schengener Zollunion und der Euro-Währungszone an. Dabei besteht die Republik Malta doch eigentlich nur aus drei bewohnten Inseln: Malta und Gozo, dazwischen liegt das kleine Eiland Comino.

Wohlfühl-Klima für Mensch und Biene

Comino ist in keinem deutschen Reise-Katalog vertreten. Das einzige Hotel auf diesem Inselchen – mit drei Quadratkilometern ungefähr doppelt so groß wie Helgoland – hat sich auf Schweizer Gäste spezialisiert. Nordwestlich davon liegt Gozo, das mit einer Fläche von 67 Quadratkilometern gerade mal zwei Drittel von Sylt umfasst und allerbeste Voraussetzungen für Schwimmer und Tauchsportler bietet. Arnold Grech empfiehlt den Besuchern seines Bienengartens die Tourismus-Destination Malta aus einem anderen Grund: „Hier fühlen sich die Bienen wohl.“

Malta - Badender im Meer

Mit seinem Wohlfühl-Versprechen überzeugt Arnold Grech nicht nur die Bienen, sondern auch jedes andere Lebewesen: „Meine Arbeitsbienen haben hier 12 Monate lang Saison. Insgesamt stehen ihnen auf Malta sieben Blüte-Perioden zur Verfügung, in denen sie den Rohstoff für naturbelassenen Honig sammeln können.“

Das Arbeitsjahr beginnt für Arnold Grech und seine Nektarsammler bereits im Januar mit der Borretsch-Blüte, diese Heil- und Gewürzpflanze ist auch als Gurkenkraut bekannt. Ebenfalls im gesamten Mittelmeerraum verbreitet ist der Johannisbrotbaum, dessen Hülsenfrucht erblüht auf Malta im August.

Malta - Arnold Grech beruhigt seine Besucher: „Meine Bienen stechen nicht.“
Arnold Grech beruhigt seine Besucher: „Meine Bienen stechen nicht.“

Ende Mai besuchen die Schwärme von Arnold Grech den Thymian und bringen von dort die Zutaten mit für „Malta Wild Thyme Honey“. Ein 315g-Glas davon verkauft der Bienenzüchter anschließend für sechs Euro. Er könnte von diesem Bestseller durchaus ein paar Gläser mehr produzieren. „Aber dann müsste ich Zucker füttern. Meine Bienen sollen sich ihre Nahrung aber selbst suchen und ein wenig davon für uns Menschen übrig lassen. Nicht der Imker macht einen guten Honig, sondern die Bienen.“

Ohne Rauch geht’s auch 

Welche Rolle spielt der Imker überhaupt bei der Honig-Produktion? – Arnold Grech: „Ich sorge nur dafür, dass die Bienen nach der Nahrungssuche ihre Ruhe haben.“ Er kritisiert jene Kollegen, die ihre Bienen mit stinkendem Qualm erschrecken. „Dieser Rauch macht die Tiere nur unruhig.“ – Doch im Garten von Arnold Grech liegt in einer Ecke ebenfalls ein Rauchzerstäuber. – „Den benutze ich nicht. Es genügt bereits, wenn die Bienen seinen rauchigen Duft wahrnehmen – und schon bringen sie den gesammelten Nektar zu ihren Vorratswaben.“ 

Malta - Maltabus

Schlimmer als Qualm und Rauch aus der Imker-Pistole wirkt auf Bienen der Geruch von Diesel. Zahlreiche Malteser und ihre Urlaubsgäste bedauern, dass die vertraut gewordenen Omnibusse nicht mehr den EU-Abgasnormen entsprechen. Arnold Grech bewertet das Ende der gelb-roten Klapperkisten als einen Sieg für die Naturschützer. Doch keine Angst. Die beinahe schon als Wappentier von Malta verehrten Umwelt-Schädlinge werden in Zukunft immer noch als Spritzguß-Modelle in den Souvenir-Läden zu bewundern sein.

Auf Nachhaltigkeit bedachte Malta-Touristen, die auf den drei Inseln immer wieder gerne den angenehm milden Winter oder einen von sanfter Meeresbrise abgekühlten Sommer genießen wollen, müssen sich also fragen: Welches vom Aussterben bedrohte Nutztier hat mehr Anspruch auf eine Überlebenschance – der Omnibus oder die Honigbiene? – Im Zweifelsfall drängt sich als Antwort auf: Die Pferde.

Dritter Frühling

Malta ist ein beliebter Altersruhesitz für Rennpferde – vor allem aus Schweden. Viele von diesen Gnadenbrot-Empfängern verdanken dem subtropisch trockenen Mittelmeer-Klima einen zweiten Frühling bei den Trabrennen, die der Malta Racing Club jeden Sonntag zwischen Ende September und Anfang Juni veranstaltet. Ihren dritten Frühling genießen die filigranen Traber dann als Zugpferd für eine Karrozin – jene Kutsche, die schon lange vor den Omnibussen die Malteser und ihre Gäste beförderte, ohne die Bienen zu belästigen.

Malta - Fiaker

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