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„Tranquilo“ heißt langsam

Im behäbigen Rhythmus der Kanareninsel La Palma

Text: Judith Weibrecht
Fotos: Judith Weibrecht u. a.

Santa Cruz, die Hauptstadt der Insel La Palma, ist ein ruhiges, ein verschlafenes Städtchen. Morgens um acht kräht verspätet der Hahn und weckt mich. Abends bellen die Hunde, und die Katzen jaulen um die Wette. Hauptstadt? Dass ich nicht lache!

Spanien / Kanaren / La Palma / Avenida Maritima in Santa Cruz

Avenida Marítima in Santa Cruz

„Tranquiiilo!“ befiehlt Inés. Schon wieder soll ich ruhig und gelassen sein. Meine Aufgeregtheit, die Insel La Palma gleich erkunden zu wollen, versteht sie nicht. Schließlich kenne sie die Insel ja auch nicht. Sie wäre, bis auf zwei Ausnahmen, immer in der Hauptstadt Santa Cruz gewesen. Inés ist 70 Jahre alt, erzählt gerne und vor allem viel und wohnt in zwei Zimmern neben meinem Appartement in der Oberstadt von Santa Cruz de La Palma. Gleich um die Ecke liegt der Tante-Emma-Laden von Fernando. „Buenos días!“, grüße ich laut. Keine Antwort. Nur der aufschauende Blick bedeutet mir, dass er mich bemerkt. „Einen Liter Milch, bitte!“, sage ich artig, und bumm! landet er auf dem Tresen. „Zwei Jogurts, bitte!“. Bumm! „Käse!“. Bumm! Ich zahle und verabschiede mich bis bald: „Hasta luego!“ „Mmmh!“ brummelt Alfredo. Tranquilo. Sparsam.

Die schönste Plaza der Kanaren

Unten am Hafen legt gerade die Fähre aus Teneriffa an. Niemanden regt das auf, keiner beachtet sie wirklich. Am Kiosk trinken ältere Herren ihren Milchkaffee aus Limogläsern, schmauchen eine wohlriechende palmerische Zigarre und haben Zeit. Tranquilo. Ich schlendere wie viele andere die Avenida Marítima am Meer entlang. Bars, Cafés und Restaurants, die Tische, Stühle und Sonnenschirme auf den breiten Gehsteig gestellt haben, laden zur Rast ein. Am Ende der Avenida finde ich die schönsten Exemplare der holzgeschnitzten Balkone alter Bürgerhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Spanien / Kanaren / La Palma / Plaza  Espana

Und gleich um die Ecke stehen an der Plaza España die wichtigsten Gebäude von Santa Cruz

Gleich um die Ecke ist die Markthalle, vor der wahre Mengen von Blumen aufgehäuft sind. Im Inneren werden an den Marktständen Fisch, Fleisch, Ananas, natürlich kanarische Zwergbananen und Safran angeboten. Ich kaufe ein Tütchen. Auf der Plaza de España sind die wichtigsten Gebäude von Santa Cruz versammelt. Sie gilt als die schönste der Kanaren. Auf dem fast dreieckigen Platz stehen das auffällige Rathaus aus dem 16. Jahrhundert, dessen Fassade mit Steinmetzfassaden geschmückt ist, und die Iglesia El Salvador mit ihrem Renaissanceportal. Es ist Mittag, und nun versucht jeder, einen der schattigen Plätze unter den Arkaden zu ergattern, die aber meist schon von älteren Herren belegt sind.

Spanien / Kanaren / La Palma / Snat Cruz / Iglesia El Salvador

Iglesia El Salvador

Entlang des Platzes verläuft die Calle O´Daly, die Haupteinkaufsstraße der Stadt, durch die normalerweise die Massen wogen. Doch Schlag 14.00 Uhr ist Ruhe für die Siesta, bis abends alle wieder aus ihren Löchern krabbeln, um einen Abendspaziergang zur Plaza Alameda zu machen. Auf und ab. Ab und auf. Ältere Männer halten im Schatten der riesigen Bäume ein Schwätzchen auf einer Steinbank, einer liest die Tageszeitung. Am Kiosk, in der Mitte des Platzes, gibt es Milchkaffee und Bier vom Fass.

Spanien / Kanaren / La Palma / Blumenmarkt

Blumenmarkt

Unheimliche Stille am Krater

Auf der Fahrt in den Norden der Insel quält man sich auf steil ansteigenden Straßen, die sich an die Berge schmiegen. Ich passiere miradores mit wunderbaren Ausblicken auf die Küste, um schließlich einen Blick in die atemberaubende, steil abfallende Caldera de Taburiente zu wagen, mit 7 km Durchmesser einer der größten Kraterkessel der Welt.

Spanien / Kanaren / La Palma / Caldera

An der Caldera (Foto: Dirk Renckhoff)

Der Blick stürzt ohne Halt in die Tiefe. Die Furchen der Schluchten sehen aus wie eine zusammengefaltete Ziehharmonika. Die Felsen sind kupfer- und dunkelrot gefärbt, gesprenkelt mit etwas Grün an den Abhängen und kleinen, gelben Blüten.

Hier vom Roque de los Muchachos (2.426m) kann man hinüberblicken zum Observatorium, eines der größten der Welt, und manchmal sogar bis La Gomera und Teneriffa. Von La Cumbrecita aus, einem anderen Aussichtspunkt, gibt es einen Rundweg, der immer wieder Ausblicke auf die Caldera de Taburiente und den Roque de los Muchachos, den höchsten Berg La Palmas, bietet.

Spanien / Kanaren / La Palma / Caldera

An der Caldera (Foto: Dirk Renckhoff)

Es herrscht eine fast unheimliche Stille, ab und zu knackt ein Pinienast. Gegenüber ragt die Wand des Kraterkessels auf, das Gefühl des Eingeschlossenseins ist fast perfekt. Hin und wieder fliegt ein Vogel vorbei. Es ist heiß, und die Kiefernnadeln riechen wie ein Saunaaufguss.

Durch die Schlucht der Todesängste

Bei der Anfahrt nach Los Brecitos quert man den Barranco de las Angustias, die Schlucht der Todesängste, wie sie genannt wird. Von hier aus kann man in den mächtigen Kraterkessel, dieses riesige Loch aus uralter Zeit, hinabsteigen.

Spanien / Kanaren / La Palma / Caldera

Wandern auf dem Kraterrand (Foto: Dirk Renckhoff)

Vorbei geht es an kanarischen Kiefern mit bis zu 50 cm langen Nadeln. Eine Eidechse mit stahlblauen Seitenstreifen huscht über den Weg, Kanarienvögel fliegen pfeifend davon. Wieder herrscht tiefe Stille. Tranquilo. Das Geräusch der Nadeln im Wind ist zu hören, Sonne übergießt das Bild. An tief eingeschnittenen Schluchten geht es hinab bis zur Playa de Taburiente, einem kleinen Strand an einem Fluss - mit polierten Steinen zum Sitzen, wo der müde Wanderer seine Füße in kaltem Wasser baden kann. 500 m Höhenunterschied über schweißtreibende Kehren sind geschafft.

Spanien / Kanaren / La Palma / Caldera

Vulkanlandschaft (Foto: Dirk Renckhoff)

Im Norden der Insel liegt das geheimnisumwitterte La Zarza, ein archäologischer Park mit spiralförmigen Zeichen der altkanarischen Ureinwohner, die bis heute nicht entschlüsselt werden konnten. Am Parkeingang befindet sich ein gut angelegtes Museum, dahinter beginnt ein ausgeschilderter Spaziergang, der in einen dichten Wald führt, in dem man zu den Felszeichnungen kommt: Spiralen, Labyrinthe, ein Männerkopf, eine Frauengestalt. Stille und die geheimnisumwitterte Stimmung nehmen mich gefangen. Tranquilo. Am Mirador de la Tosca tut sich die schroffe, nördliche Küste des Barlovento auf, wo man in Felsbadeanlagen, in La Fajana oder am Charco Azul, baden und faulenzen kann. Richtige Strände sind rar auf La Palma.

 

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