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Palladios Villenroute – die Route der geflügelten Löwen

Eine Radtour rund um Venedig

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Der Platz am Tresen ist begehrt. Die Espressomaschine zischt, heult auf, nebelt den Cameriere in ihren Wasserdampf ein. Untertassen scheppern auf den Tresen, und dann der Ruf: „Due Capuccini!“. Man greift sich eines der bereit liegenden Papiertütchen mit Zucker, wedelt damit lässig herum, um es schließlich aufzureißen und den Inhalt wie nebenbei in die Tasse zu schütten. Vorsichtig geschlürft, der Kaffee ist noch heiß!

Venedig - geflügelter Löwe auf der Piazza dei Signori

Die Bar steht in Vicenza, einem Ort im Veneto, Start- und Endpunkt unserer Radtour „Rund um Venedig“. Beginn ist auf der Piazza dei Signori, an der Säule mit dem geflügelten Löwen von S. Marco, Hoheitszeichen der Herrschaft Venedigs. Solche Löwen werden uns noch öfter begegnen. Doch zuerst geht es über die Dörfer: Vereinzelte Gehöfte, ein Hund verteidigt bellend ein Haus, eine Katze huscht erschreckt von den Radfahrern über den Weg. Straßen biegen urplötzlich im 90° Winkel ab. Dort vorne ist ein Verkaufsstand mit Erdbeeren und Spargel. Die Mandelbäume blühen rosarot. Ruhe. Mittags allerdings überbieten sich die Glockenspiele der Türme, die neben den Kirchen stehen, gegenseitig im Bimmeln. Wahre Operetten sind es, die man zu hören bekommt.

Ratour durch und um Venedig - Porta Breganzina in Marostica

Die Route führt durch das Stadttor Porta Breganzina in Marostica

Wir erreichen Marostica mit seinen beiden mittelalterlichen Burgen: einer oberen und einer unteren. Dies ist die Kirschen- und Schachstadt. Im September nämlich wird hier auf der Piazza alljährlich Schach gespielt, und zwar mit lebenden Figuren in historischen Kostümen.

Die Merkwürdigkeiten reißen nicht ab. Wir kommen nach Bassano del Grappa, das nicht etwa wegen des Tresterschnapses so heißt, der hier aber auch gerne getrunken wird, sondern wegen des Monte Grappa. Jeden Radfahrer wird als erstes die von Palladio entworfene überdachte Holzbrücke über den Fluss Brenta in ihren Bann ziehen. Mehrmals wurde sie im Laufe ihrer Geschichte zerstört und wieder aufgebaut. Ponte Vecchio heißt sie oder auch Ponte degli Alpini. Von den Alpini, den Gebirgsjägern, wurde sie nämlich verteidigt. Den Federhut der Alpini findet man hier sogar auf T-Shirts -  ein beliebtes Souvenir. Am östlichen Ende der Brücke befindet sich seit 1779 die Grapperia Nardini. Die urige Kneipe ist krachvoll. Man parliert stehend, schüttet einen Grappa oder einen Spritz hinunter und verschwindet wieder. Spritz ist im Veneto eine Art Kultgetränk: Weißwein, Mineralwasser und Aperol, Campari oder Gin. Die Bedienungen am dunkelbraunen Holztresen tragen graue Arbeitskittel. Leere Flaschen klackern, der Spüler ist in Eile, schon folgt eine neue Bestellung. Gleich nebenan befindet sich das Grappamuseum.

Radtour durch und um Venedig - Weinstand in Asolo

Weinstand in Asolo

Zuviel davon sollte man nicht trinken, denn am nächsten Tag folgt der einzig steile Anstieg der Tour hinauf nach Asolo. Doch wie groß ist der Lohn: Weite Ausblicke bis in die Po-Ebene, blühende Kirschbäume und elegante Villen in der Ferne. Ein sehenswertes Städtchen mit Dom, prächtigen Villen und einem geflügelten Löwen auf dem Fontana Maggiore. Auf und um die Piazza Garibaldi verkostet man die lokalen Weine draußen an der Luft. Die Gläser werden auf ausgedienten Fässern abgestellt.

Radtour durch und um Venedig - Villa Barbaro

Die Villa Barbaro, ein Werk von Andrea Palladio

Villen findet man immer wieder, teils mit beeindruckenden Auffahrten und Alleen. Eine der berühmtesten Villen Palladios am Weg ist die Villa Barbaro, deren genaue Entstehungsgeschichte allerdings bis heute Rätsel aufgibt. Nebenan ist der dem römischen Pantheon nachempfundene Tempietto Barbaro, der als Hauskapelle diente.

Radtour durch und um Venedig - Tempietto Barbaro

Der Tempietto Barbaro von Andrea Palladio

Kunst und Kulinaria: In Montebelluna lohnt ein Stopp im Zentrum bei der Gelateria Ducale. Ein Treffpunkt für große und kleine Schleckermäuler. Gefüllte Waffeln gehen fast im Sekundentakt über die Theke. Draußen stehen ganze Großfamilien und schlecken einträchtig ihr Eis.

In Treviso gibt es außer den beiden K’s auch große Radgeschichte. Für echte Radfans: Hier ist Pinarello beheimatet, am Borgo Mazzine 9. In den Arkadengängen im Zentrum drängen sich zur Abendzeit Myriaden von Menschen. Man geht Schaufenster gucken, palavern, in die „Bar del Duomo“ auf einen Prosecco. Fisch holt man sich auf der Kanalinsel Isola di Pescheria mitten in der Stadt, wo allmorgendlich der Fischmarkt stattfindet. Eine Katze schleicht herum und wartet auf die Reste. Der dunkelrote, weiß gestreifte Radicchio von Treviso gilt als Winterblume, da er im Herbst und Winter reift. Ihn kann man nebenan erstehen auf dem Gemüsemarkt. Nicht weit davon ist die Piazza die Signori mit dem alles beherrschenden Palazzo dei Trecento. Der Fontana delle Tette liegt gleich um die Ecke, der Tittenbrunnen. Jedes Jahr sollen aus einer Titte kurioserweise drei Tage lang Weiß- und aus der anderen Rotwein geflossen sein.

Radtour durch und um Venedig - auf dem Fischmarkt Perscheria

Auf dem Fischmarkt Pescheria auf einer Insel im Kanal Cagnan in Treviso

Auf nach Venedig

Kurios geht es auch am blaugrün schimmernden Fluss Sile zu, den wir entlang radeln. Wir treffen auf Schwäne, Enten und einen Friedhof der Lastkähne. Sie wurden hier während eines Streiks in den 70ern von den Arbeitern versenkt und ragen noch heute aus dem Wasser. Ansonsten geht es längs des Flüsschens fast ein wenig verträumt zu. Doch dann: Venedig!  Stadt der geflügelten Löwen, Symbol des Evangelisten und Schutzpatrons Markus, Gondeln, Kanäle und Lagunen.

Venedig - Blick auf die Isola di S.Giorgio Maggiore

Blick hinüber auf die Isola di S. Giorgio Maggiore

La Serenissima, die Glanzvollste. Sollte man diese Stadt überhaupt beschreiben? Wo es doch Hunderte von anderen vor einem schon getan haben. Der morbide Charme und die Grandezza der Paläste, Glockentürme, Kuppeln, die Vaporetti, die zwischen den Kanälen hin- und her flitzen. Auf Millionen Pfählen ruhen die Kunstwerke der Stadt quasi auf hölzernen Füßen im Meer. Angeblich ist sie auf 118 Inseln verstreut, zwischen denen sich über 400 Brücken spannen und 177 Kanäle.



Auf der Piazza di San Marco, laut Napoleon „der schönste Salon Europas“, verkaufen fliegende Händler Touristenkitsch: Giftgrüne und knallgelbe Plastikgondeln, grelle Masken, Strohhüte, wie sie die Gondolieri tragen, Fächer mit Spitzen. Eine große Kirmes. An Radfahren ist hier natürlich nicht zu denken, schieben ist angesagt. Die Gondolieri in den Gassen machen die Besucher an. Im verschlungenen, undurchschaubaren Gassengewirr, in den alten Bàcari (Weinstuben) trifft man vielleicht das echte Venezia. Hier wird goutiert und schnabuliert. Zum Weinchen gibt es Cicheti, kleine Häppchen. Man diskutiert und scherzt. Draußen wandert eine japanische Gruppe in Busstärke vorbei. Adriawasser schwappt fast in die Hauseingänge, Wasser leckt an Mauern und Holzpfählen.

Venedig - Markusplatz mit der Basilica di San Marco

Markusplatz / Piazza San Marco mit der Basilica di San Marco

Am Morgen tut sich der Nebel über der Lagune schwer damit, endlich die Sonnenstrahlen durch zu lassen. Alles wirkt wie in Watte eingepackt, als uns eine stumpfnasige Fähre auf die Lido-Insel bringt. Auch dies ist geschichtsträchtiger Boden: Der Radweg folgt dem Strand „Des Bains“, wo Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ spielt. Regisseur Visconti wählte ihn als Drehort für den gleichnamigen Film. Etwas weiter folgt der Palazzo del Cinema, wo die Internationalen Filmfestspiele Venedigs abgehalten werden. Wir fahren auf einem Murazzo, einem Steindamm, der die Insel vor Überflutungen schützen sollte, am Meer. Immer wieder geht es nun die Adria entlang. Der heutige Tag bringt Inselhüpfen in der venezianischen Lagune und wir setzen kurz hinter Malamocco, in Alberoni, von der Lido-Insel auf die Isola di Pellestrina über.


Venedig - Blick auf Markusplatz mit dem Dogenpalast

Blick auf Venedig mit dem Markusplatz mit dem Dogenpalast von der Fähre aus

 

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