Ausstellungsorte in Hamburg: Altonaer Museum / Barlach Haus / Bucerius-Kunstforum / Deichtorhallen / Jenisch-Haus / Kunsthalle / Museum für Hamburgische Geschichte / Museum für Kunst und Gewerbe / Museum der Arbeit / kunsthaus / Le Meridien Hotel Hamburg / hamburgmuseum / Kunsthaus Stade / Freilichtmuseum am Kiekeberg / Kunstverein/ Medizinhistorisches Museum Hamburg
Hamburg
Museum der Arbeit
Hamburger
Industriegeschichte an historischem Ort laufend
text/fotos: ferdinand dupuis-panther
Tunnel. Hamburg und seine Unterwelt
bis 25. März 2012
Hamburger Industriegeschichte an historischem Ort

Am Rande des Museumsgeländes: Alter Kran foto: fdp
Museal genutzt wird nicht nur die „Neue Fabrik“ (1906-08), die um ein Stockwerk erweitert wurde, sondern auch das Kesselhaus von 1896/7. Diese Bauwerke gehörten ursprünglich zu der 1861 gegründeten New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie, die aus Hartgummi Kämme und Schmuck herstellte. Seit 1954 residiert das Unternehmen in Hamburg-Harburg, nachdem die Stadt das Gelände in Barmbek zuvor gekauft hatte.
Pendelschlagpresse, Spindelpresse und Kautschukhandel

Einst wurden hier Gummikämme hergstellt fofo: fdp
Die Ausstellung gleicht einem Mosaik der Industriekultur: Gegenstände und Dokumente zum Alltag im Industriezeitalter wie eine Pendelschlagpresse zur Herstellung von Seifenstücken – 5000-6000 wurden am Tag geprägt –, der Fernsprechtischapparat OB 05 (1905) oder die Arbeiterkontrolluhr (um 1900), die Metallwerkstatt Carl Wild und die Maschinen- und Handsetzerei mit einer Spindelpresse für den Buchdruck (um 1780) und Handsatzregalen. Doch es gibt noch weitere Mosaiksteinchen zu sehen: ein Hamburger Handelsgeschäft für Kautschuk und Kakao, die Fabrikgeschichte der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie und der Prozess vom Kautschuk zum Gummi. Schließlich widmet man sich auch den Arbeitswelten von Männern und Frauen: Mit Kurzlebensläufen von Frauen aus der DDR und BRD, mit einer Hörcollage „Typisch Mann/Typisch Frau“ und Einblicken in den Arbeitsalltag in der Fischverarbeitung mit O-Tönen: „Im Sommer, wenn die Matjes-Saison ist, dann schneide ich fünf Fässer – 300 Filets sind ungefähr in einem Fass ...“, so berichtet Helga B. über ihren Arbeitstag.
Anstecknadeln von Carl Wild
Einen Blick in die gründerzeitliche Villa der Familie Wild können
wir als Besucher zwar nicht werfen, doch die Werkstatt, in der aus einer
Zeichnung eine Anstecknadel wurde, dürfen wir besichtigen. Man sieht
die Tische, an denen die Entwürfe entstanden, entdeckt, wo gedreht
und gehobelt, wo gestanzt, geprägt und entgratet wurde. Und wir lesen
von Erika Fengler, die als letzte Mitarbeiterin der Firma Carl Wild bis
1989 dem Unternehmen die Treue hielt. Auch der Arbeitsplatz eines Graveurs
ist noch erhalten, zu erkennen an den typischen Arbeitsgeräten wie
der Graveurkugel. In einer Vitrine kann man die Vielfalt der Produkte
bestaunen, die die Firma Carl Wild herstellte: einen Polizeistern für
die Bereitschaftspolizei, eine Medaille des Deutschen Ruderverbandes von
1979, Plaketten für den FIAT 124 Spider Club und die Brosche der
HADAG mit dem Dampfer „Imperator“ (1913/14). © fdp

Am 21.März 2009 trafen sich Fans des Piaggio Ape
auf dem Gelände des Museums der Arbeit foto: fdp
Tunnel. Hamburg und seine Unterwelt

"Trude" diente einst dem Tunnelbau und ist nun museales
Exponat der
Arbeit foto: fdp
100 Jahre wird der Alte Elbtunnel alt, Anlass genug sich nicht nur mit der Geschichte dieses Meisterwerks der Ingenieurskunst zu befassen, sondern auch mit den anderen Tunnelbauten, über die Hamburg verfügt, ob nun mit dem Neuen Elbtunnel oder der unterirdisch in die Hafen-City führenden U4. Mit dem Thema Tunnel blättert dabei das Museum der Arbeit ein weiteres Kapitel auf, das sich mit der Mobilität in der Stadt auseinandersetzt. Die Reihe begann mit der Ausstellung über die Hamburger U-Bahn, den Kleintransporter Tempo und setzte sich mit der Schau über die Brücken fort, ehe nun die Tunnel der Stadt im Blickpunkt stehen.

Kanalisationsbau Hamburg Wasser Foto 1901 Staatsarchiv Hamburg © Museum der Arbeit
Wer die Ausstellung besucht, wird mit einem Konvolut historischer Fotografien zum Tunnelbau konfrontiert. Nicht allein anhand dieser Aufnahmen wird deutlich, dass Manpower ein entscheidender Faktor beim Bau der Tunnel in schwierigem Untergrund war. Anfänglich wurde noch bergmännisch vorgegangen, um einen Tunnel anzulegen, so auch beim Hafenbahntunnel im Altonaer Elbhang. Wer allerdings glaubt, dass nur ehemalige Bergleute aus den Steinkohlerevieren des Harzes und des Ruhrgebietes beschäftigt wurden, wird überrascht sein: Beim Hafenbahntunnel gab es zwar einen Obersteiger, aber die übrige Mannschaft bestand aus Hamburger Jungs, die anpacken konnten. Doch ehe wir uns den einzelnen Tunnelprojekten widmen, sei darauf hingewiesen, dass sich die Ausstellung zunächst mit dem Hamburger Untergrund und den Einflüssen der Eiszeit auf die Bodenschichten befasst, auf denen Hamburg gründet. Der Bau der Kanalisation – hier war das Können der Maurer gefragt, die aus Backsteinen die Gewölbe und den ovalen Querschnitt der Siele schufen –, die Anlage von sogenannten Dükern zur Aufnahme des Abwassers der Stadt, der bereits zuvor erwähnte Hafenbahntunnel, der Alte Elbtunnel als direkter Zugang zum Freihafen, der Neue Elbtunnel (1968-1975 errichtet), nicht realisierte Tunnelbauten und außerdem die Entwicklung der Maschinerie für den Tunnelbau in Schlick, Sand, Mergel, Ton und eiszeitlichen Hinterlassenschaften sind Themen, mit denen sich die Ausstellung beschäftigt.

Kanalisationsbau "Hamburger Stadtentwässerung", 1901, Foto: Staatsarchiv Hamburg
„Der Hamburger Untergrund hat den Bau der Kanalisation, der U- und S-Bahntunnel, des Neuen Elbtunnels und seiner Vierten Röhre mit seiner unvorhersehbaren geologischen Beschaffenheit und der Lage zwischen Alster und Elbe immer wieder zu komplexen Bauvorhaben gemacht. Die dabei angewandten neuen Arbeitsweisen und innovativen Bauverfahren werden in der Ausstellung ebenso zu sehen sein wie die Entwicklung der Stadt zwischen 1912 und 2012.“ Dr. Jürgen Bönig, Museum der Arbeit, Kurator der Ausstellung
Hervorzuheben ist die Ausstellungsarchitektur. Sie erlaubt es dem Besucher, sich durch einen inszenierten halboffenen schwarzen Tunnel von Thema zu Thema zu bewegen, um schließlich auf einem Fahrsimulator Platz zu nehmen und eine Tunnelfahrt am Steuer eines Autos zu unternehmen.
Gleich zu Beginn des Rundgangs taucht man in die Urgeschichte ein, sieht Bodenproben von Glimmerton und Geschiebe sowie Glimmerschutt mit Klumpen. Derartige Proben wurden aus 30 bis 40 m Tiefe beim Bau des Neuen Elbtunnels geborgen. Ohne TRUDE wäre das aber nie gelungen. Deren Schneidrad befindet sich auf dem Museumsgelände und führt angesichts ihrer Ausmaße jedem vor Augen, welche gewaltigen Erdbewegungen für den Bau der vierten Elbtunnelröhre notwendig waren.

Alter Elbtunnel Ansichtskarte, 1950er Jahre, Ansichtskartenfabrik Schöning & Co., Lübeck
Derartige Tunnelbohrmaschinen – einige funktionsfähige Maschinen kann man als Modelle in der Schau bestaunen – erleichterten und erleichtern zwar das Unterfangen unterirdische Infrastruktur anzulegen, aber auf Manpower ist man bisher immer noch angewiesen und sei es, um das Schneidrad zu wechseln oder technische Störungen zu beheben.
Auf welche Art und Weise auch immer unterirdische Anlagen errichtet wurden, in offener Bauweise, im Senkkastenverfahren oder dem Tunnelbau unter Einsatz von Druckluft und dem Schildvortrieb verfahren, die am Vorhaben beteiligten Arbeiter trugen ein nicht klein zu redendes Risiko, vor allem auch wegen der Gefahren der sogenannten Taucherkrankheit. Auch mit diesem Aspekt wird der Besucher der Ausstellung konfrontiert.

Alter Elbtunnel, 2010, Foto: Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung, Sven Bartzen
Aus Anlass des 100.Geburtstags des Alten Elbtunnels steht dieses Geburtstagskind besonders im Scheinwerferlicht. Zu sehen sind unter anderem die im Zuge der Sanierung abgenommenen Originalmajolika mit Motiven wie Seesternen, Aalen, Seehunden und Krebsen.
Als Begleitung zur Ausstellung wären Exkursionen in die Unterwelt Hamburg, die recht eindrucksvoll auf einer Bodenkarte zu sehen ist, wünschenswert, aber leider nicht zu realisieren. So muss man sich mit der Kartografie der Unterwelt begnügen, die im Eingang der sehenswerten Schau zu finden ist: Dabei wurden nur die unterirdischen Bauwerke kartiert, die begehbar sind, ob nun der Tunnel des Teilchenbeschleunigers DESY oder die beiden Elbtunnel, die unterirdischen U-Bahn-Trassen, die Düker und natürlich auch die Frischwassersysteme und Abwassersiele.
Eines der eigenartigsten Bauwerke, das … zu den interessantesten Ausführungen der Ingenieurbaukunst Deutschlands zu zählen ist …“ Baumeister Otto Stockhausen über den Alten Elbtunnel, 1912
Leider wurde der „Begleitband“ zur Ausstellungseröffnung nicht rechtzeitig fertiggestellt. Unabhängig davon sollte man sich Sven Barduas Geschichte des Tunnelbaus für die Lektüre vormerken. Der Klappentext macht schon neugierig auf dieses besondere Kapitel hamburgischer Geschichte: „Die beachtliche Leistung der Ingenieure und Arbeiter beim Bau im schwierigen und gefährlichen Hamburger Baugrund erfährt in diesem Buch erstmals eine ausführliche Würdigung. Klar wird auch, warum der Bau beider Elbtunnel weltweit schrittmachend war. Das atmosphärisch bebilderte Buch arbeitet ein noch unerforschtes Kapitel der Hamburger Baugeschichte auf.“© fdp
Sven Bardua: Unter Elbe, Alster und Stadt Die Geschichte des Tunnelbaus in Hamburg Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs Band 26, hg. von der Hamburgischen Ingenieurkammer-Bau und dem Museum der Arbeit, ca. 160 Seiten, ca. 160 Farbabbildungen Hardcover mit Fadenheftung, 23 x 28 cm, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86218-019-6, Preis € 29,90
Museum der Arbeit
Wiesendamm 3
22305 Hamburg
direkt am U-/S-Bahnhof Barmbek
Tel: 040/428 133-0
info@museum-der-arbeit.de
Öffnungszeiten
Mo. 13-21 Uhr, Di.-Sa. 10-17 Uhr, So. 10-18 Uhr