Buchtipps
Alle Texte: ferdinand dupuis-panther
• Heinrich Kley: (1863 - 1945) Meister der Zeichenfeder im Kontext seiner Zeit; [anlässlich der Ausstellung Heinrich Kley (1863 - 1945). Meister der Zeichenfeder im Kontext seiner Zeit, Alexander Kunkel, Hrsg. von Michael Buhrs. Villa Stuck, 127 S., überw. Ill.; 27 cm kart., ISBN978-3-923244-27-0, € 19.50
• Walter Grasskamp Gespräche mit Ben Willikens, von Walter Grasskamp, Gestaltung von Gabriele Sabolewski, Hatje Cantz Verlag 2011, 216 Seiten, 114 Abb., davon 52 farbig, ISBN 978-3-7757-2829-4, Preis 29,80 €
• Uwe Fleckner (Hg.): Kunst in der Stadt Hamburg - 40 Werke im öffentlichen Raum, 192 Seiten, 90 farbige Abb., ISBN 13: 978-3-89479-370-8
Karin Schick /Karsten Müller: Walter Gramatté (1897-1929), Verlag Dumont Köln 2008, ISBN 978-3-8321-9131-3, 175 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Deutsches Hygiene-Museum Dresden (hg.): Mythos Dresden – eine kulturhistorische Revue, Böhlau-Verlag Köln, Weimar, Wien 2006, ISBN 3-412-34005-7
• Ernst-Barlach-Haus (Hg.): Franz Radziwill: Vom Expressionismus zum Magischen Realismus, Wienand-Verlag Köln, 2006, ISBN 3-87909-889-1
• Landesmuseum für Natur und Mensch (Hg,): Saladin und die Kreuzfahrer - Ausstellungsführer, Oldenburg 2006, ISBN 3-89995-285-5
• Karen Ermete: Balduin und das rätselhafte Erbe, Oldenburg 2006, ISBN 3-89995-287-1
Stephan Berg et al. (Hg.): Jonathan Monk: Yesterday Today Tomorrow etc. revolver-verlag, Frankfurt a/M. 2006 ISBN 3-86588-233-1
Ernst-Barlach-Haus (Hg): Der Zauber des Banalen - Christian Rohlfs: Die frühen Landschaften
Heinz Spielmann/Alice Strobl: Oskar Kokoschka – Erlebnis des Augen-Blicks – Aquarelle und Zeichnungen
Rainer Stamm (Hg.): Ewald Mataré und das Haus Atlantis, Bremen 2005
Stadt Karlsruhe – Städtische Galerie (Hg.): Die 20er Jahre in Karlsruhe, Künzelsau 2005
Die Brücke - Die Geburt des deutschen Expressionismus (Hirmer, München)
Otto Dix: Hommage à Martha (Hatje Cantz, Ostfildern)
• Max Bill (Hatje Cantz, Ostfildern)
• Exil und Moderne (Edition Braus, Wachter-Verlag; Bönningheim)
• Henry Moore: Epoche und Echo - Englische Bildhauerei im 20. Jahrhundert (Swiridoff, Schwäbisch-Hall)
• Willi Baumeister: Figuren und Zeichen (Hatje Cantz, Ostfildern)
• Picasso: Badende (Hatje Cantz Ostfilden)
• Franz Marc (Prestel, München)
• Ernst Schwitters (Hatje Cantz, Ostfildern)
• Niki & Jean - L'Art et l'Amour (Prestel, München)
• Manfred Lehmbruck: Architektur um 1960 (Spurbuchverlag, Baunach)
• Lehmbruck, Rodin und Maillol (Wienand, Köln)
• Wilhelm Lehmbruck: Das plastische und malerische Werk, Gedichte und Gedanken (Wienand, Köln)
• Die obere Hälfte - Die Büste seit Auguste Rodin (Edition Braus, Wachter-Verlag; Bönningheim)
• Gegen die Zeit gezeichnet - Blumen und andere Stillleben von Horst Janssen (Isensee-Verlag Oldenburg)
• Karl Schmidt-Rottluff: Die Berliner Jahre 1946-1976 (Hirmer-Verlag München)
• Péter Nádas: Seelenverwandt – Ungarische Fotografen 1914 – 2004 (Nicolai-Verlag Berlin)
• Ewald Gäßler (Hg.): 100 Jahre Willi Oltmanns – 100 Werke: Gemälde und Aquarelle (Isensee-Verlag, Oldenburg)
• Robert Longo: Kaiserringpreisträger 2005 (Mönchehaus-Museum Goslar) (Isensee-Verlag Oldenburg)
• Sebastian Giesen (Hg.): Zauber des Banalen – Christian Rohlfs. Die frühen Landschaften (Eigenverlag des Ernst Barlach Hauses, Hamburg)
• Kunsthalle Hamburg (hg.): Die Schlumper – Kunst in Hamburg ( Verlag H.M. Hauschild GmbH, Bremen)
• Helga Gutbrod (Hg.): In den stärksten Farben höchst unakademisch und ganz modern – Adolf Hölzel, Hermann Stenner und der Hölzel-Kreis (Vier-Türme Gmbh; Benedict Press, Münsterschwarzach Abtei)
• Pakesch et al. (Hg.): Michel Majerus installation 92-02 (Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln)
• Kunsthalle Würth (Hg.): Fernando Botero (Swiridoff Verlag, Künzelsau)
• neues museum (Hg.): Tony Cragg familiae, Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2005, ISBN 3-936711-87-9
• Berliner Volksbank e.G. (Hg.): Berlin im Bild – Malerei seit 1945, Berlin, S.66
Isabel Schulz (Hg.): Anna Blume und ich Zeichnungen von Kurt Schwitters
Gleich in der „Einleitung“ der vorliegenden Veröffentlichung weisen die Autoren Isabel Schulz und Matthias Frehner darauf hin, dass zwar Zeichnungen die persönliche Handschrift des Künstlers offenbaren, jedoch bei Schwitters davon nicht die Rede sein kann, obgleich ein Fünftel seines Werks aus Zeichnungen besteht. Da diese für die sogenannte Merz-Kunst, also der Kunst, die mit Schwitters' Namen verbunden ist, als nicht relevant angesehen wurde, wurden die zeichnerischen Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers der Öffentlichkeit weitgehend vorenthalten. Das verwundert, da die beiden oben genannten Autoren gerade den Facettenreichtum der Arbeiten hervorheben, darauf verweisen, dass rhythmisch organisierte Abstraktionen ebenso zu finden sind wie kubistisch geprägte. In einem gesonderten Beitrag wird auf die erwähnten abstrakten Zeichnungen besonders eingegangen, darunter die Blätter Z 30 und Z 11, in denen schematisierte Figuren und Häuser wesentliche Motive sind. Dass nicht erst mit Merz-Kunst der Dadaist Schwitters im Blick der Öffentlichkeit stand und sich als Dadaist zu erkennen gab, unterstreicht Isabel Schulz in ihren Ausführungen unter der Überschrift „Dadaistische Experimente“. Gemeint sind damit u.a. die sogenannten Stempelzeichnungen, die durch den Einsatz gedruckter Elemente das Medium der Zeichnung erweiterten. Auch auf Schwitters gezeichnete Porträts, vor allem entstanden während seiner Internierung in England, geht man in dem Begleitband zur in Hannover und Bern organisierten Schau zu den Zeichnungen Schwitters ein. Schließlich widmet sich ein knapper Beitrag auch den Landschaftszeichnungen, die Schwitters in seinem Exil in Norwegen und England anfertigte. Ergänzt werden die Beiträge immer durch entsprechende Abbildungen. Eine Liste der abgebildeten Werke, eine Literaturauswahl und die Künstlerbiografie runden die vorliegende „Monografie“ ab. © fdp
Heinrich Kley: (1863 - 1945) Meister der Zeichenfeder im Kontext seiner Zeit
Der "Beleitband" zu der zuerst in der Villa Stuck und dann im Museum für Karikatur und Zeichenkunst - Wilhelm Busch gezeigten Retrospektive folgt der thematischen Strukturierung der Werkpräsentation mit Arbeiten von Heinrich Kley. In seinem Vorwort weist Michael Buhrs, der Direktor der Villa Stuck, mit einem Zitat auf die positive Kritik zu Kleys Schaffen hin. Doch das war 1910, als gerade sein zweites Skizzenbuch erschienen war. Die anfängliche "Begeisterung" verblasste jedoch rasch und erst mit den Walt-Disney-Filmen wie "Dumbo" kann von einer Renaissance Kleys gesprochen werden, bezogen doch die Zeichner Disneys ihre Inspirationen von Kleys tanzenden Elefanten und Krokodilen. Ansonsten, so Buhrs, ist der Zeichner Kley eigentlich in der Versenkung verschwunden.
Leben und Werk Kleys werden in einem prägnant formulierten Beitrag gewürdigt – dabei geht man auf dessen Karriere als Industriemaler genauso ein wie auf die Mitarbeit am Simplicissimus. Erwähnt wird dabei auch, dass Kleys Sammelalbum 1939 auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt wurde. Die letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod am 8.Februar 1945 waren von langen Krankenhausaufenthalten bestimmt. Dass Kley als Zeichner überaus talentiert war, unterstreicht der Artikel "Max Klinger, Alfred Kubin und Heinrich Kley". Erwähnt wird dabei auch, dass Kley bereits 50 Jahre alt war, als ihm eine seiner besten Zeichnungen mit dem Titel "Inspiration" gelang. Zu sehen sind antike, mittelalterliche und moderne Figuren, die aus dem Kopf des Zeichners über dessen Hände den Weg auf die Leinwand finden – ein skurriles Motiv, das im o.g. Beitrag Kubins "Mein Dämon" gegenüber gestellt wird. Herausgestellt wird in dem erwähnten Beitrag auch die Federzeichnung "Der Traum des Ingenieurs"nebst einigen erotischen Zeichnungen von Kubin, Klinger und Kley ("Gesellschaftsspiel, 1910). Ein wichtiges Kapitel im Kontext der Rezeption Kleys ist die "Entdeckung" der vermenschlichten Tierzeichnungen, die für die Zeichner der Walt Disney Studios als Vorlagen für abendfüllende Zeichentrickfilme genutzt wurden. In dem Beitrag "Heinrich Kleys Rezeption durch Walt Disney" heißt es in einem 1964 geführten Fernsehinterview mit Disney: "Without the wonderful drawings of Heinrich Kley I could not conduct my art school classes with my animators." Neben den oben genannten "einführenden Beiträgen" umfasst die vorliegende Publikation alle Themenblöcke der inszenierten Ausstellung, angefangen von "Karlsruher Kunstleben", über "Naturstudien" und "Antike" bis "Tanz und Bewegung". "Saaltexten" gleich gibt es jeweils kurze Einführungen zu den Themen und zahlreiche Abbildungen zu den jeweiligen Kapiteln. Auf diese Weise erhält der Leser einen umfassenden visuellen Überblick über das Schaffen Kleys, der aus heutiger Sicht zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Mit der aktuellen Veröffentlichung wird er gewiss wieder mehr Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit erhalten. © fdp
Walter Grasskamp Gespräche mit Ben Willikens
Rechtzeitig zu Willikens' Leipziger Einzelausstellung Im Sommer 2011 erschien nicht etwa ein Werkkatalog, sondern eine Sammlung von Gesprächen zwischen dem Kunstkritiker und Kunsthistoriker Grasskamp und dem Künstler Willikens. Diese Gespräche fanden in den letzten beiden Jahren über mehrere Monate statt. Beinahe zwangsläufig beginnt Grasskamp, Willikens – in Leipzig und Hannoversch Münden aufgewachsen und die Bombennächte in Leipzig miterlebt – nach seinen frühen Erinnerungen zu befragen. Bereits hier scheinen Wurzeln dessen aufspürbar, was sich in den gemalten Raumansichten bündelt: die Erfahrung mit tristen Räumen, die der Künstler bei der Flucht aus dem Osten in den Westen erlebte. Es sind Räume mit schmucklosen Wänden und grauen Türen. Diese finden sich auch in ähnlicher Weise im Werk des in Stuttgart und in der Region Hohenlohe arbeitenden Ben Willikens.
Dass bei Willikens von einer ungebrochenen Künstlerkarriere gesprochen werden kann, ist nicht der Fall. Straßenpflastern musste er ebenso wie für einen Kiezbruder eine Bar ausgestalten, ohne dass es anfänglich eine müde Mark dafür gab. Unterhaltsam und kurzweilig, nicht getragen und schwer, sich in Debatten über Kunststile verlierend, verlaufen die Gespräche zwischen Grasskamp und Willikens. So erfährt der Leser, dass auch ein wenig Glück und Chuzpe dazu gehörte, um ein Studium bei einem Bauhausschüler und Kunstprofessor in Stuttgart aufnehmen zu können: Ohne eine Porträtzeichnung eines Polizeipräsidenten hätte Willikens nie studieren können. Das ist eine der zahlreichen, beinahe anekdotisch anmutenden Erinnerungen, die nun publiziert vorliegen. Das Verdrängen der Kriegserfahrungen durch die Generation der Lehrer an deutschen Kunstakademien wird ebenso thematisiert wie die Vorliebe des Künstlers für Jazz von Ellington bis Davis.
Abenteuerlich scheint die Londoner Zeit Willikens' und sein Leben in einem Bordell gewesen zu sein. Dabei stellte sich Willikens, der sich noch als suchender Künstler begriff, die Frage: „Wie kriege ich die Welt, die ich erlebt habe in eine Form, ohne sie einfach abzumalen?“ Die aufkommende Pop Art faszinierte, wurde aber auch von Willikens abgelehnt: „Mich störte an der Pop-Entwicklung … diese Naivität – die Welt ist schön, … , wir machen sie sogar noch genießbar.“
Willikens „plaudert“ im Weiteren über seine Begegnung mit Sonderborg, von dem er lernte, „dass man Kunst machen kann, ohne sie gedanklich zu überfrachten.“ Ungeschminkt äußert sich der Künstler auch zu seinen „Dämonenbesuchen“, über Drogenkonsum und seine Zeit in der Psychiatrie wegen einer manisch-depressiven Anlage. Es waren Zeiten, in denen Elektroschocks und Fixierungen hinter Gittern zur Praxis der psychiatrischen Therapie gehörten, wie Willikens bestätigt. Nie wirkt in diesen Passagen der Rückblick aufgesetzt oder durch den Interviewer erzwungen. Statt dessen spürt man auch in diesem Abschnitt der Biografie des Künstler einen gewissen Aufbruch: „Da fing ich an, auf Zeitungsrändern zu zeichnen – leere Räume. Oder ich skizzierte die Türe, die mir verschlossen war, auf einem Zeitungsrand.“ In der Anstaltszeit, so scheint es, liegt wohl neben den Nachkriegserfahrungen ein weiterer Schlüssel für die Wahl von Raumansichten als dominante Bildmotive.
Der Bogen des Gespräch spannt sich weiter von dem „Sprung aus der Anstalt“ in die Villa Massimo. Gestreift wird die Frage nach dem Verhältnis Willikens' zur Politik, gerade im Kontext der 1968er-Revolte. Angesprochen wird seine unfreiwillige Begegnung mit der „Quartiermacherin“ der RAF und einstigen Freundin aus Zeiten in Hannoversch Münden, Marianne Herzog, und auch von „Gegenräumen“ ist die Rede. Schließlich münden die monatelangen und nun aufgezeichneten Gespräche in das Thema „Orte“. Dabei geht es um die Monumentalität der nationalsozialistisch unterfütterten Herrschaftsarchitektur, aber nicht nur der. Mehr als in jeder möglichen Biographie oder Künstlermonographie kommt man in der vorliegenden Veröffentlichung dem Künstler Ben Willikens sehr nahe. Auch dem nicht so sehr kunsthistorisch versierten Leser wird außerdem die Chance gegeben, jenseits eines kunsthistorischen Diskurses den Künstler und seine Intentionen beim Malen von „Raumbildern“ wirklich zu begreifen. © fdp
Deutsches Hygiene-Museum Dresden (hg.): Mythos Dresden – eine kulturhistorische Revue
Dass Sigrid Walthers Beitrag »Mythos Dresden. Eine
kulturhistorische Revue« am Ende der vorliegenden Veröffentlichung
platziert wurde, obgleich dieser Artikel als Einleitung die Ausstellungskomposition
und die Themenschwerpunkte erläutert, bleibt unverständlich.
Es wäre als Einstimmung auf die Ausstellung so wichtig gewesen,
sich zu Beginn des Ausstellungsbegleitbuches mit Thesen der Autorin
auseinander zu setzen, so auch mit ihrer Aussage: »Und was nicht
Barock ist, wird bis heute als ein vielfach gebrochenes, überformtes
und rezipiertes Bild unter Barock subsumiert.« In ihren Ausführungen
erläutert die Autorin das Ausstellungskonzept und geht auf die
einzelnen Schwerpunkte der Ausstellung wie »Luftschlösser«
oder »Dionysisches Dresden« ein.
Als Einführung zum Thema Mythos Dresden haben die Herausgeber einen
Beitrag von Klaus Vogel und Gisela Staupe schreiben lassen. Dabei widmen
beide unter dem Stichwort Mythos auch dem Deutschen Hygiene-Museum,
diesem legendären Tempel der Gesundheit, wie sie schreiben, entsprechende
Beachtung. In diesem Museum, so die beiden Autoren, schlagen sich wie
in der Geschichte der Stadt Erneuerung, Zerstörung, Wiederaufbau,
Fremdbestimmung und Neuorientierung nieder. Die Herausgeber lassen aber
auch geborene Dresdner wie den Dramaturgen Ingo Schulze sowie den Lyriker
und Essayisten Durs Grünberg zu Wort kommen, die sich ihre Gedanken
zur Mythenbildung machen. Für Schulze bündelt sich der Mythos
Dresden, wenn es denn einen solchen gibt, in der Ruine der Frauenkirche.
Der Autor macht sich aber auch Gedanken zum Bau-Surrogat um den Neubau
der Frauenkirche, ruft dem Leser die Melange aus Stalinismus und Barock
am Dresdner Altmarkt ins Gedächtnis. Im Übrigen widmet sich
der vorliegende Band den Ausstellungsthemen »Dionysisches Dresden«,
»Musenort« und »Apokalypse«. Schließlich
setzt sich Olaf B. Rader mit der Bombardierung Dresdens im kulturellen
Gedächtnis auseinander. (fdp 10/06)
Ernst-Barlach-Haus (Hg.): Franz Radziwill: Vom Expressionismus zum Magischen Realismus, Wienand-Verlag Köln, 2006, ISBN 3-87909-889-1
Neben dem Verzeichnis der ausgestellten Werke und biografischen Daten
überzeugt der vorliegende Band durch seine Bildstrecke. Insbesondere
Arbeiten aus dem Zyklus »Zehn Radierungen« werden entsprechend
der Ausstellungshängung präsentiert. Neben dem Beitrag von
Gerd Presler zum Verhältnis Radziwills zu seinen Hamburger Förderern
und zur »Brücke« ist es der Beitrag von Karin Schick,
der den Künstler Radziwill in seinen Brüchen dem Leser eindrücklich
nahe bringt. Schick bemüht sich in ihrem Beitrag darum, Radziwill
selbst zu Wort kommen zu lassen, wenn sie gleich zu Beginn ihres Beitrags
aus einem Brief Radziwills vom März 1923 an den Hamburger Kunsthistoriker
und Radziwill-Förderer Wilhelm Niemeyer zitiert. Schick hinterfragt
dabei diese Äußerung weniger, sondern überlässt
es dem Leser, Schlüsse zu ziehen. Man mag Radziwill nicht glauben,
wenn er 1963 rückblickend meint: »Eigentlich kann jedes
meiner Bilder als Illustration meines Lebens gelten. Seit meiner Jugend
hat sich mein Verhalten zur Welt, haben sich die Motive meines Erlebens
kaum geändert.« Und die Betonung muss, betrachtet man das
Werk Radziwills und dessen brüchige Biografie, auf dem kleinen
Wörtchen kaum liegen. Das Spiel mit Fläche und Raum, so
Schick, zeigt Radziwills Nähe zu den Malern der »Brücke«
- und es sei aus meiner Sicht hinzugefügt insbesondere zu Erich
Heckel und Schmidt-Rottluff.
Wie stark Radziwill durch das Licht an der Nordsee, die Gezeiten und
oft seltsame Wolkenbildungen, die er erlebte, in seiner malerischen
Schöpfung beeinflusst wurde, reißt Schick im Abschnitt
»Außen und Innen« an. Das Phänomen des »weißen
Schattens« in Radziwills Arbeiten wird von Schick ebenso behandelt
wie das Thema »Grenze und Entgrenzung.« (© fdp Juni
2006)
• Karen Ermete: Balduin und das rätselhafte Erbe, Oldenburg 2006, ISBN 3-89995-287-1
Der Autorin Karen Ermete ist es zu verdanken, dass es zur Ausstellung »Saladin und die Kreuzfahrer« ein Begleitheft für Kinder gibt, das von Mesut Aydin illustriert wurde. Die Freundschaft zwischen dem Knappen Balduin und Salim, dem Sohn eines Instrumentenbauers aus Akkon und deren Abenteuer auf der Suche nach dem wahren Kreuz bilden den Kern der Erzählung, die durch historische Themenblöcke wie »Wem gehört Jerusalem«, »Kreuzfahrerstaaten im heiligen Land«, »Der zweite Kreuzzug«, »Christentum und Islam« oder »Warum zogen so viele Ritter in den Orient« ergänzt wird. Leider ist die grafische Gestaltung mangelhaft, so dass der Erzählfluss durch die teilweise mehrseitigen, historischen Einschübe unterbrochen wird. Es hätte der Publikation gut getan, hätte man sich grafisch auf eine Seitenhälftung eingelassen, so dass jeweils auf dem oberen Teil der Seiten die Erzählhandlung fortlaufend zu lesen ist und auf der unteren die historischen Fakten. Man hätte dafür auf die eine oder andere Abbildung verzichten müssen. Dies hätte aber zur Komprimierung und besseren Lesbarkeit der vorliegenden Publikation beigetragen. Auch auf das Rezept für »Arme Ritter« und die Ausmalvorlage auf Seite 30 hätte man m. E. in dem Begleitbuch verzichten können.
• Landesmuseum für Natur und Mensch (Hg,): Saladin und die Kreuzfahrer - Ausstellungsführer, Oldenburg 2006, ISBN 3-89995-285-5
Angesichts der Themenvielfalt ist der vorliegende Ausstellungsführer
ein notwendiger Begleiter. Im Vorwort erläutert Mamoun Fansa, der
Direktor des Oldenburger Museums für Natur und Mensch, warum Saladin
als Person eine Zentralrolle in der aktuellen Schau einnimmt, die in
veränderter Form und ohne die Schätze aus dem Syrischen Nationalmuseum
in Damaskus auch in Mannheim gezeigt werden wird: »Sultan Saladin
ist wohl eine der facettenreichsten, interessantesten und faszinierendsten
Persönlichkeiten der arabisch-islamischen Geschichte. Er hat Autoren
aus Ost und West immer wieder inspiriert.«, so Fansa. Als ebenbürtiger
Gegenspieler und edler Ritter des Mittelalters muss wohl Richard Löwenherz
genannt werden, der allerdings nicht im Ausstellungstitel und auch nicht
in Fansas Vorwort gewürdigt wird.
Die Rede von Papst Urban II, mit dem auf dem Konzil von Clermont der
Beginn der Kreuzzüge zu datieren ist, ist in einer historischen
Überlieferung in den Ausstellungsführer aufgenommen worden.
Mit dem Thema »Gott will es« und Papst Urban II. macht nicht
nur die Ausstellung, sondern auch die vorliegende Publikation auf. Reich
illustrierte kurze Texte behandeln Themen wie »Krieg im Zeichen
des Kreuzes«, »Jerusalem – der Nabel der Welt«
und »Das heilige Grab«. Vielfach sind die Exponate in den
fotografischen Reproduktionen bezüglich ihrer Details besser zu
sehen als in der Ausstellungspräsentation. Das gilt zum Beispiel
für die Pilgerampulle mit Verzierungen in Gestalt einer Kreuzstandarte
und eines Wehrturms. Dass es im Islam sehr wohl bildliche Darstellungen
gab, wenn auch das Gesicht des Propheten geweißt ist, zeigt »Die
Himmelfahrt des Propheten Mohammeds» (1577). In der Ausstellung
wurder wie auch im Kapitel »Der Koran – Das Heilige Buch
der Muslims« auf die Übersetzung von wenigstens einer der
114 Suren verzichtet. Was also fängt man, mit einem aufgeschlagenem
Koran an, wenn man des Arabischen nicht mächtig ist?
Das Thema Judenpogrome im Kontext der Kreuzzüge wird kurz angeschnitten;
gleiches gilt für die Spaltung im Islam. Ausführlich befasst
man sich im Ausstellungsführer mit der Architektur der Kreuzfahrer
und orientalischer Baumeister, denen zum Beispiel die Zitadelle von
Aleppo zu verdanken ist. Themen wie Medizin und Naturwissenschaften
im Orient oder Waffentechnik vervollständigen die lesenswerte Veröffentlichung.
Recht ausführlich – insbesondere in den Abbildungen –
wird das Inselspringen der Kreuzritter von Zypern über Rhodos nach
Malta behandelt, wo sich die Johanniterritter – heute als Malteserritter
bekannt – dank der Entscheidung Karls V. niederlassen konnten.
Mit einem Auszug aus der Biografie von Baha ad-Din Ibn Schaddad zum
Charakterbild Saladins schließt der Ausstellungsführer, der
sich auch mit dem Orientbild, das Karl May in seinen Abenteuerbüchern
vermittelte, befasst.
Stephan Berg et al. (Hg.): Jonathan Monk: Yesterday Today Tomorrow etc. revolver-verlag, Frankfurt a/M. 2006 ISBN 3-86588-233-1
Der Katalog ist aufgrund seiner Typografie und sonstigen
grafischen Aufmachung und Gestaltung schon selbst ein Kunstwerk zwischen
Buchdeckeln. Angesichts der Ausstellungsorte Hannover, St. Gallen und
Nürnberg ist die Zweisprachigkeit (Deutsch/Englisch) wenig nachzuvollziehen,
es sei denn, man zielt mit dem Katalog jenseits der Ausstellungen auch
auf die Vermarktung im englischsprachigen Ausland ab.
Neben den Arbeiten von Jonathan Monk wie »Just what happens between
these two drawings« oder »One in One Hundred in One (fisherman)«
findet man Beiträge von Konrad Bitterli zu den Textstrukturen in
Jonathan Monks Werken und von Stephan Berg zur Frage von Re-Produktion
als Wesensmerkmal für das Schaffen des aus Leicester stammenden
und momentan in Berlin lebenden Monk sowie ein Interview mit Monk, das
Douglas Fogle geführt hat.
Mir scheint dieses Interview der wesentliche Text in der vorliegenden
Veröffentlichung, da sich darin der Künstler selbst zu seinem
Umgang mit Kunst und Kunstgeschichte äußert. »Ich bin
an den Möglichkeiten der Reproduktion und Replikation von Fotografien
sehr viel mehr interessiert als an ihrer Produktion. Ich vermeide es,
selbst Aufnahmen zu machen und herzustellen.«, ist eine zentrale
Position, die sich im Schaffen Monks niederschlägt. Er ist ein
Sammler, der aber anders als Christian Boltanski das Gesammelte wiederverwertet
und zugleich verändert. Zum Beispiel erhalten wahrscheinlich auf
Flohmärkten erstandene Porträts in Schwarz-Weiß wie
in »Black Eyes« zur Betonung der Augen jeweils zwei Stecknadeln
mit schwarzen Köpfen, so dass dadurch das Original verfremdet wird.
Eine Fotoserie, so sagt Monk im Interview, habe er dadurch geschaffen,
dass er eine Aufnahme von Manhattan in allen verfügbaren Formaten
durch ein Labor hatte herstellen lassen. Es war eine Entscheidung aus
dem Moment heraus, wie Monk erläutert. Und zugleich stellt sich
mit einer derartigen Arbeit die Frage nach Original und Re-Produktion.
Dass Monk auch Konzeptkunst für sich als Form entdeckte, geht wohl
auf eine Reise im Jahr 1989 zurück, die ihn ins Stedelijk Museum
Amsterdam und zur 1. Generation der Konzeptkünstler führte,
so berichtet er gegenüber Fogle im Interview. »Für mich
ist fast jede Kunst im Grunde konzeptionell«, fasst Monks Position
wohl am besten zusammen.
• Berliner Volksbank e.G. (Hg.): Berlin im Bild – Malerei seit 1945, Berlin, S.66
Zur Ausstellung gleichen Titels im Kunstforum der Berliner
Volksbank erschien die vorliegende Veröffentlichung, die neben
dem Werkverzeichnis 49 farbige Abbildung zeigt. Darüber hinaus
sind Teile derjenigen Zitate verschiedener Künstler veröffentlicht
worden, die auch in der Ausstellung zu finden sind und die die Intentionen
der Künstler erläutern. Außer einem Einleitungstext
mit dem Titel »Berlin im Bild«, der die Struktur der thematisch-chronologischen
Ausstellung – von der Ruinenstadt bis zum Fall der Mauer –
vorstellt und von den Ausstellungsmachern stammt, hat man auf weitere
Texte verzichtet. Bedauerlicher Weise muss man zur Kenntnis nehmen,
dass man einige der O-Töne der Künstler nicht zu Interviews
ausgebaut hat, hätte man doch so beispielsweise von Rainer Fettig
mehr über die Motivation erfahren können, die Mauer zum Hauptgegenstand
seiner Werke zu machen.
neues museum (Hg.): Tony Cragg familiae
Wer mehr über Craggs Intentionen für seine plastischen Arbeiten erfahren will, dem sei der Katalog empfohlen, der sowohl einen Essay des Künstlers als auch ein sehr lesenswertes Interview mit Cragg enthält. Die zahlreichen Abbildungen zeigen die Objekte in der aktuellen Ausstellungssituation und nur wenige Exponate als isolierte Kunstwerke. Das unterstreicht das Konzept der Schau, »Familien von Objekten« zu präsentieren. Und »familiae« ist auch der Titel der sehenswerten Sonderausstellung, für die der zweisprachige (dt./engl.) Katalog herausgegeben wurde.
• Ernst-Barlach-Haus (Hg): Der Zauber des Banalen - Christian Rohlfs: Die frühen Landschaften (ISBN 3-9809809-1-X, Eigenverlag Ernst-Barlach-Haus, Hamburg 2005)
Denkt man an Christian Rohlfs, den man als den Nestor der modernen Malerei in Deutschland ansehen kann, so fallen einem zunächst nicht die frühen, impressionistisch geprägten Landschaften ein, sondern die expressionistischen Arbeiten, die bisweilen an Vincent van Goghs Arbeiten erinnern. Die vorliegende Veröffentlichung spürt nun den einzelnen Stationen im frühen Schaffen Rohlfs’ auf, beleuchtet seine Weimarer Zeit und seine Begegnung mit den Gemälden Claude Monets. Intensiv beschäftigt sich Jens Christian Jensen in seinem Beitrag mit dem malerischen Werk von 1880 bis 1901 und weist darauf hin, dass Rohlfs in seinen künstlerischen Anfängen vom Realismus geprägt war. Auffallend ist bei Rohlfs, so Jensen, die Beschränkung der Bildthemen auf Ausschnitte der Wirklichkeit, die im 19. Jahrhundert nach akademischer Auffassung als bildunwürdig galten. Themen in Rohlfs frühen Landschaften sind ein Waldweg, die Weide am Graben, eine Allee, ein alter Steinbruch. Kein Mensch belebt die Natur, kein Hirsch röhrt am Waldesrand, wie der Autor analysiert. Der Bildraum ist überschaubar und schlicht und zugleich wird der Blick des Betrachters auf das Detail gerichtet, auf das, was vielfach übersehen wird. Anhand einiger Werke betrachtet der Autor das Bildwerk von Rohlfs auch im Kontext der aktuellen Kunstströmungen in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts und weist auf Rohlfs »patzigen Farbauftrag« hin, um das jeweilige Licht und die Witterung einzufangen. Ausschließlich mit den Weimarer Jahren befasst sich Horst Dauer in seinem Beitrag und weist in diesem auf die Lehrer von Rohlfs, Lenbach und Böcklin hin. Zugleich zeichnet Dauer die Lehrjahre von Rohlfs nach, erwähnt die Rücknahme der lockeren Pinselarbeit zugunsten eines kräftigeren Duktus und die impressive Malweise in den 1880er Jahren. Gebrochene Töne, so Dauer, finden sich neben reinen Farbwerten. Vitales Farbempfinden ist bei Rohlfs zu entdecken, ohne dass dieser die so genannten unbunten Farben wie Schwarz, Grau und Umbra von seiner Palette verbannte. In der durch zahlreiche farbige Abbildungen gut aufgelockerten Publikation zum frühen Christian Rohlfs findet sich auch eine Abhandlung zur Maltechnik von Rohlfs, die von Katja de Grussa-Bernard stammt. Eine tabellarische Biografie und ein Werkverzeichnis von 50 frühen Arbeiten runden die lesenswerte Veröffentlichung ab. (fdp)
Heinz Spielmann/Alice Strobl: Oskar Kokoschka – Erlebnis des Augen-Blicks – Aquarelle und Zeichnungen, ISBN 3-7774-2915-5, Hirmer Verlag München, 192 Seiten, € 19,90
Wenn auch Heinz Spielmann im Vorwort darauf verweist, dass die Blätter
des Künstlers oft in Folge entstanden, so wird dies zwar in der vorliegenden
Veröffentlichung – man denke nur an die vier Porträts
von Spielmann – unterstrichen, geht jedoch als Ansatz der künstlerischen
Arbeit in der Ausstellung leider verloren. Die thematische Gliederung
– darin stimme ich Spielmann zu – vermittelt, wie im Vorwort
ausgeführt, die Geschlossenheit eines Lebenswerks, erkennt man doch,
dass Kokoschka sich während seines Lebens, wenn auch von Pausen unterbrochen,
stets mit gleichen Themen beschäftigte: dem Porträt, dem Akt,
der Landschaft. Wer dem Zeichner Kokoschka näher kommen möchte,
muss unbedingt Spielmanns Beitrag »Kokoschka zeichnet« aufmerksam
lesen. Insbesondere durch das Einbinden von Äußerungen Kokoschkas
(»...Während ich zeichne oder male, mit meinem Gegenstand oder
vor der Landschaft oder mit dem Modell, am liebsten einem Mädchen
allein gelassen ... wird ... das Kindermärchen war: es war einmal.«)
kommt man dem Schaffen des Künstlers sehr nahe, begreift mehr über
den einsamen Prozess des Zeichnens. Und Spielmann verrät dem Leser
auch, dass Kokoschka zwar niemals beim Zeichnen rauchte, aber auf das
Glas Whiskey nicht verzichten wollte. Auch über das bisweilen nicht
unproblematische Verhältnis zu seinen Modellen, zumeist seine Gespielinnen,
weiß Spielmann zu berichten und zitiert dazu die dänische Schauspielerin
Karin Michaelis, eines der ersten Modelle Kokoschkas. Und auch Spielmanns
Begegnungen mit Kokoschka werden in dem Beitrag verarbeitet. Vier Blätter
hat Kokoschka von Spielmann 1976 angefertigt. Diese sind in dem oben genannten
Beitrag auch abgedruckt.
Der Katalog nimmt als Begleitung zur Ausstellung auch deren thematische
Gliederung auf und veröffentlicht die entsprechenden Zwischentexte
und gezeigten Werke. (fdp)
Rainer Stamm (Hg.): Ewald Mataré und das Haus Atlantis – Eine Kunstgeschichte zwischen Hoetger und Beuys, ISBN 3-9810296-0-7, Kunstsammlung Böttcherstraße.
Bereits im Vorwort verweist Rainer Stamm darauf, dass sich in der ursprünglichen
Architektur des Hauses Atlantis, in dem sich heute das Paula-Modersohn-Becker-Museum
befindet, Traditionalismus, Heimatschutzbewegung und völkische Ideologie
niedergeschlagen haben. Dieses Gemenge an rückwärts gewandten
Auffassungen verschwindet heute hinter der von Ewald Mataré gestalteten
ornamentalen Backsteinfassade. Im Beitrag »Atlantis: Die Geschichte
eines Sehnsuchtsorts« wird auf Bernhard Hoetgers ursprüngliche
Konzeption der Fassade des Hauses mit einem Gott Odin im Feuerkranz ebenso
eingegangen wie auf die ornamentale Auflösung der neuen Fassade von
Mataré, auf der durch die Backsteinsetzungen eine große Sonnenscheibe
entstanden ist, die durch kristalline Beleuchtungskörper durchbrochen
wird. Als Hoetgers Bau 1931 vollendet war, spottete man über die
»Bratpfanne mit phosphoreszierenden Spiegeleiern« und meinte
die Betonglasrosette der Fassade. Mataré, so ist zu lesen, hat
über die »völkisch-nationalistische Architektur«
Hoetgers mit seiner Fassade den Mantel des Vergessens gelegt, statt sich
der nationalsozialistischen Ästhetik zu stellen, wie es beispielsweise
sein Schüler Beuys forderte. Der Beitrag arbeitet auch heraus, welche
Personen maßgeblich am Entstehen des Hauses Atlantis beteiligt waren
und welche Ideologien sie nachhingen. Es war vor allem der Geldgeber des
Projekts, der Kaffeefabrikant Ludwig Roselius, der entkoffeinierten Kaffee
unter dem Markennamen HAG bekannt gemacht hat, dem am Haus Atlantis lag.
Ohne ihn wäre der Architekt Bernard Hoetger nie dazu berufen worden,
seine völkischen Ideen in Architektur umzusetzen. In einem weiteren
Essay – »Das Haus Atlantis von 1931« – wird intensiv
auf die Baugeschichte des Hauses, vor allem aber auch die Funktion des
Hauses, eingegangen. Die Böttcherstraße sollte nach dem Willen
von Roselius ein »Geschichtslehrpfad der deutschen Herrenrasse«
sein.
Die Entwicklung im Zusammenhang mit der Gestaltung des Hauses Atlantis
in der Nachkriegszeit wird in einem weiteren Beitrag abgehandelt.Dabei
werden die Ideen von Säume und Hafemann ebenso vorgestellt wie August
Welps Pläne, die sich stark an Hoetgers Formensprache anlehnte. Schließlich
widmet sich der Katalog auch dem Werk Matarés, der allerdings die
Vollendung seiner 23 Meter hohen Fassade, die aus handgeformten roten,
gelben und schwarzbraunen Verblendsteinen im Klosterformat besteht, nicht
mehr erlebte. (fdp)
Stadt Karlsruhe – Städtische Galerie (Hg.): Die 20er Jahre in Karlsruhe, ISBN 3-89929-077-I, Swiridoff-Verlag, Künzelsau 2005
Dass Karlsruhe neben Berlin und München in den 1920er Jahre nicht
nur eine Hochburg der avantgardistischen Kunst, der Neuen Sachlichkeit
und des Verismus war, sondern auch Film, Architektur und Literatur eine
Blütezeit erlebten, unterstreicht die vorliegende Veröffentlichung
in zahlreichen Textbeiträgen. Als Einstieg in die Geschichte der
Fächerstadt sollte man unbedingt Ernst Otto Bräunches Abhandlung
»Karlsruhe in den 1920er Jahren« lesen. Bräunche skizziert
nicht nur den rasanten Aufstieg der Stadt, deren Einwohnerzahl in den
1920er Jahren auf stattliche 156000 Einwohner anwuchs, sondern geht auch
auf den modernen Siedlungsbau der Stadt ein, für den Walter Gropius
und die Dammerstock-Siedlung stehen. Das Thema Politik in den 1920er Jahren
wird ebenso wenig ausgeblendet wie der Niedergang der Weimarer Republik
und die Machtergreifung der Nazis.
In Beiträgen wie dem von Hansgeorg Schmidt-Bergmann verfassten Artikel
über Karlsruher Literatur wird der Widerstreit zwischen der modernen
Lebens- und Arbeitswelt auf der einen und dem Festhalten am Traditionellen
andererseits beleuchtet: Angesichts des Maschinenzeitalters wurde der
Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Antirepublikanische Diskurse
bestimmten die Zeit. Literaten erinnerten sich an die gute alte Zeit,
so auch Heinrich Vierordt in »Badisches Heimatbüchlein«.
Nicht nur Neues Bauen bestimmte die Architektur in Karlsruhe der Weimarer
Zeit, wie Uwe Hinkfoth in seinem Beitrag nachweist, sondern auch der Monumentalstil
wie beispielsweise das Geschäftshaus der Rheinischen Creditbank in
der Kaiserstraße, heute H&M. Neben den »weißen Zeilen«
der Dammerstock-Siedlung befasst sich der Autor auch mit der Gartensiedlung
Rüppurr und nennt sie in einem Atemzug mit der von Berlin-Staaken
und Dresden-Hellerau.
Besonders lesenswert ist Christmut Prägers Beitrag über die
Kunstzentren während der Weimarer Republik: Berlin und die Berliner
Sezession, Dresden und die Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler
Deutschlands, Hannover und der Dadaismus Kurt Schwitters’ sowie
der Konstruktivismus von Friedrich Vordemberge-Gildewart. Weitere Beiträge
beschäftigen sich mit der »Kunst in Karlsruhe 1919 und 1930«,
mit der Bedeutung der Badischen Landeskunstschule und mit »Verismus
und Neue Sachlichkeit in Karlsruhe« .
• Kunsthalle Würth (Hg.): Fernando Botero, ISBN 3-89929-054-2, Swiridoff Verlag, Künzelsau 2005
Die vorliegende Veröffentlichung besticht vor allem durch die Dichte der Abbildungen, die in einer »Bildergalerie« alle Schaffensphasen des kolumbianischen Malers Fernando Botero erfasst. Neben seinen aufgeblähten Protagonisten, Müttern, Vätern, Kindern. Kirchenmänner, Generäle, Hausfrauen und Liebespaare, wird auch der jüngste Bildzyklus vorgestellt, der sich mit der Folter irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten befasst. Dabei ist auffallend, dass die Erniedrigung selbst in den Mittelpunkt rückt, die Peiniger aber nur selten im Bild zu sehen sind. Bisweilen muss man sich die Folterknechte denken. Ein Urinstrahl, ein Stiefel, der einen Gefangenen tritt, eine Hand, die durch das Gitter greift, verweisen auf diejenigen, die im Namen von Recht und Gesetz Erniedrigungen und Folter praktizieren.
In den Textbeiträgen finden sich neben der Einführung zur Ausstellung aus der Feder von Beate Elsen-Schwedler, sehr lesenswerte Abhandlungen des Schriftstellers Mario Vargas Llosa, der sich mit der Biografie und Ikonografie Boteros beschäftigt, unter anderem in »Die üppige Pracht«. Llosa verweist darauf, das Botero in seinen Figuren das Schönheitsideal aufgreift, mit dem er aufwuchs: die Üppigkeit, die sich mit Schönheit verbindet. Und er hebt außerdem hervor, dass nicht nur die Frauen in Boteros Gemälden üppig-rundlich sind, sondern auch Früchte und selbst eine Mandoline, die Botero 1956 zeichnete. Vargas Llosa zitiert Botero unter anderem hinsichtlich der von Botero bevorzugten runden Formen mit folgenden Worten: »Ich vergrößere meine Gestalten, um ihnen Sinnlichkeit zu verleihen. Die Dicken um der Dicken willen interessieren mich nicht.« Lebenslust und Lebensfreude ist gänzlich von Sexualität getrennt zu betrachten, so Vargas Llosa über Boteros Arbeit. An den Dicken ist nichts Laszives. Und das sexuelle Element ist kaum wahrnehmbar, selbst nicht bei sich liebenden Paaren. Die weiblichen Figuren sind mütterlich, sanftmütig und unschuldig. Was Botero malt, gleicht bisweilen einer eingefrorenen Welt von Puppen und Zinnsoldaten, insbesondere wenn er Soldaten und Generäle ins Bild rückt. Den Bilderwelten Boteros mangelt es an Dramatik. Tod, Verfall, Grausamkeit und Gewalt fehlen auf den Gemälden, sieht man von seinen jüngsten Zeichnungen und Gemälden zu den Ereignissen im Irak ab.
Ausführlich beschäftigt sich Vargas Llosa mit der lateinamerikanischen Herkunft Boteros, der sich nur noch selten, und dann nur für Stunden, in seinem vom Bürgerkrieg gepeinigten Heimatland aufhält. Welche Beziehungen Botero zum Stierkampf hat, beleuchtet Vargas Llosa in seinem Artikel »Botero beim Stierkampf«.Die jüngsten Arbeiten, die sich mit Folter und Gräueltaten in irakischen Gefängnissen beschäftigen, analysiert Werner Spies in einem abschließenden Beitrag für die vorliegende Publikation, die neben einem Verzeichnis ausgestellter Werke auch eine ausführliche Biografie Boteros enthält. (fdp)
• Pakesch et al. (Hg.): Michel Majerus installation 92-02, ISBN 3-88375-930-9, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2005
Während die Textbeiträge sich teilweise in ihrer inhaltlichen Ausrichtung wiederholen, brilliert der vorliegende Band mit seinen Abbildungen, die die Werkgruppen und die Rauminstallationen des bei einem Flugzeugabsturz um Leben gekommenen luxemburgischen Malers Michel Majerus betreffen. Nicht so auf das großformatige Einzelwerk, sondern auf die Installationen der Arbeiten legte man bei der Veröffentlichung wert und zeigt Majerus Arbeiten in der Kunsthalle Basel, im Kunsthaus Graz, im Lydmar Hotel von Stockholm oder bei der 48. Biennale in Venedig. Beiträge von Peter Pakesch, Robert Fleck und anderen Autoren verweisen darauf, das Majerus ein Grenzgänger war, der Malerei für den Raum entwarf. Dabei bediente sich der Künstler gekonnt der aktuellen Medienwelten, von Comic bis zu Pixelbildern. (fdp)
• Helga Gutbrod (Hg.): In den stärksten Farben höchst unakademisch und ganz modern – Adolf Hölzel, Hermann Stenner und der Hölzel-Kreis, ISBN 3-9809837-3-0, Vier-Türme Gmbh; Benedict Press, Münsterschwarzach Abtei, 2005
Auf 25 Seiten widmet sich die vorliegende Veröffentlichung zunächst
dem Schaffen Adolf Hölzels, der sich von einem Freilichtmaler im
Dachauer Moos zu einem Vertreter des Abstrakten entwickelte. Dabei wird
in dem vorliegenden Beitrag zum Thema »Abstraktion und strenge Bildtektonik«
herausgearbeitet, dass Hölzel eine eigenständige Bildsprache
entwickelte und das Figurative in farbige Keil- und Flächenformen
innerhalb eines prismatischen Binnenraums auflöste. In Anlehnung
an Goethes Farbenlehre entwickelte Hölzel eine eigene Farbenlehre
und schuf mehrteilige Farbkreise. In den Jahren, in denen er sich ganz
und gar der abstrakten Malerei verschrieb, war die Kompositionen Hölzels
durch starke Primärfarben, klare Formen und eine gerüsthafte
Bildaufteilung bestimmt. Im Beitrag »Adolf Hölzel und sein
Kreis – Auf getrennten Wegen zum Ziel« wird Willi Baumeister
mit folgenden Worten zu Hölzel zitiert: »Während seiner
ersten Amtsjahre« - Hölzel unterrichtete an der Königlich
Württembergischen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart
– »hatte er das Grau und den Impressionismus hinter sich gelassen
und knüpfte seinen Farbenpelz weiter auf.« Zu den Schülern
Hölzels zählten unter anderem Willi Baumeister, Oskar Schlemmer
und Johannes Itten sowie Hermann Stenner, den Kunsthistoriker bisweilen
mit Edvard Munch vergleichen. Mit Stenner befasst sich die Autorin Edith
Neumann in einem gesonderten Beitrag. Dabei würdigt sie die Rolle
Stenners als Vertreter der Avantgarde, der nur eine sehr kurze Schaffenszeit
von 1909 bis 1914 aufweist, da er als Kriegsfreiwilliger im Verlauf der
ersten Monate des Ersten Weltkriegs an der Ostfront ums Leben kam. Aus
der Feder von Edith Neumann stammen auch die weiteren Beiträge der
Broschüre, darunter »Starke Begabung gegen den landläufigen
Geschmack«. Abgerundet wird die Publikation durch Kurzbiografien
der zum Hölzel-Kreis zählenden Künstler wie Willi Baumeister,
Oskar Schlemmer und Johannes Itten, die vor allem aufgrund ihrer Bauhaustätigkeit
bekannt wurden. (fdp)
Zu empfehlen ist der Katalog, den das Mönchehaus zum Werk des Kaiserringpreisträgers 2005 Robert Longo herausgegeben hat. Er enthält nicht nur hervorragende Reproduktionen der gezeigten Werke, sondern auch die Biografie des Künstlers, sondern auch einen sehr lesenswerten Text von Werne Spiess, der sich mit den Arbeiten Longos befasst. (fdp)
• Sebastian Giesen (Hg.): Zauber des Banalen – Christian Rohlfs. Die frühen Landschaften, ISBN 3-9809809-1-X, Eigenverlag des Ernst Barlach Hauses, Hamburg 2005
Denkt man an Christian Rohlfs, den man als den Nestor der modernen Malerei in Deutschland ansehen kann, so fallen einem zunächst nicht die frühen, impressionistisch geprägten Landschaften ein, sondern die expressionistischen Arbeiten, die bisweilen an Vincent van Goghs Arbeiten erinnern. Die vorliegende Veröffentlichung spürt nun den einzelnen Stationen im frühen Schaffen Rohlfs’ auf, beleuchtet seine Weimarer Zeit und seine Begegnung mit den Gemälden Claude Monets. Intensiv beschäftigt sich Jens Christian Jensen in seinem Beitrag mit dem malerischen Werk von 1880 bis 1901 und weist darauf hin, dass Rohlfs in seinen künstlerischen Anfängen vom Realismus geprägt war. Auffallend ist bei Rohlfs, so Jensen, die Beschränkung der Bildthemen auf Ausschnitte der Wirklichkeit, die im 19. Jahrhundert nach akademischer Auffassung als bildunwürdig galten. Themen in Rohlfs frühen Landschaften sind ein Waldweg, die Weide am Graben, eine Allee, ein alter Steinbruch. Kein Mensch belebt die Natur, kein Hirsch röhrt am Waldesrand, wie der Autor analysiert. Der Bildraum ist überschaubar und schlicht und zugleich wird der Blick des Betrachters auf das Detail gerichtet, auf das, was vielfach übersehen wird. Anhand einiger Werke betrachtet der Autor das Bildwerk von Rohlfs auch im Kontext der aktuellen Kunstströmungen in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts und weist auf Rohlfs »patzigen Farbauftrag« hin, um das jeweilige Licht und die Witterung einzufangen. Ausschließlich mit den Weimarer Jahren befasst sich Horst Dauer in seinem Beitrag und weist in diesem auf die Lehrer von Rohlfs, Lenbach und Böcklin hin. Zugleich zeichnet Dauer die Lehrjahre von Rohlfs nach, erwähnt die Rücknahme der lockeren Pinselarbeit zugunsten eines kräftigeren Duktus und die impressive Malweise in den 1880er Jahren. Gebrochene Töne, so Dauer, finden sich neben reinen Farbwerten. Vitales Farbempfinden ist bei Rohlfs zu entdecken, ohne dass dieser die so genannten unbunten Farben wie Schwarz, Grau und Umbra von seiner Palette verbannte. In der durch zahlreiche farbige Abbildungen gut aufgelockerten Publikation zum frühen Christian Rohlfs findet sich auch eine Abhandlung zur Maltechnik von Rohlfs, die von Katja de Grussa-Bernard stammt. Eine tabellarische Biografie und ein Werkverzeichnis von 50 frühen Arbeiten runden die lesenswerte Veröffentlichung ab. (fdp)
• Kunsthalle Hamburg (hg.): Die Schlumper – Kunst in Hamburg (ISBN 3-89757-323-7, Verlag H.M. Hauschild GmbH, Bremen, 126 Seiten)
Bereits im Vorwort verweist der Direktor der Kunsthalle Uwe M. Schneede auf die Einzigartigkeit der Schlumper. Zudem wirft er im Zusammenhang mit den künstlerischen Aktivitäten dieser Hamburger Ateliergemeinschaft geistig behinderte Menschen die Frage auf, was denn eigentlich Kunst ist und ob Kunst auch auf die Werke der Schlumper angewendet werden können. Schneede bejaht diese Frage. Dank der Interviews mit der treibenden Kraft hinter den Schlumpern, dem Kunstlehrer Rolf Laute, erfährt der Leser nicht nur über die Einbindung Lautes in die Kunst des Informel, sondern auch über die nicht immer mit Wohlwollen vonseiten der Alsterdorfer Anstalten bedachten Bemühungen, die kreativen Fähigkeiten einiger aus Sicht von Laute begabter Bewohner zu fördern. Laute verweist im Interview darauf, dass in der europäischen Kunstgeschichte zum Beispiel Jean Dubuffet auf die unverbaute Spontaneität beim Malprozess zurückgriffen, wie sie für so genannte Außenseiterkünstler typisch ist. Dabei bezogen sich die Maler der Moderne bewusst auf die Kunst von Anstaltsinsassen, die ähnlich wie die Schlumper ohne Vorgedanken und Hemmungen mit Farbe, Leinwand, Spachtel und Pinsel umgingen. Laute verwahrt sich ausdrücklich der Kategorisierung der Kunst in eine von »Normalen« und von geistig Behinderten und begreift die Ateliergemeinschaft als »soziale Plastik« (Joseph Beuys), als lebendigen Organismus, in dem er ein Teil ist. Günther Gerken, Professor der Biochemie und ein Kenner der Schlumper, widmet sich in seinem Beitrag zwei bereits verstorbenen Schlumpern, Klara Zwick und Inge Wulff. Klara Zwick war eine vom Zeichnen Besessene. Das weiße Blatt Papier war ein Gräuel für sie. Jede Ecke des Blattes beschrieb und bemalte sie, schuf Zahlenbilder, die wir aus der Kunst der Gegenwart auch von Hanne Darboven kennen. Für Klara Zwick entstammen die Zahlenbilder nicht einem Konzept, sondern sind Materialisierung ihrer Umtriebigkeit. In vielen Arbeiten, ob »Paar« oder »Treppenhaus« ist der Kreis das wesentliche Element der Bildgestaltung. Gemalt hat Zwick sowohl figürliche als auch abstrakte Bilder, immer auf der Suche nach einer Zentrierung, nach dem Ich, wie Gerken ausführt. Die sinnliche Freude am Erstellen von Farbflächen ist charakteristisch für Inge Wulff, die nie lesen und schreiben gelernt hatte und dennoch einige Arbeiten mit welligen Schriftzeichen versehen hat – nicht fern von den Zeichen, die ein Cy Twombly in seine Arbeiten integrierte. Der Farbauftrag ist gestisch-spontan. Bisweilen meint man, Arbeiten des neuen amerikanischen Expressionismus oder von Malern der Gruppe »CoBrA« zu entdecken. In »Die Kunst der Schlumper – ein unvermuteter Glücksfall« geht der Autor Christian Mürner nicht nur dem Begriff »Schlumper« (nach dem Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm: »unvermuteter Glücksfall«, aber auch »langes, schleppendes Kleid«) nach, sondern auch dem religiös motivierten Bildwerk von Werner Voigt, der immer lachende Figuren mit Elefantenohren schuf, so auch in seinem großformatigen Gemälde »Die Speisung der Fünftausend«. Die ausgestellten Werke sowie weitere Arbeiten der Ateliergemeinschaft »Die Schlumper« sind in der vorliegenden Veröffentlichung ebenso aufgenommen worden wie ein Werkverzeichnis der Exponate. (fdp)
• Péter Nádas: Seelenverwandt
–
Ungarische Fotografen 1914 – 2004
Péter Nádas: Seelenverwandt –
Ungarische Fotografen 1914 – 2004 (ISBN 389479-265-6, Nicolai-Verlag,
Berlin, 79 Seiten): Nádas, der vor allem durch seine Romane,
Kurzgeschichten und Theaterstücke bekannt geworden ist, ist auch
Fotograf und blickt in der vorliegenden Veröffentlichung auf
die facettenreiche Fotografie in seinem Heimatland Ungarn. In seinem
sehr lesenswerten Essay schreibt Nádas, dass er bestimmt dreißig
ungarische Fotografen in sich trage. Und mit diesem Hinweis macht
er den Leser nicht nur auf Namen wie Hervé, Brassai und Moholy-Nagy
aufmerksam, sondern auch auf drei ungarische Schulen der Fotografie,
der illusionistischer, der realistischen und der konstruktivistischen
– so Nádas Worte. Allen gemeinsam, so der Autor, der
auch die Ausstellung zur ungarischen Fotografie im Martin-Gropius-Bau
kuratiert hat, ist der Sinn für Geschichte. Auffallend ist bei
den Gründervätern der ungarischen Fotografie, Balogh, Vydareny
und Kertész die Einfühlsamkeit, mit der sie das Massenelend
im Land und das Grauen des Ersten Weltkrieges in Schwarz-Weiß-Bildern
festgehalten haben. Dabei erfüllen sie das Credo, das Nádas
für die Fotografie setzte: »Du mußt ins tiefste Dunkel
hineinblicken. Es genügt nicht, das Dunkle vom Hellen zu unterscheiden,
du mußt das Schwarze vom Schwarzen unterscheiden können.«
Ein
Kreuz vor einem Grab und ein Soldat in einem ausgehobenen Graben,
sind Eindrücke von der Front, die Rudolf Balogh festhielt. Wie
Figuren eines Schattenspiels wirken die von diesem Fotografen aufgenommenen
»Soldaten in einem Schneefeld, 1914-18«. Den Alltag der
Soldaten spiegeln Aufnahmen wie »Ein Bad an der Front, 1917«
von Iván Vydareny wider. Lucien Hervé »Ankläger«
ist ein barfüßiges indisches Kind vor einem Bretterzaun,
dessen Gesicht der Betrachter wegen des tiefen Schattens, der über
dem fotografierten Kind liegt, nicht sehen kann. Beeindruckend sind
die Porträts des vorliegenden Katalogs, darunter Káta
Kálmáns Porträts des Fabrikarbeiters Ernö
Weisz. Dass Robert Capa mehr als nur Kriegsreporter war, unterstreicht
seine Aufnahme von einer Kettenkarusselfahrt auf dem Kirmes in Sevilla
im April 1935. Beindruckend ist Capas Serie, die er im April 1945
in Leipzig geschossen hat und die Festnahme deutscher Scharfschützen
durch amerikanische Soldaten zeigt. Darüber hinaus sind im vorliegenden
Band auch Aktaufnahmen von Kertész und Besnyö und Brassai
zu finden.
Neben den zahlreichen Abbildungen finden sich eine ausführliche Werksliste
und kurze Biografien ungarischer Fotografen. (fdp)
• Gegen die Zeit gezeichnet - Blumen und andere Stillleben von Horst Janssen
Im vorliegenden Katalog (ISBN 3-89995-257-X, Isensee-Verlag,
144 Seiten) weist Jutta Moster-Hoss in ihrem Vorwort darauf hin, dass
sich in den Beständen des Horst-Janssen-Museums, das sich im Wesentlichen
auf die Hamburger Privatsammlung Vogel stützt, nur wenige Blumenbilder
Janssens befinden. Blumenbilder spielten im Frühwerk des Künstlers,
auf das sich das Museum konzentriert, nur eine untergeordnete Rolle. Erst
in den späten 1980er Jahren wandte sich Janssen dem Stillleben zu,
wie die Autorin schreibt. Vor allem diese Stillleben sind es, die Janssens
Popularität bei einer breiten Öffentlichkeit ausmachen. Kein
Wunder also, dass man sich im Horst-Janssen-Museum nun auch diesem Aspekt
des zeichnerischen Werks, des aus Oldenburg stammenden Künstlers
angenommen hat.
In seinem Essay zur Geschichte des Stilllebens in der europäischen
Kunst seit dem 16. Jahrhundert weist Reiner Meyer zu Beginn seiner Ausführungen
auf die Symbolhaftigkeit von Blumen hin: die Lilie steht für Keuschheit
und Unschuld, die Rose für den Inbegriff der weiblichen Schönheit
und die Akelei für den Heiligen Geist. Zugleich verweist Meyer darauf,
dass Blumen, Früchte und andere unbewegliche Gegenstände in
der Kunst kein »Eigenleben« führten, sondern zumeist
Beiwerk in anderen Werken waren. Es dominierten die Figuren in den Bildwerken,
so auch bei Pieter Artsen in »Christus bei Maria und Martha«.
Erstes eigenständiges Stillleben ist »Der Fruchtkorb«
von Michelangelo Merisi de Caravaggio, um 1590 entstanden. Das Stillleben
des 16. und 17. Jahrhunderts, so Meyer, ist nicht nur Ausdruck für
die Faszination der Natur, sondern zugleich wird auch das Vergängliche
transportiert. So findet man Vanitas-Symbole wie den Totenschädel
neben einer Vase mit Blumen. Auch den Tatbestand der niederländischen
Tulpenmanie des frühen 17. Jahrhunderts und das wissenschaftliche
Interesse an der Flora wie bei Maria Sylvia Merian streift Meyer in seiner
lesenswerten Abhandlung.
Die Gattung »Nature Morte«, in der sich auch Janssen wiederfand,
begründete Gustave Courbet, während sich Edouard Manet mit dem
Erscheinen der Dingwelt und dem Auflösen der Formen in »Lichterscheinungen«
beschäftigte. Eine expressive Steigerung sehen wir in van Goghs späten
Blumenbildern. Auch Paul Cézanne fällt eine besondere Rolle
im Zusammenhang mit dem Stillleben zu, so Meyer. Geradezu revolutionär
sind die Bildauffassungen des synthetischen Kubismus von Picasso und Braque,
auch wenn sie sich weniger mit vergänglichen Dingen wie Blumen und
Früchten, sondern Alltagsgegenständen aus ihrer Umgebung –
siehe Picassos »Stillleben mit Rohrgestühlgeflecht –
befassten. Die Pop Art nahm sich ebenso der Blume als Motiv an –
man denke nur an Warhols »Blumen« – wie auch Kelly und
Cook. Letzterer imitierte mit seinen riesigen Kohlezeichnungen die Ästhetik
der Schwarz-Weiß-Fotografie. Auf dem Hintergrund der historischen
Betrachtung des Stilllebens in der Kunst widmet sich Meyer in einem weiteren
Beitrag dem Stillleben im Werk Horst Janssens. Janssen ging es bei seinen
Stillleben nicht um das Dekorative und Gefällige, sondern um ein
»Nature morte«. Er sah im Aufblühen und Blühen schon
das Verwelken, sah Entstehung und Untergang. Es ist nicht nur die Zeichentechnik,
die anhand einzelner Werke in Meyer sAbhandlung erläutert wird, sondern
immer auch das Motiv, dessen sich Janssen bemächtigte, ob nun das
an den Bildrand gerückte verwelkte Enzianknäuel oder die Zeichnung
»Verwelkt«. Bereits in den Titeln und in den Motiven der Stillleben
Janssens ist das Vergängliche auszumachen. Janssen umgab sich mit
den Gegenständen, die er zeichnete, wie Elisabeth Satorius in ihrem
Bildband »Leben im Stillleben« dokumentiert. Bisweilen sind
die Stillleben auch Liebeserklärungen und Bewältigung von Trennungen,
so wie »Abschied«, ein Werk, das 1979 nach der Trennung von
Kerstin Schlüter entstanden ist. Insbesondere die Bildinterpretation
auf dem Hintergrund der Biografie Janssens machen den Beitrag Meyers unverzichtbar
für das Verständnis der Blumenstillleben Janssens. (fdp)
• Karl Schmidt-Rottluff: Die Berliner Jahre 1946-1976
Fast drei Viertel des vorliegenden Katalogs (ISBN 3-7774-2835-3,
Hirmer-Verlag, München, 185 Seiten) machen die Abbildungen der Werke
Schmidt-Rottluffs aus seiner Berliner Nachkriegszeit aus. Dabei entspricht
die Einstellung der Abbildungen in den vorliegenden Band der Hängung
in der Ausstellung, die sich mit den ersten Jahren nach dem Krieg ebenso
befasst wie mit Schmidt-Rottluffs Zeit im Tessin und im Taunus. Neben
biografischen Notizen und dem Werksverzeichnis enthält der vorliegende
Katalog zwei theoretische Abhandlungen zu Schmidt-Rottluffs Schaffen.
Christiane Remm beschäftigt sich mit den Metamorphosen von Motiv,
Form und Farbe im Spätwerk des Künstlers, während Arnt
Freiheim der Frage nach der Ähnlichkeit der Motive bei Schmidt-Rottluff
und Munch nachgeht.
Remm gelingt es nachhaltig, die Lebensstationen Schmidt-Rottluffs nachzuzeichnen.
Dabei verweist sie darauf, dass das Spätwerk des Künstlers sich
von ungestümer, ungebändigter Kraft und der Freude am Experimentellen
der frühen Werkphasen gelöst hat. Ernüchterung ist auch
bei Schmidt-Rottluff eingekehrt, der in einem Brief an Curt Stoermer bemerkt:
»Wir gehörten zwar zu den Überlebenden, aber viel ist
sonst nicht übrig.« Ein Großteil der Werke Schmidt-Rottluffs
waren während des NS-Regimes verkauft oder vernichtet worden. 1943
brannte das Berliner Atelier des Künstlers aus und auch ausgelagerte
Werke gingen in den Kriegswirren verloren. Nach 1945 musste Schmidt-Rottluff
einen Neuanfang wagen. Sein Spätwerk ist dabei, so die Autorin, durch
einen kräftigen, raumfüllenden Farbauftrag gekennzeichnet, so
in »Demolierte Fabrik«. Nicht nur diese Arbeit hat sich Remm
herausgegriffen, um das späte Schaffen des Künstlers dem Leser
nahe zu bringen, sondern auch die romantische Reminiszenz »Wanderdüne
am Haff«, eine Arbeit, die aus der Erinnerung gleich nach Kriegsende
entstanden ist. Landschaften sind der eine Teil des Motivkanons, der andere
Stillleben und Interieurs, so Remm.
Neues Domizil Schmidt-Rottluffs wurde die Zehlendorfer Schützenallee
136, wo er bis zu seinem Tode lebte und malte. Zwischen 1948 bis 1950
entstanden viele Bilder aus der Privatsphäre des Malers, so auch
»Platz am Fenster«. In der Folgezeit, und das zeichnet Remm
anhand von einzelnen Werken nach, kamen aber auch Landschaften, die an
der Ostsee oder im Tessin entstanden hinzu. Hingewiesen wird auch auf
die Veränderung der Motive und deren Stofflichkeit. Mehr und mehr
hat man den Eindruck des Entrückten, betrachten man Arbeiten Schmidt-Rottluffs.(fdp)
Die Brücke - Die Geburt des deutschen Expressionismus
Sehr zu empfehlen ist der umfängliche Katalog, der auf 390 Seiten, die Themen der Ausstellung in Texten und Abbildungen ausführlich nachzeichnet. Zudem finden sich in der bei Hirmer erschienenen Publikation (ISBN 3-7774-2725-X) Beiträge, die sich mit Kirchners Straßenszenen ebenso auseinander setzen wie mit dem Stil der Brücke und der Chronologie der in Dresden gegründeten Künstlergruppe. Die Liste der ausgestellten Werke ist in die Veröffentlichung ebenso integriert wie die Biografien der Brücke-Maler. Ein Register sucht man jedoch vergeblich. (c) fdp
Was in der Ausstellung vermisst wird, biografische Hintergründe zum Leben der Famile Dix und zu den Beweggründen von Otto Dix, seine Frau zu porträtieren, wird im Begleitband zur Ausstellung angesprochen. Zu erfahren ist in dem Beitrag von Karin Schick, dass Dix das Porträt »für eine der reizvollsten und schwersten Arbeiten für einen Maler hielt«. Denn: »Das Ganze sehen und bilden kann nur der Maler«, so Dix. Beschrieben wird die erste Begegnung der späteren Eheleute im Hause Koch in Düsseldorf, wo das Ehepaar Dr. Hans Koch und Martha Koch, die spätere Martha Dix ein »Grafisches Kabinett« führten. Es scheint Dix Tanztalent gewesen zu sein, das Martha Koch für den Maler schwärmen ließ: »Es stellte sich heraus, daß er wahnsinnig gut tanzen konnte. Hans fand das albern und machte extra noch Blödsinn. Grauenvoll. Ich war nun immer kolossal auf Tanzen aus, und es wurde beschlossen ein Grammophon anzuschaffen.«, so Martha im Rückblick auf ihre Annäherung an Dix. Während dieser Zeit entsteht mit spitzem Stift, feinen Strichen und Schraffuren die elegant wirkende Martha, deren Augen von Dix besonders betont wurden. Man erfährt im weiteren Text von der Begenung mit Hugo Erfurth, von den Witzezeichnungen, die Dix seiner Korrespondenz beifügt. Zudem werden die sozialen Unterschieden der beiden späteren Eheleute skizziert: Martha, die Tochter eines Versicherungsdirektors und an Personal und Hauslehrer gewöhnt, mit Sinn für Musik und Talent zum Zeichnen, und der aus einfachen Verhältnissen stammende Otto Dix, von dem Martha sagt: »Es ist schwierig, mit ihm zusammenzuleben. Man muss schon Humor haben.« Martha schien in der Beziehung die treibende Kraft. Sie nahm die Dinge in die Hand, die Renovierung der Wohnung in Düsseldorf und später den Hausbau am Bodensee. Martha Dix war modebewusst, ging mit der Zeit, trug eine Kurzhaarfrisur und schicke Kleider, wie wir aus den Porträts wissen. Die Sexualität von Martha schien für Otto Dix nicht darstellbar, Lust und Sex war für Dix mit der Welt des Bordell verknüpft ist, so Karin Schick in ihrem Beitrag, oder mit der Mätresse und Geliebten- wie Dix außerehelicher Gespielin Elis Franz. Neben einer Fülle von Abbildungen, darunter die Porträts von Dix, die August Sander und Hugo Erfurth geschossen haben, und die Gemälde von Dix, die er seiner Gattin schenkte, wurden in dem deutsch-englischen Begleitband zur Ausstellung auch die Lebendaten von Otto und Martha Dix aufgenommen. Diese Veröffentlichung (ISBN 3-7757-16209-3) ist eine unverzichtbare Quelle, um den Menschen Dix näher kennen zu lernen. (c) fdp
Die grafische Gestaltung des Katalogs ist herausragend und wohl im Sinne Bills ausgefallen. Die bei Hatje Cantz erschienene Publikation (ISBN 37757-1641-6) widmet sich in separaten Kapiteln dem Architekten, Designer, Bildhauer, Grafiker, Typografen und Maler Max Bill. Bill selbst kommt in ausführlichen Essays wie »kandinsky als pädagoge und erzieher« - auch in der Veröffentlichung pflegt man konsequente kleinschreibung – zu Wort. Es ist nicht nur die Begegnung Bills mit dem 60-jährigen Kandinsky die nachhaltig auf die Karriere des Schweizer Multitalents einwirkte, sondern auch die mit anderen Bauhausmeistern. Vor allem begeisterte sich Bill für das pädagogische Geschick Kandinskys im Umgang mit den Bauhausschülern. Für die von Bill gepflegte konkrete Kunst war, so Bill, die Begegnung mit dem belgischen Künstler Georges Vantongerloo von besonderem Wert. Bill sah in ihm den Wegbereiter der Konzeptkunst, war fasziniert von den Formen und Farben im Raum, die Vantongerloo geschaffen hatte. Kritisch sind Bills Anmerkungen zur Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, an der er selbst lehrte und Lehrplanprinzipien konzipierte. Dabei sollten die Bauhaus-Idee als die Verzahnung von Theorie und Praxis, visuelles Training, Analyse und Übungen der elementaren Darstellungsformen und neue Gestaltungsmethoden im Vordergrund der Ausbildung stehen. Überaus lesenswert ist Bills Beitrag zu seinen Erfahrungen mit der griechischen Architektur. Dem Geist der Geometrie in der Plastik widmen sich Max Bill und Karl Gestner in eigenständigen Abhandlungen. Die Abbildungen der Werke ermöglichen schließlich einen verdichteten Überblick, den die auf drei Etagen platzierte Ausstellung nur bedingt bietet. (c) fdp
In der Edition Braus ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen (ISBN 3-89904-139-9), der nicht nur die Einzelwerke der Ausstellung vorstellt, sondern sich auch mit dem Werdegang der Sammlung und dem Leben von H.W. Janson befasst. Ein gesonderter Beitrag widmet sich dem »Fall des Erfurter Angermuseums«, dessen Geschichte ein Beispiel für den Umgang der Nazis mit moderner Kunst ist. (c) fdp
• Wilhelm Lehmbruck : Das plastische und malerische Werk, Gedichte und Gedanken
Zur Jubiläumsausstellung des Wilhelm-Lehmbruck-Museums im Jahr 2005 ist ein neuer Bestandskatalog erschienen (Wienand-Verlag, ISBN 3-89279-615-7). Er befasst sich in ausführlichen Beiträgen mit dem malerischen und plastischen Werk Lehmbrucks. Neben einer Biografie sind auch Lehmbrucks Gedichte – teilweise von Schwermut geprägt – in die vorliegenden Publikation aufgenommen worden. (c) fdp
• Lehmbruck, Rodin und Maillol
Der von Christoph Brockhaus herausgegebene Begleitband »Lehmbruck, Rodin und Maillol« (ISBN 3-89279-614-9) behandelt nicht nur das Thema »Körpersprache und plastische Kunst«, sondern folgt der thematischen Gliederung der aktuellen Ausstellung und befasst sich mit Themen wie »Monumentalstatue und Menschenpaar« oder »Gesten der Meditation«. Das Verzeichnis der ausgestellten Werke mit Kommentierungen rundet den vorliegenden Band ebenso ab wie die Biografien der drei Bildhauer und eine umfängliche Bibliografie. (c) fdp
• Manfred Lehmbruck: Architektur um 1960
Besonders für die, die sich für moderne Architektur interessieren, ist vorliegende Architekturband (Spurbuchverlag, ISBN 388778-291-7) zu empfehlen, der von der Architekturgalerie am Weissenhof Stuttgart herausgegeben wurde, und unter anderem den lesenswerten Beitrag von Manfred Lehmbruck »Freiraum Museumsbau« enthält. Darüber hinaus besticht er durch hervorragende Architekturfotos, die teilweise auch Eingang in die aktuelle Ausstellung gefunden haben. (c) fdp
• Die obere Hälfte - Die Büste seit Auguste Rodin
Der in der Edition Braus (ISBN 3-936921-01-5) erschienene Katalog beschäftigt sich mit der Frage des Wiederauflebens der Büste im 15. Jahrhundert und des Porträts im Spannungsfeld von Idealisierung und Authentizität. In einem historischen Rückblick wird auf die Büsten Cellinis und Berninis eingegangen, die im Auftrag für Kirche und Adel arbeiteten. Die »moderne Auffassung der Büste« als Veranschaulichung des seelischen Zustands des Porträtierten nimmt mit Auguste Rodin ihren Anfang und setzt sich mit Daumier, Rosso und anderen fort, ein Prozess, den Astrid Nielsen in ihrem Beitrag »Auguste Rodin und die Porträtbüste seiner Zeit« nachzeichnet. Der Büste in der klassischen Moderne wird ebenso in einem Beitrag abgehandelt wie auch in einem gesonderten Artikel den Arbeiten Alberto Giacomettis Aufmerksamkeit geschenkt wird, dessen Figuren im Laufe der künstlerischen Karriere teilweise auf wenige Zentimeter zusammenschrumpften. Thematisiert wird auch die Nachahmung der Natur in der zeitgenössischen Büste und die Frage neuer Materialien bei der Schaffung von Büste im ausgehenden 20. Jahrhundert. Leider fehlt in dem Band ein Stichwort- und Personenregister. Auch ein Werkverzeichnis der ausgestellten Objekte ist nicht zu finden. (c) fdp
• Willi Baumeister: Figuren und Zeichen
Der Katalog, erschienen im Verlag Hatje Cantz und herausgegeben durch das Bucerius Kunstforum(ISBN 3-7757-1691-2) behandelt in lesenswerten Beiträgen das Werk und die Wirkung des Baumeisterschen Schaffens ebenso wie es die Sammlung außereuropäischer Kunstobjekte Baumeisters vorstellt. Die Beziehung Baumeisters zu den naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes streift ein weiterer Beitrag. Und ein gesondertes Kapitel ist dem Gilgamensch-Epos vorbehalten, das Baumeister bildlich bearbeitet hat. (c) fdp
So opulent wie die Ausstellungen im Lenbachaus und im Kunstbau angelegt war, so ist auch der bei Prestel erschienene Begleitband »Franz Marc« (ISBN 3-7913-3497-2) ausgefallen. Neben einer tabellarischen Biografie widmet sich Annegret Hoberg ausführlich der künstlerischen Karriere von Franz Marc, beleuchtet seine Liebschaften und seine Kontakte zu Malerkollegen wie August Macke. Ausführlich illustriert und durch einen kurzen Text eingeleitet werden die unterschiedlichen Arbeiten Marcs, Gemälde, Arbeiten auf Papier, Postkarten, Skulptur und Hinterglasmalerei sowie das Skizzenbuch aus dem Felde. Nur wenige Werke werden durch ausführlichere Bildzeilen erläutert. Überwiegend beschränken sich die Herausgeber auf die jeweilige Abbildung. Wer den vorliegenden Band in Ruhe durchblättert, der kann den Eindruck der Ausstellung vertiefen, was angesichts der Werkfülle auch notwendig erscheint. Eigentlich müsste man diese Retrospektive mehrmals besuchen, um sich mit der Vielfalt des Marcschen Schaffens auseinander zu setzen. Der Katalog kann diese Auseinandersetzung ohne Frage fördern. (c) fdp
• Henry Moore: Epoche und Echo - Englische Bildhauerei im 20. Jahrhundert
Der sehr gut gestalteten Katalog (ISBN 3-89929-041-0), der im Verlag Swiridoff erschienen ist, besticht nicht nur durch brillante Abbildungen, sondern auch durch flüssig geschriebene Textbeiträge, so zu Moores skulpturgeschichtlichem Ort, eine ausführliche Biografie und einem Werkverzeichnis der ausgestellten Arbeiten. Kurze O-Töne von Moore und anderen englischen Bildhauern kommentieren die einzelnen Arbeiten und lassen somit die Künstler selbst die eigenen Arbeiten interpretieren und einordnen. Zudem lockern sie gestalterisch den vorliegenden üppig illustrierten Band auf. (c) fdp
Der Umfang der Schau – sie gleicht einem Bühnenstück über das Badevergnügen vergangener Tage – ist beeindruckend und für die meisten nur in Ausschnitten aufnehmbar. Umso wichtiger erscheint es mir, auf den Katalog »Picasso Badende« hinzuweisen, der bei Hatje Cantz erschienen ist. Er scheint mir zur vertiefenden Beschäftigung mit dem Thema als sehr geeignet. In ihm wird dankenswerter Weise nicht allein den »Wahlverwandschaften: Badende bei Picasso und Cézanne« ein Kapitel eingeräumt, sondern er beschäftigt sich in einem weiteren Beitrag auch mit der Einbindung des Themas in deren Motivgeschichte. Eine Bibliografie und umfangreiche Biografie komplettieren den durch zahlreiche Abbildungen ausgezeichnet gestalteten Band (ISBN 3-7757-1602-5). (c) fdp
Aus Anlass einer Ausstellung im Sprengelmuseum zum fotografischen Werk von Ernst Schwitters ist ein dreisprachiger (Deutsch/Norwegisch/Englisch) Katalog erschienen, der sich ausführlich mit dem Werdegang Ernst Schwitters beschäftigt. Unter dem Titel »Poetische Sachlichkeit« behandelt Olav Løkke nicht nur die Fotogramme aus den 1930er Jahren, sondern auch die Einflüsse und Vorbilder vor dem Hintergrund von Bauhaus und Neuer Sachlichkeit. Schwitters war kein Dokumentarist, wie die Lektüre der Publikation (Hatje Cantz, ISBN 3-7757-1526-6) unterstreicht, sondern er sah die Fotografie eher als ein Symbol statt als korrekte Wiedergabe eines Details an. Dass wir heute überhaupt das Werk dieses in Deutschland weitgehend unbekannten Fotografen entdecken können, ist nur dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass es Schwitters bei der Flucht von Norwegen nach England gelungen war, 2500 seiner Negative zu retten. Neben einer Kurzbiografie – bereits mit 13 Jahren zeigte Schwitters seine Fotos erstmals öffentlich – findet man in der Veröffentlichung auch ein Verzeichnis der ausgestellten Werke sowie zahlreiche der Schwarz-Weiß-Fotos aus allen Schaffensphasen des Fotografen. (c) fdp
• Niki & Jean - L'Art et l'Amour
Ein einmaliges Text- und Bilddokument ist der anläßlich der Ausstellung »Niki & Jean - L'Art et l'Amour« bei Prestel erschienene Katalog, der die Lebensstationen von Niki und Jean nachzeichnet und dabei auf O-Töne nicht verzichtet, so dass man nicht von Dritten über die Kunst und die Biografie der beiden erfährt, sondern von den Betroffenen selbst. Zudem besticht die Veröffentlichung durch zahlreiche Bilddokumente, die sich mit der Entstehung einzelner Projekte wie dem »Zyklop« oder »Hon« befassen. Zugleich mit dem Nachzeichnen des künstlerischen Werdegangs von Niki des Saint Phalle und Jean Tinguely taucht der Leser wie auf einer Zeitreise in die Aufbruchsjahre zwischen 1961 und 1968 ein, erfährt aber auch vom Beginn und der Realisierung des Tarotgartens in der Toskana, einem Projekt, dem sich Niki bis zu ihrem Tod verschrieben hatte. Nachzulesen ist in der vorliegenden Publikation (ISBN 3-7912-6050-7) auch die Korrespondenz zwischen Niki und Jean, die nicht nur Kunst, sondern auch Liebe und Eifersucht miteinander verband. (c) fdp
• Ewald Gäßler (Hg.): 100 Jahre Willi Oltmanns – 100 Werke: Gemälde und Aquarelle
In der vorliegenden Veröffentlichung (ISBN 3-89995-256-1, Isensee-Verlag, Oldenburg, 129 Seiten), die leider nicht durchgehend farbige Abbildungen der spätexpressionistischen Arbeiten Willi Oltmanns enthält, wurden drei sehr lesenswerte Beiträge aufgenommen, die von Ewald Gäßler, Uwe Heckmann und Johanna Brade stammen. Sie befassen sich mit der Biografie des Künstlers, mit dessen malerischen Werk, vornehmlich mit den Landschaften, und mit der Kunst des Aquarells, einer Technik, die Oltmanns für das Festhalten des Augenblicks besonders liebte. Neben dem Katalog der ausgestellten Arbeit wurde auch eine Bibliografie veröffentlicht. Als Einführungstext gibt die von Gäßler verfasste Biografie Willi Oltmanns’ einen guten Überblick über den Lebensweg des Künstlers, der ursprünglich eine Lehre als Anstreicher absolvierte, ehe er mit der Künstlerkolonie Schreiberhau in Berührung kam. In dieser Kolonie hielten sich zeitweilig auch Otto Mueller, Otto Dix und Max Slevogt auf. Vermerkt wird auch das Oltmanns während seiner Berliner Zeit Kontakt mit Max Pechstein hatte, einen der wichtigsten Vertreter des deutschen Expressionismus. Kriegszeit und Gefangenschaft in Belgien sind Zeiten im Leben des Künstlers, in denen er die alltägliche Trostlosigkeit in kleinen Arbeiten festhielt. In den 1950er Jahren siedelte sich der Künstler am Rande von Delmenhorst an, wo er 1979 verstarb. Heckmanns Abhandlung über das malerische Werk Oltmanns befasst sich sowohl mit den Selbstbildnissen des Künstlers als auch mit den Landschaften. Die in diesem Beitrag aufgenommenen Bildanalysen hätte man sich als Besucher auch beim Rundgang durch die Ausstellung gewünscht. Heckmann weist den Leser nachhaltig auf Oltmanns konstruktive Bildgerüste hin, die seine Landschaften bis zum Beginn des letzten Schaffensjahrzehnts durchziehen. Außerdem arbeitet Heckmann in seinem Beitrag auch die durch deskriptive Lokalfarbigkeit geprägten Landschaften Oltmanns heraus und verweist in diesem Zusammenhang auf die »Vorbilder« van Gogh und Cézanne. Die Skizzierung im Vorfeld der Arbeiten in Öl ist typisch für Oltmanns, der die beobachtete Natur in wenigen summarischen Konturen und Schraffuren fasste und diese dann in Öl und Aquarell umsetzte. Hervorgehoben wird von Heckmann auch die Liebe des Künstlers zur Schneelandschaft, einem Sujet, das Oltmanns in der Zeit in Schreiberhau entdeckte. Johanna Brade weist in ihrem Artikel über Willi Oltmanns und die Kunst des Aquarells auf den Umfang der Aquarelle im Werkverzeichnis Oltmanns hin: Über 2000 Aquarelle sind verzeichnet, die in einer Schaffenszeit von fünf Jahrzehnten entstanden sind. Wie die meisten seiner Kollegen in der Kolonie Schreiberhau, so Brade, verzichte Oltmanns bei seinen Aquarellen auf figürliche Darstellungen und gab sich ganz und gar der Umsetzung jahreszeitlicher Stimmungen hin. Ob sich Oltmanns die Technik, in Aquarell zu arbeiten selbst beigebracht hat oder aber von den Künstlerkollegen darin unterwiesen wurde, ist ungewiss. Im Gegensatz zu seinen Kollegen ging es Oltmanns nicht um die naturnahe Abbildung. Er stilisierte und schematisierte die Elemente der Landschaft, machte dadurch die Topografie zur Nebensache, wie Brade schreibt. Nicht das spontane Malen in Aquarell war Oltmanns Sache, sondern die Komposition wurde geplant und mit wenige Strichen ein Liniengerüst auf das Papier gezeichnet. Es scheint als schwimmen die changierenden Farben über dieses Gerüst, in das nur wenige starke Pinselstriche für Motivdetails gesetzt wurden. (fdp)
Karin Schick /Karsten Müller: Walter Gramatté (1897-1929), Verlag Dumont Köln 2008, ISBN 978-3-8321-9131-3, 175 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Neben der Biographie des Künstlers finden sich in der vorliegenden Veröffentlichung Beiträge, die sich mit den Themen der Ausstellung – Porträts, Zustände, Selbstporträt, Landschaft, Szenisches oder Sonia befassen. Die Beiträge sind eine wertvolle Ergänzung zur Ausstellung, die mit Saaltexten und Werkinterpretationen sehr sparsam umgeht. Hervorgehoben wird unter anderem von Karsten Müller in dessen Beitrag zum Thema Zustände, dass Gramatté im Gegensatz zu anderen Künstlern durch die Ereignisse des Ersten Weltkriegs nicht politisiert wurde, sondern eher mit seinem Schicksal haderte und sich als Außenseiter ansah. Den Krieg begriff der Künstler als etwas Schicksalhaftes. Das Bewusstsein der eigenen Krise übertrug der Künstler in seine Bilder und versuchte diesen Allgemeingültigkeit zu geben, nicht ohne auf eine metaphorische Überhöhung zu verzichten. „... Es ist eine verfluchte Sache, die Kunst, eine Mordsqual, aber es gibt doch Momente, die man für nichts hergeben würde.“ Das sind die eindrucksvollen Worte eines Künstlers, der mit seinem Schicksal haderte und in der Kunst alles fand. „Du, ich habe mich schon lange mit einem Selbstportrait herumgeschleppt. ... Denke: Uniform, Rot und Schwarz, ganz ganz einfach. ... Ganz weißes Gesicht, reines Weiß -, nur um die Augen Rot. Etwas verweint, sieht das Ganze aus ...“. Mit diesen Worten beschreibt Gramatté den Schaffensprozess an seinem Selbstbildnis in Uniform, das wie andere auch in einem Beitrag von Karin Schick vorgestellt wird. (c) fdp
Neben dem einleitenden Beitrag von Uwe Fleckner, der sich mit der ästhetischen Dimension einer Stadt und Kunst im Kontext unwirtlicher Städte auseinandersetzt, stehen vor allem die Einzelkunstwerke im öffentlichen Raum im Mittelpunkt der Betrachtung. Fleckner verweist auch und gerade auf die Problematik von Kunst im öffentlichen Raum und führt unter anderem die beziehungslos auf der Moorweide platzierte Plastik von Henry Moore sowie die temporären Interventionen im Stadtraum an, die nicht immer auf ungeteilte Zustimmung treffen. Kurz und prägnant sind die Erläuterungen zu dem in Versalien gehaltenen Schriftkunstwerk von Lawrence Winter am HWWA-Gebäude und Ian Hamilton Finlays Werk auf dem Plateau zwischen der Galerie der Gegenwart und dem Altbau der Kunsthalle. Schrift wird auch bei Barbara Schmidt Heins zur Kunst, wenn auch „die eigene GESCHICHTE“ sich nicht auf den ersten Blick selbst erklärt. Wer die Rolltreppe der U-Bahn im Hauptbahnhof hinauffährt, wird Begriffe auf jeder Stufe entdecken, zumindest für einen Augenblick. 126 Stufen sind mit einer Textinstallation belegt. Doch hat der U-Bahn-Nutzer eigentlich die Muße, „Ich bin nicht oben ich bin nicht unten ...“ zu lesen? Inmitten des wuselnden Verkehrsgedränges wurde als Kunstintervention eine Pflanzeninsel geschaffen, die nunmehr den Deichtortunnel begrünt. Kunst oder Nicht-Kunst ist hier allerdings die Frage. Nicht frei von kommentierenden Grafittis ist Richard Serras Cortenstahl-Skulptur vor den Deichtorhallen. Nicht nur diese Kunstwerke, sondern auch Arbeiten von Waldemar Otto (Heine-Denkmal) oder von Alfred Hrdlicka, lassen sich dank eines beigefügten Stadtplans bei einer Hamburg-Tour auch besuchen. Dabei kommt man nach Altona, St.Pauli und auch in den Hafen und die Hafen-City, lernt also auch Hamburg zu Fuß kennen. Uwe Fleckner (Hg.): Kunst in der Stadt Hamburg - 40 Werke im öffentlichen Raum, 192 Seiten, 90 farbige Abb., ISBN 13: 978-3-89479-370-8, 24.90 € (c) fdp)