Reisemagazin schwarzaufweiss

Detmold

Eine Rose, Hermanns Schuh und viel Fachwerk

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Einst hatten in Detmold lippische Fürsten das Sagen. Doch das ist heute lediglich eine Fußnote der Geschichte, wenn auch die Nachfahren dieser Fürsten noch stets das mitten in der Stadt gelegene Residenzschloss bewohnen. 1918 hatte der damalige Fürst Leopold I. dem Thron entsagt und seither ist das Schloss nicht mehr wie in den Jahrhunderten zuvor der Sitz regierender Grafen und Fürsten. Wenn auch nicht an der Weser gelegen, so ist doch die Architektur des Schlosses Weserrenaissance pur. Im Inneren – das Schloss ist mit Führungen zu besichtigen – finden sich allerdings barocke Überformungen ebenso wie Umgestaltungen im Stil der Neorenaissance, betritt man den Ahnensaal. Doch beginnen wollen wir unseren Besuch der Stadt nicht am Schlosspark und am Schloss, sondern am Bahnhof.

Detmold - Bahnhof

Seit 1880 kann man das Residenzstädtchen Detmold mit der Eisenbahn erreichen. Kurz bevor der erste Zug in Detmold einlief, war das Bahnhofsgebäude (1) im historistischen Stil fertiggestellt worden. Hohe Spitzbogenfenster und andere Baudetails verweisen auf die Baukunst der Gotik, die damals sehr gefragt war, ganz zu schweigen von anderen Neo-Stilen. Über einem Teil des Bahnhofs prangt das Wappen der Herren zu Lippe. In der Mitte erkennt man die lippische Rose, die man auch im Wappen der Stadt wiederfindet. Das Wappen der Fürsten zu Lippe befindet sich an dem Teil des Bahnhofsgebäudes, in dem sich das Fürstenzimmer befindet.

Detmold - Hotel Kaiserhof

Wer am Bahnhof Detmold ankam, der erblickte unweigerlich das Hotel Kaiserhof. Noch heute kann man den markanten Erkerturm nicht übersehen, ganz zu schweigen von dem bekrönten Adler über dem Hauseingang. Nicht nur zu Poetry & Jazz, sondern auch zum Lindy Hop und zum Blues trifft man sich im Kaiserkeller. Neben dem Haupteingang des einstigen Kaiserhofs.

Gründerzeitlicher Charme

Detmold - Hermannstraße

Die Umgebung des Bahnhofs, sowohl die Bahnhofstraße als auch die Hermannstraße, künden vom gründerzeitlichen Bauboom und davon, dass sich hier das städtische Bürgertum in einem Quartier abseits der Altstadt ihr neues Zuhause geschaffen hat. Unter diesen Bürgern Detmolds war auch der Getränkefabrikant Fritz Hartmann. Bis heute unterstreichen die Fabrikantenvilla und das Stammhaus des Getränkeherstellers Sinalco von der damaligen Aufbruchstimmung in der Stadt. Davon kann man sich auch ein Bild machen, wenn man die Hermannstraße in Richtung Kaiser-Wilhelm-Platz läuft. Mitten auf dem Platz erhebt sich die neogotische Christuskirche (2), in der sich die Fürstengruft des Hauses Lippe befindet. Umstanden ist die Kirche von drei Pavillons. Warum es nur drei und nicht vier sind, um der Symmetrie zu genügen, ist ein wenig rätselhaft. An der Südseite des Platzes sehen wir das ehemalige Landtags- und das Regierungsgebäude, Erinnerung an die bis 1947 existierende Selbstständigkeit des Lands Lippe.

Detmold - Christuskirche

Wir setzen unsere Stadttour bis zur Lortzingstraße fort. Dort befindet sich vor dem Gebäude der Bruderhilfe eine Gedenktafel für die 1938 zerstörte Synagoge. Nur wenige Schritte weiter stoßen wir auf einen Musentempel. Ja, das Landestheater (3), das zu Beginn des Ersten Weltkriegs erbaut wurde, ist ein Kind des Neoklassizismus und erinnert mit dem Säulenvorbau an eine klassische griechische Tempelanlage.

Detmold - Landestheater

Wagner, Lortzing und ...

Auf der Ameide, direkt am Schlossgraben, fällt unser Blick auf die Büste des Komponisten Richard Wagner. Gegenüber dieser Büste steht der Originalabdruck des Fußes von Hermann, dem Cherusker, Hinweis auf das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald bei Detmold und auf das Lippische Landesmuseum. Bei diesem Heerführer handelt sich um einen „Helden der Geschichte Germaniens“, hatte er doch mit seinen Mannen im Jahre 9 verhindert, dass Germanien vollständig dem Römischen Reich einverleibt wurde.

Detmold - Lippisches Landesmuseum

Rechts vom Eingang des Schlossparks gedenkt man bis heute des Schauspielers und Sängers Albert Lortzing, der zeitweilig ebenso in Detmold lebte wie der Komponist Johannes Brahms, der eine Beschäftigung als Musiklehrer am lippischen Hof angenommen hatte. Über die Ameide nähern wir uns dem Lippischen Landesmuseum (4). Es besteht aus einem Komplex historischer Bauten. Im fünfstöckigen Kornhaus aus dem späten 16. Jahrhundert kann man neben Möbeln und Gemälden des 16. bis 19. Jahrhunderts auch die umfangreiche Textilsammlung des Hauses bestaunen. In der ehemaligen Zehntscheune des Klosters Falkenhagen widmet man sich unter anderem dem Mythos der Varusschlacht. Zudem kann sich der Besucher des Landesmuseums auch einen Überblick über das Möbeldesign seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verschaffen. Die Ur- und Frühgeschichte sowie die Völkerkunde hat in dem spätklassizistischen, weiß geschlämmten Haus Ameide ihren Platz. Die Mittelmühle hingegen – erbaut 1420 – beheimatet die Naturkunde. Dass man in einem Graben neben dem Haus Ameide eine Nachbildung einer Darstellung der sogenannten Nazca-Linien-Zeichnungen zu sehen ist, ist ein Hinweis auf die umfängliche Sammlung präkolumbischer Objekte aus Südamerika.

Detmold - Lippisches Landesmuseum

Hinzuweisen ist außerdem auf Skulpturen im Umfeld des Landesmuseums. Dabei handelt es sich um Hans Jähnes „Frosch“ als Teil einer Brunnenanlage, zwei junge Pferde, die Heinrich Drake zu verdanken sind, einen stürzenden apokalyptischen Reiter in Riesenformat, den Wilfried Koch geschaffen hat, und einen Panther, der vor dem Naturkundemuseum herumschleicht und ebenfalls von Heinrich Drake stammt.

Detmold - Naturkundemuseum

Ein Sohn der Stadt: Christian Dietrich Grabbe

Vorbei am sogenannten Spieker, heute ein Restaurant, – man beachte das farbige Schnitzwerk um den Eingang – setzen wir unseren Stadtspaziergang fort. Dabei laufen wir am Wallgraben entlang, ehe wir in die Bruchstraße einbiegen. In dieser Straße erblickte der Dichter des Frührealismus, Christian Dietrich Grabbe, im Jahre 1801 das Licht der Welt. Nicht weit von hier steht auch sein Sterbehaus (Unter der Wehme 7), in dem heute das Grabbe-Café seine Gäste mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Nebenan erblickte übrigens der „Dichter der Märzrevolution von 1848“ Ferdinand Freiligrath das Licht der Welt.

Detmold - Spieker

Im Geburtshaus von Grabbe befand sich seit 1749 das Lippische Zuchthaus, wa man heute jedoch nicht mehr erkennt. Der Zuchthausverwalter Adolph Henrich Grabbe bewohnte im Zuchthaus eine Dienstwohnung, in der der Dichter Christian Dietrich Grabbe geboren wurde. Das Haus fungierte noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Zuchthaus. Zu den Werken des Dichters des sogenannten Vormärzes gehört die Tragödie „Don Juan und Faust“, deren Uraufführung in Detmold 1829 stattfand.

Dat Schwatte und ...

Schon mal von Liebharts Bieren etwas gehört, von alkoholfreiem Weizi oder Dat Schwatte, einem süffig-hopfigem Schwarzbier? Nein, dann sollte man im Liebharts (5) einkehren, einem schmucken Fachwerkhaus in der Bruchstraße. Wie wäre es mit Sülze und Bratkartoffeln oder mit Pizza Bärlauch und Shrimps? Oder soll es doch lieber ein Pfannkuchen gefüllt mit Camembert und Preiselbeeren sein? Kein Problem, auf herzhafte und süße Pfannkuchen versteht man sich bei Liebharts auch. Gleiches gilt für Spaghetti Pesto und Penne mit geschmolzenem Ziegenkäse. Die ausgeschenkten Biere stammen aus der Privatbrauerei Liebhart, die im Industriegebiet am Gelskamp nicht nur leckere Gerstensäfte und andere Bio-Saftgetränke herstellt, sondern auch zum Besuch des dortigen Fachwerkdorfes einlädt, um ausgiebig die verschiedenen Biere zu kosten.

Detmold - Schnitzel Point

An Cafés und Restaurants ist in Detmold, heute ein Hochschulstandort, kein Mangel. Nur wenige Schritte sind es vom Liebharts zum Schnitzel Point, untergebracht in einem ansehnlichen Fachwerkhaus, das einst Heinrich Rische und Anna Holmans erbauen ließen, wie der Hausinschrift zu entnehmen ist. Hier kann man zu seinem Schweine- oder Hähnchenschnitzel die Panade und Sauce selbst wählen oder aber Cheeseburger und BBQ Burger genießen.

Der Marktplatz und das Schloss

Detmold - Marktplatz

Weiter geht es zum Marktplatz (6), auf dem dreimal wöchentlich Markt abgehalten wird und wo man in der Saison Delbrücker Spargel, aber auch Räucherfisch und Käse sowie Gemüse aller Art kaufen kann. Mitten auf dem Platz steht der Donopbrunnen, gekrönt von einer Quellnymphe in Begleitung von Rehen. Nicht zu übersehen ist der rosa angestrichene Putzbau des Rathauses mit seinem Säuleneingang. Ein Beispiel mittelalterlicher Baukunst, die den Brand von 1547 überstanden hat, ist die Marktkirche, auch als Erlöserkirche bekannt. Der Turm allerdings überstand den Brand nicht und wurde durch einen Turm mit Renaissancehelm ersetzt. Das Kircheninnere ist äußerst schlicht möbliert, ganz in der Tradition evangelisch-reformierter Gemeinden. Schmuckstück des Sakralbaus ist die Oestreich-Orgel, auf der Musik der Romantik ebenso wie die der Moderne gespielt werden kann.

Detmold - Kaufhaus Sonntag & Vos

Wir setzen unsere Tour über den Markplatz fort und dabei fällt unser Blick auf die üppig gestaltete Fassade des Kaufhauses Sonntag & Vos, das Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde und dessen Architektur mit den Formen von Renaissance und Jugendstil spielt. Nun wollen wir aber wirklich zum Schloss und zum Schlossplatz, gehen, einem der architektonischen Highlights von Detmold und ein Kind der Weserrenaissance. Umgeben ist das Schloss von einer dicken Mauer mit vier Rundtürmen sowie einem Wassergraben an drei Seiten.

Detmold - Schloss

Geschlossenes Altstadtflair

Nicht versäumen sollte man durch die Meierstraße (8) und Adolfstraße (9) zu spazieren, um sich ein Bild von der Geschlossenheit der Detmolder Altstadt zu machen. In der Meierstraße reihen sich mit Schiefer verkleidete Häuser aneinander, während die Adolfstraße noch eine authentische Bebauung von Handwerkerhäusern des 17. Jahrhunderts aufweist, deren Obergeschosse auf die Stadtmauer aufgesetzt wurden.

Detmold - Fachwerkhäuser in der Adolfstraße

Ein Kanal für den Fürsten

Nächste Station unseres Stadtbesuchs ist der Wallgraben, an dem die katholische Kirche St. Bonifatius im ansonsten mehrheitlich evangelisch-reformierten Detmold ihren Platz hat. Teile des Kirchenschiffs sind zu einer Altenwohnanlage umgebaut worden. Im weiteren Verlauf unserer Tour kommen wir zum sogenannten Friedrichstaler Kanal und damit zu einer mit dem lippischen Fürstenhaus verknüpften Baugeschichte Detmolds. Der Kanal ist noch heute von Alleebäumen bestanden. Links und rechts des Kanals nimmt man eine geschlossene Bebauung wahr. Der Kanal wurde auf Wunsch des Grafen Friedrich Adolph angelegt und unterhalten. Jener Graf hatte sich die von seiner Mutter im 17. Jahrhundert herrschaftlich ausgebaute Meierei Pöppinghausen zu einem großzügigen Lustschloss namens „Friedrichsthal“ umgestalten lassen. Um von seinem Residenzschloss dorthin zu gelangen, wünschte er sich einen schiffbaren Wasserweg, den er nach Plänen eines niederländischen Baumeisters anlegen ließ.

Am Kanal steht die Hochschule für Musik (10), die am Rande des Palaisgartens in einem ehemaligen fürstlichen Witwensitz untergebracht ist. Nebenan befindet sich die Neue Aula, vor der eine 13 Meter hohe Skulptur von Karl Ehlers steht und die Blicke der Vorbeikommenden auf sich zieht.

Detmold - Hochschule für Musik

Abschließend geht es wieder zurück in die Altstadt und in eines der zahlreichen Cafés, denn nach unserem Stadtspaziergang ist nun eine Kaffeepause mehr als angesagt. Unterwegs machen wir allerdings noch Halt an der ehemaligen alten Synagoge (11), die man durch einen schmalen Gang neben dem Haus Exterstraße 8 erreicht. In dem Vorderhaus, ursprünglich von einem Handwerker bewohnt und dann an die jüdische Gemeinde verkauft, wohnte einst der Rabbiner der Gemeinde. Die hebräische Inschrift auf der Fassade lautet: Beendet im Monat Siwan 564 (?). Die Gemeinde Detmold-Shalit. Gut erhalten ist die von der jüdischen Gemeinde bis 1905 genutzte Fachwerkscheune im Hinterhof, in Detmold auch als Michaeliskapelle bekannt. Im Hof befindet sich eine Gedenkstätte für die sechs Millionen ermordeten Juden. In das Mahnmal wurden vier Säulen integriert, die von der niedergebrannten Synagoge in der Lortzingstraße stammen. Auf einer gesonderten Tafel kann man die Namen der jüdischen Bürger Detmolds lesen, die während des sogenannten Dritten Reichs umgebracht wurden. Beim Weitergehen über den Hof kommen wir an der Galerie Gausepohl vorbei – ein Tipp für Liebhaber moderner Kunst. Dann sind wir in der Fußgängerzone (Lange Straße), in der zahlreiche Cafés zum Verweilen einladen.

Informationen

Detmold
www.detmold.de

Residenzschloss
www.schloss-demold.de

Lippisches Landesmuseum
www.lippisches-landesmuseum.de

Kaiserkeller Detmold
www.kaiserkeller-detmold.de

Jedermann im Spieker
http://jederman-im-spieker.de

Grabbe-Gesellschaft
http://grabbe.de

Liebharts
http://www.liebharts-detmold.de/restaurant/

Liebhart Privatbrauerei
www.residenz-biere.de

www.fachwerkdorf.de/spip.php?article18

LWL Freilichtmuseum Detmold
www.schwarzaufweiss.de/deutschland/muensterland-reisefuehrer/lwl-freilichtmuseum-detmold.htm

 

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