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Bäume schubsen im Bayerwald

Ein Baumwipfelpfad als Besuchermagnet

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Nein, keine Angst, der Pfad schwankt nicht. Dennoch greifen viele Besucher des längsten Baumwipfelpfads der Welt unwillkürlich ans Geländer. Sie haben den Eindruck, der Holzweg, der an dieser Stelle auf 18 Metern Höhe unterhalb der Baumwipfel entlang führt, bewegt sich hin und her. Dabei ist es nur der wenige Zentimeter vom Geländer des Pfads entfernte Schubsbaum, den ein Baumwipfelpfad-Führer mit einer Hand zum Schwingen gebracht hat. „So etwas können Sie nur auf dieser Höhe machen, wenn Sie unten an den Baum drücken würden, würde er sich überhaupt nicht bewegen. Daran sieht man, wie elastisch Bäume sein müssen, um nicht umzufallen“, versichert Baum-Schubser Christian Kremer, der Marketingleiter der Erlebnis Akademie aus Bad Kötzting.

Bayerwald - Baumwipfelpfad - Schubsbaum

Schubsbaum

Sein Unternehmen war ursprünglich im Bereich der Erlebnispädagogik tätig und hat mehrere Hochseilgärten aufgebaut und betrieben. Mit dem Baumwipfelpfad, der 2009 eröffnet wurde, betrat es Neuland. Der Pfad, dessen sechs didaktische Stationen Mitarbeiter des Nationalparks Bayerischer Wald gestaltet haben, verbindet das Tierfreigelände des Nationalparks, in dem Bären, Wölfe und Elche beobachtet werden können, mit dem Hans-Eisenmann-Haus, dem Besucher- und Informationszentrum des Nationalparks. Der Pfad besteht auf einem stabilen Holzweg, der durch den Wald führt und bis auf rund 25 Meter Höhe ansteigt. Und aus einer spiralförmig angelegten Rampe, die sich innerhalb einer Stahl-Holzkonstruktion auf eine Höhe von 44 Metern hochschraubt. Die gesamt Wegstrecke beträgt rund 1300 Meter. Damit ist der Baumwipfelpfad bei Neuschönau der weltweit längste seiner Art. „Die Idee stammt ursprünglich aus der Baumkronenforschung“, berichtet Christian Kremer. Denn Forscher, die Käfer, Insekten und Baumpilze in den Baumwipfeln untersuchen wollen, brauchen Verbindungsmöglichkeiten von Baum zu Baum. Bayerwald - Baumwipfelpfad

Im Bayerischen Wald freilich sollen keinesfalls nur wissenschaftlich Interessierte angesprochen werden, sondern alle Menschen. Auch Klapperl- oder Sandalentouristen, denen einen Anstieg auf die umliegenden Berge im Nationalpark, beispielsweise auf den Rachel und den Lusen, zu beschwerlich ist. Der Baumwipfel-Weg ist sowohl kinderwagen- wie auch rollstuhlgerecht. Das liegt vor allem an der Konstruktion des Baumturms, der um drei Bäume – zwei Tannen und eine Buche – herum gebaut worden ist. Seine Rampe, die bis kurz unter die auf 44 Meter Höhe gelegene Plattform führt, ist über einen halben Kilometer lang und windet sich als Spirale nach oben.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Mit Abstand betrachtet wirkt der Baumturm, der sich innerhalb kurzer Zeit zum neuen Wahrzeichen des Nationalparks Bayerischer Wald entwickelt hat, wie ein gewaltiges Holz-Ei. „Die Idee dazu hatte Josef Stöger, der Architekt, bei einem Glas Rotwein in der Toskana“, verrät Christian Kremer. Aufgebaut wurde das Riesen-Ei schließlich von oben nach unten: Drei 120 Tonnen schwere Kräne mit 70 Meter langen Auslegern rückten an. Das 15 Tonnen schwere Rondell auf der Spitze wurde zuerst mit dem Kran in die Höhe gehievt, anschließend hat man die ersten drei Leimbinder aus Lärchenholz positioniert. Diese haben das Rondell provisorisch getragen – bevor weitere Leimbinder hinzukamen.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Doch obgleich der Baumturm spektakulär aussieht – die wirkliche bauliche Herausforderung war der Holzpfad aus Douglasienholz. Schließlich sollte der Pfad mitten durch den Bergmischwald führen und nicht durch eine kahl geschlagene Schneise. Deshalb konnten keine Autokräne eingesetzt wurden, so dass die bis zu dreißig Meter hohen Leimbinder, die den Pfad Stabilität geben, in Schwerstarbeit unter Einsatz von Hebebühnen aufgestellt werden mussten. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Denn nach der Eröffnung im September 2009 dauerte es nicht einmal drei Jahre, bis der Baumwipfelpfad im Sommer 2012 den einmillionsten Besucher empfangen konnte. Der Baumwipfelpfad, so Erlebnis Akademie-Sprecher Christian Kremer, lockt nicht nur Bayerwaldurlauber, sondern auch zahlreiche Tagestouristen. Und er wirkt im besten Sinne völkerverbindend – denn knapp dreißig Prozent aller Besucher kamen aus dem benachbarten Tschechien.

Bayerwald - Baumwipfelpfad - Christian Kremer

Christian Kremer

Wer den Baumwipfelpfad betritt, beginnt mit einem Anstieg auf acht Meter Höhe. Wem da schon schwindlig wird, der kann sich immer noch entscheiden, keinen Eintritt zu bezahlen und den Besuch abzublasen. Auf dem Pfad selbst sind dann sechs Info-Stationen anzutreffen. Dort wird das Thema Wald in verschiedene Geschosse eingeteilt und erklärt. Ganz oben befindet sich das Penthouse, die Region der Baumwipfel – dort leben Baummarder und Eichhörnchen, aber auch spezialisierte Tiere wie der Fichtenkreuzschnabel. Eine hoch spezialisierte Finkenart, deren geniale Anpassung an ihre Umgebung an die Darwinfinken auf den Galapagos-Inseln erinnert: durch seine überkreuzten Schnabelspitzen hat der Fichtenkreuzschnabel ein ideales Werkzeug, um die Schuppen von Fichtenzapfen abzuspreizen. So gelangt er zu deren Samen – seiner wichtigsten Nahrungsquelle. Weiter unten am Baum ist das Revier der Spechte und Kleiber. Diese Vögel können senkrecht entlang des Baumstamms klettern – dank Kletterzehen und Stützschwänzen. So suchen sie nach Spinnen und Kleintieren, die sich in der Rinde und in Moosen verstecken. Besonders phantastisch ist die Klettertechnik des Kleibers: dieser kann seinen Kopf sogar nach unten halten, während er senkrecht am Baumstamm entlang spaziert.

Bayerwald - Baumwipfelpfad - Tannenzapfen

Doch nicht nur über die Tiere, die auf den Bäumen leben, ist viel zu erfahren, sondern auch über die einzelnen Baumarten selbst: So wachsen Tannen am liebsten im Schatten und Buchen im Halbschatten. Fichten hingegen brauchen viel Licht. Wer sich schwer tut, Fichten und Tannen zu unterscheiden, kann sich leicht mit den Zapfen behelfen: Tannenzapfen stehen aufrecht nach oben, Fichtenzapfen hingegen hängen am Baum nach unten.

Doch auch, wenn der Baumwipfelpfad nun äußerst beliebt ist, der Nationalpark Bayerischer Wald selbst war in der Region lange umstritten. Den Wald einfach Natur sein lassen, den Borkenkäfer nicht bekämpfen, das war vielen Einheimischen zuwider. „Einige empfinden es heute immer noch als störend, wenn sie abgestorbene Bäume sehen. Aber letztendlich ist das Totholz die Voraussetzung dafür, dass wieder etwas nachwächst. Genauso, wie andernorts regelmäßig Buschfeuer notwendig sind, um die Natur im Gleichgewicht zu halten, ist es bei uns eben der Borkenkäfer“, erläutert Christian Kremer von der Erlebnis Akademie.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Wer den Baumwipfelpfad besucht und mehr über die Flora und Fauna im Nationalpark erfahren möchte, der ist gut beraten, am Nachmittag um14:30 zu kommen und den 1300 Meter langen Weg gemeinsam mit einem Waldführer anzutreten. Martin Stadler ist einer davon – und wenn er mit Touristen unterwegs ist, spricht er nicht nur über Ökologie, sondern er verrät auf der Aussichtsplattform am Ende des Weges auch Wissenswertes aus der Umgebung: Ein Thema dabei sind die regionalen Pilgertraditionen zum nahe gelegenen Kreuzberg, der seit knapp 600 Jahren Ziel der St. Anna-Wallfahrten ist. Stadler berichtet aber auch über das auf 1100 Meter Höhe gelegene Dorf Leopoldsreuth, das im Winter regelmäßig eingeschneit war und deshalb vor rund fünfzig Jahren von seinen Bewohnern verlassen wurde. „Die Kirche und das Schulhaus stehen dort heute noch“, weiß Martin Stadler.

Bayerwald - Baumwipfelpfad - Martin Stadler

Martin Stadler

Natürlich blickt man von dem Aussichtsrondell aus auch zum Rachel, dem zweithöchsten Berg des Bayerischen Waldes, und zum nahe gelegenen Lusen. Sowie zu einem Berg mit einem höchst eigenartigen Namen – dem Brotjacklriegl. „Damals waren preußische Landvermesser hier eingesetzt, sie haben die Einheimischen gefragt, wie heißt dieser Berg. Diese antworteten ‚Broader Jagerriegel`, aber damit konnten die Vermesser wohl nichts anfangen“, verrät Martin Stadler am Ende des Rundgangs.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Für die Waldführer, den Nationalpark Bayerischer Wald und für die Erlebnis Akademie ist der Neuschönauer Baumwipfelpfad eine echte Erfolgsstory. Das Konzept hat so eingeschlagen, dass bereits zwei weitere Projekte umgesetzt wurden – eines auf der Insel Rügen, ein anderes am Lipno-Stausee in Tschechien. Der „Adlerhorst“ auf Rügen, der 2013 eröffnet hat, ist zwar ebenfalls überaus beeindruckend – doch den Rekord, längster Baumwipfelpfad der Welt zu sein, konnte er dem Bayernwald-Pfad nicht streitig machen. So schnell lässt sich der Rekordhalter nämlich nicht vom Thron schubsen.

 

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