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Rietberg – mehr als nur Gartenschau?

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Wer von Steinfurt nach Rietberg unterwegs ist, der kann mit dem Rad die Route „Historische Stadtkerne“ erkunden. Rietberg besitzt seit dem 13. Jahrhundert Stadtrechte und ist gewiss wegen des Gartenschauparks weit über die Region hinaus bekannt. Im Kern der Stadt stehen beeindruckende Fachwerk-Dielenhäuser. Auch die bekannte Orgelwerkstatt Speith ist in Rietberg zuhause. Neben der Gartenschauparkanlage mit zahlreichen Freizeitanlagen und Gärten ist auch der ehemalige Klostergarten mit den in der Anlage aufgestellten Skulpturen von Wilfried Koch einen Besuch wert.

Rietberg - Gartenschau

Beginnen wollen wir unseren Besuch in Rietberg, einem Städtchen durchflossen von Ems und Sennebach, im Ortsteil Neuenkirchen, wo sich einer der Eingänge zum weitläufigen, 40 ha großen Parkgelände der Landesgartenschau NRW 2008 (1) befindet. Besonders Familien mit Kleinkindern zieht es in diesen Teil der Anlage, da man hier auf dem Wasserspielplatz nach Herzenslust matschen und planschen und auf dem Wikingerschiff zu „gewagten Abenteuern“ aufbrechen kann. Riesenlegosteine animieren außerdem dazu, neue Welten zu errichten.

Stauden und Gehölzsäume

Rietberg - Gartenschau

In der Staudengalerie des ehemaligen Landesgartenschaugeländes

Liebhaber von Staudenarrangements hingegen erfreuen sich beim Anblick der Roten Staudengalerie, durch die man auf gewundenen Wegen flanieren kann. Blauer Rittersporn und Bart-Iris, knallroter Türken-Mohn und rosafarbene Indianernessel – das sind die Farbtupfer, die vor den Augen der Besucher flimmern. Dazu gesellen sich der scharlachrote Bartfaden und die Sonnenbraut mit tiefrotem und gelbem Blütenkranz. Inmitten des Blütenmeers erhebt sich die silbrig glänzende Neptunskulptur, die der ortsansässige Künstler Angelo Monitillo geschaffen hat.

Rietberg - Gartenschau - Neptunskulptur, die der ortsansässige Künstler Angelo Monitillo geschaffen hat

Und wer ist dieses Speerwerfer?

Hainbuchen und Eschen, aber auch Stieleichen bilden einen markanten Parksaum. Auch auf einen Gemeinschaftswald von Baumspendern stößt man beim weiteren Rundgang, ehe man im Lustgarten angekommen ist. Spätestens nun erahnt man, dass man ein „grünes Schloss“ mit Lustgarten, Großem Saal, Spiegel- und Musikzimmer sowie Spielzimmer besucht. Mit einem derartigen Garten-Konzept erinnert man an das 1803 abgebrochene Schloss Eden zu Rietberg und schuf aus Gehölzsäumen nicht nur die grünen Mauern des Schlosses, sondern inszenierte auch die Räumlichkeiten eines solchen Herrschaftssitzes.

Lustgarten, Musikzimmer und Mustergärten

Lassen wir uns also auf einer Ruhebank im Lustgarten nieder, der mit verschiedenen Clematissorten bepflanzt wurde, und genießen die Ruhe. Dass es im Park auch ein Spiegelkabinett gibt, versteht sich von selbst. Doch Versailles liegt nicht in Rietberg und das Spiegelkabinett ist in seiner Gestaltung recht eigenwillig, da verschiedene Zerrspiegel in diesem Gartenteil zu finden sind. In diesen Spiegeln werden die Besucher und die Natur in einem verzerrten Bild wiedergegeben.

Rietberg - Gartenschau - Blüten

Hier blüht die Sonnenbraut

Was wäre ein Schloss ohne Musikzimmer? Tatsächlich, auch im Rietberger Gartenschaupark kann man Musik machen. Dazu hat die ortsansässige Firma Speith-Orgelbau ein entsprechendes Instrument in einem „Musikzimmer“ installiert. Wer kräftig den Schöpfhebel des Blasebalgs betätigt, der kann dem Instrument wohlklingende Töne entlocken. Wer sich hingegen für den Garten der Kulturen interessiert, kann hier einen Moment verweilen. Andere zieht es stattdessen zum Blüten-Traumgarten und zu den Mustergärten. So bekommt man auch einen Eindruck vom Leben im Atrium-Garten, für den das Element Wasser von besonderer Bedeutung ist. Wäre es jetzt nicht Zeit für ein wenig Fitness-Training? Kein Problem, auch dafür ist dank entsprechender Geräte im Mehrgenerationen-Fitness-Parcours gesorgt. Also auf für Bauch-Beine-Po!

Auf in die Spielzimmer

Anschließend werfen wir noch einen Blick auf den Rosengarten und schauen einigen Bogenschützen beim Übungsschießen zu. Ja, die Bogensportabteilung von TUS Viktoria Rietberg ist auch im Gartenschaupark zu Hause. Örtliche Kaninchenzüchter zeigen ihre besten Exemplare, ob Zwergwidder oder Kleinchincilla, in einigen Gehegen, sehr zur Freude der vielen Kinder im Park. Nicht nur die kuscheligen Nager ziehen die jungen Besucher magisch an, sondern auch die nachfolgenden fünf Spielzimmer mit Rutschterminal, Trampolinen und Beachvolleyballfeld. So, nun lassen wir das „grüne Schloss“ mit seinen Spielwiesen hinter uns.

Biogas und Mutterkühe

Als Übergang zum stadtnahen Teil der Gartenanlage hat man einen Klimapark (2) angelegt, in dem man sich unter anderem über Biogasgewinnung und -nutzung informieren kann. Man erfährt hier aber auch Wissenswertes über Mutterkuhhaltung, werden doch an dieser Stelle des Parks bei extensiver Weidehaltung Mutterkühe mit ihren Saugkälbern gehalten.

Naturschutzgebiet Rietberger Fischteiche

Naturschutzgebiet Rietberger Fischteiche

Schließlich gelangen wir in den stadtnahen Teil der Parkanlage, an den sich jenseits der Ems das Naturschutzgebiet Rietberger Fischteiche (3) anschließt. Wozu Bienen nützlich sind und wie ein Naturgarten zu gestalten ist, erfährt man ebenso wie in „Hörpavillons“ Wissenswertes über das Plattdeutsch der Region.

Auf dem Prozessionsweg in die Stadt

Rietberg - Johanneskapelle

Wir setzen unsere Gartentour entlang der Ems fort und gelangen schließlich zu der auf ovalem Grundriss erbauten Johanneskapelle (4), die am Ende eines barocken Prozessionswegs errichtet wurde. Gedacht wird mit dem Kapellenbau an St. Johannes von Nepomuk, der Schutzpatron der Grafschaft Rietberg ist. Der Prozessionsweg führt uns direkt in die Stadt, die von ansehnlichen Fachwerkensembles beherrscht wird. Gleich am Eingang der Stadt, dem Südtor, sieht man das einstige katholische Gesellenhaus (5) und gegenüber den ausladenden Komplex der ehemaligen Baudruckerei und Eisenwarenhandlung Koeller.

Rietberg - Rathaus (6) mit seiner imposanten doppelläufigen Freitreppe

Das Rathaus mit seiner imposanten doppelläufigen Freitreppe

Ein Blickfang ist das Rathaus(6) mit seiner imposanten doppelläufigen Freitreppe. Nebenan erhebt sich der gotische Turm der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Baptist (7) , deren Langschiff jedoch weit jüngeren Datums ist. Benachbart zum Kirchengebäude werkelt der Orgelbauer Müller/Speith (8). An der Fassade des in Orange getauchten Hauses sind zwei sitzende, Posaune spielende Figuren nicht zu übersehen. Der Orgelbau in Rietberg geht bis auf das Jahr 1848 zurück. Seither wurden etwa 400 Instrumente gebaut, die ihre eigenen Klangfarben haben. „Wir bauen Musik – unsere Hände schaffen Kunst“ so lautet das Motto der Orgelbauerfamilie, deren Geschick in der fünften Generation nun in den Händen von Ralf Müller liegt.

Rietberg - Skulpturen aus Schrott

Skulpturen aus Schrott von Angelo Montillo

Lenken wir unsere Schritte in die Müntestraße, so werden wir dank einer Gedenktafel an das Schicksal der einst hier heimischen Familie Löwenstein erinnert. Julius Löwenstein unterhielt eine Buchdruckerei, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Julius Löwenstein und Emma Löwenstein wurden deportiert und schließlich im KZ Treblinka ermordet. Nicht zu übersehen ist dank der vor dem Haus aufgestellten Skulpturen aus Schrott das Atelier des Rietberger Künstlers Angelo Monitillo (9). Ehe wir unseren Tag in Rietberg fortsetzen, kehren wir im Café Muente ein. Wie wäre es denn mit einem Wurstbrett mit Räucher- und Knochenschinken, hausgemachter Leberwurst und grober Braunschweiger mit Brot? Hohenfelder Radler dazu?

Bürgergärtchen und Drostengarten

Rietberg - Drostengarten

Drostengarten

So gestärkt besuchen wir anschließend die evangelische Kirche (10), die ein Umbau der im 17. Jahrhundert errichteten Gaststätte Grondorf ist. Ehe wir uns in den Klostergarten begeben, zieht es uns in zwei lauschige grüne Winkel, ins Bürgergärtchen und in den Drostengarten (11), in dem sich die von Christiane Möbus entworfene Skulptur „Voller Mond“ befindet. Dabei handelt es sich um kreisrunde polierte Edelstahlscheiben, die gegeneinander geneigt sind. Beim Bürgergärtchen handelt es sich um eine Anlage, die vor einigen Jahren im Geiste formaler Gärten mit Rabatten und Kieswegen angelegt wurde. Auch in dieser Gartenanlage hat man an Kunst im öffentlichen Raum gedacht: „Hoffnung – Drei Frauen“ ist eine Arbeit von Johannes Niemeier aus Rietberg.

Zum Abschluss: der ehemalige Klostergarten

Rietberg - im Klostergarten

Im Klostergarten

Eine grüne Oase mit Kunst – so könnte man den Klostergarten (12) beschreiben, der nunmehr elf Skulpturen des aus Duisburg stammenden und in Rietberg heimisch gewordenen Bildhauers Wilfried Koch beherbergt. Der Klostergarten als Teil eines im 17. Jh. gestifteten Franziskanerklosters hat sich nun in einen Skulpturenpark verwandelt. Lauschig ist der Park, in dem im Mai die Rhododendren blühen und das frühlingshafte Grün beleben. Inmitten der Freiflächen finden sich Skulpturen wie ein Schauspieler mit schalenförmigem Leib, der die Tragödie symbolisiert. Esther, eine der wichtigen Frauenfiguren aus dem Alten Testament, hat im Park ebenso ihren Platz wie vier Musiker, darunter der Flötenspieler und der Turmbläser, der Panflötenspieler und auch der Gott Apoll, der für seine Geliebte Daphne die Harfe anspielt. Ein Narr mit Sonnenuhr erinnert uns an die Vergänglichkeit des Lebens, während uns ein Seher in die Welt der Antike entführt. Mit diesem Garten- und Kunstgenuss beschließen wir einen Tag in Rietberg an der Ems.

 

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