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Eine Symphonie der Farben

Der Schwefelgeruch lässt einen auf dieser gebirgigen vulkanreichen Insel nicht los. Ein paar Kilometer weiter befindet sich ein Onsen mit heißen leicht schwefelig riechenden Quellen, aber auch mit einem Moorbad gleicher Geruchsnote. Also runter vom Rad und rein ins Bad! Danach ist es stets schwierig, sich wieder aufs Bike zu schwingen, doch von hier aus ist es eine entspannende Abfahrt durch herbstliche Laubwälder, deren Färbung einfach nur fantastisch zu nennen ist. Diese Symphonie der Farben erstrahlt auch in der Kikuchi-Schlucht und wie stets, so auch hier, findet sich eine dieser allseits gegenwärtigen „vending machines“, kleine japanische Wunder, oft deplatziert wirkend und in grellbunten Farben, die (fast) alles ausspucken: von der heißen Suppe, über Café au lait, Sake in Dosen, Asahi-Bier, bis zum isotonischen Sportgetränk. Was dazu führte, dass ich ständig damit beschäftigt war, etwas Neues auszuprobieren, denn diese Verkaufswunder findet man auch völlig unerwarteter Weise mitten im Wald. Dosensake im Dschungel?

Japan Radtour Herbst
Japanischer Herbst

Das zeigt sich auch am nächsten Tag: Steil geht es zu, als wir durch eine Symphonie von herbstlichen Farben über Stock und Stein zur Kikuchi-Schlucht biken. Schweißtreibend! Doch wenn die Fahrradflasche leer ist: Durst ist nie ein Problem, denn sicher findet sich irgendwo eines der Wunderwerke der „vending machines“, die angefüllt sind mit jedwedem Trinkbaren! Was ich heute mal wieder probiert habe? Ich weiß es nicht! Doch hinterher verrät mir einer der Guides, das sei ein Supervitamindrink und sie müssten nun wohl aufpassen, dass ich ihnen nicht davonradele.

Müssen sie nicht! Meine Beine fühlen sich an wie japanische Ess-Stäbchen. Den Abend und die Nacht verbringen wir in einem Dorf namens Sensui, wo zum Ryokan gleich ganze fünf Bäder mit heißen Quellen gehören! Raten Sie mal, was wir den Rest des Tages gemacht haben. Die älteren japanischen Ladies hinter der Holzwand im benachbarten Onsen kichern. Sake scheint die Runde zu machen. Nach dem Bade flugs in den Yukata und die Schlappen geschlüpft und dann ab zum Abendessen. Was für ein Fest!

Japan Radtour Farben
Noch mehr Farben

Von Völlereien mag ich nicht sprechen, aber wie viele Gänge es da jeweils gab - ich weiß es nicht. Tausende von Schüsselchen tanzten vor meinen Augen: Ramen, Sashimi, Tempura, Sushi. Die kleinen Kunstwerke, aus denen japanisches Essen besteht, sind liebevoll aufgereiht. Gerade überlege ich mir noch, welchen Ablauf ich bei den Spiesen wohl einhalten sollte, da kniet schon wieder ein schmucker Japaner mit Stirnband nieder und reicht die nächsten Schüsselchen. Vielleicht habe ich meinen Fisch in die Fleisch- und mein Fleisch- in die Fischsoße getunkt? Jedes Gericht ist schön wie ein Gemälde, die Essstäbchen in ein Origami-Meisterstück verpackt. Das macht außerordentlich viel Mühe und ist vielleicht der Grund dafür, dass Japan das Land ist, in dem am meisten außer Haus gegessen wird. Kampai! Prost! Einen heißen oder kalten Sake dazu. Arigato! Danke! Nach diesem Mahl sind alle aufgekratzt und wir eiern unter dem weißen Licht des japanischen Mondes auf unseren Schläppchen, eingepackt in eine wattierte Kimonojacke über dem dünnen Yukata, in die Dorfkneipe, um den Abend zu begießen. Nie war der Mond so gleißend schön wie in Japan.

Japan Radtour Kalligraphie
Ein Kurs in Kalligraphie

Also: Träumt man, bevor man hierher kommt, von Geishas, Sumo-Ringern, Shogun, Samurai und Sake, so ändert sich das während des Aufenthalts grundlegend! Wenn andere Radtrekking-Geschichten von Ungemach und Unbill, Dreck und Staub berichten mögen, so muss doch dieser von den technischen Wunderwerken an Toiletten mit verwirrenden Computeranzeigen (beheizbarer Sitz, automatische Spülung, sobald man aufsteht, eingebautes Bidet, einzustellen je nach zu besprühendem Körperteil etc. pp.), die man noch dazu mitten in der Wildnis findet und von "vending machines" berichten.

Was hätte ich getan, wenn eine Fee neben mir gelandet wäre und hätte mir drei Wünsche freigestellt? Ich wünschte mir ein Fahrrad, jeden Abend einen Onsen und am Wegesrande „vending machines“. Die Fee war nicht nötig. Sayonara, Japan!



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