Japan-Besuch mit Familienanschluss

Homestay als Übernachtungsalternative

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

„Yoku irasshaimasu!“ – „Herzlich willkommen!“ Das Land des Lächelns empfängt mich mit einem eben solchen und dies in Person von Akito Uemura. Der obligatorischen Verbeugung folgt eine völlig unjapanische Geste, das Händeschütteln. Hier im Schatten der mächtigen Burganlage von Kumamoto, einer 670.000-Seelen-Gemeinde auf Japans südlichster Hauptinsel Kyushu, treffe ich meine Gastgeber zum ersten Mal in den Räumlichkeiten der Kumamoto International Foundation. Diese Organisation hat sich darauf spezialisiert, ausländischen Gästen, vornehmlich Studenten, einen Aufenthalt in einer japanischen Familie zu ermöglichen – und dies vollkommen kostenfrei.

Japan - Kyushu - Burganlage von Kumamoto

Burganlage von Kumamoto

Homestay nennt sich das Programm. Die Gastfamilien sind allesamt des Englischen mächtig und öffnen ihre heimischen vier Wände für ein paar Tage und Nächte für Besucher aus aller Herren Länder. Ihre Motivation: Weltoffenheit, der Austausch von Kultur und Lebensart. Ganz nebenbei sollen nach Möglichkeit auch noch die Fremdsprachenkenntnisse verbessert und – wenn möglich – neue Freunde gewonnen werden. Heere Ziele, die sich die Gastfamilien einiges kosten lassen. Denn sie investieren nicht nur ihre Freizeit, sondern rücken in den eigenen vier Wänden für ein paar Tage enger zusammen und bestreiten auch die Verpflegungskosten für die Gäste aus eigener Tasche.

Japan - Suizenji Jojuen Park

Suizenji Jojuen Park

„Hajimemashite!“ – „Es freut mich, Sie kennen zu lernen“, ergänzt Akito Uemura, um dann nahtlos ins Englische überzugehen. Ein Moment später ist mein Gepäck im Kofferraum seines japanischen Kleinwagens verstaut und wird schlängeln uns auf einer ersten Sightseeingtour durch die Straßen von Kumamoto. Zwischen dem grauen Beton der Wohnsilos und Geschäftshäuser finden sich Oasen wie der herrliche Suizenji Jojuen Park. Die Grünanlage wird durchzogen von Kirsch- und Gingkobäumen und liebevoll angelegten japanischen Gärten. In den Teichen schwimmen riesige Karpfen. Sehenswert ist auch der Izumi Shinto Schrein aus dem Jahre 1878, während das historische Teehaus zu einer kleinen Pause einlädt.

Japan - Izumi Shinto Schrein

Im Izumi Shinto Schrein

Tatsächlich sind in der Universitätsstadt mit ihren 30.000 Studenten Sehenswürdigkeiten eher rar gesät. Ein Muss ist der Besuch des Daijingu Schreins und des beeindruckenden Kumamoto Castles (auch Ginkgo Castle genannt). „Die Festung ist 400 Jahre alt, verfügte ursprünglich über 49 Türme, 29 Tore sowie 120 Brunnen und wird von einer 5,3 Kilometer langen Mauer, der Mushagaeshi, umgeben“, bringt Akito die wichtigsten Fakten in Sekundenschnelle auf den Punkt, während er den Wagen weiter in den Nordwesten der Stadt lenkt, wo er mit seiner Familie eine kleines Haus mit Einstellplatz und winzigem Garten bewohnt.

Japan - Daijingu Schrein

Daijingu Schrein

70.000 Yen, rund 440 Euro, muss der 43jährige Bankangestellte im Monat an Miete bezahlen – gemessen am Platzangebot kein Pappenstil. Denn neben zwei Schlafräumen verfügt das luxusfreie Häuschen lediglich über eine Wohnküche, ein Badezimmer und eine separate Toilette. Diese ist ein kleines Technikwunder. Sobald die Tür hinter einem ins Schloss fällt, öffnet sich der Toilettendeckel. Gleichzeitig ertönen sanfte Musik und gurgelnde Geräusche. Denn nichts ist dem Japaner unangenehmer, als wenn durch die dünnen Wände des Hauses Verdauungsgeräusche dringen. An der Wand befindet sich ein computergesteuertes Schaltpult mit zahlreichen Knöpfen, die den Toilettenbesuch zu einem Erlebnis zwischen Spülen, Fönen und Selbstreinigung der Toilette werden lassen. Und das Beste: Der Toilettensitz ist beheizt. Eine riesige Energieverschwendung auf der einen Seite, ungemein angenehm auf der anderen Seite, wenn man nachts das warme Bett verlässt und sich ins kalte Badezimmer schleppt.

Japan - Wohnküche

In der Wohnküche ...

Die übrigen Zimmer des kleinen Hauses sind eher spärlich ausgestattet. Die beiden Schlafzimmer verfügen über einen klassischen Tatamiboden. Auf diesen wird nachts ein Futon ausgebreitet. In der Wohnküche befinden sich neben einer Küchenzeile ein Esstisch mit niedrigen Stühlen, zwei Reiskochern, zwei Sideboards, ein Computertisch, ein Fernseher und einem Wohnzimmertisch mit Sitzkissen davor. Neben einigen Familienfotos fällt vor allem eine stattliche Auswahl an Pokalen ins Auge. „Mein Sohn ist Ringer – ein ganz ordentlicher“, verrät Akito mit einer Mischung aus Stolz und Bescheidenheit. Tatsächlich gehört Yuichiro zu den größten japanischen Ringerhoffnungen. Der stämmige Elfjährige bringt satte 60 Kilogramm auf die Waage, ist in seiner Altersklasse Landesmeister von Kyushu und zählt zu den Top 10 in Japan.

Japan - Wohnzimmer

... und im Wohnzimmer

„Magst Du Ringen?“, fragt Akito – und schon sitzen wir mit Yuichiro im Auto auf dem Weg zur Trainingshalle. In der modernen Sportstätte tummelt sich rund ein Dutzend Nachwuchskräfte. Getreu dem Motto „Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gestellt“, werden die jungen Talente kräftig rangenommen. Da stellt sich der Trainer schon mal auf die Beine, um die Dehnfähigkeit im Adduktorenbereich mit Nachdruck zu verbessern. Dann wiederum lässt er die Kleinen eine Brücke machen und setzt sich darauf.

Japan - Ringer-Training

Ringer-Training

„Ein wirklich guter Trainer!“, kommentiert Akito meinen eher skeptischen Blick. Rund 40 Minuten später sind wir zurück im Haus der Uemuras. Jetzt lerne ich auch Akitos 14-jährige Tochter Yuriko und seine Frau Yukimi kennen. Die 41-jährige arbeitet als Kindergärtnerin in einer Schule, wo sie die Sprösslinge der Lehrer betreut. Kaum zuhause, bereitet sie das Abendessen vor. Auch dies ist typisch japanisch: Auf den Tisch kommt ein gusseiserner Topf, der mit einer Gaskartusche beheizt wird.

Japan - Tochter Yuriko

Tochter Yuriko

„Es gibt Sukiyaki, eine Art Eintopf mit hauchdünn geschnittenem Rindfleisch, Tofu, Konnyaku Nudeln, Lauch, Zwiebeln, Chinakohl und Enoki-Pilzen“, lässt mich Yukimi wissen. Die wohlschmeckende Mischung köchelt in einer Mischung aus Sake, Soja und Wasser vor sich hin. Dazu wird natürlich Reis gereicht.

Japan - Tochter Yuriko beim Essen

„Wusstest Du, dass Stäbchen eigens für den Weltraum erfunden wurden? Das ist ungemein praktisch. So können die Astronauten umher fliegendes Essen leichter fangen“, flachst Akito ob meiner ungeschickten Handhabung der filigranen Essstöcke. Nach dem Essen zaubert der zweifache Familienvater eine kleine Batterie mit japanischen Bieren wie Kirin, Asahi und Yebisu auf den Tisch. „Ihr Deutschen liebt doch Bier“, stellt der sympathische Mann mit der riesigen Brille auf der Nase leicht zweifelnd fest, um mir im gleichen Atemzug zu zuprosten: „Kanpai!“

Während wir zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, müssen die Kinder noch einmal die Schulbank drücken – und zwar freiwillig. Nur wenige Hundert Meter vom Haus der Uemuras entfernt liegt eine kleine Privatschule. Hier erhält Yuriko einmal die Woche für anderthalb Stunden Mathematikunterricht, während Yuichiro zweimal die Woche Mathe und Naturwissenschaft paukt. Für die Kinder ist dies eine große Belastung neben dem Schulalltag und dem Sportprogramm, für die Eltern vor allem eine finanzielle Herausforderung. Um schon jetzt die Weichen für den angepeilten Universitätsbesuch des eigenen Nachwuchses zu stellen, müssen die Uemuras monatlich 37.000 Yen (rund 330 Euro) an die Privatschule überweisen.

Japan - Yuichiro

Yuichiro in der Privatschule

„Die beiden sollen später einmal studieren. Auch dafür ist es gut, wenn wir regelmäßig ausländische Gäste haben. Denn so können die beiden ihre Englischkenntnisse verbessern“, unterstreichen Yukimi und Akito. Und während die Kinder Schulbücher wälzen, blättern wir in Fotoalben. Ich bekomme einen Eindruck von der Hochzeit der Uemuras vor mittlerweile 16 Jahren bis hin zu Urlauben in Korea und Taiwan. Um 20.50 Uhr werde ich erstmals höflich gefragt, ob ich nicht müde sei. Dann um 20.55 Uhr, um 20.58 Uhr und wieder um 21.03 Uhr. Ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, ich kapituliere, ziehe mich in mein Tatamizimmer zurück, während die Familie in Sekundenschnelle bettfertigt ist. Die ungewohnt frühe Bettruhe nutze ich, um mich langsam an das Schlafen auf dem harten Boden zu gewöhnen. Gegen 7 Uhr morgens herrscht dann hektische Betriebsamkeit im Hause der Uemuras. Die Pflicht ruft, die Kinder müssen zur Schule, Yukimi und Akito zur Arbeit. Nach einem schlichten Frühstück mit Reis, Weißbrot, Marmelade und Tee heißt es, Abschied zu nehmen. Keine Frage, der Besuch bei einer japanischen Familie war eine tolle Erfahrung. Ich komme gerne wieder. „Doumo arigatou – vielen Dank!“

Japan - Familie Uemura

Familie Uemura

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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