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Unbekanntes Japan

Pilgern und Baden auf Shikoku

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Japans Götter scheinen trinkfest zu sein. Weshalb sonst sind am Eingang des Oyamazumi-Schreins auf der Insel Omishima so viele Sake-Fässer gestapelt? Die Holzfässer mit Reiswein sind mit weißem, mit Schriftzeichen versehenem Reispapier umwickelt, das mit ebenfalls weiß gehaltenen Schnüren und Seilen befestigt und vertaut ist. Der Oyamazumi-Schrein ist einer der ältesten und bedeutsamsten Shinto-Schreine und damit ein Ausdruck der ursprünglichen Religion Japans, die durch den ab dem sechsten Jahrhundert importierten Buddhismus zum Teil abgelöst, zum Teil aber auch ergänzt und transformiert wurde. Und da man bei zwei Religionen ja nie so genau weiß, welche davon die richtige ist, stellen sich viele Japaner vorsichtshalber gleich mit beiden gut – für die Probleme im Diesseits empfiehlt sich der Shinto-Glaube, wenn es ums Paradies und ums Jenseits geht, dann hilft der Buddhismus weiter…

Japan - am Eingang des Oyamazumi-Schreins Trinkfeste Götter: Holzfässer mit Sake, einem japanischen Reiswein, am Eingang des Oyamazumi-Schreins auf der Insel Omishima
Trinkfeste Götter: Holzfässer mit Sake, einem japanischen Reiswein,
am Eingang des Oyamazumi-Schreins auf der Insel Omishima

Die Insel Omishama, auf der sich der Oyamazumi-Schrein befindet, ist ein kleines Eiland in der japanischen Inlandsee. Sie bietet sich an als Zwischenstation auf einer Reise von Honshu, der größten der vier japanischen Hauptinseln, nach Shikoku, der kleinsten der vier Inseln. Vorausgesetzt, man benützt den Shimanami Kaido, ein 1999 fertig gestelltes Brückensystem, das von Onomichi auf Honshu über mehrere kleine Inseln bis Imabari auf Shikoku führt.

Japan - Shimanami Kaido
Das Brückensystem des Shimanami Kaido, das die Insel Honshu mit der
Insel Shikoku verbindet, gehört zu den beliebtesten Fahrradrouten Japans

Das Brückensystem des Shimanami Kaido – das Wort "Shima" steht für Insel und das Wort “nami” für Wellen - gehört zu den beliebtesten Fahrradrouten Japans. Am Rande des Expressways, direkt neben dem Brückengeländer, lockt ein abgetrennter und gut ausgebauter Fahrradweg. Und am Beginn und am Ende des Brückensystems, aber auch auf verschiedenen Inseln, finden sich öffentliche Terminals, an denen sich Touristen für 700 Yen (5,25 Euro) pro Tag ein Fahrrad ausleihen können.

Japan - Radfahrer auf Shimanami Kaido

Imbari auf der Insel Shikoku

Radfahren macht hungrig, insbesondere, weil es auf den Brücken zuweilen recht windig werden kann. Doch in Imbari auf der Insel Shikoku, der Endstation unserer Brücken-Fahrradtour, kann ohne weiteres abgeholfen werden. Ohashi Kunijiro, einer der erfahrensten Sushi-Köche auf Shikoku, hat vierzig bis fünfzig verschiedene Sushi-Spezialitäten zur Auswahl, je nach Saison - darunter Stachelmakrele und Schnepfenaal, Heringseier und Thunfisch, Lobster und Tintenfisch. Seine Lehrzeit aus Sushi-Koch, so verrät Kunijiro, betrug stolze zehn Jahre. „Erst wenn dein Chef wirklich mit dir zufrieden ist, kannst du ein selbstständiger Sushi-Koch werden.“

Japan - Sushi
Ohashi Kunijiro hat in seinem Restaurant „Yayoi Zushi“ in Imbari vierzig
bis fünfzig verschiedene Sushi-Spezialitäten zur Auswahl, je nach Saison

Imbari ist aber nicht nur aus kulinarischen Gründen eine Reise wert. Das von einem Wassergraben und einer Mauer umgebene Imabari-Schloss ist zwar – wie viele historische Gebäude in Japan – ein Nachbau, es versetzt den Besucher dennoch zurück in die Zeit um 1604, in der das ursprüngliche Schloss erbaut wurde. Ein Ziel zahlreicher Pilgertouren ist der in Imabari gelegene Nankō-bō-Tempel. Er ist einer von 88 buddhistischen Tempelanlagen auf Shikoku, die Kūkai, dem Gründer des Shingon-Buddhismus gewidmet sind, und die durch eine mehr als1200 Kilometer lange Pilgerroute, den Hachiju Hakkasho, verbunden sind.

Imbari ist damit sozusagen eine von 88 Stationen auf dem japanischen Jakobsweg. Doch weil vor allem ältere Menschen dem Religiösen zugeneigt sind, und diese oft nicht mehr sonderlich gut zu Fuß sind, begeben sich viele Japaner in Bussen oder mit dem Taxi auf Pilgertour. An jedem der 88 Tempel erhalten sie ein Bild in ihr Pilgerbuch gestempelt. Dieses Pilgerbuch, so berichtet Reiseleiterin Yumiko Inamine, nimmt der Pilger, wenn er dereinst stirbt, sogar mit in seinen Sarg.

Japan Kūkai-Statue im Tempel Nr. 55,  dem Bekkusan Nakobo Tempel (Tempel des südlichen Lichts) in Imabari
Kūkai-Statue im Bekkusan Nakobo Tempel
(Tempel des südlichen Lichts) in Imabari

Pilgern in Japan, das heißt nicht einfach, sein Bündel zu schnüren und zu verkünden, man sei dann mal weg, es verlangt auch die richtige Ausrüstung. In der billigsten Variante, so hat Yumiko Inamine ausgerechnet, kostet das Pilgerset, das aus einer weißen Jacke und einer weißen Pilgerhose, einem Bambushut, einem Stock mit Schutzverkleidung und Glöckchen, einer Ringschärpe, einer Pilgertasche und aus Pilgergamaschen besteht, rund 28500 Yen (circa 215 Euro), inklusive Rosenkranz mit Glocke und Pilgerpäckchen.

Pilgern auf Shikoku

Die Farbe weiß hat für Japaner eine besondere Bedeutung, sie ist die Farbe der Reinheit, aber auch die Farbe des Todes – und die Farbe, mit der man ins buddhistische Paradies geht. „Wir sind zwei“, so steht es auf dem weißen Pilgergewand eines Gläubigen, den wir im Nankō-bō-Tempel, dem 55ten Tempel der Pilgerroute antreffen. Die Aufschrift ist keineswegs ein Zeichen von akuter Schizophrenie, sondern sie zeugt von der Verbundenheit mit Kūkai, der in Japan oftmals auch Kobo Daishi genannt wird, was so viel heißt wie „Großer Heiliger“.

Japan - Kūkai-Pilger in weißem Pilgergewand
Kūkai-Pilger in weißem Pilgergewand

Nach einer Chinareise gründete Kūkai die buddhistische Shingon-Religion, eine esoterisch angehauchten Buddhismus-Variante, in der Trantras und Mantras eine wichtige Rolle spielen. Kūkai ist auf Shikoku geboren und aufgewachsen und später auch dort begraben worden. Schon deshalb wird er auf dieser Insel ganz besonders verehrt. Jedes Jahr, so schätzt man, pilgern hundertfünfzig- bis zweihunderttausend Japanern zu den 88 Kūkai-Tempeln, doch auch Ausländer begeben sich auf Shikoku immer häufiger auf Sinnsuche.

Japan - Befestigtes Schloss bei Matsuyama: Das fünfstöckige turmartige Hauptgebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert, ist aber einem Vorbild aus dem 17. Jahrhundert nachempfunden
Befestigtes Schloss bei Matsuyama

Beim Pilgern auf Shikoku lohnt es sich, auch die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand zu besuchen, etwa das Schloss, das über das Stadt Matsuyama thront. Das fünfstöckige turmartige Gebäude, das bequem per Seilbahn erreicht werden kann, wurde von 1602 bis 1627 errichtet. Das jetzige Hauptgebäude freilich ist ein Nachbau, der im 19. Jahrhundert angefertigt wurde, denn der Original-Burgturm wurde 1784 vom Blitz getroffen und brannte anschließend aus.

Japan - Öffentlich zugängliche Heilquelle in Dogo Onsen: Die heißen Quellen hier wurden schon im 8. Jahrhundert erwähnt. Auf ihre heilsame Wirkung wurde man angeblich aufmerksam, als ein fußkranker Reiher hier Rast machte – und durch die Berührung mit dem Wasser wie durch ein Wunder geheilt wurde
Öffentlich zugängliche Heilquelle in Dogo Onsen

Nur fünf Kilometer von der Matsuyama-Burg entfernt, in Dogo Onsen, befindet sich eines der schönsten und traditionsreichsten Thermalbäder Japans. Die heißen Quellen hier sind bereits seit dem 8. Jahrhundert bekannt. Auf ihre heilsame Wirkung wurde man angeblich aufmerksam, als ein fußkranker Reiher hier Rast machte – und durch die Berührung mit dem Wasser wie durch ein Wunder geheilt wurde. Heute ist Dogo Onsen ein Badeort, in dem es als normal gilt, im Yukata, einem kimonoähnlichen Bademantel, und mit Pantoffeln durch die Straßen zu schlurfen, um einen Platz im öffentlichen Thermalbad zu ergattern. Dieses ist in einem sehenswerten 3-stöckigen Holzbadehaus aus dem späten neunzehnten Jahrhundert untergebracht. Dessen typisch japanische Architektur fällt so offenkundig ins Auge, dass das Badehaus sogar die Vorlage für den Handlungsort des erfolgreichsten japanischen Zeichentrickfilms wurde - "Chihiros Reise ins Zauberland".

Japan - Öffentliches Badehaus in Dogo Onsen – der dreistöckige Holzbau aus dem  späten neunzehnten Jahrhundert diente als Vorlage für den Handlungsort des Zeichentrickfilms "Chihiros Reise ins Zauberland".
Öffentliches Badehaus in Dogo Onsen

Wer im Hotel Yamatoya einquartiert ist, kann sich die morgendliche Yakuta-Modenschau ersparen, denn im Keller des Hotels ist ein eigenes Thermalbad für die Hotelgäste untergebracht. Männer und Frauen baden in getrennten Abteilungen – und bevor man die Becken mit dem rund 40 Grad heißen Thermalwasser betritt, ist eine gründliche Waschung mit Seife und Schwamm obligatorisch. Dazu setzt man sich auf ein kleines Holzhockerchen.

Japan - Ryokan-Zimmer im Yamatoya-Hotel in Dogo Onsen: In dem mit einer Reisstroh-Matte ausgelegten Zimmer wird auf einem ausgerollten Futon übernachtet.
Ryokan-Zimmer im Yamatoya-Hotel in Dogo Onsen

Das Yamatoya-Hotel ist eines von wenigen Hotels in Dogo Onsen, das auch Ryokan-Zimmer anbietet. In den ganz mit Reisstroh-Matten ausgelegten Zimmern wird stilecht auf einem ausgerollten Futon übernachtet. Beim Betreten des rund vierzig Quadratmeter großen Zimmers steht bereits eine Tasse mit grünem Tee für den Besucher bereit. Der japanischen Teezeremonie nachempfunden ist auch das Abendessen im Hotel Yamatoya, zu dem die Gäste ebenfalls im Yukata erscheinen. Das so genannte Kaiseki-Menü, das auch neun bis zwölf Gängen besteht, ist aus der vielstündigen Teezeremonie heraus entstanden, während der die Teilnehmenden zuweilen der Hunger überkam. Deshalb wurden leichte Speisen serviert - und einige der edelsten und besten davon werden nun auch im Yamatoya–Hotel kredenzt: Kastanientofu mit Chrysanthemen, Seebrasse mit Pilzen und Chinakohl, Suppe mit Shimezi-Pilzen, dazu Kaviar und Lachs.



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