Sayonara, Japan!

Eine Reise per Fahrrad durch ein unbekanntes, faszinierendes Land

Kulturschock in Osaka

Radpause: Wir nehmen den Zug nach Osaka. Pünktlich, positive Vorurteile werden bestätigt, fährt er ein und wir rumpeln Richtung Großstadt. Erst am pittoresken Biwa-See entlang, dann wird die Bebauung dichter und dichter und auch die Smogglocke. JR Osaka Station! Ein Kulturschock für uns alle nach dem ländlichen Japan ist diese dicht besiedelte Kansai-Region, in der ca. 20 Millionen Menschen leben. Alles, was bunt ist, ausgefallen oder laut, gefällt. Mickey Mouse scheint ein Dauerbrenner zu sein und Männer sitzen zu Hunderten in Reihen vor einarmigen Banditen. Pachinko heißen diese Spielhallen, eine nationale Passion! AUF einem Hochhaus steht ein Riesenrad. Auch da werden wir mit respektvoller Verbeugung begrüßt, bevor wir uns Osaka von oben ansehen.

Japan Radtour unterwegs

Unterwegs in Kyushu

Doch unten ist an Radfahren nicht zu denken! Mitten im Gewühl der Menschen und des Betons ist ein Schrein. Stille. Um die Ecke: Ein Shop mit allem für das Haustier, pink, hellblau und giftgrün natürlich. Süßigkeiten in allen Formen und Farben. Reklame blinkt. Die Fußgängerampel wird grün, piept wie ein Kuckuck, und ein Strom von Menschen ergießt sich über die Straße. Über all dem hängt Kabelsalat und obendrein schallt von überall her per Lautsprecher eine musikalische Dauerberieselung hernieder. Wir flüchten mit der U-Bahn Richtung Hafen. Die Fähre nach Beppu auf der Insel Kyushu erlöst uns! Über Nacht geht die Fahrt in Stockbetten. Das leise Brummen der Schiffsmotoren wirkt einschläfernd und brummt mich in den Schlaf. Doch ich könnte auch den Bord-Onsen benutzen. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt, dachte ich noch und nippte ein letztes Mal an meinem Asahi-Bier.

Japan Radtour Abenstimmung

Auch die Abendstimmungen sind hier anders

Die Ankunft in Beppu ist spektakulär: Vom Schiff aus kann man die zig Rauchsäulen in der Stadt gut erkennen, Qualm allerorten. Das alles sind Onsens, von denen die Stadt durchzogen ist und die, außer zum Baden, auch zum Kochen und zum Heizen genutzt werden. Ganze 68.000 Liter werden pro Minute ausgestoßen. Ausnahmsweise kümmern wir uns nicht um Onsens und fahren mit dem Bus auf den Makimoto-Pass und von dort auf unseren Rädern durch den perfekten japanischen Herbst, einen Blättervorhang aus glühenden Farben in weinrot, goldgelb, rotbraun nach Kumamoto, wo wir Quartier beziehen und von dem netten Besitzer zum Grillen und zu einigen Schnapsproben eingeladen werden. Sake oder lieber Shochu (Kartoffelschnaps)?

Vergessen Sie alles, was Sie über Jugendherberge zu wissen glaubten! Diese hier kann durchaus mit einem Hotel konkurrieren, und Kalligraphiekurse gibt es auch. Doch Sho-Do, der Weg des Schreibens, ist hart. Die Kanji-Zeichen werden mit einem dicken Pinsel geschrieben. Gemalt? Miss Matshushta und Miss Marimoto, unsere geduldigen Lehrerinnen, sind höflich, verbeugen sich viele Male und bedanken sich für die Aufmerksamkeit. Wir schreiben das Zeichen für „Mu“, das Nichts oder die Leere, aus der alle Erfahrung hervorgehen soll, und versuchen zu verstehen.

Am größten Vulkankrater der Welt

Ist das auch Mu, nichts, dieser Anstieg zum Mount Aso, dem größten Vulkankrater der Welt, am nächsten Tag? Freilich, 14 lange Kilometer habe ich Zeit, darüber nachzudenken und Zen-Buddhismus während des Radfahrens einzuüben. Steil ist das nicht, aber lang. Vorbei an Wäldern, weiten Flächen, sehr hohem weißlich flimmerndem Gras und japanischen Kühen, an deren Anblick ich mich einfach nicht gewöhnen kann. Auf Nachfrage bestätigt sich, dass die Straße wegen der Rindviecher „Milkroad“ heißt. Das muss etwas Besonderes sein, denn oben auf dem Gipfel gibt es in den Souvenirshops alle möglichen Dinge aus Milch mit Kuhemblem.

Japan Radtour Vulkan

Japan - Vulkanland

Doch noch bin ich nicht oben und mein Körper meint immer wieder ganz eindeutig, dass dieses Nichts ganz schön schmerzhaft ist. Okay, ich danke meinem Karma, das mich hierher gebracht hat, um dies zu erleben. Ist ja sowieso alles nichts, Illusion. Ein Koan auf dem Rad zu lösen, probiere ich erst gar nicht. Schließlich muss ich mich konzentrieren. Ein paar japanische Touristen feuern uns an.. Mountainbiker werden freundlich empfangen und fast ein wenig bewundert. Der Mühen Lohn ist großartig: Auf dem Mount Aso wartet ein grünlich-blauer See, dunkelrotbraunes und schwarzes Gestein in allen Schattierungen, ein stahlblauer Himmel, leichter Schwefelgeruch, faszinierende Einblicke in den Krater, viele andere japanische und koreanische Touristen und das berauschende Gefühl, es geschafft zu haben!

Japan Radtour Anstieg zum Vulkan

Da liegt er vor uns, der Vulkan

Und danach? Natürlich eine rasante Abfahrt! Mu? Konzentrier dich, wenn du dich in die Kurven legst und sieh auf deinen Weg! Denn auch das ist Zen: Wenn du schläfst, schlafe, wenn du isst, esse, und wenn du Rad fährst, so fahre Rad. So einfach? Aso-san, wie er auch liebevoll genannt wird, hat übrigens von Ferne die Umrisse eines schlafenden Buddha. Auf seinem Gipfel steht ein kleiner Altar, auf dem geopfert wird: Mandarinen, Münzen, Sake, damit Aso-san nicht ausbricht. Wir haben Glück!

Eine Symphonie der Farben

Der Schwefelgeruch lässt einen auf dieser gebirgigen vulkanreichen Insel nicht los. Ein paar Kilometer weiter befindet sich ein Onsen mit heißen leicht schwefelig riechenden Quellen, aber auch mit einem Moorbad gleicher Geruchsnote. Also runter vom Rad und rein ins Bad! Danach ist es stets schwierig, sich wieder aufs Bike zu schwingen, doch von hier aus ist es eine entspannende Abfahrt durch herbstliche Laubwälder, deren Färbung einfach nur fantastisch zu nennen ist. Diese Symphonie der Farben erstrahlt auch in der Kikuchi-Schlucht und wie stets, so auch hier, findet sich eine dieser allseits gegenwärtigen „vending machines“, kleine japanische Wunder, oft deplatziert wirkend und in grellbunten Farben, die (fast) alles ausspucken: von der heißen Suppe, über Café au lait, Sake in Dosen, Asahi-Bier, bis zum isotonischen Sportgetränk. Was dazu führte, dass ich ständig damit beschäftigt war, etwas Neues auszuprobieren, denn diese Verkaufswunder findet man auch völlig unerwarteter Weise mitten im Wald. Dosensake im Dschungel?

Japan Radtour Herbst

Japanischer Herbst

Das zeigt sich auch am nächsten Tag: Steil geht es zu, als wir durch eine Symphonie von herbstlichen Farben über Stock und Stein zur Kikuchi-Schlucht biken. Schweißtreibend! Doch wenn die Fahrradflasche leer ist: Durst ist nie ein Problem, denn sicher findet sich irgendwo eines der Wunderwerke der „vending machines“, die angefüllt sind mit jedwedem Trinkbaren! Was ich heute mal wieder probiert habe? Ich weiß es nicht! Doch hinterher verrät mir einer der Guides, das sei ein Supervitamindrink und sie müssten nun wohl aufpassen, dass ich ihnen nicht davonradele.

Müssen sie nicht! Meine Beine fühlen sich an wie japanische Ess-Stäbchen. Den Abend und die Nacht verbringen wir in einem Dorf namens Sensui, wo zum Ryokan gleich ganze fünf Bäder mit heißen Quellen gehören! Raten Sie mal, was wir den Rest des Tages gemacht haben. Die älteren japanischen Ladies hinter der Holzwand im benachbarten Onsen kichern. Sake scheint die Runde zu machen. Nach dem Bade flugs in den Yukata und die Schlappen geschlüpft und dann ab zum Abendessen. Was für ein Fest!

Japan Radtour Farben

Noch mehr Farben

Von Völlereien mag ich nicht sprechen, aber wie viele Gänge es da jeweils gab - ich weiß es nicht. Tausende von Schüsselchen tanzten vor meinen Augen: Ramen, Sashimi, Tempura, Sushi. Die kleinen Kunstwerke, aus denen japanisches Essen besteht, sind liebevoll aufgereiht. Gerade überlege ich mir noch, welchen Ablauf ich bei den Spiesen wohl einhalten sollte, da kniet schon wieder ein schmucker Japaner mit Stirnband nieder und reicht die nächsten Schüsselchen. Vielleicht habe ich meinen Fisch in die Fleisch- und mein Fleisch- in die Fischsoße getunkt? Jedes Gericht ist schön wie ein Gemälde, die Essstäbchen in ein Origami-Meisterstück verpackt. Das macht außerordentlich viel Mühe und ist vielleicht der Grund dafür, dass Japan das Land ist, in dem am meisten außer Haus gegessen wird. Kampai! Prost! Einen heißen oder kalten Sake dazu. Arigato! Danke! Nach diesem Mahl sind alle aufgekratzt und wir eiern unter dem weißen Licht des japanischen Mondes auf unseren Schläppchen, eingepackt in eine wattierte Kimonojacke über dem dünnen Yukata, in die Dorfkneipe, um den Abend zu begießen. Nie war der Mond so gleißend schön wie in Japan.

Japan Radtour Kalligraphie

Ein Kurs in Kalligraphie

Also: Träumt man, bevor man hierher kommt, von Geishas, Sumo-Ringern, Shogun, Samurai und Sake, so ändert sich das während des Aufenthalts grundlegend! Wenn andere Radtrekking-Geschichten von Ungemach und Unbill, Dreck und Staub berichten mögen, so muss doch dieser von den technischen Wunderwerken an Toiletten mit verwirrenden Computeranzeigen (beheizbarer Sitz, automatische Spülung, sobald man aufsteht, eingebautes Bidet, einzustellen je nach zu besprühendem Körperteil etc. pp.), die man noch dazu mitten in der Wildnis findet und von "vending machines" berichten.

Was hätte ich getan, wenn eine Fee neben mir gelandet wäre und hätte mir drei Wünsche freigestellt? Ich wünschte mir ein Fahrrad, jeden Abend einen Onsen und am Wegesrande „vending machines“. Die Fee war nicht nötig. Sayonara, Japan!

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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