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Reiseführer Rom


Circus Maximus

Nein, Ben Hur raste nie mit einer Quadriga durch den aufgewühlten Staub des Circus Maximus. Doch schaffte es Lew Wallace` Romanfigur, dargestellt von Charlton Heston in William Wylers Monumentalfilm, ganze Generationen von Kinogängern in atemlose Spannung zu versetzen. Es war das hinreißende Spektakel des neun Minuten dauernden legendären Wagenrennens, das Ben Hur unsterblich gemacht hat. Näher dran an der historischen Wirklichkeit ist freilich die Geschichte des Publius Aelius Gutta Calpurnianus.

Damals, im 2. Jahrhundert, als die Kaiser Hadrian und Mark Aurel herrschten, war er ein Star unter den Wagenlenkern, eine umschwärmte Berühmtheit, die es sich erlauben konnte, zwischen den vier traditionell rivalisierenden Mannschaften (den Blauen, Grünen, Roten, Weißen) hin und her zu wechseln. In weit über tausend Rennen mit Vierspännern ließ er seine Gegner hinter sich. Nicht weniger als 1.127 Palmzweige wurden ihm als Zeichen des Sieges überreicht und seine Gewinnsumme überstieg schwindelerregende 1,2 Mio. Sesterze.

Roms Vergnügungsindustrie boomte. Während im Circus Maximus die oft lebensgefährlichen Wagenrennen von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit die johlende Menge begeisterten, kämpften im nahen Colosseum vor gewaltiger Zuschauerkulisse Gladiatoren um ihr Leben und zu Tausenden besuchte man die gigantischen Thermen des Caracalla und des Diokletian, ließ sich dort massieren und salben, nachdem man sich in diversen Becken erfrischt hatte und wechselte dann hinüber in den gastronomischen Bereich und ließ es sich schmecken.

Blick vom Palatin auf den Circus Maximus
Foto: © lamio - Fotolia.com

 

Ursprünglich wird das kleine Tal zwischen Aventin und Palatin ähnlich ausgesehen haben wie heute: eine langgezogene Grasfläche, die sich zwischen seitlichen Hängen erstreckt. Jogger traben nun durch das Gelände und Hundehalter lassen ihre Lieblinge von der Leine. In den Anfängen gab es nicht einmal Sitzbänke, aber das änderte sich rasch mit dem Aufstieg Roms zu einer großen, wohlhabenden Stadt. Stufenförmig angeordnete steinerne Sitzreihen bis zu 35 m tief nahmen bald das Publikum auf und auch die Anlagen für die Teilnehmer der Rennen wurden massiv ausgebaut. So entstanden die carceres, die Startboxen für die Wagen, und entlang der Arenenachse die spina, das „Rückgrat“, eine niedrige, ornamental verzierte und mit einem Mechanismus zum Rundenzählen versehene lange Trennwand. Sie verhinderte, dass Wagen auf die Gegenfahrbahn geraten konnten. Jedes Rennen ging über sieben Runden. Auf der spina montierte hölzerne „Eier“ und bronzene Delphine, die auf und ab bewegt wurden, gaben die Runden an.

Die Länge des Circus erreichte 600 m, die Breite 150 m. Die eigentliche Arena war 550 m lang und 80 m breit. Um den Publikumsmagneten herum errichteten geschäftstüchtige Kleinunternehmer binnen kurzem Dutzende von Trinkhallen, Bordellen und Imbissbuden.

Ganz und gar nicht gefiel das Treiben in und um Roms größtem Circus dem Historiker Ammianus. Räsonierte der gelehrte Mann aus Antiochia in seinen Anmerkungen zum „müßigen und trägen niederen Volk“: Ihr ganzes Dasein verbringen die Leute bei Wein und Würfelspiel, in Bordellen, bei Lustbarkeiten und Schauspielen, und der Circus Maximus dient ihnen als Tempel und Heimstatt, ist ihr Versammlungsplatz und höchstes Ziel aller Wünsche... Und in der Arena ging es so richtig zur Sache. Nicht weniger als 250.000 Zuschauer fanden auf den Steinbänken Platz, weitere 50.000 drängten sich auf den Stehplätzen und feuerten ihre Favoriten an. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, aus dem dann und wann schrilles Freudengeschrei herauszuhören war, wenn ein Glücklicher bei den Wetten ein halbes Vermögen gewonnen hatte. Derweil rasten in der Arena die Quadrigen in halsbrecherischem Tempo entlang der spina, zügelten für einen Moment die Pferde, wenn sich in den engen Kurven die Quadrigen gefährlich nahe kamen, um dann wieder die Peitsche zu schwingen und Tempo zu machen. Ganz dicht an der spina preschten sie entlang, um den kürzestmöglichen Weg zu fahren, wobei immer wieder mal die Mauer touchiert wurde, der Wagen kippte, Pferde stürzten, der Lenker unter Pferd und Wagen geriet und in der staubgeschwängerten Arena sein Leben aushauchte. Auch solches Geschehen förderte nur die Feststimmung der Römer, die schließlich bei ihren Besuchen im Colosseum immer Blut und Tod als Bestandteil des Schauspiels erlebten.

Auf der riesigen Anlage, die so viele Zuschauer fasste, wie keine andere Sportanlage auf der Welt, verfolgten die Herrscher und ihr zahlreiches Gefolge die Rennen von der kaiserlichen Loge aus, einem zweistöckigen Marmorkomplex auf der Palatin-Seite. Später hatten sie von den Terrassen des Kaiserpalastes auf dem Palatin (dessen imposante Ruinen noch heute den Circus überragen) einen noch besseren Blick auf die Akteure in der Arena. Und sie sorgten nur zu gerne dafür, dass auch spätere Generationen an ihre Brot-und-Spiele-Wohltaten erinnert wurden. So ließ Augustus einen 24 m hohen und gut 3300 Jahre alten ägyptischen Obelisken auf der spina aufstellen (heute steht er auf der Piazza del Popolo) und drei Jahrhunderte später setzte Kaiser Konstantius II. einen zweiten Obelisken dazu, der seit dem 16. Jahrhundert die Piazza di San Giovanni in Laterano schmückt.

Ging es um ihre Favoriten auf der Rennbahn, kannten die Kaiser keine Skrupel. Von Vitellius, dem Alkoholiker und Mörder auf dem Kaiserthron, ist bekannt, dass er die Mannschaft der „Blauen“ hinrichten ließ, weil sie wahrscheinlich seine Günstlinge geschlagen hätten und von Caracalla weiß man, dass er wegen der Niederlage seiner Favoriten, der „Grünen“, so in Wut geriet, dass er sie umbringen ließ. Und dann gab man sich wieder volkstümlich und spendabel, ließ bunte Päckchen unter den Zuschauern verteilen mit Süßigkeiten darin oder Geld und üppigen Geschenkgutscheinen. Der Circus war wie ein Bühne des Lebens. Hier traf man sich, hier fand man Zerstreuung, hier waren Überraschungen möglich. Das wusste auch der Dichter Ovid und empfahl in seinem berühmten Erotikbestseller Ars amatoria (Liebeskunst) das Rennspektakel als beste Gelegenheit für einen jungen Mann, sich an ein Mädchen heranzumachen:


Lass dir entgehen auch nicht den Wettkampf edler Rosse;
Das Menschengewimmel dort bietet dir reichen Gewinn (…)
Setz` dich einfach ganz dicht zu der Erwählten;
schmiege, so eng du nur kannst, Seite an Seite dich an.
Und wenn sie nicht will, so rücke ihr nach (…)
Anzuknüpfen nun suchst du ein Zwiegespräch,
einen Anlass wirst du schon finden (…)
Und wenn Staub auf den Schoß des Mädchens fallen sollte,
so streiche den Staub mit den Fingern hinweg.
Und sollte es keinen geben, so streiche ihn dennoch hinweg.
Jede Gelegenheit, ihr Dienste zu leisten, sei dir recht (…)
Schleppt auf dem Boden ihr Mantel, so raff ihn emsig auf.
Alsbald wird zur Belohnung deiner Müh` sie es erdulden,
dass deine Augen das Glück haben, ihre Schenkel zu sehen (…)


(Via del Circo Massimo)



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