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Christina - „Padrona di Roma“

Für manche Biographen ist Christina von Schweden die „Skandalkönigin des 17. Jahrhunderts“. Andere sehen in ihr eine unverstandene, unglückliche Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit war sie ohne Frage, sehr selbstbewusst, entschlossen und risikobereit, freigeistig und universell gebildet – schließlich einsam, krank und mittellos, als sie 1689 in Rom starb. Und was schon ihren Zeitgenossen, noch mehr aber der Nachwelt Kopfzerbrechen bereitete, ist das Rätsel ihrer zur Schau gestellten geschlechtlichen Ambivalenz, die Uneindeutigkeit ihres Geschlechts, die immer wieder Anlass zu abwegigen Spekulationen bot.

Christina von Schweden

© rook76 - Fotolia.com

Dabei trug sie selbst nach Kräften zum Getuschel der höfischen Kreise bei, denn ihr Aussehen und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit waren für die damalige Zeit schon ziemlich ungewöhnlich. Ihre Stimme war tief und sie bevorzugte oft Männerkleidung, bewegte sich burschikos, war in der Kunst des Reitens, Jagens und Fechtens bewandert, konnte derb fluchen und ihre extrem freizügige Sprache ließ Ahnungslose erbleichen. Gerüchte machten die Runde, sie sei ein Zwitterwesen, nicht richtig Mann, auch nicht richtig Frau, habe wüste Affären mit Männern wie auch Frauen. Nüchterner sieht das die moderne Forschung, die ihren zahllosen Liebesbeziehungen „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ einen platonischen Charakter unterstellt. Sie sei Zeit ihres Lebens eine Jungfrau gewesen. Aber ein noch so sorgfältiges Studium der reichen biographischen Literatur reicht offenbar nicht aus. Man wollte mehr in Erfahrung bringen und so machte sich 1965 ein physischer Anthropologe daran, aus ihren sterblichen Überresten genauere Aufschlüsse zu gewinnen. Sein Resumée: die Königin habe „typisch weibliche Genitalien“ besessen und ihr Skelett weise „typisch weibliche Strukturen“ auf.

Sie war die Tochter des schwedischen Königs Gustav II. Adolf, Galionsfigur der protestantischen Seite während des Dreißigjährigen Krieges. Er fiel, da war sie sechs Jahre alt, 1632 in der Schlacht bei Lützen. Für die junge Prinzessin übernahm eine Vormundschaftsregierung die Regierungsgeschäfte. Christina wurde mit Bedacht in männlichen Tugenden unterwiesen – ganz nach dem Wunsch des verstorbenen Vaters. 1644 war sie achtzehn und trat die Regentschaft als schwedische Königin an. Im Oktober 1650 wurde sie in Stockholm feierlich gekrönt. Heiraten wollte sie nie:

Ich sage das ausdrücklich, mir ist es nicht möglich zu heiraten. So sieht es für mich aus. Die Gründe dafür werde ich nicht nennen. Ich habe oft für eine richtige Gesinnung gebetet, aber sie nie bekommen. Meine Veranlagung ist ein tödlicher Feind dieses Ehejochs, das ich nicht hinnehmen kann und würde ich dadurch der Herrscher der Welt werden. Welches Verbrechen hat das weibliche Geschlecht verübt, um zu diesem brutalen Zwang verurteilt zu werden, das ganze Leben lang eingeschlossen zu sein als Gefangene oder Sklavin? Ich nenne die Nonnen Gefangene und die verheirateten Frauen Sklaven.

Sie stellt heimlich Kontakte zu Jesuiten her und bekundet ein bis heute nicht geklärtes Interesse am katholischen Glauben. Für die Öffentlichkeit ist es eine faustdicke Überraschung, als sie 1654 abdankt und Schweden über Hamburg und Brüssel in Richtung Rom verlässt und sich noch zuvor eine üppige Apanage zusichern lässt. In Brüssel legt Christina das katholische Glaubensbekenntnis ab und wiederholt es, diesmal öffentlich, einige Zeit später in Innsbruck. Die höfische Welt war verblüfft: Die Tochter des „Katholikenfressers“ Gustav Adolf legt die Krone ab und konvertiert zum Katholizismus!

Für ihr Handeln hat es viele Erklärungsversuche gegeben, auch deshalb, weil sie ihr Planen strikt geheim zu halten verstand . Sympathisch diese Deutung: „Was letztendlich zur Abdankung und zu ihrer Konversion zum katholischen Glauben führte, ist trotz einer Unmenge Literatur über ihr Leben nur schwer zu beantworten.“ Und: „Bereits als junges Mädchen träumte sie davon, Italien und seine Kunstschätze kennenzulernen. Vielleicht war sie der Meinung, der katholische Glaube sei liberaler als der orthodox praktizierte Protestantismus ihrer Heimat.“ Und sicher ist man hier und übrigens auch andernorts, dass „kein tief empfundenes Bedürfnis existierte, den neuen Glauben anzunehmen. Sie lehnte geistliche Gespräche und Bücher ab, mied die Beichte und äußerte auf entsprechende Vorhaltungen, sie sei keine „Betschwester“. In gewohnt salopper Art schreibt der SPIEGEL 1966, Christina habe die Religion gewechselt, „um im katholischen Süden leben, lieben und reisen zu können“ und zitiert den Historiker Leopold von Ranke, der ihr großes Interesse für die Wissenschaft und Kunst bescheinigt, ihr aber auch starke „touristische Neigungen“ zuschreibt. Oder waren Thronverzicht und Konversion Bestandteil eines strategischen Vorgehens, mit dem „sie sowohl die Interessen des schwedischen Königtums (die unanfechtbare Nachfolge ihres Cousins auf dem schwedischen Thron) als auch ihre eigene soziale Position (ihren königlichen Rang) nach der Resignation erfolgreich absicherte.“

"Ihrem glücklichen und gesegneten Einzug geweiht"

"Ihrem glücklichen und gesegneten Einzug geweiht"

Im Dezember 1655 erreichte Christina Rom. Ihr Triumphzug durch Italien war vom Vatikan bis ins letzte Detail geplant worden. Rechtzeitig hatte auch Papst Alexander VII. dem Star des römischen Barock, Gian Lorenzo Bernini, den Auftrag erteilt, das Tor (die Porta del Popolo an der Piazza del Popolo), durch das die Königin die Stadt betreten würde, neu zu gestalten und hatte selbst den lateinischen Willkommensgruß formuliert, der in die Fassade eingemeißelt wurde: FELICI FAUSTOQUE INGRESSUI ANNO DOMINI MDCLV (Ihrem glücklichen und gesegneten Einzug geweiht, im Jahre des Herren 1655). Über dem Willkommensschild ist Christinas Wappen angebracht (ein Kranz von Kornähren) und darüber das Familienwappen der Chigi, der Alexander VII. entstammte (sechs Berge, darüber ein Stern).

Zusammen mit ihrem Hofstaat wohnte die ehemalige Königin das folgende Jahr im Palazzo Farnese. Es ging hoch her in dieser Zeit. Sie war der umschwärmte Star der römischen Society, Feste reihten sich an Turniere, Dichterlesungen folgten auf Diskussionsrunden, Konzerte auf Theateraufführungen. Dabei waren ihre Geldmittel beschränkt, was sie aber nicht davon abhielt, in königlicher Manier einen kostspieligen höfischen Lebensstil in Szene zu setzen. Um ihre finanzielle Lage zu bessern, versuchte sie vergebens, den wenig einträglichen Beziehungen zum schwedischen Königshaus eine Wende zu geben. Sie spekulierte auf den Thron von Neapel und hatte die Krone Polens im Auge, zumal auf die vatikanischen Geldgeber kein Verlass war und ihr einstiger Gönner Papst Alexander VII. ihr sein Wohlwollen entzogen hatte, von ihr nur noch als der „Tochter eines Barbaren“ sprach, die „barbarisch aufgezogen wurde und mit barbarischen Gedanken lebt, wild und schier unerträglich stolz.“

Sie aber pflegte weiter ihren königlichen Status, beharrte auf ihren Ansprüchen und Forderungen, betätigte sich als Mäzenatin mit wenig Geld, förderte die Kunst und ihre führenden Köpfe, unterstützte Philosophen und die Naturwissenschaften und erwarb so den Ruf einer „Padrona di Roma“, einer (kulturellen) Gebieterin der Stadt.

1669 bezog sie den Palazzo Riario, heute Palazzo Corsini in der Via della Lungara, gegenüber der Villa Farnesina in Trastevere. Sie ließ Terrassen anlegen und Brunnen bauen, Statuen aufstellen, Orangen- und Zitronenbäume pflanzen. Im ersten Stock richtete sie eine hochkarätige Galerie ein mit Werken von Michelangelo, Caravaggio, Tizian, da Vinci, Raffael, Dürer. Dazu gesellten sich das Münz-, Kameen- und Edelsteinkabinett und die drei Säle der Bibliothek. Im Stockwerk darüber entstand eine Theater mit einer Bühne, auf der bis zu 150 Musiker Platz hatten. Es gab auch ein alchimistisches Labor, wo sie, so will es die Überlieferung, mit Kardinal Decio Azzolino und dem Markgrafen von Palombra vergeblich nach einem Verfahren zur Goldherstellung und nach einem Lebenselixier forschte. Im Palazzo Riario, ihrem königlichen Zuhause bis zu ihrem Tod, umgab sie sich mit einem aristokratischen Hofstaat (Knappen, Diener, Sekretäre), die sie Mühe hatte zu entlohnen. Doch sie rächten sich auf ihre Art und nahmen nach Christinas Tod an Gemälden und Einrichtungsgegenständen mit, was sie schleppen konnten.

Eingang zur Accademia degli Arcadi am Hang des Gianicolo in Trastevere

Eingang zur Accademia degli Arcadi am Hang des Gianicolo in Trastevere

Sie frönte weiter ihrem Hauptvergnügen, sponsorte die Künste, eröffnete 1671 das erste öffentliche Opernhaus in Rom mit Francesco Cavalli`s Oper „Scipione Africano“. Unter ihrer Schirmherrschaft stand ein literarischer Zirkel, der im Jahr nach ihrem Tode ihr zu Ehren als Accademia dell`Arcadia (auch: Accademia degli Arcadi) ins Leben gerufen wurde, seit 1925 unter dem Namen Accademia Letteraria Italiana weiterlebend. J. W. v. Goethe wurde 1788 während seines Rom-Aufenthalts unter dem Pseudonym „Megalio Melpomenio“ in die Akademie aufgenommen.

Als die Schwedin im Exil 1689 mit zweiundsechzig Jahren starb, waren ihre Lebensumstände prekär. Geldmangel bedrängte sie, die Schar der Bewunderer und Unterstützer hatte sich gelichtet, sie war krank. Nur Decio Azzolino, der Kardinal, der seit Jahren ihr Vertrauen genoss, stand ihr zur Seite. Er sorgte für ihre Beisetzung in der Peterskirche. Im Durchgang zur zweiten Kapelle erinnert links eine Gedenktafel an Christina, die sich in Rom Christina Alexandra nannte. In den heiligen Grotten ist sie beerdigt. Auf ihrem Grab steht:


Gott, dem Besten und Größten

Hier liegt der Leib Christina Alexandras

der Goten, Schweden und Vandalen Königin

Sie ging am 19. April 1689 dahin



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