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Ausstellungsorte in München:Museum Brandhorst / LenbachhausÄgyptisches Museum

München
Lenbachhaus

Einblicke in die Sammmlung
Wolkenbilder, Annette, die Kettenraucherin und ...

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Ohne Franz von Lenbach, der im 19. Jahrhundert den Mythos von München als Kunststadt prägte, gäbe es das heutige Museum mit den historischen Räumen, die Kunst des 19. Jahrhunderts, einschließlich der Schule von Barbizon, die Kunst der Gruppe „Der Blaue Reiter“ und der Kunst nach 1945 nicht. Ein Teil dieser Kunst ist in der ehemaligen Künstlerresidenz von Lenbachs untergebracht, ein weiterer Teil im anschließenden Neubau. Beeindruckend ist die Kulisse der Dreiflügelanlage des „Lenbachschlösschens“ bis heute. In der historischen Gartenanlage entdecken wir unter anderem skulpturale Arbeiten von Max Ernst, ein Vorgeschmack auf das, was das Lenbachhaus dem Kunstinteressierten noch zu bieten hat. Von Lenbach war vor allem durch seine Bismarckporträts bekannt geworden. Alsbald wurde er zum Porträtisten der High Society des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er pflegte Freundschaften mit Malern wie Hans Makart und Friedrich August von Kaulbach und verstand es zudem, sich in Szene zu setzen. Sein „Palais“ am Münchner Königstor ist auch eine Inszenierung, über die von Lenbach sagte: „Ich gedenke mir einen Palast zu bauen, der das Dagewesene in den Schatten stellen wird, die machtvollen Zentren der europäischen großen Kunst sollen dort mit der Gegenwart verbunden sein.

Erwin Wurm provoziert

Begeben wir uns doch erst einmal bei unserem Besuch durch das Gartenfoyer zu den Wohn- und Repräsentationsräumen des von Lenbachschen Anwesens. Doch ehe wir einen Blick in diese Räume werfen, „stolpern“ wir über die provokative Kunst von Erwin Wurm. Wir schauen Annette, der Kettenraucherin ins Gesicht und sind darüber irritiert, dass sie ihre Zigaretten in eines ihrer Nasenlöcher gesteckt hat. Ist die „Gurke Nr. 34“ wirklich Kunst? Gewiss, mit dem Stand auf einem Sockel wird sie geadelt, so wie auch Duchamp ein Pissoir kurzerhand zum Kunstobjekt erhob. Vor den Institutionen der Kunst macht Wurm nicht Halt, nein, er lässt in einer plastischen Arbeit das Guggenheim-Museum einfach zerschmelzen. In einer Nische des Garteneingangs entdecken wir eine von Wurm geschaffene „Anziehpuppe“, kopflos und mit kastenförmigem Oberkörper. Schauen wir uns weiter im Erdgeschoss um, so stoßen wir auf Thomas Demands „Lenbachhaus“, kein fotografiertes von Demand gebautes Papiermodell, sondern ein schlichtes orangefarbenes L. als Wandinstallation.

Zu Gast bei von Lenbach

lenbach3Doch genug der provokativen Arbeiten Wurms und hinauf in die erste Etage und zu den historischen Räumen, die bei Dämmerung geschlossen werden. Dunkel sind sie eh, wegen der üppig floral geschmückten weinrot-goldenen Tapete oder der Holzpaneele und der grauen Marmorlaibungen der Türdurchbrüche. Im sogenannten Steinernen Raum ist das einzige Exponat, das wirklich ins Auge springt ein restauriertes No-Gewand, ein Bühnenkostüm. Dabei handelt es sich um das traditionelle japanische Musiktheater, das von Lenbach sehr schätzte. Der Umhang diente dem Künstler dazu, bei Fotoaufnahmen seine Modelle darin zu verhüllen, was man der kostenlosen Besucherbroschüre entnehmen kann. Betreten wir nun den sogenannten Roten Raum – so genannt, weil er mit einer Stofftapete rot ausgeschlagen ist – so stehen wir vor einem Konvolut von Gemälden, die die Handschrift von Lenbachs tragen. Gleich zwei Bismarckporträts finden sich hier. Eines zeigt den schnauzbärtigen Reichskanzler lässig in einem Sessel ruhend. Auch die Maler Adolf Oberländer und Eduard Schleich d. Ä. standen von Lenbach „Modell“. Zur Ausstattung des Raums gehören aber auch ein bronzener Lektionar in Adlerform, Porträtköpfe auf dem Türsturz und der Gipsabguss des Antiochos III. und die Kopie einer antiken rotfigurigen Vase, kein Wunder schwärmte man im 19. Jahrhundert doch für die klassische Antike, was sich zum Beispiel auch in der Architektur des Königsplatzes. In einem weiteren Raum springt dem Besucher ein großer Gobelin ins Auge, der dem Raum auch seinen Namen gab. Dargestellt ist eine Jagdszene. Einige Männer sind gerade dabei einem erlegten Hirsch, das Fell abzuziehen, während die Hundemeute gerade einen weiteren Hirsch gestellt hat. Zu sehen ist aber auch ein Flügelaltar, den von Lenbach zusammengestellt hat.

Gemälde von Franz von Lenbach finden sich auch im sogenannten Grünen Raum, so auch das Familienporträt mit seiner zweiten Frau und seinen Töchtern Marion und Gabriele. In diesem Raum stößt man auch auf Kopien berühmter Werke wie Peter Paul Rubens „Selbstbildnis in Florenz“ und Tizians „Die Ehebrecherin vor Christus“.

Vorhang auf fürs 19. Jahrhundert

lenbach4Wenden wir uns nach dieser Historie einer weiteren Historie zu, nämlich der Malerei des 19. Jahrhunderts. In farbig ausgeschlagenen Räumen – von pastellfarbenem Grün bis zu Mausgrau – zeigt man neben Arbeiten der Schule von Barbizon auch die romantische Landschaftsmalerei in Deutschland. Dazu sind die jungen deutschen Realisten sowie die Entdeckung Italiens und Griechenlands durch die Künstler des 19. Jahrhunderts zu sehen. Doch gemach, gemach, das Lenbachhaus wäre nicht das Lenbachhaus, wenn es nicht auch mit Brüchen in der Chronologie für Besucheraufmerksamkeit sorgen würde. So ist es die Lichtinstallation „Olympia“ von dem in jungen Jahren ums Leben gekommenen luxemburgischen Künstlers Michel Majerus, die uns innehalten lässt. In Rosa, Blau, Rot und Grün erscheinen die Worte „The starting Line“. Zudem erfreut uns „Blue Coat“ von Erwin Wurm, ein Kastenmann ohne Kopf, und auch Günther Uecker ist mit einem Nagelbild im Lenbachhaus vertreten. In einer Nische an der Treppe hat Erwin Wurms „Ärgerbeule“ ihren Platz, ein Männertorso in rosa Pullover und grauer Hose, die im Schritt eine Beule hat. Peinlich, oder?

Auf nach Bayern

Wie ein zerklüftetes Felsengebirge erscheint das Wolkenband über der Vorgebirgslandschaft, die Carl Rottmann gemalt hat. Deutlich zu erkennen sind die Türme der Frauenkirche in der Ferne blickte man mit Ernst Kaiser von Oberföhring auf München. Im Vordergrund sind zwei Bäuerinnen zu sehen, derweil ihr Vieh über die Landstraße trabt. Die Isar wird derweil zur Tränke einiger Rindviecher. Nach Schweden entführt uns Christian Ezdorf, der einen Eisenhammer unter verdunkeltem Himmel malte. Kurz ist dieser Abstecher und zurück geht es in die „Bayerische Landschaft“ dank Georg Heinrich Crola: Unter einer Baumgruppe hat ein Hirte seine Herde zusammengetrieben. Eine dunkle Gewitterwolke steht über der Baumgruppe. Besonders gelungen sind die Wolkenstudien auf farbigem Papier, die Johann Georg von Dillis zu verdanken sind. Schwarze, weiße und beige Kreiden sowie Rötel nutzte der Künstler, um zum Beispiel die in Wolken eingehüllte Frauenkirche zu Papier zu bringen.

Die Maler von Barbizon im pistaziengrünen Ausstellungssaal

lenbach6Im Schatten des hohen Felsbogen haben sich an der Küste einige Schmuggler versammelt, so jedenfalls in einer Arbeit von Eugène Isabey, der ebenso wie Jules Dupré, Jean Baptiste Camille Corot, Gustave Courbet und andere Freilichtmaler der sogenannten Schule von Barbizon mit Werken im Lenbachhaus vertreten sind. Letzte Sonnenstrahlen werfen ihr Licht auf das Laub der vom Wind gepeitschten Bäume an der Landstraße, auf der ein Reiter unterwegs ist. Wohin wird ihn sein Weg führen? Das wissen wir nicht, denn der Maler Georges Michel verrät uns das nicht. Knorrige Bäume stehen im Wald von Fontainebleau, wie ihn Antoine-Louis Barye sah. Die „Schwarzen Felsen von Trouville“, die Gustave Courbet malte, scheinen wie aus der Mittelmeerregion entsprungen, auch wenn wir uns in Nordfrankreich befinden. Strichig-gestisch ist der Malduktus von Jules Dupré in seinem Werk „Sonnenuntergang“ mit seinem bewegten Abendhimmel.

Vom Gate zu „Wo brennt's“

Oh, das ist aber nicht 19. Jahrhundert, wenn wir in einem Raum mit einer Stahlkonstruktion stehen, oder? Richtig Richard Serra gestaltete sein „Gate“ im 20. Jahrhundert, eine beeindruckende und zugleich überraschende Saalinstallation, die wohl kaum ein Besucher erwartet hat.

Kehren wir ins 19. Jahrhundert zurück und verleben einige Zeit in Griechenland und Italien, im Angesicht der Akropolis und auf Delos, dank sei Carl Rottmann. Beim weiteren Rundgang entdecken wir auch einen anderen Spitzweg, als den, der seine Zeitgenossen ironisierend aufs Korn nahm. Er malte auch den „Blick aus der Ramsau gegen das Dachsteinmassiv“ und nicht nur „Einsiedler und Teufel“ oder „Wo brennt's“. Beide Arbeiten sind selbstverständlich auch im Lenbachhaus zu sehen. Man kann sich an einem bayerischen Panorama on Eduard Schleich d. Ä. sattsehen oder Corinths „Selbstbildnis mit Skelett“ bestaunen. Irritiert steht man vor Bellings Messingkopf, der eindeutig ins 20. Jahrhundert gehört, gleichsam wie Serras Werk „Gate“ ein Kontrapunkt im Reigen der realistischen und idealisierten Landschaften. Auch Oskar Zwintschers Porträt seiner Frau, die sich im Spiegel betrachtet, ist frühes 20. und nicht 19. Jahrhundert. Dass am Ende des zweiten Teils der Sammlung 19. Jahrhundert Gerhard Richter mit farbigen „Rakelwerken“ auftaucht, ist wohl auch eine Überraschung, ob allerdings gelungen, ist eine Debatte wert.

Darboven, On Kawara, Polke und Konsorten

lenbach11Einfache Kost serviert man nicht, wenn es um die Kunst nach 1945 geht. Hier hätte man sich schon eine begleitende textliche Unterfütterung gewünscht, jenseits von VHS-Führungen. Die kanadische Künstlerin Angela Bulloch lädt vor „Z Point“, einer Wand aus 46 Plastik-Pixeln zum Verweilen ein. Zu Sphärenklängen und Gitarrensound leuchten unterschiedliche Pixelfelder in Rosa, Grün, Türkis, Umbra, Siena und weiteren Farben rhythmisch auf. Stände hier eine Liege, man könnte ins Meditieren kommen. Raumfüllend ist die Installation von Monica Bonavici, die ein Baugerüst aufgebaut hat, in das sie lederne Hängematten gehängt hat. Warum der Titel „Never again“ lautet und worauf er sich bezieht, wüsste der Betrachter gerne. Weitere Räume sind weitgehend als Künstlerräume konzipiert und zeigen Arbeiten von On Kawara mit seiner Datensammlung, während Roman Opalka sich seinen Zahlenreihen widmet. Das ist gewiss nicht jedermanns Geschmack! Auch die in einem Anflug von Manie auf Papier gezeichneten Zahlenreihen einer Hanne Darboven hinterlassen in den Köpfen der Betrachter wohl einige Fragezeichen. Expressiv sind die Farben, mit denen Maria Lassnig malt, auch ihr Selbstbildnis als alte Frau mit Sanduhr. Rupprecht Geiger, ihm ist auch ein eigener Raum gewidmet, hält es dagegen mit Farbflächenmalerei, teilweise in Neonfarben. Übermalungen hingegen sind Arnulf Rainers Stilmittel, so auch in „Übermalung Schwarz auf Weiß“. Und der Besucher steht ratlos davor.

Bereits nach diesem Rundgang mit all dem Augenschmaus ist man in der Regel so erschöpft, dass man sich die Malerei des Blauen Reiters für einen weiteren Besuch aufsparen sollte. © text und fotos fdp

Städtische Galerie im Lenbachhaus
http://www.lenbachhaus.de

 

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