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Albertinum
Galerie Neuer Meister

Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949 bis 1990
bis 7. 1. 2019

Die Sammlung

Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949 bis 1990

Der Titel der Schau mag irritieren. Warum ist nicht von Kunst in der DDR die Rede, warum nicht vom sozialistischen Realismus? Warum nicht davon, dass ein Teil der Arbeiten Auftragsarbeiten unter anderem des Rates der Stadt Dresden waren? Wenn es denn eine ostdeutsche Malerei gab, wie unterschied diese sich dann von der westdeutschen? Gab es solche Unterschiede überhaupt oder gab es hüben wie drüben das Gebot der Abstraktion versus der Figuration? War nicht hüben wie drüben das Figurative durch die Zeit des Nationalsozialismus diskreditiert? Gab es nicht konkrete Kunst im Westen wie im Osten?

mattheuer

Beim Rundgang durch die sehr eng gehängte und nicht besonders klar durch Zwischentexte strukturierte Ausstellung erhellen sich die gestellten Fragen hier und da. Gewiss, es ist ein ein Querschnitt durch die Sammlungen ostdeutscher Malerei und Skulptur zu sehen – nach Ankaufsjahren geordnet und teilweise auch Themen zugeordnet wie „Krieg“– . Nie Gesehenes oder lang Vermisstes ist nun in der Galerie Neue Meister zu entdecken: Werke von Karl-Heinz Adler, Rudolf Bergander, Wieland Förster, Hubertus Giebe, Hermann Glöckner, Peter Graf, Werner Stötzer, Strawalde, Christine Schlegel, Petra Kasten, Harald Hakenbeck, Ernst Hassebrauk, Angela Hampel, Bernhard Heisig, Peter Herrmann, Hans Jüchser, Wolfgang Mattheuer, Theodor Rosenhauer, Werner Tübke, Willy Wolff, Walter Womacka und vielen anderen mehr vermitteln einen Eindruck von der Vielfalt der Kunst, die in der DDR entstand.

Ideologischer Kontext

Diese Werke verraten aber auch den ideologischen Kontext, in dem sie entstanden, sie geben Auskunft darüber, wer sich vom System vereinnahmen ließ und wer sich wie Mattheuer eine Symbolsprache aneignete, die nicht in der Hörigkeit zum System endete und sich in Agit-Prop verlor. Nur selten finden wir den „neuen Menschen“, von dem die Bonzen der SED fantasierten. Dass rote Fahnen hier und da durch die Bildgeschichten wehen, die es zu sehen gibt, nimmt man wahr. Viel auffallender ist die Glorifizierung der Arbeiterklasse, die hingegen in zahlreichen ausgestellten Werken zum Vorschein kommt.

kinderstuhl

Miteinander von Malerei und Bildhauerei

Gelungen ist das Miteinander von Skulptur und Gemälden. Dabei überwiegen allerdings die Gemälde. Warum? Ob man mit der Zeit nach 1945 den Rundgang beginnt oder mit dem angedachten Ausstellungsende mit Arbeiten der 1980er Jahre, scheint nicht von herausragender Bedeutung, da die Schau nicht unbedingt das Primat der Zeit bedient, sprich zu den Werken parallel das Zeitgeschehen beleuchtet. Statt dessen wird in den Zwischentexten, die nicht immer eindeutig zuzuordnen sind, eher auf die Ankaufpolitik abgehoben.

Ob das nachstehende Zitat auf die Zustimmung der Ausstellungsbesucher stößt, mag mal offen bleiben: „Die gewählte Präsentationsform, welche die Werke chronologisch nach Ankaufsjahren ordnet, spiegelt so nicht nur die wechselhafte Ankaufspolitik zu DDR-Zeiten, sondern lädt auch dazu ein, die kanonbildende Macht des Museums generell kritisch zu hinterfragen – nicht nur zu DDR-Zeiten, sondern von den Anfängen des Museums bis heute. Kanon als Ergebnis immer auch subjektiver Kaufentscheidungen ist als zeitgebunden und damit temporär zu verstehen. So stehen am Ende der Präsentation einige Erwerbungswünsche, denn es gilt auch weiterhin, Lücken im Bestand „Kunst in der DDR“ zu schließen.“ Zwischen 1949 und 1990 wurden im Übrigen 579 Gemälde und 145 bildhauerische Arbeiten erworben, die bis heute die Sammlung des Albertinums mitprägen, auch wenn sie selten oder auch gar nicht zu sehen waren oder sind. Warum nicht? Und wenn sie denn nicht im Albertinum Platz finden, warum nicht in der Städtischen Gemäldesammlung?

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Ostdeutsch oder nicht?

Der Berichterstatter näherte sich der Ausstellung von ihrem Ende, sprich die jüngsten Erwerbungen stehen am Beginn des Beitrags. Allerdings fragt man sich, warum die Zeit nach 1990 eigentlich ausgeblendet wurde. War mit der Wiedervereinigung auch die ostdeutsche Kunst zu Grabe getragen worden? Zudem fragt man sich, warum diejenigen Künstler ausgeblendet sind, die wie Richter oder Penck den Weg in den Westen gesucht haben. Nur Seitz, der gleichfalls die DDR verließ und nach Hamburg ging, ist in der Schau mit Werken berücksichtigt worden. Nur weil man sie im Laufe der Existenz der Gemäldegalerie ankaufte?

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Zwei Skulpturengruppen empfangen den Besucher, der durch den Klinger-Saal laufend in die Ausstellung findet. Hartmut Bonk ist die Skulptierung zweier weiblicher Figuren zu verdanken, die eine schreitend, die andere liegend auf grünem Grund. Die Schreitende hat die Arme geöffnet, als wollte sie die Liegende, auf die sie zugeht, umarmen. Diese hat sich jedoch in ihrer Haltung eindeutig abgewendet. Die andere Skulpturengruppe besteht aus zwei Sitzenden mit nacktem Oberkörper. Es sind wohl zwei Müßiggänger. Müßiggang war in der DDR eine „Todsünde“, es sei denn, man tat dies nur in der begrenzten Freizeit. Doch Gammeln galt als asozial und wurde mit der Härte des Gesetzes bestraft. Thea Richter verdanken wir diese Skulpturengruppe, die sich formal an Arbeiten von Georg Segal anlehnt, oder?

Steffen Fischer ist „Wohin willst du Adam?“ zu verdanken, ein großformatiges Gemälde, mit gestischem Duktus entstanden und durchaus mit Arbeiten der sogenannten Jungen Wilden aus dem Westen Deutschlands zu vergleichen. Der Bildinhalt bezieht sich auf eine Szene zwischen Frau und Mann: Eine dralle Nackte hält einen Mann mit dunkler Hautfarbe zurück, hält ihn auf, wobei unklar bleibt, wohin der Weg des Mannes führen sollte. Der Königin der Amazonen widmete sich Angela Hempel in ihrem Gemälde, das 1987/88 entstand. Grell sind die Farbsetzungen, die man ähnlich bei den Malern der Brücke findet. Zum Bildmotiv: Eine Frauengestalt mit „Feuerschopf“ greift den Haarschopf einer anderen, um sie sich zu unterwerfen und niederzuringen.

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Betrachtet man die Schlachthausszenerie von Jürgen Wenzel, so kommt man nicht umhin, das Blutbad zur Kenntnis zu nehmen, das mit dem Schlachtvorgang verbunden ist. Von der Decke hängen Hälften von Schlachtvieh. Bei deren Anblick könnte man auch an Schinken in der Rauchkammer denken. Doch das Blutrot, mit dem die Leinwand überzogen ist, drängt andere Impressionen in den Vordergrund.

Musik auf „Wanderschaft“

Die 1980er Jahre waren von einer sehr intensiven Ankaufspolitik des Albertinums bestimmt, wie man einem Saal-Text entnehmen kann. 200 Werke fanden den Weg in die Gemäldegalerie, gewiss ein wichtiger Schritt, um die Kunst in der DDR lückenlos präsentieren und bewahren zu können. Allerdings fällt auf, dass ein A. R. Penck nicht unter den angekauften Künstlern war. Warum nicht? Ja, er emigrierte, verließ also die DDR und Dresden, doch seine Happenings und die Entwicklung seiner „archaisch anmutenden Bildsprache“ fanden in der DDR statt. Also, wieso bleibt sein Werk bei der aktuellen Ausstellung ausgespart?

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Wie man mit einem Auftragswerk verfahren hat, mag exemplarisch an Egon Puckalls Gemälde „Musik“ nachgezeichnet werden: Erst schmückte es das Büro des Bezirkstages, dann eine Musikschule und anschließend eine Polytechnische Oberschule, ehe es den Weg in die Gemäldegalerie fand. Es ist ein Werk mit expressionistischen Anmutungen betrachtet man den Fensterblick. Das Klavier, in der Ansicht angeschnitten, steht direkt vor dem Fenster, durch das man den Himmel und das Laubengespinst eines Baumes wahrnimmt. Vom gleichen Künstler stammt auch die Häuseransicht aus dem Erzgebirge. Der diesbezügliche Hinweis auf die Anregungen durch die französische Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts scheint bezogen auf Puckalls Arbeit eher an den Haaren herbeigezogen. Spuren von Cézanne, Monet, Manet, Renoir, Sisley oder Seurat findet man eben nicht. Statt dessen erscheint das Werk eher neusachlich, unterkühlt, spröde und fremd.

Es ist konkret

Konkrete Kunst ist in der aktuellen Schau auch vertreten, man denke an Werke von Hermann Glöckner. Seine gefalteten Messingarbeiten sind im Geiste mit dem Bauhausmeister Josef Itten verbunden, oder? Zudem zeigt man unter anderem mit „Zwei sich durchdringende Rechtecke“, dass das Figurative in der „DDR-Kunst“ keineswegs ausschließlich vorhanden war. Auch Wolfgang Müller bezieht sich in seiner Kunst auf das Konkrete, auf das Konstruktivistische, wenn er den Bildgrund in vier Quadrate teilt und mittels verschieden farbiger Kordeln auf diesem Hintergrund Dreiecke erscheinen lässt, rechtwinklige, aber ach auch spitzwinklige. Zu den Vertretern des Konkreten gehört gewiss auch Karl Heinz Adler, dessen Werk in der DDR weitgehend ignoriert wurde. Nunmehr werden zwei seiner „gerasterten“ Arbeiten den Besuchern der Schau gezeigt.

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Aus dem Block herausgeschält, so sitzt die Frau mit dem „Echsenkopf“ vor uns – ein Werk von Werner Stötzer. Daneben fällt der Blick auf die vereiste Ostsee, eine Ansicht von Otto Niemeyer-Holstein eingefangen und in der Komposition stark an Eduard Bargheers Landschaften erinnernd.

Im Bild

Zu sehen sind in der sehenswerten, wenn auch ein wenig überladen wirkenden Schau außerdem verschiedene Porträts, die unter anderem von Kurt Querner, von Heinz Lohmer, Carl Lohse („Der Maler Fritz Tröger“), Eva Schulze-Knabe („Afrikanischer Student“) und Wieland Förster stammen. Letzterer „modellierte“ das Porträt des Schriftstellers Franz Fühmann, der zu den Unterzeichnern der Erklärung zur Biermann-Ausbürgerung gehörte.

Mattheuers Symbolsprache

Eine besondere Formensprache legte sich Wolfgang Mattheuer zu, um seine kritische Stellung zu dem System DDR zum Ausdruck zu bringen. Geprägt war diese durch einen Symbolismus der besonderen Art. Zugleich aber schien auch das Magisch-Poetische in seinen Gemälden durchzuscheinen. Die ausformulierte Kritik war wie in dem „Sisyphos-Zyklus“ nie plump, sondern feinsinnig. Diese Feinsinnigkeit spiegelt sich auch in der Arbeit wider, die in einer hügeligen Landschaft ein Liebespaar unter goldgelbem Himmel zeigt, verloren und gleichsam Außenseiter, die nur sich haben, sonst niemanden.

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Kunst des Plakativen

Je näher wir den Anfängen der DDR kommen, umso ideologischer ausgerichtet ist die Kunst, die geschätzt wurde. Dazu gehört auch das Werk „Frauen der Welt“, gleichsam eine Vereinigung der Barrikadenstürmerin Marianne. Noch deutlicher wird die politische Vereinnahmung der Kunst in Gerhard Bondzins „Die Unbesiegbaren“, eine Heroisierung des Vietcong im Kampf gegen die GIs. Wenn auch weniger in einem plumpen Agit-Prop, aber dennoch die komplizierten Verhältnisse herunterbrechend in einfache Bilder und Losungen zeigt sich Oskar Nerlinger in „Die freie Welt des Imperialismus“, zu der AEG und Shell, aber auch General Electric gehören, vor allem aber vor Waffen strotzende Staaten, die die Interessen der Industrie mit Gewalt durchzusetzen gedenken. Warum der Künstler die Welt des Imperialismus insulär darstellt, macht wenig Sinn, da er doch weltumspannend ist, in Afrika, Asien und Amerika zu finden ist. Ideologisch aufgeladen erscheint auch Hermann Bruses „Der neue Eigentümer“, ein Bergmann vor dem Förderturm stehend. Doch welch Widersinn, die Kollektivierung und Verstaatlichung sah doch den Staat als Eigentümer und nicht die „Produzenten vor Ort“! Noch deutlicher wird diese ideologische „Aufladung“ beim Lenin-Porträt von Lew Kerbel und in dem Gemälde „Hausfriedenskomitee“ - zu sehen sind Menschen beim Lesen des „Neuen Deutschland“. Gezeigt wurde Rudolf Beganders Gemälde bei der III. Dt. Kunstausstellung 1953! Hinzuweisen ist außerdem auf die Skulptur einer jungen Landarbeiterin von Walter Arnold.

Krieg – ein Thema der Kunst

Das Thema Krieg wird in der Schau kurz gestreift. Dabei stellt man unter anderem die sitzende Käthe Kollwitz vor, die Gustav Seitz schuf und die nun im Prenzlauer Platz einen würdigen Platz gefunden hat, einem Stadtteil, in dem das Ehepaar Kollwitz gelebt und gearbeitet hat. Willi Sittes übergroßes Gemälde in sehr realistischer, wenn nicht gar fotorealistischer Malweise namens „Die Überlebenden“ zeigt man in dem thematischen Kontext ebenso wie Werner Tübkes kleinformatiges Gemälde „Requiem“.

Nun ist der Besucher bei seinem Rundgang in den Nachkriegsjahren und in der Entstehungszeit der DDR angelangt. Dabei stößt er dann auf Porträts von bekannten Künstlern jener Zeit wie Helene Weigel, geschaffen von Bert Heller, oder dem Selbstbildnis von Hermann Glöckner sowie Hans Jüchser. All diese Porträts zeugen von klassisch-akademischer Schule.

Arbeiten vom Aufmarsch mit roten Fahnen oder das Bildnis einer Brigadeleiterin vor einem Traktor scheinen seltene Ausflüge ins Ideologische, ganz wider Erwarten! Nur muss man im Kopf haben, dass auch diese Ausstellung eine Auswahl beinhaltet und nicht eine Gesamtschau aller Ankäufe. Wer weiß also, was sich unter diesen noch als ideologische Last der abgewickelten DDR finden lässt.

Text: © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht Public Domain or Commons.

Bildnachweis von oben nach unten
Wolfgang Mattheuer, Die Flucht des Sisyphos, 1972 Öl auf Hartfaserplatte, 96 x 118 cm, Albertinum/Galerie Neue Meister © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Klut/Estel

Theodor Rosenhauer, Kind auf gelbem Stuhl, 1948 Öl auf Leinwand, 115 x 67,5 cm, Albertinum/Galerie Neue Meister © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Klut/Estel

Hermann Glöckner, Dreieckige Erhebungen in Rotbraun, Blau und Ocker vor Gelb, um 1967 Mischtechnik auf Hartfaserplatte auf Holzrahmen, 49 x 70 cm, Albertinum/Galerie Neue Meister © SKD

Harald Hakenbeck, Peter im Tierpark, 1960 Öl auf Leinwand, 66 x 46 cm, Albertinum/Galerie Neue Meister, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland © SKD, Foto: Elke Estel

Waldemar Grzimek, Bertolt Brecht, 1958 Bronze, 68 x 24 x 32 cm, Albertinum/Skulpturensammlung © SKD, Foto: Klut/Estel

Willy Wolff, Igel, 1969 Holz, schwarz und weiß bemalt, 34 x 42 x 42 cm, Albertinum/Skulpturensammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Jürgen Karpinksi

Waldemar Grzimek, Bertolt Brecht, 1958 Bronze, 68 x 24 x 32 cm, Albertinum/Skulpturensammlung © SKD, Foto: Klut/Estel

Willi Neubert, Schachspieler, 1964 Öl auf Hartfaserplatte, 145 x 119 cm, Albertinum/Galerie Neue Meister © SKD

Wieland Förster, Penthesilea Gruppe IV, 1987 Bronze, H: 84 cm, B: 45 cm, T: 23 cm, Albertinum/Skulpturensammlung © SKD, Foto: Estel/Klut

 

Die Sammlung im Albertinum

300 Werke erwarten den Besucher im 2. Obergeschoss des Albertinums. Die Zeit er Romantik wird üppig vorgestellt, nicht nur durch die Arbeiten von Caspar David Friedrich, sondern auch von Carus. Wenn auch an einer chronologischen Präsentation festgehalten wurde, mischen sich immer "Fremde" unter die Arbeiten. Sean Scully begegnet so den Brücke-Malern. Georg Baselitz und Gerhard Richter durften eigene Räume konzipieren. Penck fehlt in der Präsentation ebenso wenig wie Max Slevogt mit den Impressionen seiner Ägyptenreise.

Es hat Jahre gedauert, bis in Dresden das neue Albertinum seine ersten Besucher begrüßen konnte. Nun gibt es also wieder ein Haus der Gegenwartskunst. Grund für die lange Schließung war die Flut von 2002, die auch die Depots in den Kellergewölben in Mitleidenschaft zog. Im Zuge des des Umbaus des Albertinums bekam das Haus einen weiträumigen Lichthof, über den sich eine kühne Brückenkonstruktion spannt, in der, so Moritz Woelk, einer der Autoren der vorliegenden Veröffentlichung, Kunst archiviert und restauriert wird.

In den Ausstellungsräumen ist seit der Wiedereröffnung die Romantik vertreten durch Malerei von Friedrich, Blechen und Schnorr von Carolsfeld nun ebenso vertreten wie die Bildhauerei von Rauch, Schadow und Thorvaldsen. Woelk betont in seinem Beitrag „Das neue Albertinum“, dass in der Sammlungspräsentation Künstler, die einen besonderen Bezug zur Kunststadt Dresden haben, ob nun Friedrich oder Richter, eine herausragende Rolle einnehmen.

Neben Kunst aus der DDR ist auch Kunst aus dem Westen vertreten. Fritz Cremers und Wieland Försters Arbeiten stoßen auf solche von Moore, Wotruba sowie Caro und Kirkeby. Zu sehen sind alle Arbeiten, in den Ausstellungssälen wie in den beiden Schaudepots „Antike bis Barock“ und „Barock bis Gegenwart“ nach künstlerischer Zusammengehörigkeit und nach Chronologie – und das ist gut so.

Den umfänglichsten Teil in der vorgelegten Monographie zum Albertinum nimmt die Vorstellung der Einzelwerke von Künstlern der Romantik bis zur Gegenwart ein. Die jeweiligen Werksbeschreibungen sind kurz und knapp gehalten und begleiten die jeweilige Abbildung des Kunstwerks, ob nun Ai Wei Weis „Marble Door“ , Horst Antes „Figur mit Doppelstigma“ oder Hans Arps organische Marmorform „Ram I“. Ernst Barlach ist mit einer seiner russischen Bettlerinnen vertreten, während Baselitz uns unter anderem seine „Dresdner Frauen – die Elbe“ vorstellt. Ganz in der Tradition der Porträtmalerei schuf Beckmann als eines seiner Frühwerke das Bildnis der Malerin Augusta Gräfin von Hagen. Aus aufgefalteter Bronze schuf Emil Cimiotti seine „Große Düne“. Doch neben der Bildhauerei besticht die Sammlung durch das Konvolut an Gemälden, ob Corinths „Walchensee“ Dahls „Mühle im Liebethaler Grund“, Degas' „Zwei Tänzerinnen“ oder James Ensors „Stillleben mit Rotkohl“. Aktuelle Kunst, Kunst der Neuen Sachlichkeit, der „Brücke-Maler“, des Symbolismus und der Romantik sind unter einem Dach vereint. Wer also Caspar David Friedrichs „Schiffe im Hafen am Abend“ sehen möchte und dazu auch mehr erfahren will, kommt beim Lesen des „Ausstellungskatalogs“ ebenso auf seine Kosten wie derjenige, der sich für Paul Gaugin, Hubertus Glebe oder Ernst Wilhelm Nay interessiert.

Der Klingersaal

Wer sich für den im ausgehenden 19. Jahrhundert aufkeimenden Symbolismus interessiert, der wird im Klingersaal nicht nur Arbeiten von Max Klinger, so die Skulptur „Die neue Salome“, sondern auch Franz von Stucks „Das verlorene Bild“ entdecken.

Der Beziehung Mann-Frau widmet sich Klinger in seiner 1904 aus Marmor gearbeiteten Personengruppe,die aus dem Block des Ausgangsmaterials herausgeschält erscheint. Ähliches gilt für Klingers „Schlafende“, einen weiblichen Akt, dessen Haupt auf der Hand abgelegt ist und zu träumen scheint. Vamp und Heilige zugleich ist Klingers aus bemaltem Gips geschaffene Salome. Nicht zu übersehen ist Klingers verführerische „Große weibliche Gewandfigur“. Zu diesen plastischen Arbeiten gesellen sich Gemälde wie „Sommertag“ von Georg Kolbe und Max Slevogts „Der Ritter und die Frauen“ (1903). Auch Auguste Rodin ist im Klingersaal zugegen, wird doch hier seine Büste des Komponisten Gustav Mahler ausgestellt.

Dem Symbolismus zuzurechnen ist wie Klinger auch der Dresdner Künstler Sascha Schneider (1870-1927), dessen stehender bronzener Jüngling mit goldenem Stirnband ebenso zu sehen ist wie die Gouache „Um die Freiheit“. Der griechischen Mythologie entnahm Arnold Böcklin das Motiv von „Pan und Syrinx“. Heiter erscheint „Der Sommertag“, ein Gemälde einer Traumwelt mit weiter Perspektive. Mit „Das verlorene Paradies“ von Franz von Stuck wird ein christliches Thema bearbeitet. Adam und Eva enteilen dem Paradies. Bedrohlich erscheint der Engel mit aufgepflanztem Schwert, der den beiden keine Wahl lässt, als zu fliehen. Ähnlich wie Böcklin hat sich auch von Stuck mit der antiken Mythologie befasst, wie sein Gemälde „Cantaur und Nymphe“ unterstreicht.

Der Mosaiksaal

Dieser Saal ist dem Schaffen Ernst Rietschels vorbehalten, der vor allem dank seines Lessing- und seines Goethe-Schiller-Denkmals bekannt wurde.

Doch neben Rietschel sieht man auch die Büste des jugendlichen Gelehrten Alexander von Humboldt mit kecker Schopffrisur, ein Werk von Friedrich Tieck. Aus dem Nachlass des Hofmalers Anton Raphael Mengs stammt die sogenannte Gruppe von San Ildefonos. Das Original ist es nicht, sondern ein hochkarätiger Abguss, der wie andere Abgüsse im 18. Jahrhundert als Vorlage für akademische Zeichenkurse diente. Neben den oben genannten Arbeiten steht man sich Goethe und Schiller ein weiteres Mal gegenüber. Die beiden bekannten Dichter sind jedoch nicht in einer gemeinsamen Gruppe, sondern separat sitzend und gedacht für ein Denkmal vor dem ersten Dresdner Hoftheater. In dem Weimarer Denkmal, in dem Schiller und Goethe vereint sind, scheint es, als würde Schiller den Dichterfürsten beschwichtigen zu wollen, betrachtet man die Geste von Schillers Rechten. Zu sehen ist außerdem eine bronzene Mänade auf einem Panter, eine Arbeit von Ernst Julius Hähnel von 1886. Kontrapunkt zu dem römischen Bodenmosaik, das 1843 gefunden und 1877 für Dresden erworben wurde, erscheint Thomas Scheibnitz' phallische Plexiglasskulptur.

Das Schaulager

Gleich im Eingangsbereich am Georg-Treu-Platz stößt der Besucher nicht nur auf Ulrich Rückriems „Ägypter“ von 2009, sondern auch auf das erste der drei Schaulager sowie Permosers „Chronos“. Der Besucher erhält einen ersten Eindruck der beeindruckenden Sammlung , die hier nicht dauerhaft verbleiben wird. Der Zwinger wird die neue Heimstatt werden, wenn dort die Umbaumaßnahmen abgeschlossen sind. 150 Skulpturen geben einen nachhaltigen Eindruck unterschiedlicher bildhauerischer Konzepte. Doch damit nicht genug. Im ersten Obergeschoss kann man sich gleichfalls einen Überblick über die Bildhauerei der vergangenen Jahrhunderte verschaffen, reist gleichsam von der Antike über das Barock in die Gegenwart. Diese beiden gläsernen Depots werden im Albertinum verbleiben.

Ein Löwenkopf aus Karnak ist ebenso zu bestaunen wie die naturgetreue Statue eines hockenden Pavians aus dem 2.Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Beide stammen aus Ägypten der Pharaonen. Das gilt auch für das Oberteil eines Würfelhockers. Späthellenistisch hingegen ist der Torso eines Jünglings. Einen Frauenkopf mit hohem Haarkranz über der Stirn kann man ebenso in Augenschein nehmen wie die Figurengruppe Herkules und Carus von Francesco Baratta dem Älteren. Verschleiert ist das Haupt der Vestalin, das Antonio Coradini 1724 skulpierte. Wir sind nunmehr aus dem alten Ägypten in die Zeit des europäischen Barock gereist. In einem weiteren Depot können wir diese kunstgeschichtliche Exkursion bis in die Moderne fortsetzen, insbesondere wenn man die Skulpturenhalle in seine Rundreise miteinbezieht.

Es ist schon sehr beachtlich, was da alles an Kunst der Moderne im Depot schlummert. Wieland Förster ist unter anderem mit einem männlichen Torso von 1967 und einem kleinen weiblichen Torso präsent. Gustav Seitz, dem Berlin das Käthe-Kollwitz-Denkmal verdankt, schuf die Maske von Wu-an-Wang. Außerdem ist auch die sitzende Künstlerin Käthe Kollwitz mit ihrer Zeichenmappe im Depot vorhanden. Christoph Voll lässt mit der sich den BH öffnenden Frau ein wenig Erotik auflammen. Gerhard Marcks, einer der Lichtgestalten der deutschen Bildhauerei, gestaltete 1937 „Nana II“, während Waldemar Grzimek den schreitenden, füllig wirkenden Bertold Brecht modellierte. In ähnlicher Formensprache wie die Büste Herwart Waldens schuf William Wauer sein Hund-Katze-Paar. Max Kolbe porträtierte seinen Künstlerkollegen Max Slevogt und Edmund Möller den deutschen Impressionisten Max Liebermann, der neben Corinth und Slevogt das Dreigestirn des Impressionismus in Deutschland bildete. Nicht der Rächer oder der Schwebende von Ernst Barlach ist ausgestellt, sondern die Keramik der russischen Bettlerin und ein Bauernpaar. Eine Dame mit modischem Hut schuf Edwin Scharff. Sitzend und die Hände auf die Schenkel gelegt, so stellt Constantin Meunier einen alten Mann dar.

Verlassen wir die Moderne, so tauchen wir ins 18. Jahrhundert ein und bestaunen zum Beispiel „Die Züchtigung“ von Paul Heermann und die Büste August des Starken von 1718. Auch Persönlichkeiten der Zeit, wie der sächsische Kurfürst Christian II. und Kardinal Richelieu, waren damals Motive der Bildhauerei, die Auftragsarbeit war und nicht frei von gesellschaftlichen Zwängen.

Die Skulpturenhalle

Ob der Denker von Rodin, die Tänzerin von Degas, Arbeiten von Wieland Förster oder Per Kirkeby, in der Skulpturenhalle finden man sie an einem Ort und reist somit durch die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts ebenso wie die des 20. und 21. Jahrhunderts. Diese Reise endete beim Seelenfänger von Birgit Dieker und bei der Klanginstallation von Stephan von Huene mit dem Titel „Sirenen Low“. Doch der Klang der Sirenen schallt durch die Gewölbehalle nur zu bestimmten Zeiten, ist also keine Dauerreizung des Besuchers, der sich ganz und gar auf die frei stehenden Skulpturen einlassen kann.

Als wolle er auf uns zugehen, so mutet Auguste Rodins lebensgroßer „Johannes der Täufer“ an. Im Gegensatz zu anderen Skulpturen ist er seines Sockels enthoben, sodass wir ihm auf Augenhöhe gegenüberstehen. Ganz anderes hingegen ist dies bei dem berühmte hockenden Denker, der auf einem hohen Sockel seinen Platz gefunden hat. Dass Rodin seine Arbeiten teilweise vom akademischen Sockel gestoßen hat, war für dessen Zeitgenossen weniger ein Skandal als die von Rodin perfektionierte in Gips und Bronze gegossene Leidenschaft – man denke nur an Rodins „Der Kuss“, der allerdings in Dresden nicht zu sehen ist. Rodins Werke werden mit denen des belgischen Soziorealisten Constantin Meunier vereint, dessen ehemaliges Atelier in Brüssel mehr als nur den in Dresden ausgestellten Hafenarbeiter zeigt. Meunier, der ein genauer Kenner des Alltags der Minenarbeiter der Wallonie war, da er diese südbelgische Region ausgiebig bereits hatte, beeindruckt in Dresden durch sein monumentales Werk „Grubengas“, 1898 aus Gips entstanden und auf ein Grubenunglück sich beziehend. Hingestreckt liegt der tote Bergmann, Grubenlampe und Helm neben ihm liegend. Über ihn beugt sich die trauernde Mutter. Unweit davon sehen wir die junge Tänzerin im Tüllröckchen, die Edgar Degas zu verdanken ist. Voller Körperspannung ist diese Figur: Der Kopf ist leicht nach oben gestreckt, die Arme hinter dem Rücken und das eine Bein in seitlicher Stellung so, als ob im nächsten Moment der Sprung oder das Aufrichten auf die Fußspitzen bevorstünde. Unter die Arbeit von Rodin, Degas und Meunier mischt sich ein zeitgenössisches Werk – und das ist Konzept und Absicht: Thomas Scheibitz schuf eine lackierte, aus Stahl und Aluminium bestehende kreisförmige Skulptur, deren Mitte aufgesprengt ist. Es scheint, als habe ein Geschoss die Skulptur „Ruine“ durchdrungen.

Daneben finden sich Porträtbüsten, ob die einer alten Frau von Meunier oder eines Pferdehändlers von Aimé-Jules Dalou. Nicht zu übersehen sind die weiblichen Akte von Wilhelm Lehmbruck, verschlankte und überlängte Figuren wie die “Kniende“. Dabei handelt es sich um einen Steinguss, der 1920 aus dem Besitz von Lehmbrucks Witwe angekauft wurde. Als entartete Kunst 1937 beschlagnahmt, kam die Arbeit in die USA und von dort durch Ankauf nach Dresden. Lehmbruck ist zudem mit dem sogenannten Hagener Torso in der sehenswerten Schau vertreten.

Mit Hans Arp und Henry Moore sind zwei Vertreter der organischen Form in der Skulpturenhalle zu sehen. „Ram I“ von Arp steht dabei im Kontrast zu den Faltungen von Hermann Glöckner und dem kubo-futuristischen Kopf des Galeristen Herwarth Walden, der von William Wauer geschaffen wurde. Die Rundungen bevorzugte Aristide Maillol bei den weiblichen Geschöpfen, die ihm gelangen, so auch bei der Badenden.

Blockhaft erscheint der „Geschlagene“ von Wieland Förster, eine Bronze von 1989. Ohne Sockel zeigt sich Tim Scotts „Feminine for Structure VII“, eine „Collage“ aus Rohren und Stabeisen. Nebenan steht die Archiskulptur von Per Kirkeby mit dem Titel „Tor I“. Sie gleicht einem Block mit unebener, „welliger“ Außenhaut und einem tiefen lanzettförmigen Einschnitt. Aus Fundsachen hat Tony Cragg seine Skulptur geschichtet: Pappe, eine Schublade, eine Plastikwanne, eine Büchse und auch Holz sind die Materialien, die verwendet wurden. Gänzlich anders dagegen ist seine hoch aufsteigende, bewegt erscheinende Arbeit auf dünnen über einander geklebten Holzschichten mit dem Titel „Ever After“. Sie erscheint wie einer bizarr erodierte Felsformation, die zugleich menschliche Gesichter zum Vorschein bringt. Kantig und an einen Schachtelhalm erinnernd, so ist Fritz Wotrubas „Figur“, die 1958 entstanden ist. Landschaften wie „Große Düne“ schuf Emil Cimiotti durch gefaltete Gebilde, die er durch Wachsmodelle vorfertigte. Diese wurden von einer Form umgeben, in die Bronze eingefüllt wurde. Der Wachs schmolz, die gefaltete Bronzestruktur ist das Resultat.

Am Ende stehen wir nicht nur den Holzblöcken von Carl Andre gegenüber, sondern auch dem Gewirr aus Tauen und Rettungsringen gegenüber, die sich zu einem „Seelenfänger“ vereinen. Nicht vergessen werden darf, dass Wieland Förster nicht der einzige Bildhauer der DDR ist, der in der Präsentation gezeigt wird, sondern auch der in der Tradition des sozialistischen Realismus gefangenen Walter Arnold mit „Jugend – Baumeister der DDR“. Dabei handelt es sich die Figur einer jungen Landarbeiterin. © fdp

Galerie Neue Meister
Albertinum. Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart
https://albertinum.skd.museum/

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