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Mit Teenagern entlang der Gardenroute

Abenteuer Südafrika

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Südafrika - False Bay Fish Hoek
False Bay Fish Hoek

Waka, Waka, he, he – it’s time for Africa! Seit 2010 haben viele Skeptiker diesen Ruf vernommen und Südafrika mittlerweile zu einem der angesagtesten Reiseländer auf der Top Ten Länderliste werden lassen. Das allerdings war mir gar nicht klar, als ich Pläne für ein Weihnachtsfest der warmen Art schmiedete und mir Südafrika schon allein durch die geringe Zeitverschiebung von 1 Stunde als attraktives Ziel ins Auge sprang. Gesagt, getan – das Internet macht’s möglich und so saß ich schon eine halbe Stunde nach dem Familienrat am Rechner, um in Bildern von aufschäumender Gischt, sonnenverwöhnten Weinstöcken und kargen Bergketten zu schwelgen.

Südafrika - Hout Bay
Hout Bay

Begrenzt durch die Schulferien blieb uns als Familie mit zwei Kindern von 9 und 16 nur ein Zeitraum von zwei Wochen, also entschieden wir uns für die Gardenroute, die allseits beworben und als wahre Traumstrecke von Kapstadt nach Port Elizabeth beschrieben wird. Einziger Wehmutstropen in unseren Überlegungen war die Tatsache, dass die Flugpreise sich innerhalb einer Nacht, die man ja gern mal über den Rechercheergebnissen schläft, um 1000 Euro für uns vier Personen erhöht hatten – das Tagespreiskonto zeigte an, in welch guter Gesellschaft ich mich befand: Halb Europa schien scheinbar von ähnlichen Plänen beseelt zu sein. Erschwerend kam nun noch dazu, dass die Südafrikaner um die Feiertage herum ihre langen Sommerferien haben und ebenfalls Richtung Küste strömen, um in Orten wie Camps Bay ihren Sundowner gegen die untergehende Sonne zu halten, in Knysna Austern zu schlürfen oder in Plettenberg Bay eine der luxuriösen Boutiquen zu besuchen. Schließlich will man am Strand gut aussehen - und gesehen werden, das will man unbedingt, wenn man diese Orte für die schönsten Wochen des Jahres wählt.

Südafrika - Camps Bay
Camps Bay

Aber mit dem Argument konnte ich natürlich bei meinen Kindern nicht punkten: Warum sollten sie ihr gemütliches Weihnachtsfest mit Kerzen und Geschenken durch einen 10-stündigen Flug und womöglich gar einen Kulturtrip durch die Geschichte Afrikas ersetzen? Bildung in den Ferien? Austern, die schmecken wie kaltes Meerwasser? Weinprobe und Feinschmeckerrestaurants? Nein, meine Zielgruppe sprang auf diese Art der Werbung nicht an. Aber auch da hat Südafrika so einiges zu bieten….

Südafrika - Blauwklippen Weinprobe
Weinprobe im Weingut Blauwklippen

Ausgangspunkt Kapstadt

Ankunft Kapstadt (1), die Sonne brennt. Ist der Tafelberg mit seiner schier unendlichen Aussicht über zwei Meere schon ein erstes zustimmendes Nicken wert, sind die Pinguine am Boulders Beach auch noch so niedlich anzusehen, so muss doch ein bisschen mehr Nervenkitzel her, um den Urlaub für unsere Teenager zu einem echten Highlight werden zu lassen.

Südafrika - Blick vom Tafelberg
Aussicht vom Tafelberg

Ein Wettrennen der besonderen Art

Die Walsaison ist leider schon vorbei und bei 15 Grad Wassertemperatur in einem Käfig mit den Haien zu tauchen, das scheint zwar irgendwie verlockend, ist aber dann doch eindeutig zu kalt. Wie wäre es denn nun mit einem echten Strauß? Nein, ausnahmsweise mal nicht als Steak, wenngleich in Südafrika das „Braai“, die Zeremonie des Grillabends, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. In diesem Falle geht es um mehr als nur das hochwertige Fleisch. In dem 1847 gegründeten Ort Oudtshoorn (2), dem größten in der Klein Karoo Halbwüste, hat sich die südafrikanische Straußenzucht schon recht früh entwickelt. Gab es 1865 in Südafrika erst 80 Brutvögel, so waren es 1915 750.000 Tiere. Ihre Popularität und ein nicht geringer Reichtum der hiesigen Farmer fußten auf der Modeindustrie, die die herrlich langen und weichen Federn zu schätzen wusste. Die „Feder-Barone“ profitierten insbesondere in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg von diesem Luxusgut, das die Art-Noveau-Mode prägte, und so gab es wahre „Federpaläste“ im Jugendstil, die bis heute im Stadtbild zu finden sind. Doch die fortschreitende Technik insbesondere der Automobile (nun mit Verdeck!) ließ die ausladenden Hutmodelle schnell unpraktisch erscheinen, so dass der Preis der Straußenfedern schon 1925 auf nur ein Drittel der ursprünglichen Summe gefallen war.

Zwar gilt Oudtshoorn noch heute als Straußenhauptstadt, doch werden neben Federn vermehrt andere Produkte wie Fleisch und Leder vermarktet. Auf der Tradition fußend haben sich einige Straußenfarmen nun also die Touristen als neue Einnahmequellen erschlossen. Und so kitzeln sie die Abenteuerlust der Besucher heute mit einem Wettrennen auf dem Rücken der großen Tiere und einer umfangreichen Tour durch Aufzucht und Souvenirläden. Nach den ersten heftigen Liebesbekundungen der immens großen flugunfähigen Vögel, die einem nicht nur neugierig, sondern auch ganz schön aufdringlich an die Sandwiches wollen, beschließe ich, dass das Reiten noch nie meine Stärke war und ich schon bei Pferden leichte Aufstiegschwierigkeiten habe. Aber wie war das mit dem Adrenalinkick? Sohn ‚rauf auf dein Ross! Gar nicht so einfach, das Vieh ist ziemlich rundlich und man hockt da eher baumelnd zwischen Bauch und Hals. Elegant sieht anders aus, aber als echter Sportler geht es hier um mehr als Ästhetik, der Sieg muss her! Nicht so schwierig, denn der Wettkampfgegner entpuppt sich als ein weißsockiger Tourist einer Busgruppe, Mitte Fünfzig und von der aufmunternden Erleichterung der Mitreisenden getragen, die alle heilfroh sind, noch einmal davon gekommen zu sein.

Südafrika - Straußenfarm in Outdtshoorn
Straußenfarm in Outdtshoorn

Tauchen mit Krokodilen

Tosender Applaus, durcheinandergewirbelte Knochen und dann auch noch ein Zertifikat. Schnell ne SMS an die Freunde: Erstes Abenteuer bestanden, jetzt seid ihr dran! Ja, so in der Art kann es weitergehen. Also machen wir uns auf den Weg zur Cango Wildlife Ranch (3), die neben unzähligen afrikanischen Tieren auch einige weiße Tiger und Löwen hält. Bisher ist uns bis auf zwei Paviane noch kein wirklich wildes Tier begegnet, also sind wir gespannt, was hier wohl auf uns wartet. Im Eingangsbereich sitzen auf Holzbänken gespannte Touristen – ungewöhnlich, hier geht man nicht wie im Zoo von Gehege zu Gehege, sondern bekommt einen kenntnisreichen Führer an die Seite gestellt. Der begrüßt uns auch prompt mit seinem herrlich südafrikanischen Akzent, der so ganz anders klingt als das britische oder amerikanische Englisch, eben nach einer durch Jahrhunderte entstandenen dezenten Symbiose aus dem niederländisch geprägten Afrikaans und dem kolonialen Englisch, hier und da mit Brocken ursprünglicher afrikanischer Sprachen durchsetzt. Riesige Fledermäuse hängen von den Balken im Tropenhaus, uns läuft das Wasser bei den hier üblichen 35-40 Grad Außentemperatur ohnehin schon aus den Schuhen, doch die feuchte Hitze, in der sich die großen nachtaktiven Tiere wohlfühlen, treibt den Blutdruck noch ein Stückchen höher. Dass dieses Gefühl noch zu steigern ist, sehe ich meinen Kindern an, als wir uns zum Krokodilgehege begeben. Doch diesmal kommt der Hitzeschub nicht von der künstlichen Wärme, er hat eher mir dem Werbeslogan zu tun: „Wet your pants – swim in our pool“! Die Einladung ist erst gemeint, hier ist eine Begegnung Auge in Auge tatsächlich möglich. Und wieder scheint mein Sohn auf einer besonderen Mission der Grenzerfahrungen zu sein. Nach kurzem Zögern bleibt nur noch ein Hindernis: „Zahlt ihr?“ – Für gute Fotos tut Mama doch alles, also ab in die Badehose und rein in den Pool!

Südafrika - Cango Wildlife Ranch
Der Krokodilkäfig wird abgelassen

Ein runder Haikäfig wird mit einem Kran in die Mitte des Krokodilbeckens herabgelassen, während die geführten Touren sich über eine Hängebrücke wankend an dem Anblick der verrückten Touris mit Hang zum Selbstmord weiden können. Nebenbei wird die Brücke ab und an unter Bewegung gesetzt, wobei ein Schreien erklingt, dass auch den letzten abgeklärten Besucher kurz vor den Herzinfarkt treibt. Haben sich bei den Touristen, die wir vor Robins Tauchgang im Käfig beobachten konnten, die Krokodile noch eher lässig im Hintergrund gehalten, scheint sich dies zu meinem Erschrecken zu ändern, sobald der Käfig mit samt meinem Fleisch und Blut in den warmen klaren Fluten versinkt: Gleich zwei der großen Echsen kommen mit wellenförmigen Gleitbewegungen näher. Das Gitter hat in der Mitte eine freie Sichtfläche, die mir plötzlich groß genug für ein hungriges Maul zu sein scheint. Mein Sohn grinst derweil so cool, wie man es wohl nur mit 16 kann, und scheint die Begegnung eher belustigend zu finden. Obwohl… verstohlen nimmt er die Finger vom inneren Gitter und die Lässigkeit der verschränkten Arme – die könnte man auch als größtmögliche Sicherheitshaltung weit weg vom Käfigrand interpretieren. Aber das ist natürlich nur meine Ansicht. Und ich bin ja nur die Mutter. Fotoapparate klicken um uns herum und der Tourguide macht sich einen Spaß daraus, der indischen Reisegruppe beruhigend zuzurufen, dass sie als Beute weniger geeignet seien, sie äßen einfach zu scharf. Ein deutscher Tourist dagegen mit seinem Grundgeruch nach Würstchen und Bier wäre da sicherlich eine verlockendere Aussicht. Sprichts, schmunzelt und lässt mich lächelnd stehen.

Südafrika - Cango Wildlife Ranch - Tigerbabys
Marla mit Tigerbabies

 Während mein Sohn grinsend wie ein Honigkuchenpferd aus dem Käfig steigt, beschließt meine Tochter, dass ihr doch eher der Niedlichkeitsfaktor wichtig ist. Sie desinfiziert sich die Hände und Schuhe und schreitet mit einem altersangemessen geringeren Grad an Risikobereitschaft in das Gehege der Tigerbabys, die gerade mal drei Monate alt sind und wie kleine verspielte Katzen maunzen. Wie weich das Fell sich anfühlt! Die zwei liegen ganz entspannt und lassen sich die Streicheleinheiten scheinbar genießerisch gefallen. Auch die bunten Lorikeets, die Marla mit einem Obstnektar füttern darf, sind eher nach ihrem Geschmack. Und dass der König der Löwen gerade ein Nickerchen hält und gar nicht so gefährlich aussieht, ist ihr ebenfalls ganz recht.

Löwe
Löwe

Wir beschließen den Abend in einem der besten Restaurants im Ort, dem Kalinka, und gönnen dem Adrenalinjunkie und der Tigermutti nach diesem ereignisreichen Tag noch ein ebenso wildes Abendessen, denn Kudu und Springbock, Sailfisch und Strauß stehen auf der Karte. Auch kulinarisch darf man schließlich mal an seine Grenzen gehen, oder?

Südarfika - Berge in der Kleinen Karoo
Berge in der Kleinen Karoo

Von der Klein Karoo führt uns unser Weg wieder an die Küste, denn ist das Wasser zwar für echten Schwimmgenuss zu kühl, so lässt sich rund um Knysna (4) zumindest herrlich paddeln und wenn man Glück hat, begleiten einen dabei auch schon einmal kleinere Delfinschulen. Das Riverdeck am Eingang zum Goutamma Nationalpark ist ein erstklassiger Ausgangspunkt für kleinere Rudertouren auf dem Fluss, der Strand am Ende der Straße ein weiteres Highlight für einen rundum sorglosen Ferientag. Wir steigen in der Badger’s Lodge (5) ab und genießen neben den in den Wald hineingebauten Holzfällerhütten auch die launige Freundlichkeit der rheinischen Auswanderer Katrin und Joachim Heinen.

Südafrika - Frühstücksraum in der Badgers Lodge
Frühstücksraum in der Badgers Lodge

Bungee-Jump extrem

Aber wer nun glaubt, wir hätten mit dem Wildlifepark das Programm für Herzraser erfolgreich beendet, der hat noch nicht vom neusten Highlight der Gardenroute gehört, der Bloukransbrücke (6). Unser Sohn hatte! Und zwar von seinem Freund, der als Austauschschüler in Kapstadt weilte. Es handelt sich hierbei um den derzeit höchsten kommerziellen Bungee-Jump von einer Brücke, eingetragen im Guinnessbuch der Rekorde und natürlich gesprungen von besagtem Freund. Sie ahnen es schon, die Messlatte der Coolness lag nach den Krokodilen nun noch ein Stückchen höher – oder tiefer, je nachdem, wie man es betrachten will. Am 1. Januar um 12.00 Uhr finden wir uns also an der N2 ein, um unseren Sohn einen unglaublichen Abhang hinunterstürzen zu sehen und dafür auch noch unsere Kreditkarte zu zücken – ja sind wir denn eigentlich völlig von allen guten Geistern verlassen? Andere Eltern stehen ebenso kopfschüttelnd vor der Brücke, die sich über eine bedrohlich scheinende Schlucht schier unendlicher Bäume und einen von hier winzig wirkenden Fluss spannt.

Südafrika - Blaukransbücke
Blaukransbücke

Die Jugend Europas und Amerikas ist längst hier angekommen, es wimmelt von extrem lässigen Youngstern und einigen mutigen Personen mittleren Alters, die von der Kasse über die Waage zum Eingurten geleitet werden und dann bis zum Abholen durch den Guide in den Abgrund schauen dürfen, in den sie gleich ebenso kreischend hechten werden wie so mancher vor ihnen. Von der Aussichtsplattform hört man die Schreie und das Gejohle ebenso wie die ab und an herüberwehenden rhythmischen Beats. Die Atmosphäre ist erstaunlich professionell und entspannt. Wäre da nicht dieser Moment, wenn man tatsächlich freiwillig in diese gähnende Tiefe schaut… Vater und Sohn verabschieden sich mit ein paar lockeren Sprüchen nach Art von „Du weißt ja, wo die Versicherungspolice liegt“ und Marla und ich bleiben im Restaurant zurück, das einen Life-Mitschnitt des Fluges in die Tiefe zeigt. Ein bisschen mulmig ist mir jetzt doch…Nach 20 Minuten ist alles vorbei, ein strahlender Teenager betritt das Restaurant, ein Stück des Seils in der Hand, das seinen Körper so gefahrlos pendeln ließ. Als ich ihn fest drücke, sagt er nur von oben herab: „Tja Mama, Neujahrsspringen mal anders, was?“ – Ich deute das als Aufschrei der Begeisterung und bin froh, dass er wieder neben mir steht.

Südafrika - Bungy-Sprung Robin
Bungy-Sprung Robin

Als es am nächsten Tag regnet, bin ich fast froh, dass wir das Abseilen im Tsitsikamma Nationalpark dann doch auslassen können, denn noch mehr Herzklopfen ist für einen so kurzen Urlaub in meinem Alter dann doch zu viel. Stattdessen wenden wir uns nun einem wahren Afrikaerlebnis zu: Es geht in den Addo Elephant Park (7). Das Land liegt noch im Nebel, der von den sinnflutartigen Regenfällen der letzten zwei Tage übrig geblieben ist, als wir bei Sonnenuntergang den Nationalpark erreichen. Uns erwarten zwei Rondavels, typisch afrikanische Rundbauten, die jedoch eine wahre Prachtausstattung unter einem romantischen Reetdach bieten. Ich erlaube mir ein verschmitztes Grinsen gegenüber meinem Mann, mit dem ich nun eine dieser einladenden Unterkünfte beziehe. Unsere Kinder schlafen in einem zweiten – 100 Meter entfernt! Kaum sind die Koffer ausgepackt, gönnen wir uns einen Weißwein auf der kleinen Terrasse mit Blick zum Wasserloch. Das Fernrohr liegt auf dem Tischchen, alle Blicke sind auf die Anhöhe gerichtet. Noch tut sich nichts. Doch da, sanft schieben sich die Büsche zur Seite, schon erscheint der große Kopf mit den massiven Ohren, lautlos nähert sich der Riese dem Wasser. Wir schauen uns an und können unser Glück kaum fassen – Waka Waka, we are in Africa!

Südafrika - Elefanten an einem Wasserloch
Elefanten an einem Wasserloch



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