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Unterwegs auf dem Camino Ignaciano

Ein neuer Pilgerweg durch Nordspanien

Text und Fotos: Beate Schümann

„Hey, ihr lauft in die falsche Richtung“, ruft ein Jakobspilger den entgegenkommenden Wanderern zu. Der Mann mit der Muschel am Rucksack ist kurz vor Logroño, einer wichtigen Pilgerstation, und marschiert in Richtung Westen. Seine Sehnsucht liegt in Galizien. Sein Ziel ist die Kathedrale von Santiago de Compostela, die vor tausend Jahren über dem Grab des Apostels Jakobus erbaut wurde.

Auf dem Pilgerweg der Muschel oder auf dem des Hl. Ignatius? Kurz vor Logroño, La Rioja, Spanien

Auf dem Pilgerweg der Muschel oder auf dem des Hl. Ignatius? Kurz vor Logroño, La Rioja

Seither ist es so. Alle gehen nach Westen. Doch der Heilige Jakob hat nun Konkurrenz bekommen. Ein neuer Pilgerweg ist eröffnet, der Camino Ignaciano, der ebenfalls durch Nordspanien führt. Allerdings in die andere Richtung – nach Osten. Dorthin, wo die Sonne aufgeht, wo das Licht ist. Er versteht sich quasi als eine Anti-Tour zum Trubel auf dem Santiagoweg, den jedes Jahr Tausende laufen.

Logroño ist der Knotenpunkt für Wanderer auf dem jakobsweg und dem Ignatius-Pilgerweg. Gemälde von Pilgern an einer Unterführung. La Rioja, Spanien

Logroño ist der Knotenpunkt für Wanderer auf dem jakobsweg und dem Ignatius-Pilgerweg. Gemälde von Pilgern an einer Unterführung

Der Camino Ignaciano beginnt im baskischen Loyola (1), wo der Heilige Ignatius geboren wurde, und führt ebenfalls durch Logroño. Die Provinzhauptstadt von La Rioja ist ein Knotenpunkt der beiden Pilgerrouten. Dann nimmt der Ignatius-Weg seine Richtung nach Navarra bis nach Katalonien auf. Anders als beim Jakobsweg folgt der Ignatius-Pilger keiner Legende, sondern den Spuren eines Menschen, der im 16. Jahrhundert tatsächlich gelebt hat: dem Begründer des Jesuitenordens. Es ist der Weg seiner Bekehrung vom adligen Ritter zum gottesfürchtigen Bettler.

Offizielle Markierung des Ignatius-Pilgerwegs in Nordspanien

Offizielle Markierung des Ignatius-Pilgerwegs in Nordspanien

„Der Jakobsweg war eine Erfindung des Mittelalters“, sagt José Luis Iriberri, Direktor vom Ignaciano-Pilgerbüro in Barcelona. „Wir erfinden den Ignatiusweg für das 21. Jahrhundert.“ Der Jesuitenpater nahm sein Fahrrad und einen Topf Farbe, radelte den Spuren des Ignatius Loyola nach und pinselte als Erkennungszeichen orangefarbene Pfeile auf Hausecken, Felsbrocken und Bäume. Die gut 750 Kilometer lange Strecke sei noch nicht durchgängig ausgeschildert. „Bald kommen noch Schilder mit einem Sonnensymbol dazu, das Pendant zur Jakobsmuschel“, sagt Iriberri. Bei Zweifeln kann man unterwegs die ausführliche Routenbeschreibung der Webseite abfragen.

Loyola liegt in einem Land, dem Baskenland. Vieles ist hier anders als im übrigen Spanien, nicht nur die Sprache. Das Land ist grün wie in Oberbayern und vor den Balkonen lachen Geranien. Das Dorf im Urulatal gehörte einst den reichen Grafen von Loyola. Ignatius Iñigo Lopez Oñaz y Loyola hat eine steile Karriere vor sich. Doch dann zertrümmert eine Kanonenkugel sein Bein und seine Laufbahn als Ritter. Iñigo tritt eine Reise nach Innen an, die sein Leben vollständig verändert.

Man kann sein Geburtshaus besichtigen, ein festungsartiges Schloss, mehr Wehrturm als Wohnhaus. Im ersten Stock stehen sein Krankenbett und die Kapelle, wo der Besucher erfährt, wie es 1522 zur Erleuchtung kam, auch auf Deutsch. Draußen erkennt man noch einen Rest der mittelalterlichen Pflastersteine, auf denen der 31-Jährige aufbricht, um zu Gott zu finden.

Sancti Ignatii Basilica in Loyola, erbaut 1738 zu Ehren des Heiligen Ignatius und Begründer des Jesuitenordens, Azpetia, Baskenland, Spanien

Sancti Ignatii Basilica in Loyola, erbaut 1738 zu Ehren des Heiligen Ignatius und Begründer des Jesuitenordens

Heute wird das Dorf von der barocken Basilika beherrscht, die für den 400-Seelen-Flecken völlig überdimensioniert erscheint. Die Sancti Ignatii Basilica mit Jesuitenkolleg wurde 1680 zu Ehren des Heiligen erbaut und demonstriert, wie mächtig der Orden schon war. Im Hintergrund der Kuppeln zeichnen sich Berge wie in den Alpen ab. Alles ist grün, Kühe grasen wie auf Almen, dicht stehen die Wälder.

Die Route führt den Pilger bei der Stadt Oñati zur Wallfahrtskirche Arantzazu (2), einer noch größeren Klosteranlage, die wie eine Halluzination aus den Felsen des Monte Aitzkorri steigt. Der bizarre Komplex, der keine hundert Jahre alt ist, geht auf eine Marienerscheinung im Jahr 1468 zurück und wird von Franziskanern bewohnt. Weiter geht es steil durch das Bergland und den Naturpark von Aitzkorri, wo Wanderer die fast meditative Landschaft fast nur für sich haben kann. Das Glockengebimmel erinnert an die Almen zuhause; es sind Pottokas, eine baskische Ponyrasse, die hier wie Kühe grasen.

Wallfahrtskirche und Franziskanerabtei Arantzazu, Baskenland, Spanien

Wallfahrtskirche und Franziskanerabtei Arantzazu

In der Region La Rioja erhöht sich die Zahl der Weinberge wie der Pilger. „Wohin lauft ihr?“ fragen wieder Muschelwanderer. Gegen den Strom, den orangefarbenen Pfeilen nach. Logroño (3) spült die Pilger in die historische Altstadt und die Calle Laurel. Denn es ist Mittag, und in der Straße der Tapas kann man für wenig Geld die verschiedensten Köstlichkeiten probieren.

Die Calle Laurel ist die Tapas-Zone von Logroño, La Rioja, Spanien

Die Calle Laurel ist die Tapas-Zone von Logroño

Sicher muss man Loyola nicht nachgehen, um sein Leben umzukrempeln. Aber vielleicht, um ein paar Tage zu verschwinden, neue Einsichten in der Natur oder mit Menschen zu finden. Und wieder ändert sich die Landschaftsbild. In der weiten Ebene des Ebro-Flusses gelangt man nach Alfaro (4), das sich zur Welthauptstadt der Störche erkoren hat. Tatsächlich nisten auf allen Dächern Storchenpaare. Sie lieben besonders die barocken Kirchdächer. Im Ebrotal haben Pilger noch Seltenheitswert. „Buen Camino!“ grüßen freundlich die Bewohner in den völlig untouristischen Dörfern.

In Cervera, die Stadt der Störche, bevölkern die Vögel die Dächer, Katalonien, Spanien

In der Stadt der Störche, bevölkern die Vögel die Dächer

Die Halbwüste Los Monegros in Aragón ist eine menschenfeindliche Gegend wie man sie im sonst grünen Norden Spaniens kaum erwartet. Da muss man durch. Auf Hitze und Durststrecken muss man sich gefasst machen. Danach kann man aufatmen. Schon in Katalonien, wird die Felsenskyline des Sandsteingebirges Montserrat schnell dramatischer, bis man den ebenso dramatischen Wallfahrtsort Montserrat (5) erreicht. Wie Finger, Säulen oder Palisaden zeigen die voluminösen Steinzacken im Rücken des Benediktinerkloster in den Himmel. In dieser bizarren Felsenwelt legte Ignatius de Loyola seine feinen Kleider und sein Schwert für immer ab. „Ignatius ist unser bedeutendster Pilger“, sagt Prior Ignasi Fossi. Für ihn ist der Heilige ein spirituelles Abenteuer. Denn Pilgern sei eine Metapher des Lebens, und ein Pilgerweg gebe in kurzer Zeit wieder, was ein ganzes Leben bedeute.

Wenn man den Zauber des Ortes verstehen wolle, solle man über Nacht bleiben, rät der Klosterchef. Denn erst zur Dämmerung lichtet sich der große Platz vor der Basilika, auf dem sich am Tage Hundertschaften drängeln, die mit Bussen und Zahnradbahn das 1.236 Meter hohe Bergplateau auffahren. Alle zieht es zum Heiligtum, dem Thron der Schwarzen Madonna. Das Spirituelle zu finden, sei in Zeiten ohne moderne Verkehrsmittel gewiss leichter gewesen, gesteht Fossi ein.

Für moderne Pilger hat er jedoch einen Rat: „Gehe langsam. Je langsamer, desto besser.“ Bei fünf Stundenkilometern gehen die drei Elemente Seele, Geist, Körper im Einklang. Bei schnellerem Gehen käme immer erst der Körper, dann die Psyche und ganz zuletzt die Seele an. „Den Schmerz fühlst du immer“, sagt der Mann im schwarzen Ornat. Deshalb sei die Erfahrung so mächtig.

Ein Stempel für die gepilgerte Strecke des Ignatius-Weges, Spanien

Ein Stempel für die gepilgerte Strecke des Ignatius-Weges

Nach Manresa (6), dem offiziellen Endpunkt des Caminos, sind es nur sechs Kilometer. Der Endpunkt wird es nicht leicht haben, zum Sehnsuchtsziel zu werden wie die Kathedrale von Compostela. So unromantisch ist die Industriestadt. Über die mittelalterliche Brücke, die sich über graue Bahngleise spannt, erreichte auch Ignatius die Höhle, in der er neun Monate fastete, betete und beschloss, Christus nachzufolgen. Wenn man aber aufblickt und das Sanktuarium sieht, überwältigt doch die Freude, am Ziel zu sein. An der Kasse bekommt man den letzten Pilgerstempel.

Reiseinformationen

Informationen:

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Bilbao, zurück ab Barcelona, z.B. mit Lufthansa, www.lufthansa.com.

Beste Reisezeit: April, Mai, Juni und Oktober.

Über Nacht:

Pilgerhotel Arrupe, Loyola, www.hotelarrupe.org.

Hospeadría Los Parajes, Laguardia, www.hospederiadelosparajes.com.

Pilgerherberge Celdas Abad Marcet, Montserrat, http://www.montserratvisita.com/en/index.html.

Auskunft:

Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt am Main, frankfurt@tourspain.es, www.spain.info.

Loyola-Pilgerweg: www.caminoignaciano.org, auch auf Deutsch.

 

Beate Schümann, www.beate-schuemann.de.

 

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