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Mit dem Fahrrad neu entdeckt

Die Zentralschweiz

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Asien, Afrika, Amerika und Australien hatten sie bereits erkundet. Also blieb für die Engländer in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch dieser Kontinent zu entdecken: Europa. Vor allem die Berge und Seen der Zentralschweiz boten ein ideales Betätigungsfeld für den damals aufkeimenden sportlichen Ehrgeiz der britischen Inselbewohner. Unser Autor Winfried Dulisch spürte bei seiner Radwanderung immer noch einen Hauch von dieser Aufbruchstimmung.

Schweiz - Zentralschweiz

Bevor wir aufbrechen, lassen wir uns das Tempo vorgeben von „SchweizMobil“. Seit 1998 arbeitet dieses „nationale Netzwerk für den Langsamverkehr.“ Wandern, Velofahren, Mountainbiken, Skaten und Kanufahren will die Stiftung SchweizMobil fördern. Die Mitglieder dieser Initiative kommen aus den Bereichen Tourismus, Freizeit, Sport und Langsamverkehr.

Langsamverkehr. Für Besucher aus Deutschland – also aus jenem Reservat der Bleifuß-Indianer, wo die olympische Norm „Schneller! Höher! Weiter!“ immer noch als allerhöchstes Menschenrecht gepriesen wird - klingt „Langsamverkehr“ wie ein Schweizer Kabarettisten-Gag. Im touristischen Alltagsbetrieb der Schweiz bedeutet Langsamverkehr: Ökologisch und sozial verträglicher Tourismus beginnt nicht erst am Ziel der Reise.

Schweiz - Zentralschweiz

Der Weg ist bereits das Ziel im „Veloland Schweiz“. Für dieses Projekt hat SchweizMobil mehr als 60 regionale und nationale Velo-Routen ausgearbeitet. Das „Veloland“-Angebot reicht vom Familien-Tagesausflug im Flachland bis hin zu sportlich anspruchsvollen Touren für Individiual-Biker im Gebirge. Und mehrere dieser Routen führen durch die Zentralschweiz, die im 19. Jahrhundert eine Wiege des heutigen Tourismus war.

Damals orientierte sich das touristische Angebot noch überwiegend am Geschmack der spleenig versnobten Kundschaft aus dem United Kingdom. 1880 begeisterte der Reise-Schriftsteller Mark Twain mit seinem „Bummel durch Europa“ (A Tramp Abroad) auch die Amerikaner für den Lake Lucerne. „Lago di Lucerna” oder “Lago dei Quattro Cantoni" nennen ihn die Italiener. Für die Franzosen ist er der „Lac des Quatre Cantons". Für uns heißt er: Vierwaldstätter See.

Schweiz - Zentralschweiz - Hotel-Klassiker am Fuße des Rigi: Vitznauer Hof

Hotel-Klassiker am Fuße des Rigi: Vitznauer Hof

1871 wurde direkt am Vierwaldstätter See-Ufer die  Vitznau-Rigi-Bahn - als erste Zahnradbahn Europas – eröffnet. Ebenfalls eine Pilgerstätte für Technik-Nostalgiker ist jene immer noch steilste Zahnradbahn der Welt, die seit 1889 von Alpnachstad hinauf führt zum Pilatus, dem Luzerner Hausberg. Und ausgerechnet diese Region, die scheinbar immer nur noch höher hinaus will, soll ein Radwander-Paradies sein?

Für eine Velo-Wanderung durch die Landschaft rund um Luzern empfiehlt sich dem deutschen Biker die Anreise nach Zürich, am Hauptbahnhof ein vorbestelltes Rad abholen, weiter mit dem Zug nach Arth-Goldau. Schon diese 30 Minuten Bahnfahrt bieten – außer dem Blick auf die zunehmend imposanter werdende Berglandschaft - manch eine angenehme Überraschung.

Zum Beispiel: Die Züge der Schweizerischen Bundesbahnen sind pünktlich – für einen deutschen Fahrgast beinahe schon erschreckend pünktlich. Wenn ein SBB-Zug zwei Minuten zu spät abgefahren ist, entschuldigt sich eine freundliche Live-Stimme für dieses Malheur, gibt eine nachvollziehbare Begründung (Gleisbau-Arbeiten oder so ähnlich) für die Verspätung - und kommt trotzdem pünktlich am Zielbahnhof an.

Die zweite Überraschung: SBB-Mitarbeiter haben ein Herz für Velopedisten. Das beginnt bereits am Auskunft-Schalter. Nicht nur in jedem Zug – auch auf jedem Bahnhof - scheint in der Schweiz mindestens ein Mitarbeiter mehr beschäftigt zu sein als in Deutschland. Und so erfährt der Biker schnell, in welchem Gleisabschnitt der Fahrrad-Waggon anhält. Falls dieser Wagen überfüllt ist, findet der Zugschaffner garantiert irgendwo ein Plätzchen für das Velo und den Pedaleur.

In Arth-Goldau  wird kein Eisenbahn-Fan widerstehen können und will von dort aus erst einmal rauf auf den Rigi fahren – vor allem dann, wenn mal wieder eine der alten Schmalspur-Dampfloks am steilen Berghang ihr Schaulaufen absolviert. Wer lieber gemütlich die grüne Wiesenlandschaft mit Blick auf die Zweitausender genießen möchte, durchradelt die knapp 20 Kilometer nach Brunnen am Vierwaldstätter See.

Schweiz - Zentralschweiz - Hotel-Fassade in Brunnen am Vierwaldstätter See

Hotel-Fassade in Brunnen am Vierwaldstätter See

Brunnen versprüht immer noch den unverbraucht frischen Charme eines Kurort-Klassikers der Jahrhundertwende. Architektonisch treffen hier mediterrane und alpenländische Gestaltungselemente aufeinander und bieten dem Auge ein angenehm liebliches Reizklima. Wegen seiner geographischen Lage ist Brunnen außerdem der ideale Startplatz für Tagesausflüge in die Zentralschweiz – vor allem für diese eindrucksvolle Zweistunden-Dampferfahrt zum nördlichen Ende des Vierwaldstätter Sees nach Luzern.

Die ersten Minuten im Luzerner Innenstadtverkehr-Gewimmel können einem deutschen Biker den Angstschweiß ins Gesicht treiben – bis er begreift: In der Schweiz nehmen Autofahrer auch außerhalb der ländlichen Regionen Rücksicht auf radelnde Mitmenschen. Weil in diesem Land keine allmächtige Automobil-Industrie die Entscheidungen der Politiker beeinflusst, gilt in der Schweiz „freie Fahrt für freie Bürger“ nicht nur für motorisierte Verkehrsteilnehmer.

Statt mit Autos erwirtschafteten die Schweizer ihren Reichtum mit Armbanduhren, Schokolade, Käse und dem Fleiß ihrer Bankinstitute. - „Irrtum!“ korrigiert die Luzerner Stadtführerin Rosanna Bachmann ihre Gäste. - Dann verdankt die Schweiz ihre volkswirtschaftlichen Erfolge vielleicht dem Tourismus?

Schweiz - Zentralschweiz - Die Kapellbrücke und der Wasserturm

Beliebtes Foto-Motiv in Luzern: Die Kapellbrücke und der Wasserturm

Nein, auch nicht. Also führt Rosanna Bachmann ihre Gruppe zu jenem Denkmal, das von Mark Twain einst als „das traurigste und das am tiefsten bewegende Stück Felsen auf der ganzen Welt“ bezeichnet wurde. Seit den Tagen der Queen Victoria gehört „The Dying Lion of Lucerne” zum Pflichtprogramm angelsächsischer Luzern-Besucher.

Das in Fels gehauene Abbild eines sterbenden Löwen soll erinnern an den Tod von tausend Schweizer Leibgardisten, die 1792 zusammen mit ihrem Arbeitsgeber Ludwig XVI. als Opfer der Französischen Revolution endeten. „Jetzt wissen Sie, womit die Schweizer einst ihr Geld verdienten“, frotzelt Rosanna Bachmann. „Gut ausgebildete Soldaten waren der wichtigste Export-Artikel unserer Vorfahren“.

Europäische Touristen lassen sich weniger oft vor diesem Löwen-Denkmal fotografieren. Hier geben Pocketkamera-Leute ihre Regie-Anweisungen neben Englisch vor allem in asiatischen Sprachen. Deutsch ist eher die Amtssprache an der Kapellbrücke, 1365 erbaut und somit die älteste Holzbrücke Europas.

Schweiz - Zentralschweiz - Die Kapellbrücke

Die Brücke ist bis heute mindestens zehnmal umgebaut, renoviert oder zum Teil sogar vollständig erneuert worden. 1599 beschloss der Rat von Luzern, die Kapellbrücke zu schmücken mit gemalten Tafeln, auf denen historische Motive dargestellt sind. 1646 mussten diese Bilder zum ersten Mal restauriert werden. Seit 1726 wacht ein Aufseher darüber, dass die Brücke nicht zur Zielscheibe von jugendlichem Vandalismus wird.

Aber dann lenkt Rosanna Bachmann den Blick des Besuchers nach unten. Denn darauf sind die Luzerner besonders stolz: „Das Wasser unter der Kapellbrücke ist so klar, dass man bis hinab auf den Grund sehen kann. Nirgends auf der Welt gibt es mitten in der Großstadt ein Trinkwasser von dieser Qualität.“

Schweiz - Zentralschweiz - Nicht der Schwan ist das interessante Motiv,

Nicht der Schwan ist das interessante Motiv, sondern das klare Wasser, in dem er schwimmt

Erst beim Verlassen der Stadt findet der bislang bestens verwöhnte Radwanderer ein Haar in der Luzerner Suppe: Die innerstädtische Radwege-Beschilderung ist teilweise unvollständig bis widersprüchlich. Also ab und zu mal absteigen und einen Passanten fragen: Wie komme ich am besten nach Willisau?

Willisau ist vielen Nicht-Schweizern eigentlich nur als Mekka für Jazz-Fans bekannt. Seit 1975 findet das Jazz Festival Willisau statt. Jeder Musiker, der im Bereich der zeitgenössischen Improvisationsmusik etwas gilt, ist hier schon mal aufgetreten. Und Keith Jarrett, der prominenteste Pianist des aktuellen Jazz, nannte die Stadt 30 km nordwestlich von Luzern „one of the best places for music in the world“.

Schweiz - Zentralschweiz - Eine der vielen alten Fassaden in Willisau: Gasthof Rössli

Eine der vielen alten Fassaden in Willisau: Gasthof Rössli

In den 90er Jahren mauserte sich die mittelalterliche Kleinstadt mit ihren liebevoll gepflegten Baudenkmälern außerdem zu einem Treffpunkt der internationalen Bluegrass-Szene. Diese Countrymusic-Spielart (Banfo, Fiddle, Mandoline, Gitarre, Kontrabass) entwickelte sich Mitte des 20. Jahrhunderts in den Bergen von Kentucky und Tennessee – also in einer Landschaft, die der Umgebung von Willisau vergleichbar ist.

Der Langsamverkehrs-Teilnehmer kann trotzdem unbesorgt sein: nach Willisau führen bequeme Radwege ohne nennenswerte Steigungen – überwiegend asphaltiert und parallel zu einer wenig befahrenen Autostraße verlaufend. Auf Wunsch geht es aber auch anders. Von Schotterpisten, die neben einem Wasserlauf angelegt wurden, bis hin zur sportlich anspruchsvollen Mountainbike-Klettertour bieten sich dem Velopedisten hier alle Möglichkeiten.

Schweiz - Zentralschweiz - Kontrastprogramm in Willisau: Die Türme der Peter-und-Paul-Kirche

Kontrastprogramm in Willisau: Die Türme der Peter-und-Paul-Kirche

Wer die knapp 1.000 Meter Höhenunterschied nicht scheut, sollte entweder zu Fuß oder per Velo die zehn Kilometer hinauf zum 1.408 Meter hohen Gipfel des Napf wandern. Diese höchste Erhebung im Napfbergland belohnt den Wanderer mit einer eindrucksvollen Weitsicht. Und das Hotel Menzberg auf der Napf-Bergspitze ist immer noch ein Geheimtipp für Ruhesuchende. Denn Mark Twain hatte es versäumt, seinen Lesern von diesem Landgasthof vorzuschwärmen.

 

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