Reisemagazin schwarzaufweiss

Winterromantik abseits der Skipisten

Winter in der Schweiz

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Wer im Winter in die Schweiz fährt, muss nicht Ski laufen können, es gibt genügend Alternativen, um die weiße Pracht zu genießen.

Schweiz - Schreibtisch von Carl Zuckmayer im Saaser Museum

Schreibtisch von Carl Zuckmayer im Saaser Museum

Seine Pfeife steckt ausgeklopft im Aschenbecher, der auf dem großen Eichenholztisch steht. Stifte und Papier liegen bereit. Doch auf dem kargen Holzstuhl davor wird niemand mehr sitzen und Theaterstücke schreiben. Das Arbeitszimmer des Schriftstellers Carl Zuckmayer ist längst Museum - im Saaser Museum in Saas-Fee (1). „1938 war unser späterer Ehrenbürger das erste Mal in diesem Ort“, erzählt Betreiber Thomas Kalbermatten: „Während des Zweiten Weltkriegs lebte er als Farmer in den USA. Später kam er 14 Mal als Tourist hierher, bis er 1958 ein Haus erwarb.“ Die letzen 20 Jahre seines Lebens verbrachte der deutsche Schriftsteller in dem heute 1.700 Einwohner zählenden Urlaubsort im Schweizer Kanton Wallis. Ihm zu Ehren wurde in der Nähe seines ehemaligen Anwesens „Vogelweid“ ein Carl-Zuckmayer-Wanderpfad geschaffen. Ein Weg, den der Autor fast täglich um die Mittagszeit ging. In fünf Steine entlang der Route sind Zitate aus seinen Werken gemeißelt. Aus „Des Teufels General“ und aus „Als wär’s ein Stück von mir“, der Selbstbiographie, die Zuckmayer 1966 in Saas-Fee verfasste.

Schweiz - Wallis - ehemaliges Haus von Carl Zuckmayer

Ehemaliges Haus von Carl Zuckmayer

Als er das erste Mal ins Wallis reiste, gab es noch nicht die gut ausgebaute Straße, die seit den 1950er Jahren von Visp in den 1.800 Meter hoch gelegenen Urlaubsort hinaufführt und den Tourismus sprunghaft ansteigen ließ. „Der Pionier und Förderer des Fremdenverkehrs war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts der Pfarrer Johann Josef Imseng“, meint Thomas Kalbermatten: „Er beherbergte Touristen in seinem Pfarrhaus, dem jetzigen Saaser Museum, führte Bergtouren durch und setzte sich für den Bau von ersten Hotels ein.“ Am Dorfplatz in der Nähe der modernen Herz-Jesu-Kirche erinnert eine Statue an den umtriebigen Priester.

Schweiz - Saas-Fee

Saas-Fee

145 Kilometer schneesichere Pisten aller Schwierigkeitsgrade und 300 Sonnentage garantieren das autofreie Saas-Fee und die Nachbargemeinden Saas-Balen, Saas-Grund und Saas-Allmagell. Auch Rodeln und Wandern am Sonnenberg Hannig sind angesagte Aktivitäten. Insgesamt gibt es je 60 Kilometer Winterwander- und Schneeschuhwege. Und wie wäre es mit einer Fahrt mit der höchstgelegenen Metro der Welt? Um dorthin zu gelangen, geht es zunächst mit einer Kabinenseilbahn auf 2.550 Meter. Von der Station Morenia bringt eine zweite Gondel die Passagiere noch einmal 500 Meter höher zum Felskinn. Hier befindet sich die „U-Bahn-Station“ der „Metro Alpin“. Durch einen Tunnel rattert die Standseilbahn in drei Minuten zum Mittelallalin auf 3.500 Meter. An den 300 sonnigen Tagen zeigen sich zwölf Viertausender. Die Fernsicht soll bis zum Lago Maggiore reichen. Heute sind es keine 100 Meter. Es pfeift ein kalter Ostwind. Das Drehrestaurant „Allalin Three Sixty“ wird dringend zum Aufwärmen benötigt. Für die trübe Aussicht entschädigt ein Rundgang durch die 5.500 Quadratmeter große Eis-Grotte, in der die Geheimnisse der Gletscher gelüftet werden.

Schweiz - Rodeln in Saas-Fee

Rodeln in Saas-Fee

Ende des 19. Jahrhunderts gab es Pläne, eine Eisenbahnlinie bis Saas-Fee zu errichten. Da die Bevölkerung nicht bereit war, die entsprechenden Grundstücke zu verkaufen, wurde die Strecke stattdessen nach Zermatt gebaut. Seit 1930 verkehrt auf dieser Linie der Glacier Express. Damals benötigte er noch elf, heute nur noch siebeneinhalb Stunden für rund 290 Kilometer bis St. Moriz. Quer durch die Schweizer Alpen zwischen Rhône und Rhein verläuft die spektakuläre Trasse über 291 Brücken und Viadukte und durch 91 Tunnel durch die Kantone Wallis, Uri, Graubünden und Engadin. Mit dem halbstündlich verkehrenden Linienbus gelangt man in einer Stunde von Saas-Fee ins über 1.000 Meter tiefer gelegene Visp (2), einer Haltestelle des Panoramazugs. Betrieben wird die Ein-Meter-Schmalspurbahn von der Matterhorn-Gotthart- und der Rhätischen Bahn. Im Winter verlässt der Glacier Express einmal am Tag Zermatt in Richtung St. Moritz und umgekehrt. Im Sommer starten drei Züge pro Richtung.

Mit dem Glacier Express unterwegs

Schweiz - Glacier-Express - Koch Sabastionpillai aus Sri Lanka

Koch Sabastionpillai aus Sri Lanka

Zwischen den einstöckigen Panorama-Waggons der ersten und zweiten Klasse befindet sich der Restaurantwagen. Das Reich von Sabastionpillai aus Sri Lanka. Bereits seit 20 Jahren zaubert der Koch Menüs in der schwankenden Zugkombüse. Heute stehen eine Erbsen-Bouillon, ein mit Dörrpflaumen gefüllter Schweinebraten mit Spinat und Spätzle und als Dessert Kirschkuchen auf seiner Speisekarte. Zum Abschluss eines jeden Essens balanciert Kellner Sellathurai ein Tablett mit Grappa, Kirsch- und Pflaumenschnaps durch die Abteile. „Die artistische Darbietung gibt es bereits seit den 1960er Jahren“, sagt der ebenfalls aus Sri Lanka stammende Ober und grinst: „Ich übe aber erst seit vier Jahren.“ In der linken Hand hält er das Schnapsglas, in der rechten die Flasche. Während des Einschenkens zieht er sie gut einen Meter in die Höhe. Dabei plätschert das Hochprozentige wie ein Wasserfall ins Glas, ohne dass ein Tropfen daneben geht. Applaus ist garantiert.

Schweiz - Glacier-Express - Kellner Sellathurai

Kellner Sellathurai im Panorama-Waggon

Verschneite Dörfer und Städte wie Brig, die Stadt der Türme mit dem Stockalper Schloss, ziehen vorbei. An den Dächern der Holzhäuser hängen dicke Eiszapfen. Postkartenmotive links und rechts der Gleise. Erst seit Bau des Furka-Basis-Tunnels 1982 ist die komplette Strecke auch im Winter nutzbar. Früher war sie wegen der Lawinengefahr nur von Juni bis Oktober über den Furka-Pass befahrbar. Doch die Fahrt durch den über 15 Kilometer langen Tunnel verhindert seitdem den Blick auf den Rhône-Gletscher, den Glacier, der dem Zug den Namen gab. Viel ist allerdings vom heute eher braunen Gletscher ohnehin nicht mehr übrig, und der Glacier Express bekam deshalb den Werbeslogan-Zusatz „langsamster Schnellzug der Welt“.

Schweiz - Glacier-Express - Lok

Lok des Glacier-Express

Inzwischen ist die höchste Stelle der Strecke erreicht, der Oberalppass auf 2.033 Metern. Es ist die Grenze zwischen Uri und Graubünden. Danach gleitet die rote Bahn über 600 Meter hinab in die von Kalkwänden eingerahmte Rheinschlucht. Der letzte Abschnitt zwischen dem Landwasser-Viadukt und St. Moritz ist die 2008 wegen ihrer vielen Kehrtunnel, Schleifen und Viadukte zum Weltkulturerbe ernannte Albulalinie.

Es ist bereits dunkel, als der Glacier Express in St. Moritz (3) eintrifft. Eisiger Wind pfeift durch die Straßen des Nobelortes, der sogar mit 322 Sonnentagen wirbt. Aber auch der nächste Morgen gibt sich grau. Die Berge haben ihren Nebelmantel bis ins Tal hinabgerollt. Ein paar Schneeflocken tanzen. Vom prickelnden Champagner-Klima, womit nicht gut situierte Champagner trinkende Feriengäste gemeint sind, sondern die belebende trockene, klare Luft, ist nichts zu spüren. Doch auf der ältesten Bobbahn der Welt, der Olympia Bob Run St. Moritz-Celerina, herrscht trotzdem Hochbetrieb. Für 250 Schweizer Franken (207 Euro) können auch Gäste mit 135 Kilometern pro Stunde durch Kurven und Geraden des Natureiskanals sausen.

Schweiz - St. Moritz - Olympia Bob Run St. Moritz-Celerina

Olympia Bob Run St. Moritz-Celerina

In St. Moritz war es kein Pfarrer, sondern der Hotelier Johannes Badrutt, der den Wintersport in den Ort holte. Vor 150 Jahren ging er mit britischen Sommergästen eine Wette ein: Sie sollten auch einmal im Winter kommen. Falls es ihnen nicht gefalle, erstatte er ihnen die Reisekosten. Die Engländer kamen, waren begeistert, und St. Moritz entwickelte sich schnell zu einem der schillerndsten Wintersportorte des Jetset. Während sich Gutbetuchte per Helikopter auf der Piste absetzen lassen, um nicht am Lift anstehen zu müssen, nehmen umwelt- und kostenbewusste Wanderer und Rodler die 105 Jahre alte Standseilbahn zum Muragl. „700 Höhenmeter überwindet sie in knapp zehn Minuten“, erklärt der Maschinenführer. Wanderern empfiehlt er den Philosophenweg. Auf Tafeln sind Weisheiten festgehalten. Zum Sinnieren lässt man sich auf Sartre oder Sokrates ein und auf einer der Holzbänke, auf denen wärmende Wolldecken bereit liegen, nieder. Oder man erfreut sich einfach nur an der Schönheit der Natur. Sie ist immer noch die Hauptdarstellerin der Schweiz - auch in St. Moritz.

 

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