Reisemagazin schwarzaufweiss

Mit dem Rucksack durch das winterliche Bucegi-Gebirge

Text und Fotos: Michael Hennemann

Das Bucegi ist der touristisch am besten erschlossene Teil der rumänischen Karpaten, in denen unser Autor im Winter unterwegs war und rumänische Lebensart kennen lernte.

Wie eine Insel ragt das Plateau vor uns aus dem flauschigen Wolkenteppich: die zerklüftete Caraiman-Felswand in der Ferne, dahinter die schneegepuderten Gipfel von Costila und Omu im gleißenden Sonnenlicht und darüber wolkenloses Blau.

Rumänien / Bucegi / über den Wolken

Über den Wolken ...

Gedämpft knirschten unsere Teleskopstöcke im festgetretenen Schnee. Falk und ich kamen gut voran, trotz der frostigen Luft gerieten wir ins Schwitzen. Vor uns erstreckte sich die sanft gewellte Ebene des Bucegi-Gebirges. Während wir durch den Schnee stapften, kreisten meine Gedanken um unsere Sommertour durch das Fagaras, das zu Recht den Beinamen "Transsilvanische Alpen" bekommen hat.

Rumänien / Bucegi / Weitblick

Weitblick über das winterliche Gebirge

Erinnerungen an einen Sommer in Rumäniens Bergwelt

Wie unterschiedlich doch der Charakter von Bergen sein kann: Im Sommer breitete sich Gesteinsschutt unter den Füßen aus, es ging steil bergauf. Eine Gemse hüpfte keine 20 Meter vor uns entfernt von Fels zu Fels. Vor uns ragte die "Hirtenscharte" himmelwärts, kein Durchgang war zu erkennen. Klettern war angesagt. Zwar waren Ketten in den Fels eingelassen, aber sie erweckten keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Die Rucksäcke schmerzten im Kreuz, mit Händen und Füßen hievten wir uns nach oben. Auf der anderen Seite dann der Beweis: Die Ketten hingen seit Urzeiten; ein nachträglicher Felssturz hatte sie unter sich begraben. Falk rutschte ohne Rucksack vor, ich seilte die Rucksäcke zu ihm ab und hangelte hinterher. Unsere Wintertour sollte, das hatten wir uns geschworen, komfortabler werden.

Nicht ohne Überraschung: eine Fahrt mit der Seilbahn

Um uns den anstrengenden Aufstieg zu ersparen, entschieden wir uns für die Seilbahn von Busteni zur Babele-Hütte. Doch zu einfach sollte es dann doch nicht werden: Kurz vor dem Ziel blieb die Seilbahn plötzlich stehen. Als die Kabine sich weder vorwärts noch rückwärts bewegte, herrschte zuerst Unklarheit, und der Seilbahnführer versucht die Station anzurufen, um von dort Anweisungen zu erhalten. Es dauerte einen Moment, dann wussten wir, was auf uns zukommen sollte: "Der Wind hat zwei Seile verheddert. Ihr müsst Euch abseilen".

Rumänien / Bucegi / Abseilaktion

Abseilen aus 15 Metern Höhe

Eine Bodenluke wurde geöffnet, und zum Vorschein kam das Rettungsgerät. Im Rettungssack schwebten wir die etwa 15 Meter aus der Kabine nach unten. Nachdem alle festen Boden unter den Füßen hatten, gab es einen Schluck rumänischen Pflaumenschnapses, der als "Tuica" bekannt ist, ehe wir uns zur Babele-Hütte aufmachten.

Der Omu-Gipfel ruft

Rumänien / Bucegi / Gipfel

Gipfelstürmer

Nach einer kurzen Rast und dem Aufwärmen mit heißem Tee sollte es Richtung Omu weitergehen. Eisiger Wind fegte über das Plateau und trieb den lockeren Pulverschnee vor sich her. Nur gut, dass man sich im Winter nicht auch noch mit Hirtenhunden herum plagen muss. Deren Aufgabe besteht eigentlich darin, im Sommer Bären von der Schafherde fernzuhalten. Leider stürzen sie sich aus Ermangelung an Bären aber auch auf harmlose Wanderer, sollten die des Weges kommen.

Doch eine andere Herausforderungen wartete schon: Kurz vor dem Omu-Gipfel musste ein schmaler Grad gemeistert werden. Der Wind hatte unterdessen zugenommen, verwandelte sich in einen Orkan und pustete uns fast um. Vergeblich versuchten wir gegen den Sturm anzukämpfen, "Lass' uns umkehren, dass hat heute keinen Zweck", meinte mein Begleiter Falk. Mir gefiel diese Entscheidung gar nicht, denn wir waren nicht mehr sehr weit von der Meteorologischen Station auf dem Omu entfernt, wo wir übernachten wollten.

Während des Rückweges zur Babele-Hütte färbte die untergehende Sonne den Schnee glutrot. Dank des Rückenwindes erreichten wir schnell unser Ziel.

Rumänien / Bucegi / Sonnenuntergang

Sonnenuntergang über der Schneelandschaft

Mit Ellis und Razuan, die uns auf ihr Zimmer einluden, verbrachten wir den Abend. "Der Konsumverzicht war einfach zu groß, deshalb gab es die Revolution", so erzählten die beiden. "Ceausescus wollte die Staatsschulden vollkommen tilgen. Für uns bedeutete das: keine Heizung, kein Strom, keine Lebensmittel." Auch nach der Revolution hat sich an der Situation der Mehrheit der Rumänen kaum etwas verändert. Immer noch ist Rumänien ein außerordentlich armes Land. Selbst Ellis und Razuan, die beide studiert haben und nicht zu den Ärmsten gehören, haben finanzielle Sorgen, so erfahren wir: "Umgerechnet 50 € verdienen wir jeder im Monat. Ein Gehalt verbrauchen wir komplett für Nahrung. Die Wohnung kostet uns 30 € und das ist schon sehr günstig. Viele Wohnungen sind teuerer. Zum Sparen bleibt da nicht viel über. Unser größter Wunsch ist eine Reise nach Frankreich. Ein Freund hat uns eingeladen. Das Ticket dorthin kostet 5 Millionen Lei. Ein komplettes Jahresgehalt!"

Ein neuer Morgen und der erneute Aufbruch zum Omu

Rumänien / Bucegi / Themometerhütten

Am nächsten Morgen meinte es das Wetter gut mit uns. Es war windstill und die Sonne strahlte vom Himmel, als hätte es den gestrigen Abend nicht gegeben. Innerhalb einer Stunde erreichten wir die Stelle, an der wir gestern aufgegeben hatten, nach einer weiteren halben Stunde trafen wir an der Station ein! Mannshoch lag der Schnee, nur der Eingang war frei geschaufelt. Eisnadeln hingen von Steinen, von Wegweisern und Thermometerhütten (Foto rechts) herab. In der Station war es bullig warm. Vlad, der in der Station arbeitet, ließ die Palinka-Flasche kreisen; die Stimmung war ausgelassen. Palinka ist die stärkere, da doppelt destillierte Variante von Tuica. Verständlich, dass diese Form des Alkoholgenusses einer ausgiebigen Grundlage bedarf: Sarmale cu Mammaliga (Krautwickel mit Maisbrei), Carnaciori (Würste in allen Varianten), Chiftele (Hackfleischklößchen) und Ficat (Leber) wurden serviert.

Irgendwann wurde uns der Trubel zu viel und wir zogen uns zurück. Eigentlich wollten wir im Schuppen neben der Station schlafen, doch auch dort war eine Party im Gange. Kommentar von Falk: "Lieber biwakiere ich in der Eiger-Nordwand." Wir beschlossen kurzerhand das Zelt aufzubauen. Noch vor Sonnenaufgang trieb mich am nächsten Morgen die Kälte aus dem Schlafsack.

Rumänien / Bucegi / Sonnenaufgang

Sonnenaufgang

Eine einmalige Aussicht entlohnte für die kalte Nacht: in der Ferne vor eisblauem Himmel die Gipfel des Fagaras und die emporsteigende Sonne, die die Szenerie in mattes Rot taucht. Wirklich schade, dass wir uns schon heute auf den Rückweg machen müssen.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

 

Kurzportrait Rumänien

Spätestens, wenn die Barry Sisters in Jiddisch von "Rumeine" als "a sisse, a scheene, a foine" schwärmen und die Klarinette dazu juchzt, wenn Fanfare Ciocarlia, die von Roma gebildete "schnellste Blaskapelle der Welt", durch die Veranstaltungshallen dröhnt, müsste man neugierig werden auf Rumänien, das nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt ist. Dennoch ist eines der ärmsten Länder des Kontinents noch immer eine grosse Unbekannte, weil es mit einem Negativ-Image zu kämpfen hat und die touristische Infrastruktur westliche Standards nicht erreicht. Das, so ist man bemüht, soll sich ändern, denn vorzuweisen hat die gastfreundliche Nation so einiges.

Rumänien - Karpaten

Mehr lesen ...

Fahrradtour in der Grenzregion zwischen Rumänien und Bulgarien

Rumänien ist uns vertraut geworden in diesen letzten Tagen: Die Gänseherden in den Dörfern, die Eselsgespanne mit den lederhäutigen Alten, die mit zahnlosen Mündern lachen, wenn wir ihnen zuwinken, die Wegränder, die mit Schafgarbe, Hundskamille, Wegwarte und wildem Löwenmaul noch echte Wegränder sind. Radfahren ist anstrengend bei 40 Grad im Schatten. Zudem betrachten rumänische Autofahrer Radler gemeinhin als Objekte, die es möglichst schnittig abzudrängen und anschließend mit offenem Mund im Rückspiegel zu bestaunen gilt. Dennoch wird die Reise zu einer aufregenden Mischung aus Fahren und Sehen, vollgepackt mit Eindrücken bis obenhin.

Donau-Radtour

Mehr lesen ...

 

Von den Karpaten in die Kulturhauptstadt Sibiu

Tierbeobachtung ist ein relativ neues touristisches Angebot in den rumänischen Karpaten. Lange Zeit setzte die Forstverwaltung eher auf den Jagdtourismus. Zwischen 8000 und 10000 Euro kostet es, in Rumänien einen Bären zu schießen. „Aber danach ist der Bär weg – wenn wir Tierbeobachtung anbieten, können wir auch Geld einnehmen, aber die Bären bleiben uns erhalten“.. Mehrere Jahre lang wurde deshalb ein Projekt aufgebaut, das Urlaub auf den Spuren der Großräuber ermöglicht.

Rumänien - Karpaten

Mehr lesen ...

Unterwegs in Draculas Reich. Wandern durch Transsilvanien

Transsilvanien ist das „Land hinter den Wäldern“, eingebettet in die Ost-, Süd- und Westkarpaten. Den Namen Siebenbürgen haben die deutschsprachigen Siedler der Gegend gegeben, die ab Mitte des 12. Jahrhunderts durch einen Aufruf des ungarischen Königs Geza II. ins Land kamen. Typisch für die Region sind die zahlreichen protestantischen Kirchenburgen.

Rumänien - Wandern in Transsilvanien

Mehr lesen ...