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Mittendrin statt nur am (St)Rand

Zentral-Portugal

Text: Winfried Dulisch
Fotos: A2Z-adventures (3) & Winfried Dulisch (9)

Die meisten Portugal-Reisenden besuchen Badeorte am Atlantik. Das Innere des Landes ist ein Geheimtipp für Biker, Wanderer und andere sanfte Touristen. Unser Autor Winfried Dulisch genoss hier all jene Vorzüge, die nur eine lange Zeit vergessene Region wie das portugiesische Centro bieten kann.

Zentral-Portugal - Kürbis vor einer Haustür

In Portugal sind die Fenster und Eingänge der Häuser oft farbig umrandet. Diese Ornamente schützen das Haus vor unerwünschten Kräften und signalisieren gleichzeitig allen wohlmeinenden Besuchern: Herzlich willkommen! Im portugiesischen Centro liegt vor der Schwelle auch schon mal eine Frucht, die dem Haus und seinen Bewohnern Glück bescheren soll.

Eine derartige Schutzmaßnahme gegenüber unerwünschten Fremden ist hier vielleicht sogar notwendig geworden. Denn das geographische Zentrum von Portugal wirbt um Touristen mit einem Slogan, der eine völlig falsche Zielgruppe anlocken und sie gleichzeitig maßlos enttäuschen könnte: „Centro de Portugal - Cool Destination“.

Zentral-Portugal - Bikerinnen

Von wegen „cool“. Das portugiesische Landesinnere profitiert von jenen milden Klima-Bedingungen, mit denen der atlantische Ozean die Westseite der iberischen Halbinsel verwöhnt. Warme Meeres-Strömungen halten diese Region im Winter frei von Eis und Schnee, im Sommer weht ein sanft kühlender Wind über Portugal hinweg. Damit eignet sich das Centro ideal für jegliche Art von sportlichen Outdoor-Aktivitäten.

Prima Klima

Die Region östlich von Coimbra – älteste Universitätsstadt in Portugal, 200 km nördlich von Lissabon, 100 km südlich von Porto - ist allerdings weitgehend ungeeignet für jene Tourismus-Modetrends, die sich gerne mit dem Etikett „cool“ schmücken. Enge Täler und felsige Hügel verhindern in den meisten Centro-Landstrichen die Ansiedlung von Golfplätzen. Und jeglichem Massenandrang stellen sich enge Ortsdurchfahrten in den Weg, für Omnibus-Lenker sind die Hinauf- und Hinabfahrten zu den sehenswerten Bergdörfern eine echte Herausforderung.

Diese malerisch an die Berghänge gepuzzelten Dörfer werten die Region „Centro“ auf zu einem touristisch attraktiven Kleinod, das eine gute Autostunde entfernt von den Atlantik-Badestränden im portugiesischen Hinterland schlummert. Vor allem die historischen Verbindungswege zwischen einigen bis zu 800 Jahre alten Ortschaften bilden heute als „Grande Rota das Aldeias Historicas“ einen idealen Trail für Mountain-Biker und Berg-Wanderer.

Zentral-Portugal - Pedro Pedrosa, Mountainbike-Guide

Pedro Pedrosa, Mountainbike-Guide

535 Kilometer lang ist diese „Große Route der historischen Dörfer“. Auf der Landkarte findet man sie auf halber Höhe zwischen Lissabon und Porto im Osten Portugals – 20, 30 Kilometer entfernt von der spanischen Grenze. Der Mountainbike-Guide Pedro Pedrosa bezeichnet diese abseits aller Touristenströme liegende Region als „das Loch in der Mitte eines Donuts. Aber wir arbeiten daran, sie zu einer schmackhaften Nuss zu entwickeln. Im Vergleich dazu wird das Umland bald nur noch eine harte Schale sein.“

Eine von diesen schmackhaften Nüssen ist das historische Bergdörfchen Gondramaz. Es gehört zur Aldeias do Xisto (Xisto - portugiesisch für: Schiefer), einer Arbeitgemeinschaft von historischen Schiefer-Dörfern in Zentral-Portugal. Viele dieser Ortschaften wurden im Osten des Landes bereits vor mehr als 800 Jahren angelegt, um die 1143 erlangte Unabhängigkeit gegen die Spanier zu verteidigen. Heute bilden Gäste aus dem Jahrhunderte lang feindlichen Nachbarland die größte Besuchergruppe. Für Kult(o)uristen aus dem übrigen Europa sind die Schieferdörfer immer noch ein Geheimtipp.

Zentral-Portugal - Bikerin

Die internationale Mountainbiker-Szene hat dagegen den Charme des portugiesischen Hinterlandes frühzeitig erkannt. Und diese Besucher wissen es zu schätzen, dass die Tourismus-Manager in Zentral-Portugal nicht jene Fehler wiederholen wollen, mit denen andere Bergwander-Destinationen ihre Landschaften und ihren guten Ruf ruinierten.

Nuno Santos, der sich als Guide auf sportlich anspruchsvolle Mountainbiker und Felsenkletterer spezialisiert hat, vergleicht: „Unsere Schieferdörfer haben heute noch jenen Charme, der in den 70er Jahren auch in Italien, Frankreich und Spanien zu spüren war. Aber wir sorgen dafür, dass bei uns die Einheimischen nicht von fremden Investoren aus ihrer alten Umgebung verdrängt werden.“

Echt cool

Kerstin Thomas ist eine Fremde, die in dem Bergdorf Cerdeira investierte. Die deutsche Bildhauerin investierte dort ihr komplettes Leben. Ihre Geschichte klingt zunächst wie eine typische Aussteiger-Biografie. Dabei wollte sie sich als Künstlerin eigentlich nur ein wenig inspirieren lassen von dieser Berglandschaft, in der die Vegetation zu allen Zeiten des Jahres mediterran üppige Blüten treibt. Aber dann bekam sie das Angebot, hier einen alten Dorfladen zu übernehmen.

Zentral-Portugal - Kerstin Thomas in ihrem Bergdorf-Laden

Kerstin Thomas in ihrem Bergdorf-Laden

„Nein, ich betreibe hier keinen Tante-Emma-Laden.“ Kerstin Thomas widerspricht energisch, wenn man ihr Komplimente dafür macht, dass sie im Umkreis von zehn Kilometern die einzige Händlerin ist, bei der die alteingesessenen Bewohner von Cerdeira solche Produkte wie Mehl, Zucker und andere Artikel des täglichen Bedarfs einkaufen können. Stimmt. Denn dieser Laden dient gleichzeitig als Touristen-Infostelle und Souvenir-Shop.

„Aber schauen Sie sich diese Souvenirs mal genauer an“, fordert sie den Besucher auf. Und zu jedem einzelnen Produkt, das hier angeboten wird, kann Kerstin Thomas die Entstehungsgeschichte erzählen und eine Verbindung zu ihrer neuen Heimat herstellen. Typische Waren in ihrem Sortiment sind hochwertig gestaltete Puppen und handgemachten Holzlöffel.

Zentral-Portugal - Picknick

Mit besonderem Stolz spricht Kerstin Thomas von den Leinenschals und Taschen aus Handweberei einer hiesigen Frauen-Kooperative. „Manche Besucher meines Ladens fotografieren diese Textilien und wollen sie anschließend selbst anfertigen. Aber zuhause stellen sie dann enttäuscht fest, dass sie die guten alten Herstellungstechniken der hiesigen Region nicht beherrschen.“ Gleiches gilt für eine Töpferei, die in der Nachbarschaft von Kerstin Thomas in traditioneller Technik Designer-Produkte herstellt aus "barro negro"(schwarzer Ton).

Nicht nur das Auge isst mit, sondern auch der Magen. Deshalb verkaufen Kerstin Thomas in Cerdeira und die entsprechenden Läden in den anderen Schieferdörfern auch regionale Back-Spezialitäten. Außerdem führen sie in ihrem Sortiment jenen dunkelbraunen Honig, der seine Farbe und seinen Geschmack den Kastanienblüten und Erika-Gewächsen dieser fruchtbaren Berglandschaft verdankt.

Zentral-Portugal - Die Käsemacherin Idalina Vaz

Die Käsemacherin Idalina Vaz

„Slow Food“ mag für deutsche Gourmets inzwischen ein Standard sein, an dem sich die Hersteller von Nahrungsmitteln und deren Genießer orientieren sollten. Portugiesen können mit diesem Modewort nichts anfangen – vor allem nicht in einer Region wie dem Centro, wo die Zeit in der Küche wie auch anschließend am Esstisch jeden Tag aufs Neue still zu stehen scheint.

Bei den Eheleuten Vaz wird die Zeit jeden Morgen ab neun Uhr besonders lange angehalten. Der Besucher ihrer kleinen Ziegenkäse-Produktionsstätte soll zwar unbedingt pünktlich kommen, wenn er beim Melken zuschauen möchte. Aber es dauert mindestens bis halb zehn, ehe sich Idalina und ihr Mann Jose auf den 50 Meter langen Weg zu ihrem Ziegenstall machen. Dort müssen dann erst einmal die drei Ziegen gehätschelt und geknuddelt und mit ruhigen Worten auf das tägliche Abmelken eingestimmt werden.

Zentral-Portugal - im Ziegenstall

„Wir reden mit den Tieren, weil das gut ist für die Milch“, garantiert Jose Vaz, während Idalina bereits die erste Ziege melkt. Um elf Uhr sind alle drei Tiere abgemolken und psychologisch bestens nachversorgt. Die zwei vollen Messbecher wandern rüber zum Wohnhaus. Dort schüttet Adalina die zwei Liter durch ein Handtuch. Anschließend muss die Milch eine halbe Stunde ruhen.

Erst dann darf jener Prozess beginnen, bei dem sich die festen Käse-Bestandteile von der flüssigen Molke trennen. Früher setzte Idalina diesen Prozess in Gang mit einem Kraut, das sie in den umliegenden Wäldern gefunden hatte. Aber seit sie nicht mehr so gut zu Fuß ist, verwendet sie ein Mittelchen aus der Apotheke, das die Fermentierung anregt.

Zentral-Portugal - Ziegenmilch

Jose nutzt die Wartezeit, um seinem deutschen Besucher ein Erlebnis aus der Kindheit zu erzählen: „1939 war ich neun Jahre alt. Da schwebte eines Tages über unserem Tal ein riesiges Ungeheuer. Keiner von uns – auch die Erwachsenen nicht – wusste damals, woher es kam. Diese Erscheinung hat mich bis 2005 in meinen Träumen verfolgt.“

Zeppelin und Ziegenkäse

Als 75-Jähriger erfuhren Jose und seine Nachbarn dann zufällig aus einer portugiesischen Zeitung, dass der deutsche Graf von Zeppelin diese Alpträume verursacht hatte. Adelina ermahnt ihren Jose freundlich, dieses Thema zu beenden. Denn sie möchte mit ihm die Molke-Flüssigkeit durch ein Sieb schütten und anschließend die Trockenmasse zu einem Käselaib formen.

Mit demütig sanftem Gesichtsausdruck bekreuzigt Idalina sich, bevor sie die Käsemasse in die runde Form presst. Denn was nun folgt, liegt nicht mehr in ihrer Hand. Von jetzt an sorgt eine höhere Macht für die weitere Entwicklung ihres Käses. Denn einen Käse kann man nicht produzieren; man kann ihm allenfalls – wie einem guten Wein – dabei helfen, sich selbst zu produzieren. „Komm so gegen fünf Uhr noch mal vorbei und hol dir den Käse ab.“ – That’s slow food.

Zentral-Portugal - Mountain-Biker Nuno Santos vor einer Korkeiche

Mountain-Biker Nuno Santos vor einer Korkeiche

Apropos: Englisch. Auch in den entlegenen Dörfern des Centro sprechen die Menschen ein hervorragendes Englisch. Denn Hollywood-Filme laufen im portugiesische Fernsehen meist nur mit Untertiteln. Der spanische Markt ist größer, dort werden Synchron-Fassungen gezeigt – mit der Wirkung: Spanier sprechen ein mühsam angelerntes Englisch, Portugiesen fallen durch ihren kalifornischen Zungenschlag angenehm auf. Vor einem halben Jahrtausend wäre es umgekehrt gewesen, da war Portugiesisch die meistverwendete Sprache der Welt.

Im portugiesischen Hinterland ist heute kaum noch etwas zu spüren vom Stolz der ehemaligen Kolonialmacht. Stattdessen lassen die Bewohner lieber ihre Liebe zur heimatlichen Scholle durchschimmern. „Bananenschalen könnt ihr in die Büsche werfen“, erlaubt Nuno Santos den Teilnehmern seiner Mountainbike-Gruppe. „Aber das Papiertaschentuch hebst du bitteschön wieder auf.“ – Echt cool.

Kerstin Thomas wirbt dafür um Verständnis bei ihren deutschen Landsleuten, die mal eben für ein paar Tage in Zentral-Portugal vorbeischauen wollen: „Eine Gebirgs-Landschaft reagiert sensibel, wenn Hunderte von Bikern dort einfallen und keinen Respekt vor der Natur zeigen.“ – Und für den weniger respektvollen Massentouristen gibt es in Portugal ja immer noch die Strände am Atlantik.

Zentral-Portugal - Pedro Pedrosa in den Gassen von Gondramaz

Pedro Pedrosa in den Gassen von Gondramaz

 

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