Reisemagazin schwarzaufweiss

Von Porto nach Lissabon

Der portugiesische Atlantik-Radweg

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Von der ehemaligen portugiesischen Kulturhauptstadt Porto bis in die Hauptstadt Lissabon führt diese Route auf Radwegen und manchmal auf Nebenstraßen am Atlantik entlang und ins Hinterland.

Portugal - Porto am Douro, im Vordergrund manchmal Rabelos, Portwein-Kähne/Boote

Häuser am Fluss

Am Douro-Kai in Porto (1) drängeln sich Touristen. Musiker trommeln, Gaukler zeigen Kunststücke. Auf Tapeziertischen liegen bestickte Tücher zum Kauf. Die Cafés und Restaurants ringsum sind krachvoll. Man hört Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch. Jenseits des Flusses leuchten die Häuser der Portweinfirmen in der Abendsonne. Davor schaukeln die so genannten Rabelo-Kähne im bräunlichen Wasser. Über allem spannt sich wie ein ruhiger Bogen weit die gigantische Eisenkonstruktion der Brücke D. Luis I.

Portugal - Porto Brücke D. Luis I

Brücke D. Luis I

Ich schiebe hinüber auf die Nordseite und bemerke, wie schwer der Abschied fällt. Nun leuchten die mit Azulejos gefliesten Häuser am gegenüber liegenden Douro-Ufer im morgendlichen Sonnenglanz, die Fenster blitzen wie Augen. Die Radroute schlängelt sich am Wasser entlang und es dauert nicht lange, da geht es schon durch ein Fischerviertel, wo bunte Wäsche fröhlich auf der Leine schaukelt, und ans Meer.

Portugal - Wäsche flattert im Wind, Fischerviertel außerhalb Portos

Wäsche flattert im Wind im Fischerviertel außerhalb Portos

Wellen schauen

Auf dem glatt und rot asphaltierten Radweg schnurrt der Reifen an kilometerlangen, goldgelben Sandstränden und am blauen Wasser entlang, durch den Kiefernwald von Buçaquinho und manchmal über Holzbohlen durch Dünen. Einziger Wermutstropfen: Die meist etwas gesichtslose Architektur der Badeorte mit ihren Appartementblocks. Macht nichts: Blickrichtung nach rechts zum Atlantik.

Portugal - Kurz hinter Porto geht’s auf einem glatt asphaltierten Radweg direkt am Atlantik und den Dünen entlang

Kurz hinter Porto geht’s auf einem glatt asphaltierten Radweg direkt am Atlantik und den Dünen entlang

Durch die elf Kilometer breite Lagune von Aveiro geht es kerzengerade aus. Sie entstand im 16. Jahrhundert, als das Meer sich zurückzog und so verschiedene Inselchen entstanden. Platt wie ein Pfannkuchen ist die Landschaft und trotz Morgendunst ist die Sicht weit: auf Flamingos, die in Reihenformation spazieren, auf Echsen, die über die Straße huschen, auf Fischer und ihre Moliceiros. Das sind mit Ornamenten bemalte Boote aus Pinienholz, die speziell dafür gebaut sind, Moliço zu fangen, eine Art Seegras und Algen, der gut zum Düngen des Ackerbodens ist. Im Hafen von São Jacinto bleibt Zeit für eine Bica, einen Espresso, denn die 11.40-Uhr-Fähre legt heute nicht ab. Das regt keinen besonders auf, um 12.25 Uhr fährt schließlich die nächste hinüber auf die Südseite nach Praia da Barra.

Portugal - Der Leuchtturm von Aveiro, mit 62 Metern der höchste Portugals

Der Leuchtturm von Aveiro, mit 62 Metern der höchste Portugals

Der rot-weiß-gestreifte Leuchtturm von Aveiro (2) ist mit 62 Metern der höchste Portugals. Gestreift geht es auch in Costa Nova zu: Dort finden sich viele Holzhäuschen in diesem Stil, die den Ort putzig aussehen lassen. Von hier kommt die Xávega-Kunst: Beim Fischen mit einem großen Ruderboot werfen die Männer das Netz so aus, dass ein Kreis entsteht. Früher zog man die prall gefüllten Netze mit Rindern aus dem Wasser, heutzutage passiert das weniger romantisch mit Traktoren.

Portugal - Typisch gestreifte Holzhäuser in Costa Nova

Typisch gestreifte Holzhäuser in Costa Nova

Auf den renaturierten Dünen Richtung Valadares starrte man ins Meer und auf die großartigen Wellen. Und nicht nur da, es ist stets das gleiche Schauspiel: Man entert irgendeine Strandbar, einen Kiosk oder ein Café, um Galão zu schlürfen, portugiesischen Milchkaffee im Glas. Die unbesetzten Alustühle wackeln und klackern im Wind, Sonnenschirme ächzen, die Sonne strahlt herab. Die anwesenden Personen sprechen kein Wort und starren Richtung Atlantik in sich überschlagende Wellen, sehen das Auf und Ab. Wellenschauen scheint ein nationales Hobby zu sein. Der Soundtrack dazu, das Toben und Brausen, macht süchtig. „O mar“, seufzt eine Portugiesin, „das Meer“, und das gleichnamige Lied von „Madredeus“ schleicht sich ins Hirn. Nur drinnen an der Bar geht es laut und lebhaft zu. Einer redet seit 20 Minuten ohne Unterlass. Man hört ihm zu, unterbricht, kommentiert.

Portugal - Atem beraubende Landschaften in Pedrogão

Atem beraubende Landschaften in Pedrogão

Das könnte überall hier sein, und welcher Strand nun der schönste ist, Praia de Mira, Pedrogão, Vieira, São Pedro de Moel, ist schwer zu sagen. In São Pedro de Moel (3) sitzt man im „Estrela do Mar“, dem Meeresstern, direkt an den Klippen. Der Wirt kommt an den Tisch und zeigt den frischen Fang, der später gegrillt auf den Tisch kommt.

Portugal - in São Pedro de Moel - der Wirt des Restaurants „Estrela do Mar“ - Stern des Meeres – zeigt die fangfrischen Fische

In São Pedro de Moel zeigt der Wirt des Restaurants „Estrela do Mar“ die fangfrischen Fische

Nicht immer geht’s am Meer entlang, auch durch den würzig duftenden Pinienwald von Leiria führt die Route auf einem glatt asphaltierten Radweg. König D. Dinis ließ den Wald einst anlegen. Warum, darüber scheiden sich die Geister: Eine Version besagt, um den Sand nicht Richtung Inland wehen zu lassen. Die romantischere meint, um Holz für den Bau der Boote der einstigen Entdecker zu bekommen.

Portugal - Zum Trocknen auf Holzgestelle gespannte Fische in Nazaré

Zum Trocknen auf Holzgestelle gespannte Fische in Nazaré

Von Sitio da Nazaré aus schaut man auf den über 100 Meter tiefer liegenden Ort Nazaré (4), auf Strandzelte, Sand, die halbmondförmige Bucht, Holzgestelle, um die Fische zu trocknen und Klippen wie auf eine Puppenstube. Oben versuchen Frauen in traditionell sieben übereinander getragenen Röcken Nüsse und Trockenfrüchte und angeblich handgestrickte Pullover und Strümpfe an den Touristen zu bringen.

Portugal - Beobachtungen in Sítio da Nazaré: Frau mit „sieben Röcken“

Beobachtungen in Sítio da Nazaré: Frau mit „sieben Röcken“

Seit der australische Surfer Garrett McNmara hier mit der höchsten je gesurften Welle einen Weltrekord aufstellte und eine Surfschule gründete, kommen zu den Bade- die Surftouristen hinzu. Garrett begegnet einem auf der Speisekarte des Restaurants „Celeste“ wieder, wo es ein Mc-Namara-Menü gibt. Ich entschließe mich aber zu einer Caldeirada de Peixe, einem Fischeintopf, der in einer Cataplana serviert wird. Die Cataplana sieht aus wie eine UFO-artige Kugel. In ihr schmort das Essen. Die nette Köchin kommt persönlich an den Tisch, stemmt die Arme in die Hüften und fragt, ob es geschmeckt hat. Hat es. Und wie!

Portugal - Cataplana mit Caldeirada do Peixe (Fischeintopf) im Restaurant „Celeste“ in Nazaré

Cataplana mit Caldeirada do Peixe im Restaurant „Celeste“ in Nazaré

Draußen defiliert man die Hafenpromenade entlang. Und sie entlang geht es auch zunächst raus aus dem einstigen Fischerdorf, am Hafen vorbei und ins Inland nach Alcobaça (5). Mit dem Bau des Klosters Alcobaça, UNESCO-Weltkulturerbe, auf einem während der Reconquista den Mauren entrissenen Gebiet, beauftragte 1153 König Afonso Henriques die Zisterzienser.

Portugal - Kloster und Klosterkirche Alcobaça

Kloster und Klosterkirche Alcobaça

Die Klosterkirche, ein gigantischer Bau mit über 100 Meter langem und 20 Meter hohem Kirchenschiff, beeindruckt durch ihre Schmucklosigkeit und Leere. Vielleicht deshalb wirken die beiden reich von Steinmetzen ausgeschmückten Sarkophage in den Querhäusern umso stärker: Hier liegen sich der 1370 verstorbene Pedro I. und seine Geliebte, die 1355 ermordete Inês de Castro gegenüber. Inês war die einstige Hofdame der Frau Dom Pedros. Nach dem Tod seiner Frau 1355 lebte er offen mit Inês zusammen, was dem Vater ein Dorn im Auge war. Dieser befürchtete Einflussnahme des kastilischen Adelsgeschlechts, aus dem Inês stammte, und ließ sie töten.

Portugal - Das Grabmal von Inês in der Klosterkirche von Alcobaça

Das Grabmal von Inês in der Klosterkirche von Alcobaça

Die steinernen Köpfe der Sarkophage werden von Engeln gehalten, Szenen ihrer beider Leben, aus der Geschichte, aber auch Fabelwesen zieren die Seitenwände. Damit sie sich am Jüngsten Tag gleich in die Augen blicken können, stehen sie einander gegenüber. „Até ao fim do mundo“, bis zum Ende der Welt, steht neben einem Glücksrad zu lesen. Ein Pilgerort für Verliebte.

Die Zisterziensermönche brachten auch neue Anbaumethoden ins Land und fortan war die Region ein Anbaugebiet für Äpfel, Birnen und Pfirsiche, was man vom Rad aus gut erkunden kann. Über Sträßchen, die sich zwischen Obstbäumen hindurch schlängeln, geht es zurück an die Küste.

Ein Schluck und weg

Einige kleinere Anstiege sind nun doch zu bewältigen. Hinauf auf die Klippen geht es vor São Martinho do Porto mit seiner muschelartigen Bucht. König D. Dinis begegnet man in Óbidos (6) wieder, der Stadt der Königinnen. Einst schenkte er Óbidos seiner Gattin Isabel. Fortan bekamen alle Königsgattinnen bis 1834 dieses hübsche Präsent. Heutzutage schlendern Touristen durch den Ort mit seinen weiß gekalkten Häuschen, der Burg und der Stadtmauer, auf der man um den ganzen Ort herumlaufen kann. Bücherliebhaber freuen sich über zwei kuriose Buchhandlungen: Eine ist in einer ehemaligen Kirche untergebracht, die andere zusammen mit einem Biomarkt in einer ehemaligen Kantine. Wofür Óbidos ebenso berühmt ist, ist der Ginja, ein aufgesetzter Kirschlikör. Stilecht nach einem alten Rezept der Mönche hergestellt nimmt man ihn in „Ibn Errik Rex Bar“ zu sich. „Com o sem?“ - „Mit oder ohne?“ - wird man nur gefragt, Kirschen sind gemeint, und kippt dann das klebrige Zeug hinunter.

Portugal - in der „Ibn Errik Rex Bar“ mit dem angeblich besten Ginja (aufgesetzter Kirschlikör) von ganz Óbidos

In der „Ibn Errik Rex Bar“ mit dem angeblich besten Ginja von ganz Óbidos

Ginja ist auch die geheime Passion der Lissabonner. Über die Innenstadt verteilt finden sich so genannte Ginjerias, die von oben bis unten mit Azulejos gefliest sind: Miniaturkneipen, die selten die Größe von vier Quadratmetern überschreiten. Die Schuhsohlen sind klebrig, denn so mancher übereignet die Kerne dem Fliesenboden. Man kommt, trinkt und geht. Ein Schluck und weg, heißt die Devise. Ein Besuch im Fliesenmuseum sollte sich anschließen, eine Fahrt mit der ratternden Straßenbahn, mit einer Standseilbahn oder einem der Aufzüge auf die Hügel und natürlich Richtung Belém, am besten auf dem Radweg den Tejo entlang. Neben weiteren Sehenswürdigkeiten spannt sich die rote Hängebrücke über zwei Kilometer lang über den Fluss. Und so endet diese Tour der Überraschungen auf Kilometern über Kilometern glatt asphaltierter Radwege, wie sie begonnen hat, an einer weltberühmten Brücke: Von der Eisenbrücke Ponte D. Luis in Porto zur weit geschwungenen 25 de April in Lissabon.

 

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