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Frischzellenkur für den Heurigen

Wiener Wein steht wieder für Qualität

Text und Fotos: Ulli Traub

„Wien und Wein – das war lange Zeit eine verschlafne G’schicht“, bemerkt Michael Edlmoser lächelnd. Der junge Mann aus dem Wiener Bezirk Mauer im Süden der Stadt weiß, wovon er spricht. Vor ein paar Jahren hat er das seit Jahrhunderten im Familienbesitz befindliche Weingut übernommen. Seitdem fügt Edlmoser der G’schicht über den Wiener Wein neue Kapitel voller Leben und Gehalt hinzu.

Wien - Wein
Junger Wilder: Michael Edlmoser ist einer von einer
Handvoll Wiener Winzern, die für eine
Qualitätsoffensive gesorgt haben

Was eigentlich nur durch eine Lautverschiebung getrennt ist, hat unter Qualitätsaspekten lange schon nicht mehr recht zusammemgepasst. Der einfache, variantenarme Rebsaft, den die meisten Wiener Winzer keltern und im Heurigen ausschenken, ist in den Restaurants der Stadt verpönt. Dank der Qualitätsoffensive, die Edlmoser und eine Hand voll anderer ambitionierter Winzer vor ein paar Jahren gestartet haben, ist in diese Konstellation nun Bewegung gekommen.

Rebstock in Wien
Reben vor barocker Pracht: der letzte innerstädtische Rebstock
am Schwarzenbergplatz im Zentrum Wiens

„Wien ist die einzige Metropole der Welt mit ökonomisch bedeutendem Weinbau“, erklärt der Wiener Weinkenner und Autor Klaus Egle. Mit einer Rebfläche von fast 700 Hektar, die von 320 Winzerbetrieben bewirtschaftet wird, stellen die Weingärten, die große Teile der Stadt ummanteln, auch ein beliebtes Naherholungsgebiet dar. Dass der Wiener Wein seit einigen Jahren von ein paar Winzern auf einem nie da gewesenen Niveau produziert wird, freut Egle. „Schließlich haben wir hervorragende Böden und ein besonderes Kleinklima, das im Norden anderen Einflüssen unterliegt als im Süden.“ Der Sortenvielfalt komme das bei entsprechendem Ausbau zugute.

Wein - Grinzing
Einladend: Eingang zu einem Heurigen in Grinzing

Wer von den Wiener Heurigen-Orten ein paar Schritte stadtauswärts spaziert, steht schnell inmitten weiter Weingärten. Wanderwege führen im Norden von Grinzing hoch zum Cobenzl oder zur Sissy-Kapelle. Von hier hat man einen prächtigen Blick auf die Stadt am Fuße der Weinberge, auf ihre Kirchtürme und die Kuppeln der weltlichen Prachtbauten. Ausgangspunkt für eine Weinbergswanderung zum hoch über der Donauebene liegenden Heurigenlokal Sirbu ist das Kahlenbergerdorf mit seinem historischen Ambiente. Auch im Süden der Stadt, in Mauer, laden dichte Weingärten zum Spaziergang ein – so die Rebhänge am Kadoltsberg, über die man schnell den Wiener Wald erreichen kann.

Mariensäule bei Neustift
Wandererziel: Mariensäule auf dem Wein-Lehrpfad
in den Weinbergen bei Neustift am Walde

In Neustift am Walde liegen Theorie und Praxis nahe beinander. Nach dem Spaziergang auf dem Wein-Lehrpfad empfiehlt sich eine Brotzeit in einem Heurigen. Die guten Lokale erkennt man am Föhrenbusch, dem „Ausg’steckt“-Schild und dem Siegel „Der Wiener Heurige“. Dort ist nicht nur der Wein aus Wien, sondern auch die Qualität des gastronomischen Angebotes geprüft.

Über die Besonderheiten des Wiener Weins kann man sich auch auf den so genannten Riedenwanderungen informieren. In Begleitung von Winzern wie Rainer Christ stapft man durch die Weinberge, um „Verständnis für die zum Teil sehr alten Rebstöcke und die Beschaffenheit des Terroirs, auf dem sie wachsen, zu bekommen“. Wer dem Jungwinzer aus dem im Norden gelegenen Jedlersdorf zuhört, glaubt ihm gerne, dass guter Wein Begeisterung brauche. Bei seiner Arbeit auf dem 400 Jahre alten Weingut im Familienbesitz strebt Rainer Christ nach einer harmonischen Verbindung von Tradition und Innovation.

Weinwanderung
Nur wenige Kilometer vom Steffl entfernt: Die Wiener Weinberge
laden zum Wandern ein – hier bei Neustift am Walde

Nach der Riedenwanderung sitzt man im hauseigenen Heurigen zusammen und, keine Frage, das Viertel schmeckt jetzt nach all den Informationen noch ein bisschen besser. „Für mich ist Wein der Hauptdarsteller im Heurigen“, resümiert der Winzer. „Da muss die Qualität stimmen.“ Für Rainer Christ und seine Mitstreiter, die natürlich auch Heurige betreiben, sind die Zeiten vorbei, in denen der Gast gefragt wurde, ob der Wein weiß oder rot sein solle. Heute ist das Angebot differenzierter, so dass man einen Vorgeschmack auf die weiteren Schätze des Winzerbetriebs bekommt.

Der Heurige, diese neben Beisl und Kaffeehaus dritte Institution der Wiener Gemütlichkeit, hat durch das Engagement der Winzer eine Frischzellenkur erfahren. Darüber darf sich der Wien-Besucher freuen – auch wenn er kein ausgewiesener Weinkenner sein mag. Neben der Tradition, die 1784 mit einem Erlass von Kaiser Joseph II. begann, der den Winzern auch den Ausschank ihres Weines erlaubte, steht nun wieder die Qualität. „Wo die Einheimischen verkehren, die sich lange rar gemacht hatten, da ist der Heurige in Ordnung“, gibt Michael Edlmoser als Tipp mit auf den Weg.

Palais in Wien
Palais Coburg, Hotel und Restaurant: eine
der besten Adressen für Wein in Wien

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