Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo die Donau fließt und genießt

Westlich und östlich von Wien

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Österreich - Wachau

Foto: Pater Martin Rotheneder (Copyright Stift Melk)

Donau so blau, so blau, so … - denkste. 1935 ergab eine Zählung, dass ihr Wasser an 109 Tagen smaragdgrün, an 55 lehmgelb, an 49 hellgrün, an 47 grasgrün, an 38 sogar schmutziggrün, an 37 dunkelgrün und an 24 Tagen stahlgrün war. Unser Autor Winfried Dulisch kommt aber zu dem Ergebnis: Egal, welche Farbe die niederösterreichische Donau auch hat - von der Wachau bis zu den Donau-Auen bietet sie ungetrübten Genuss.

Wenn die Donau durch das Bundesland Niederösterreich fließt, nimmt sie sich erst einmal viel Zeit für die landschaftlichen Schönheiten, die hier das Auge erfreuen. Bevor sie weiter nach Wien fließt, durchquert sie erst einmal die Wachau - jenes Tal, das wegen seiner Weinbau-Terrassen von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Östlich von Wien breitet sich der Fluss dann genüsslich aus in den Donau-Auen, wo auch die Menschen gerne die Ruhe eines weitestgehend unberührten Naturschutz-Reservats genießen.

Österreich - Wachau - Donau-Auenlandschaft

Donau-Auenlandschaft

Wer es kultivierter mag, für den sind die terrassenförmig angelegten Weinberge der Wachau das ideale Natur-Schauspiel. Und die Route durch diese Kulturlandschaft am links zur Donau gelegenen Nordufer – immer mit Blick hinunter auf den Fluss – gilt heute als romantische Königsetappe auf dem Donau-Radwanderweg von Passau nach Budapest. Die mittelalterlichen Jakobspilger wanderten dagegen am Südufer der Donau, wenn sie auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela zum Grab des heiligen Jakobus die Wachau durchquerten.

Das Benediktinerkloster Stift Melk ist heute ein idealer Ausgangspunkt für eine Wanderung flussabwärts auf dem „Jakobsweg durch die Wachau“. Dieses 44 Kilometer lange Jakobsweg-Teilstück führt erst einmal zum Wallfahrtsmuseum Maria Langegg und von dort aus weiter zum Benediktinerstift Göttweig. Anschließend sind es noch 70, 80 Kilometer bis Wien. Östlich der österreichischen Hauptstadt gelangt der Wanderer oder Radler immer am Fluss entlang in die Donau-Anliegerstaaten Slowakei und Ungarn.

Österreich - Wachau - Bibliothek im Wallfahrtsmuseum Maria Langegg

Bibliothek im Wallfahrtsmuseum Maria Langegg

Die beiden barocken Kloster-Pachtbauten Melk und Göttweig gehören zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten für Kultur-Touristen – nicht nur in Niederösterreich, sondern im gesamten Donau-Raum. Das 21. Jahrhundert entdeckt neben diesen imposanten Bauwerken als ein lohnendes Ziel auch jenen Wanderweg, der Göttweig und Melk miteinander verbindet. Er führt durch Weinberge und beschauliche Winzerdörfchen. Schon die Jakobspilger genossen im Mittelalter gerne die Früchte der Weinberge und all die übrigen Köstlichkeiten, die der Herrgott hier am Wegesrande wachsen lässt.

Der Benediktiner-Pater Martin Rotheneder, im Stift Melk für Kultur und Tourismus verantwortlich, kennt die Bedeutung des Genießens für ein gedeihliches Klosterleben. „Unser Ordengründer Benedikt von Nursia wusste nur zu gut, dass unzufriedene Menschen keine guten Mönche sein können. Deshalb legte er Regeln für den maßvollen Umgang mit Essen und Trinken fest.“ Wie gesagt: maßvoll, nicht unkontrolliert – was dem heutigen Trend zu einer bewussten Ernährung entgegen kommt.

Österreich - Wachau - Pater Martin Rotheneder

Pater Martin Rotheneder

In seiner Ordensregel hatte der Gründer des Benediktiner-Ordens vor 1500 Jahren sogar festgelegt, dass jedem seiner Mönche täglich eine Hämina Wein zukommen soll. - Welcher Menge von Wein entspricht eine Hämina? – Niemand weiß heute genau, was der heilige Benedikt damit gemeint haben könnte. Der Kultur- und Tourismus-Manager Pater Martin empfiehlt deshalb, die Maßeinheit „Hämina“ einfach frei zu übersetzen mit „schluckzessive genießen“.

Der höchste Genuss – im wahrsten Sinne des Wortes – war für den Benediktiner-Mönch allerdings eine Fahrt mit dem Fesselballon, bei der ihm die Größe und Bedeutung seines „Wohnhauses“ bewusst geworden ist. „Und ausgerechnet bei diesem Ausflug hatte ich nur eine kleine Billig-Kamera dabei“, nennt Pater Martin als Entschuldigung für die mangelhafte Bildqualität. Macht nix, Herr Pater! Denn die Wirkung dieses Anblicks, der sonst nur den himmlischen Heerscharen vorbehalten ist, erschließt sich sogar auf einem PC-Bildschirm - siehe oben.

Österreich - Wachau - Köstlichkeiten der Wachau: Marille und Wein

Köstlichkeiten der Wachau: Marille und Wein

Neben dem Wein hat die Donau-Region 100 Kilometer vor Wien aber noch andere Genüsse zu bieten. Zum Beispiel die Wachauer Marille. Diese Aprikosen-Sorte wurde von der EU als regionale Spezialität anerkannt. Nur hier in der Wachau gedeiht solch eine Aprikose, die mit ihrem Duft und Geschmack den Genießer verzaubert.

Ihre Einmaligkeit verdankt die süße Wachauerin dem mineralischen Boden. Und sie profitiert von einem – auch im Winter höchst angenehmen – Klima in diesem Donau-Durchbruchtal. Mehr als 200 – meist kleine, aber alle sehr feine – Anbau-Betriebe haben sich inzwischen zusammengeschlossen zu einem „Verband zum Schutz der Wachauer Marille“.

Nachdem die Jakobspilger-Bewegung im späten Mittelalter verebbt war, lag das südliche Donau-Ufer im Windschatten des Wachau-Tourismus. Und solche kitschig bunten Kino-Machwerke wie das „Mariandl“ aus den frühen 60er Jahren polierten überwiegend das Image des Donau-Nordufers mit seinem hellblauen Dürnsteiner Kirchturm und den übrigen Postkarten-Motiven auf.

Österreich - Wachau - Katharina Aufreiter, Winzerin und Naturschützerin

Katharina Aufreiter, Winzerin und Naturschützerin

Aber heute kann der Winzer und Marillen-Bauer Harald Aufreiter feststellen: „Unsere Anstrengungen wurden lange genug nicht beachtet. Nun trägt diese Arbeit – im wahrsten Sinne des Wortes – endlich ihre Früchte.“ Und das ist erst der Anfang. Seine Frau Katharina verspricht für die Zukunft „eine Wachauer Früchte-Vielfalt. Wir haben dafür die geeigneten Böden. Und wir haben eine Sonne, wie sie nirgendwo sonst nördlich der Alpen scheint.“

Das Winzer-Ehepaar Aufreiter orientiert sich bei seiner Zukunftsplanung an den Zielen der „Arche Noah“, einer in Österreich aktiven „Gesellschaft zur Erhaltung und Verbreitung der Kulturpflanzen-Vielfalt“. Die Arche Noah will nicht nur wertvolle Kulturpflanzen-Sorten vor dem Aussterben bewahren, sondern auch viele bislang weniger hoch eingeschätzten Pflanzen. Und jener Marillen-Lehrpfad, den die Aufreiters zu Füßen vom Stift Göttweig angelegt haben, ist bereits Vorbild für andere Genuss-Spender – nicht nur in der Wachau.

Österreich - Wachau

Für Katharina Aufreiter beginnt der Genuss nicht erst dann, wenn der Gast die Marille und andere Genussmittel serviert bekommt. „Zu unserem Genuss-Konzept gehört es auch, dass unsere Gäste hier hautnah erleben können, wie hier der Wein und die anderen Wachauer Köstlichkeiten gedeihen.“ Das Wandern oder das gemütliche Radeln ist ein Teil dieser Er-Fahrung, die jeder Wachau-Besucher als Souvenir mitnehmen kann nach Hause.

Und all diesen guten Erfahrungen werden in der südlichen Wachau prachtvoll eingerahmt von den Barock-Klöstern Melk und Göttweig. Im östlichen Teil von Niederösterreich zählen einige mehr weltliche Prachtbauten zu den touristischen Attraktionen. Zum Beispiel das Festschloss in Hof an der Donau, eine knappe Autostunde entfernt von Wien; dort feierten die Kaiserin Maria Theresia oder der Prinz Eugen einst mit ihren erlauchten Gästen.

Österreich - Wachau - Statue vor Schloss Hof

Statue vor Schloss Hof

Zum Schloss in Hof gehört auch ein barocker Gutshof. Auf dessen Weiden sind Haustier-Rassen zu bewundern, die vor 300 Jahren in Österreich allgemein verbreitet waren. Ein Star unter diesen Schloss-Bewohnern ist das ungarische Steppenrind mit seinen weit ausladenden Hörnern.

Österreich - Wachau - ungarisches Steppenrind

Aber die eigentliche Attraktion für Naturfreunde ist in dieser Region, die von den Römern „Carnuntum“ genannt wurde, die unberührte Auen-Landschaft. Eigentlich sollte die Donau, die sich hier seit Urzeiten genüsslich weit ausdehnt, in den 1980er Jahren für ein Wasser-Kraftwerk reguliert und in ein viel zu enges Bett gezwängt werden. Zusammen mit Naturschützern aus aller Welt hatten die Fluss-Anrainer diesen Frevel verhindert. Sogar der Queen-Gemahl Prinz Philip ermutigte diese Protest-Bewegung und machte sich unbeliebt bei fortschrittsgläubigen Österreichern – oder was man damals noch so für Fortschritt hielt.

Heute sind die Donau-Auen wieder für Pflanzen und Tiere ein Reservat, wo sich der breit fließende Strom - und an seinen Ufern auch der Wanderer - ungestört auf sich selbst besinnen kann. Aber welche Verluste hätte die Menschheit erlitten, wenn die Donau östlich von Wien zum geschmeidig fließenden Kanal degradiert worden wäre? - Das Nationalpark-Zentrum Schloss Orth an der Donau führt es dem Besucher vor Augen: Ohne den Widerstand einer gesamten Region hätte zum Beispiel die Sumpfschildkröte östlich von Wien keine Überlebenschance mehr gehabt.

Österreich - Wachau - Sumpfschildkröten im Nationalpark-Zentrum Schloss Orth

Sumpfschildkröten im Nationalpark-Zentrum Schloss Orth

Annemarie Täubling ist Historikerin und leitet im Schloss Orth an der Donau das Heimatmuseum. Mit ihrem heutigen Abstand zu dieser Beinahe-Katastrophe kann sie den Irrtümern der damaligen Politiker auch gute Seiten abgewinnen: „Bis in die achtziger Jahre hinein glaubten sogar viele Österreicher, dass die Donau hinter Wien aufhört zu fließen.“

Kulinarische Genießer kannten diese Region allerdings immer schon als die Kornkammer Österreichs und schätzten sie vor allem als die Heimat des Marchfelder Spargels. Der Spargel aus dem Marchfeld ist besonders zart und entfaltet ein – von Bitterstoffen weitgehend ungetrübtes – volles typisches Aroma. Außerdem haben junge Winzer sich hier im Marchfeld wieder auf das Erbe der alten Römer besonnen und entwickeln mit anspruchsvollen Gewächsen dieses fruchtbare Land zur aufstrebenden Weinbau-Region Carnuntum.

Auch der Süßwasser-Fisch erlebt – vor allem dank der zunehmenden Wasser-Qualität – seine gastronomische Renaissance entlang der Donau. Immer mehr niederösterreichische Köche setzen vergessene Speisefische-Namen wie Huchen und Stör auf ihre Speisekarten. Und weil der Appetit nicht nur beim Essen, sondern vor allem auch beim Selberkochen kommt, verraten diese Appetit-Macher in Küchen-Workshops gerne ihre Geheimnisse.

Österreich - Wachau - Barocke Parkanlage in Schloss Hof

Barocke Parkanlage in Schloss Hof

 

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