Im Reich der Eisbären

Sommerwandern auf Spitzbergen

Text und Fotos: Valeska Seifert

Es ist 17 Uhr, und wir starten. Zu spät? Nein, denn im Sommer auf Spitzbergen spielt Zeit keine Rolle. Dunkelheit existiert nicht. Die Sonne wird auch nachts auf unser Zelt knallen. Nur langsam kommen wir im Adventdalen vorwärts, da unsere Rucksäcke sehr schwer sind. Vollgestopft mit Ausrüstung für drei Wochen: neun Kilo Nudeln, vier Kilo Müsli, drei Kilo Schokolade, drei Liter Benzin, Kocher usw. Unterwegs gibt es keine Lebensmittelgeschäfte und keine Schutzhütten. Wildnis pur. Im „Reich der Eisbären“ ist auch ein Gewehr mit im Gepäck.

Norwegen Spitzbergen Eisbär

Wir lassen alle Häuser des Ortes Longyearbyen, vereinzelte Wochenendhütten und ehemalige Kohlegruben hinter uns. Kein Baum, kein Strauch, nur saftig grüne Moospolster, Polarweiden und Gräser so weit das Auge reicht. Das breite Tal wird von Plateaubergen mit steilen Flanken gesäumt. Wanderwege gibt es nicht. Auch keine Trampelpfade.

Norwegen Spitzbergen Wanderer

Ohne Pfad über Stock und Stein

Schritt für Schritt sucht man sich seinen eigenen Weg. Plitsch-Platsch wandern wir dahin. Durch die Schneeschmelze ist das ganze Tal ein einziger Sumpf. Plötzlich sinkt Philipp im Gatsch ein. Schadenfreude stiftet zum Lachen an, bis ich selber feststecke. Vor lauter Gekicher habe ich kaum noch Kraft, mich aus dem Schlamassel herauszuziehen.

Norwegen Spitzbergen Wanderpause

Wanderpause

Abendessen vor dem Zelt in der Sonne, eingepackt in Pullover und Windjacke. Pfeifenduft mischt sich unter die klare kühle Polarluft. In ein paar Armlängen Entfernung läuft ein Eisfuchs, der sein grau-braunes Sommerkleid trägt. Ein kleiner weißer Fleck auf seinem Rücken erinnert jedoch an den Winter. Am nächsten Morgen – ich mache mich auf den Weg, um die Töpfe am nahen Bach auszuwaschen – ein lauter Knall! Schlaftrunken bin ich in den Eisbären-Zaun gelaufen. Dieser besteht aus Signalkrachern auf Holzstecken, verbunden mit einem dünnen Draht. Von nun an werden wir des öfteren mitten in der Nacht durch einen eben solchen Knall aufgeweckt. Mit Herzklopfen aus dem Zelt springen, Gewehr laden, und... da steht ein treuherziger tollpatschiger Zaungast namens Rentier.

Der Frost als Künstler

Adventelva: der Fluss breitet sich mit vielen glitzernden Armen über den ganzen Talboden aus. Wir ziehen unsere Neoprenschuhe an – ein bisschen Luxus muss sein – und beginnen mit der Querung. Ein Flusslauf nach dem anderen. Der tiefste Arm liegt auf der anderen Talseite. Einige Stellen sind mehr als knietief, da die Strömung aber nicht stark ist, gelingt das Furten problemlos. Meine Zehen sind mittlerweile eiskalt und ich freue mich, zurück in meine Socken und Wanderschuhe schlüpfen zu können.

Norwegen Spitzbergen Furt

Höchste Konzentration erforderlich: beim Durchqueren von Flüssen

Die Hänge des Sassendalen bestehen aus hartem, steinigem Boden. Ab und zu sieht es so aus, als ob jemand den Hang abwärts umgepflügt hätte. Nach Größen sortiert liegen Steine in langen Reihen. Frost heißt der Künstler. Dunkle tief hängende Regenwolken verkürzen unsere Tagesetappe, wir verkriechen uns ins Zelt. Eissturmvögel ziehen ihre Kreise, nachts rüttelt der Wind an den Stoffplanen.

Norwegen Spitzbergen Schneefelder

Überreste des Winters

Stapfen über Schneefelder. Nur nicht ausrutschen! Vor uns versperrt die mächtige Moräne des Elfenbeingletschers das ganze Tal. Wir gehen auf sie zu, bestimmt zwei Stunden. Weißer arktischer Löwenzahn - so ein Glück, diese seltene Pflanze zu entdecken! Ein Stück weiter: Blick auf die Ostküste, blauschimmerndes Meer in der Ferne. Jedoch kein Hinkommen, denn ein reißender mannstiefer Gletscherfluss zwingt uns zur Umkehr. Ohne Eile, erst wird in einem der Moränenseen gebadet. Brrr – herrlich erfrischend. Faszinierende Stille. Hie und da ein Vogelgepiepse. Sonst nichts. Nebel verschluckt unser Lager und die Eisbärenspuren im Schlamm. Mystisch gespenstische Stimmung.

Neugierige Rentiere

Im Vendomdalen kommt es mir ein bisschen vor wie auf der Alm bei uns. Gelber Hahnenfuß, weißer Silberwurz, roter Steinbrech und rosa Leimkraut zieren die hellgrün bemoosten Hänge. Nur: statt Kühen laufen hier Rentiere herum. In Gedanken knabbere ich auf einem Alpen-Säuerling, der die Miniaturausgabe unseres Sauerampfers ist. Am Talende des Adventflusses stoßen wir auf wilde Moränenlandschaft. Große Felsblöcke in allen Farben: ocker, lila, braun, grau, gelb. Mehrere Furten sind zu bewältigen. Einer der Bäche ist heimtückisch: trübe Gletschermilch verbirgt den Untergrund aus Eis. Gefährliches Schwanken, geschafft!

Norwegen Spitzbergen Eisberge

Auch während der Sommermonate: Eisberge

Das „Reindalen“ macht seinem Namen alle Ehre: zwölf neugierige Rentiere umkreisen uns und grunzen dabei! Keine einzige Wolke am Himmel, wieder ein strahlender Sonnentag! Mein Gesicht ist völlig verbrannt, über den größten Brandblasen auf Nase, Wangen und Ohren kleben Pflaster. Umso mehr verspüre ich Mitleid mit den schmelzenden Gletschern in dieser Gegend. Offensichtlich verhungernd, klein und mit flachen dünnen Zungen bedecken sie nur Bruchteile der auf der Karte eingezeichneten Gletschergebiete. Meinem Sinnieren über den Klimawandel wird ein jähes Ende gesetzt, denn Gelsen plagen uns beim Furten des Tverrdalenflusses. Die ersten Stiche. Fluchend stakse ich durch hüfthohes Wasser.

Norwegen Spitzbergen Meeresstimmung

Meeresstimmung

Nächstes Highlight: der Istjörna, ein von Schuttfeldern gesäumter See mitten in den Bergen. Mehr als zwei Drittel der Oberfläche sind mit Eis bedeckt. Ein wunderschöner Gegensatz, grelles weißes Eis und dunkles Wasser - und wir mittendrin. Fröhliches Kneippen folgt. Das Hollendardalen führt uns direkt zum Meer. Unzählige schwimmende Eisschollen in verschiedensten Farben. Auf einem winzigen Eisberg thront sehr fotogen eine Gryllteiste. Der kleine Vogel lässt sich genussvoll die Sonne auf seinen schwarzen Körper, die weißen Flügel, und die knallroten Füßchen scheinen.

Die Geisterstadt erwacht

Nach dem Queren eines großen Sumpfgebietes stoßen wir auf Colesbukta, eine verlassene Russensiedlung: alte verrostete Fässer, eingefallene Häuser, Beton mit verbogenen Eisenstützteilen, unglaublich! Reste der Bergbauära. Angeblich gibt es Pläne den Müll wegzuschaffen. Hoffentlich! Plötzlich erwacht die Geisterstadt zum Leben. Aggressive Küstenseeschwalben attackieren uns mit Sturzflügen. Nichts wie weg.

Norwegen Spitzbergen Eismeer

Bizarr geformte Eisschollen

Einer alten Bahnlinie entlang, deren Schienen von der Kälte zu Schlangenlinien verzogen sind. Wir beziehen Zeltplatz „Adlerhorst“, das einzige ebene Fleckchen weit und breit – oben am Hang. Wir schlafen tief trotz ungemütlich steinigem Boden, bis uns am Morgen das Gackern eines Schneehuhns aufweckt. Vorbei an Grumantbyen, einer weiteren verfallenen Bergbausiedlung, führt uns eine unserer letzten Etappen in das Bjørndalen (Bärental). Ein üppiges Tal mit vielen Blumen. Svalbard-Mohn, Fadensteinbrech, Wollgras. Wir stoßen auf ein paar Tagesausflügler mit leichtem Gepäck. Vorbei mit der Einsamkeit. Morgen werden wir auf eine Straße treffen und zurück in der Zivilisation sein.

Norwegen Spitzbergen weite Landschaft

Nichts als Landschaft

Erinnerungen: 36 mal Furten – 36 mal kalte Füße, unzählige arktische Gelsenstiche, schmerzende Rücken. Noch was? Unendliche Stille, maßlos Zeit, Schönheit der kargen Landschaft, Glücksmomente.

Norwegen Spitzbergen Rast

Reiseinformationen zu Spitzbergen

Auskunft

Svalbard Tourism, www.visitsvalbard.com, T: 0047 7902 5550

Übersichtskarte Nordenskiöld Land 1:200.000, Norwegisches Polarinstitut, www.npolar.no

Reiseveranstalter

Basecamp Spitzbergen, Angebot: Wanderungen und Tagesausflüge per Schiff im Sommer, Hundeschlitten-, Schneemobil-, Skitouren im Winter. T: 0047 7902 4600, www.basecampexplorer.com

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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