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Südmarokko: Wenn die Berber Hochzeit halten

Text und Fotos: Ulla Ackermann

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Es ist einer jener Tage, an denen man beim Aufwachen den Herbst riecht. Das Zelt ist naß von Tau, so wie das Gras und die Wacholderbüsche nahebei, die mit wildem Salbei um die Wette duften. Dahinein mischt sich der Geruch von Holzfeuern. Ihr Rauch steigt aus den Winkeln und Spalten der Hochtäler des Hohen Atlas wie weiße Säulen in den fahlblauen Morgenhimmel über Südmarokko.

Wo gestern abend noch der Schein von Paraffinlampen mir den Weg über einen schmalen Pfad gewiesen hatte, erkenne ich eine Ansiedlung von zehn geduckten Lehmhäusern. In den Vorhöfen sitzen Frauen an den Feuern und backen Fladenbrot auf heißen Steinen, während den Kannen mitten in der Glut schon der Duft von Minttee entströmt. Ziegen bahnen sich fressend ihren Weg durch das Gestrüpp von Thujen und am Ziehbrunnen des Dorfes sind die Mädchen zum Wasserholen versammelt.

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Ein Mann schwingt sich auf einen Esel, reitet herüber und gibt mir durch resolute Gesten zu verstehen, daß ich zum Frühstück eingeladen bin. Dann verschwindet er in den Gassen zwischen den Häusern und ich finde mich – denn Frauen gehören in den Frauenbereich – von der Weiblichkeit des Dorfes umringt auf den Matten um die Feuerstelle wieder. Natürlich sind sie neugierig, denn so häufig kommt hier, zwei Tageswanderungen von Marrakesch entfernt und auf dem Weg zum 4167 Meter hohen Djebel Toubkal kein Wanderer vorbei. Also schwatzen wir zum Tee, Brot und Ziegenkäse in Öl und obwohl keine die Sprache der Anderen spricht, verstehen wir uns blendend. Sie erzählen, daß sie morgen nach Bou Thrarar aufbrechen werden, zu einer Hochzeit, denn vier Mädchen des Dorfes müssen noch schnell verheiratet werden, bevor Schnee die Gebirgspfade im Hohen Atlas unpassierbar machen wird. Eigentlich war die Verheiratung von Hadidja, Bahra, Fatma und Mhona traditionsgemäß auf dem Heiratsmarkt von Imilchil geplant, doch hatten Verwandte erzählt, daß dies alljährlich im September stattfindende Ereignis mittlerweile zu einem Touristenspektakel verkommen ist. Außerdem ist Imilchil noch einmal so weit wie der in den nächsten drei Tagen anzustrebende Ort – und ich bin eingeladen mitzukommen, ohne Frage.

Wir brechen mit der ersten Dämmerung auf. Während der Nacht waren die Kamele mit allem Nötigen beladen, die Pferde der Männer gesattelt worden und jetzt erfahre ich, wie zügig Berber - eigentlich Beraber - ohne Auto und quer über die Pässe des Hohen Atlas vorankommen.

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Als die Sonne aufgeht und die wandernden Schatten der Zweitausender die Farbenpracht der Felsen enthüllen, ist das Dorf schon nicht mehr zu sehen. Wir wandern in tiefen Schluchten, umgeben von den Abbrüchen des Bergmassivs, das stellenweise ockerfarben leuchtet, oder dunkelrot vom Kupferspan und grün, wo die Steine eisenhaltig sind.

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Krüppelkiefern wachsen vereinzelt und Kriechsukkulenten bedecken die Felsen entlang schmaler Bäche, die wie Überläufe unterirdischer Reservoirs aus dem Berg sprudeln.

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Die gut 150 Kilometer nach Bou Thararar schaffen wir in zweieinhalb Tagen, gehen acht Mal bergab und wieder hinauf, ruhen während der noch immer heißen Mittagszeit im Schatten vereinzelter Buchen und Zedern, die immer zahlreicher werden, je näher wir unserem Ziel auf der Südseite des Atlas kommen und schlafen nachts zwischen den Kamelen, der Wärme wegen. Trotz des Tempos, mit dem wir vorankommen, entsteht nicht eine Minute lang Hektik.

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Wir wandern in Gruppen neben den Kamelen her, "reden" gestenreich miteinander und ich erfahre alles über marokkanische Kindererziehung, Schönheitsgeheimnisse, Schminktechniken, Schmuck, Kleider und Tricks, wie man den angetrauten Mann wieder los wird, wenn das Generve überhand nimmt. Dazu muß man ihm nur lange genug nichts zum Essen vorsetzen und auch zur Verrichtung der ehelichen Pflichten sich ständig zu unwohl fühlen – bis der Gatte beim Alkalden die Scheidung einreicht, und das war´s dann. Den vier zu verheiratenden Jungfrauen sind diese Gepflogenheiten nicht unbekannt und doch werden sie immer stiller, je näher wir dem Wohnort ihrer Zukünftigen kommen. Sie haben schon am gestrigen Abend begonnen, sich auffallend zu schminken, mit roten Wangen und starkumrandeten Augen. Rätselhafte Zeichen gegen den bösen Blick verzieren Kinne und Stirne und die Hände sind mit Henna bemalt.

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Dann kommt Bou Thrarar in Sicht. Auf den Feldern vor dem Ort, der als Kasbah mit aneindergereihten, zwei- bis dreistöckigen Lehmhäusern wie eine Burg gebaut ist, sind die Männer bei der Getreideernte. Hier wird das Korn noch mit Sensen geschnitten und anschließend durch Eselskraft mit Dreschflegeln bearbeitet.

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Die Halme werden in Silos verstaut und während Frauen die Getreidekörner in Sieben hochwerfen, damit der Wind den Spreu vom Korn trennt, fegen Kinder das herunterfallende Getreide unermüdlich zusammen. Unsere Gesellschaft kampiert in einem Eichenhain in Sichtweite der Dorfbewohner. Diese grüßen laut rufend, heißen uns mit Gesten willkommen, arbeiten jedoch weiter, bis die Sonne hinter einem Berg im Westen verschwindet, schließlich sind wir zu früh eingetroffen. Allmählich legt sich der Staub über der Szenerie und eine Prozession erscheint am Haupteingang der Kasbah, um uns ins Dorf zu geleiten. Natürlich haben alle die Zeit genutzt, sich herauszuputzen. Die Wollumhänge der Frauen und Mädchen sind schwarz – weiß gestreift und mit Quasten, Geldstücken und Silberschmuck verziert.

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Die Männer tragen weiße Djellabahs und ihre Schwerter sind an breiten, silberbeschlagenen Gürteln an den Taillen befestigt. Noch am Abend wird die Trauung der vier Paare vollzogen, in einem nüchternen Akt, der die Hochzeit per Vertrag besiegelt. Erst als die Frischvermählten Hand in Hand zum Grab des Dorfheiligen, dem Marabout treten, um seinen Segen zu erbitten, beginnt die Hochzeitsgesellschaft ein rythmisches Händeklatschen, das sich mit eindringlichem Gesang und hochstimmigem Trillern zum Haidours, dem Schreittanz der Berber steigert. Berge kulinarischer Köstlichkeiten werden aufgetragen: Gemüse- und Hammeleintopf (Tajine), mit Wachteln gefüllte Blätterteigpasteten, frische Pilze, eingelegte Tomaten, Zwiebeln und Pfefferschoten, Brote, Tee und Limonaden. Und das Schlemmen und Tanzen, Reden und Flirten dauert die ganze Nacht. Da scheinen sich neue Hochzeiten anzubahnen, während diese noch zwei weitere Tage lang gefeiert wird.

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Als wir aufbrechen, trennen sich unsere Wege und während die jungverheirateten Ehefrauen ihren Familien nachwinken, die bald in den Bergen verschwunden sind, mache ich mich auf den Weg, der Hauptstraße Richtung Marrakesch entlang. Hin und wieder hält ein Eselskarren und manchmal fahre ich mit. Als am Horizont, in der großartigen Kulisse des Hohen Atlas sich der Djebel Toubkal erhebt, ist der Berg daran zu erkennen, daß Schnee seinen Gipfel bis in die Täler hinunter bedeckt. Also wird es von nun an mindestens sechs Monate dauern, bis die Berber wieder Hochzeit halten können.

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