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Lettland im Überblick

Ungeachtet aller Unterschiede in Abkunft und Sprache, Religion und Lebensstil, verbindet Letten, Litauer und Esten bis in jüngste Zeit das gemeinsame Schicksal, begehrtes Objekt ihrer übermächtigen Nachbarn gewesen zu sein - der Deutschen und Polen, Schweden und Russen. Waren es im Mittelalter noch Missionierungseifer und lukrative Handelswege, bestimmten später militärstrategische und machtpolitische Gesichtspunkte das Kalkül der fremden Machthaber in der baltischen Region. Jedes dieser kirchlichen oder weltlichen Regime suchte seinem Einflussbereich den eigenen Stempel aufzudrücken - nicht nur zum Nachteil der einheimischen Bevölkerung.

Rathausplatz in Riga mit Rolandfigur und Schwarzhäupterhaus

Rathausplatz in Riga
mit Rolandfigur und Schwarzhäupterhaus

Daran erinnerte der deutsche Bundespräsident, als er nach Lettland reiste, in das "Herzland des Baltikums", wie die Letten selbstbewusst ihre Heimat besingen, um gemeinsam mit anderen Staatsoberhäuptern den 800. Geburtstag (2001) von Riga zu feiern: "Sie ist eine stolze und schöne Stadt mit großer europäischer Tradition und deutschen Akzenten". Der Bremer Domherr und Bischof von Livland, Albert von Buxhoeveden, bewies ein gutes Gespür, als er 1201 Riga als seinen Amtssitz und als Stützpunkt deutscher Kaufleute gründete. Als Brückenkopf zwischen Ost und West, seit 1282 Mitglied der Hanse, ab 1582 polnisch, dann schwedisch, später für mehr als 200 Jahre russisch, schließlich Hauptstadt der jungen lettischen Republik (1918), überlagerten sich in Riga west- und osteuropäische Kulturen, Religionen, Baustile und Lebensarten. Dass die Stadt trotz ihrer Multinationalität (1867: 43 % Deutsche, 25 % Russen, nur 23 % Letten) im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zum Zentrum lettisch-nationaler Manifestationen wurde, zeugt von einem unbeugsamen Streben nach Unabhängigkeit.

Für viele ihrer Besucher ist die Metropole an der Mündung der Daugava (Düna) die "heimliche Hauptstadt des Baltikums". Ihre als Weltkulturerbe eingestufte Innenstadt voller ehrwürdiger Häuser aus der Hansezeit, bedeutender Sakralbauten und herrlicher Jugendstilfronten und die selbst noch in den städtischen Außenbezirken anzutreffenden wohlerhaltenen großbürgerlichen Wohn- und Geschäftsquartiere machen die wechselvolle Geschichte dieser Stadt transparent. Spuren deutscher Vergangenheit, einer 700 Jahre währenden Dominanz des deutsch-baltischen Stadtbürgertums, prägen unübersehbar das äußere Gesicht . Die vitale Stadt mit ihrem fast südländischen Flair lockt mit eleganten Parks, coolen Cafés, Konzerten, Restaurants und einem wohl einzigartigen Architekturensemble aus Bauten der Backsteingotik, der Ordensritterzeit, der schwedischen und russischen Herrschaft, des schwelgerischen Jugendstils bis hin zur 1935 errichteten Freiheitsstatue "Milda", für die Rigaer ihr symbolischer Stadtmittelpunkt.

Dank bester Verkehrsanbindungen ist es nur ein Katzensprung nach Jurmala, wo die Hauptstädter kuren und baden. Sandstrände, die über 30 km das flache Ostseewasser säumen und duftende Kiefernwälder im Hinterland, dazu ein reizvolles Ortsbild aus schönen, alten verandabestückten Holzvillen, die sich mit moderner Kurortarchitektur abwechseln und nicht zuletzt die rege Kulturszene, versprechen anregende Tage an der Küste um Jurmala.

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Jugendstil in Riga

Jugendstil in Riga

Entlang der von Strandseen und Dünengürteln begleiteten, sich nun nach Nordwesten ausstreckenden Sandküste der Rigaer Bucht, reihen sich malerische Fischerdörfer mit traditionellen Netzhütten und Räucherhäusern aneinander. Landeinwärts, am Rande der Kurländischen Höhen, liegt die idyllische Kleinstadt Talsi. Auch Sabile mit dem nördlichsten Weinberg der Welt und Kandava sind kleine, reizvolle Landstädte, eingebettet in die dichten Wälder Kurlands, durchzogen vom Tal des Abava-Flusses. Die faszinierende Hügel- und Waldlandschaft im Bereich des Abava-Tales - auch gerne als "Kurländische Schweiz" bezeichnet - ist wegen ihrer zahllosen archäologischen Stätten und ihrer Natur- und Architekturdenkmäler in Teilen unter Schutz gestellt worden.

Im Zentrum des Kurlandes, das einst den Ruf des friedlichen "Gottesländchens" erwarb, weil es weniger unter politischer Unrast zu leiden hatte als andere lettische Regionen, liegt die mittelalterliche deutsche Ordensgründung Kuldiga (Goldingen). Sie gilt als eine der schönsten Städte Lettlands, denn nirgendwo sonst sind die traditionellen Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert so geschlossen erhalten geblieben wie hier. Auch Ventspils (Windau) an der Mündung der Venta ist eine Gründung des Deutschen Ordens. Von Wäldern wie dem Nationalpark Slitere umgeben, bewahrt die heutige Hafenstadt noch die Reste einer Ordensburg und sie kann mit einem herrlichen, weitläufigen Sandstrand aufwarten. Liepaja (Libau), nahe der litauischen Grenze, ist nicht nur ein regionales wirtschaftliches Zentrum und Hafenstadt. Jenseits der Stadtgrenzen überrascht es mit phantastischen Stränden und Dünenlandschaften, die Urlauber ebenso anziehen wie die umsichtig restaurierte Altstadt mit Glanzpunkten wie der evangelischen Dreifaltigkeitskirche mit einer der größten Orgeln der Welt oder der prunkvollen orthodoxen Nikolaus-Kathedrale.

Straßenmusiker in Riga

Musiker in Riga

In der angrenzenden Provinz Zemgale liegt mit Schloss Rundale der wohl prächtigste Barockbau des Baltikums. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts von dem italienischen Architekten B. F. Rastrelli erbaut (auch der Winterpalast in St. Petersburg ist sein Werk), dienten Prachtbau und dazugehöriger Schlossgarten als herzogliche Residenz. Heute kann jedermann in den authentisch ausgestatteten Zimmerfluchten des Schlosses einen Hauch einstiger Prachtentfaltung nacherleben. Hin und wieder freilich ist der Zutritt versperrt, wenn hochrangige Staatsgäste an diesem historischen Ort einquartiert werden.

Unsere Reise durch die lettischen Provinzen erreicht nun das Land der Blauen Seen, wie das katholische Latgale (Lettgallen) im Osten des Landes genannt wird. Ein wahres Paradies für Naturfreunde. Hunderte von Seen, darunter einige der größten Lettlands, verteilen sich auf das weite, waldreiche Lettgallische Hügelland. Und an seinem Südrand hat sich Lettlands Hauptstrom, die Düna, in einer kilometerlangen Urstromtalung tief in den felsigen Untergrund eingesägt. Altes Handwerk ist hier noch lebendig und in den bunten Holzhäusern winziger Dörfer scheint die Zeit stillzustehen.

Am Strand von Jurmala

Am Strand von Jurmala

Viel unberührte Natur wird auch in der nördlichen Provinz Vidzeme zu einem unvergesslichen Erlebnis. Sei es an der Ostseeküste, wo es das Naturphänomen "Steinküste" - unzählige große bis riesige eiszeitliche Steine am Strand und in der See - zu bestaunen gibt oder landeinwärts das Ensemble malerischer Orte, mittelalterlicher Ordensburgen, endloser Birken- und Nadelwälder und Flusstallandschaften, die sich zum 900 km² großen Gauja-Nationalpark vereinen. Inmitten dieses Schutzgebietes liegen die beiden Städte Sigulda und Cesis (die ehemalige Hansestadt Wenden) mit vielen einzigartigen Relikten ihrer wechselvollen Geschichte. Beide Orte sind ein "Muß" bei der Erkundung dieses früher livländischen Landesteils.

Text: Eckart Fiene
Fotos: Helmuth Weiss

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